krimis in Europa
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Dr. Nikola

Michael Koltan

 

»Dr. No war wenigstens einen Kopf größer als Bond, aber seine aufrechte, unbewegliche Haltung ließ ihn noch größer erscheinen. Auch sein Kopf war länglich und die Haut von dunklem, fast durchsichtigem Gelb. Dr. No's Alter zu bestimmen, war unmöglich, soweit Bond feststellen konnte, hatte sein Gesicht keine Falten. Selbst die eingefallenen Wangen unterhalb der hervorstehenden Backenknochen waren glatt wie Elfenbein. Seine Augenbrauen waren dünn, schwarz und so stark nach oben geschwungen, dass sie wie aufgemalt wirkten. Darunter lagen schräge pechschwarze Augen. Sie hatten keine Wimpern und glichen den Mündungen kleiner Revolver. Die feingeschwungene Nase endete dicht über dem breiten, zusammengepreßten Mund, der trotz des fast ständigen Lächelns nur Grausamkeit und Machtwillen ausdrückten. Das Kinn war eingezogen.
Dr. No blieb drei Schritte vor ihnen stehen. "Verzeihen Sie bitte, wenn ich Ihnen nicht die Hand gebe." Die tiefe Stimme war ausdruckslos. "Aber ich kann nicht." Langsam schlug er die Ärmel seines Kimonos auseinander. "Ich habe keine Hände."
Die beiden Stahlzangen wurden hochgehalten wie die Hände einer Gottesanbeterin.«1

Als Ian Fleming 1958 seinen Helden James Bond gegen diesen Superschurken mit akademischem Titel antreten ließ, war die Zeit derartiger Verbrecher eigentlich schon abgelaufen. Die Verfilmung mit Joseph Wiseman als Dr. No schrammte dann auch schon hart an der Grenze zur Parodie vorbei - und Mike Myers versetzte in den Austin Powers-Filmen mit Dr. Evil dieser Gestalt endgültig den Todesstoß.

Zurückverfolgen läßt sich diese Figur jedoch bis in das viktorianische Zeitalter. Als Conan Doyle seinen von ihm ungeliebten Detektiv Sherlock Holmes endgültig aus dem Weg räumen wollte, schuf er ihm mit Professor Moriarty einen Widersacher, den Holmes nur um den Preis seines eigenen Lebens zur Strecke bringen konnte (dass Doyle dann später seinen Helden wieder auferstehen lassen musste, ist eine andere Geschichte). Doch als Figur bleibt Moriarty blass und gewinnt wenig Kontur.

Die eigentliche Zeit derartiger Superverbrecher, die nicht nur des schnöden Mammons wegen ihre Verbrechen begehen, sondern deren eigentliches Ziel die Zerstörung der gesellschaftlichen Ordnung ist, um auf deren Trümmern eine Diktatur zu errichten, war die Zeit um den Ersten Weltkrieg. Zwei Namen sind auch heute noch präsent: Dr. Fu-Manchu und Dr. Mabuse. Beide sind explizit als Personifikationen gesellschaftlicher Ängste konzipiert und sind durchaus repräsentativ für die gewaltige gesellschaftliche Umbruchsperiode, in der Europa sich in zwei Weltkriege stürzte.

Doch diese Figuren haben außer Professor Moriarty noch einen anderen Vorläufer. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts trieb ein anderer Doktor sein Unwesen, der zu seiner Zeit recht populär war, heute aber beinahe vollkommen vergessen ist: Dr. Nikola.

Sein erster Auftritt in A Bid for Fortune or Dr. Nikola's Vendetta (1895), beginnt ausgesprochen geheimnisvoll: Ein Dr. Nikola bestellt drei Monate im voraus von Brasilien aus ein Separée in einem Londoner Restaurant. Eingeladen sind drei mehr oder minder zwielichtige Gestalten, die zwar schon für Dr. Nikola unbestimmte, aber zweifellos nicht ganz koschere Aufträge ausgeführt, ihn aber noch nie zu Gesicht bekommen haben. Pünktlich erscheint Dr. Nikola und eröffnet ihnen nach dem Essen, dass er einen Rachefeldzug gegen einen Mann namens Wetherell plane, der ihm "großen und andauernden Schaden" zugefügt habe - über den er sich nicht weiter auslässt.

Während er ihnen Instruktionen übergibt, sitzt eine große schwarze Katze auf seiner Schulter - typisches Charakteristikum eines Superschurken. Alle Superschurken, die nach Dr. Nikola etwas auf sich halten, tragen ein solches Tier mit sich herum: Fu Manchu hat sein Äffchen, Blofeld eine weiße Katze und Dr. Evil schließlich Mr. Bigglesworth, ebenfalls eine Katze, der allerdings leider alle Haare ausgefallen sind.

Und dann werden die drei Unterschurken mit komplizierten Instruktionen losgeschickt, was auf ein weiteres Charakteristikum der späteren Superschurken hinweist: Ihre Pläne sind viel zu kompliziert, als dass sie wirklich Aussicht auf Erfolg haben könnten. Angesichts dieses Prologs ist es verzeihlich, dass Lawrence Knapp auf seiner ausgezeichneten Fu Manchu Website Dr. Nikola als direkten Vorläufer von Dr. Fu Manchu ansieht.

Doch eine genauere Lektüre der fünf Dr. Nikola-Roman zeigt recht schnell, dass es so einfach nicht ist. Am ehesten passt noch der erste Roman in das Bild des Superschurken. Der eigentliche Roman wird erzählt von einem gewissen Richard Hattaras, einem Abenteurer, der sich in die Tochter des oben bereits erwähnten Wetherell verliebt, also des Mannes, gegen den sich Dr. Nikolas Rachefeldzug richtet. Der Plot ist recht konfus und springt munter auf der Landkarte herum: Von Australien über London nach Port Said und wieder zurück nach Australien und in die Südsee. Am nachdrücklichsten bleibt einem wahrscheinlich Dr. Nikolas geheimes Labor in Port Said im Gedächtnis, wo Hattaras eine Zeitlang festgehalten wird (übrigens diente sein Ausbruchsversuch ganz offensichtlich als Inspirationsquelle für Jacques Futrelles legendäre Kurzgeschichte The Problem of Cell 13. Ansonsten handelt es sich um eine Abenteuergeschichte, bei der man nicht allzusehr nach Logik fragen darf. A Bid for Fortune ist, wie die meisten Geschichten von Boothby ein Fortsetzungsroman, wobei er sich wohl ohne großen Plan von Folge zu Folge durchhangelte. Tatsächlich verwandelt sich der Rachefeldzug Dr. Nikolas unter der Hand in etwas ganz anderes: Er ist offensichtlich hinter einem kleinen, vielleicht zehn Zentimeter großen Hölzchen her, das mit chinesischen Schriftzeichen und einer Goldkordel geschmückt ist und das er am Ende tatsächlich auch erhält. Danach zeigt er sich recht versöhnlich und beehrt Hattaras und seine Gemahlin mit einem großzügigen Hochzeitsgeschenk.

Bevor wir uns den weiteren Metamorphosen des Dr. Nikola zuwenden, sind ein paar Informationen zum Autor angemessen. Guy Boothby wurde 1867 in Glen Osmond, Südaustralien geboren. Im Alter von 8 Jahren ging er mit seiner Mutter und seinen Geschwistern nach England, um dann mit 16 wieder nach Australien zu seinem Vater zurückzukehren. Er arbeitete zunächst im öffentlichen Dienst und versuchte sich nebenher mehr oder minder erfolglos als Theaterautor und Schauspieler. Ab 1891 führte er einige Jahre ein unstetes Leben, unter anderem als Matrose und als Perlentaucher. Die Biographie, die Boothby später vielen seiner Helden andichtete, ist offensichtlich von diesen Wanderjahren beeinflusst.

1894 läßt er sich in England nieder und publiziert zunächst einen autobiographischen Bericht über die Erlebnisse der letzten Jahre und dann seinen ersten Roman, In Strange Company. In den nächsten zehn Jahren ist Boothby außerordentlich produktiv - es entstehen fließbandmäßig rund 50 Romane, darunter die fünf Romane des Dr. Nikola-Zyklus. Die Kritik zerreißt zwar seine Bücher, doch Boothby selbst ist zufrieden: "Ich gebe dem Lesepublikum, was es will... Dafür geben mir meine Leser, was ich will."2 Sein jährliches Einkommen wird zuletzt auf 20.000 £ ges0chätzt. Doch diese erfolgreiche Karriere kommt 1905 zu einem jähen Ende: Boothby stirbt im Alter von 37 Jahren an Lungenentzündung.

Zurück zu Dr. Nikola: Im zweiten Band der Serie mit dem schlichten Titel Dr. Nikola (1896) (auch als Dr. Nikola Returns publiziert) wird zunächst noch einmal das dämonische Superschurkenimage des Doktors beschworen. Der Held - oder zumindest der Ich-Erzähler - des Romans, Wilfred Bruce, ist eine gescheiterte Existenz, der sich nach unstetem Wanderleben mittellos in Shanghai wiederfindet. Nikola macht ihm ein Angebot: Wenn er sich mit ihm auf ein Abenteuer einlässt, bei dem es nicht unwahrscheinlich ist, dass er sein Leben verliert, erhält er sofort 5000 £, und nach Abschluss, wenn er überleben sollte, noch einmal die gleiche Summe. Obwohl er von allen Seiten gewarnt wird, geht Bruce diesen mephistophelischen Pakt ein. Und nun folgt eine Abenteuergeschichte, die absolut nichts mehr mit dem Superschurkenimage des Dr. Nikola zu tun hat. Wir erfahren endlich, was das Ziel des Doktors ist: Es ist nämlich keineswegs die Weltherrschaft oder sonst ein hehres Superschurkenziel, sondern etwas weitaus Ungewöhnlicheres: Unsterblichkeit.

Schon im ersten Roman verfügte Dr. Nikola über okkulte Techniken, bei denen eine rationale Erklärung nur schwer zu bewerkstelligen gewesen wäre. Nun macht er sich mit Bruce zusammen auf den Weg in ein Tibetanisches Kloster, in dem eine mächtige asiatische Geheimgesellschaft das Geheimnis der Unsterblichkeit bewahrt. Als Chinesen verkleidet und mit dem im ersten Roman in seinen Besitz gebrachten chinesischen Hölzchens legitimiert, wollen sie den Mönchen das Geheimnis entreißen. Der Plan gelingt, aber nun ist die Geheimgesellschaft, zu der das Kloster gehört, Nikola und Bruce auf den Fersen. Nikola, der uns erst einmal als finsterer Schurke präsentiert wurde, mutiert hier zum eigentlichen Helden, der am Ende sogar Bruce das Leben rettet.

Der dritte Roman, The Lust of Hate (1898), passt eigentlich überhaupt nicht in die Entwicklung. Nikola taucht hier nur kurz am Anfang und am Ende des Buches auf. Eine Gestalt mit dem Namen Dr. Nikola bietet hier dem Helden, dem schreckliches Unrecht widerfahren ist, die Möglichkeit an, seinen schurkischen Widersacher umzubringen, ohne dass auf ihn einen Verdacht fällt. Doch der größte Teil des Romans ist wieder eine Abenteuergeschichte, die eine Reise (inklusive Schiffbruch) um den halben Globus einschließt, in der Dr. Nikola keinerlei Rolle spielt. Ich vermute, ohne dass ich das belegen könnte, dass dieser Roman nicht als Teil der Nikola-Reihe geschrieben wurde und der Name des Schurken, aufgrund des Erfolgs der ersten beiden Nikola-Romane, in Dr. Nikola geändert wurde. Wer diesen Roman ausläßt, wird jedenfalls nichts wesentliches in der Nikola-Saga verpassen.

Der vierte Roman, Dr. Nikola's Experiment (1899) setzt dann auch dort wieder an, wo der zweite aufgehört hatte. Wieder ist es eine gescheiterte Existenz, die uns die Geschichte erzählt, dieses Mal allerdings kein Abenteurer, sondern ein glückloser Arzt namens Douglas Ingleby. Nikola heuert Ingleby an, damit dieser ihm bei einem medizinischen Experiment hilft. Es geht darum, das in Tibet gestohlene Wissen umzusetzen. Versuchskaninchen ist der steinalte Don Miguel de Moreno (in Begleitung seiner entzückenden Urenkelin Consuelo), der durch eine komplizierte Kur wieder verjüngt werden soll. Dass das Ganze in einem alten, halb verfallenen und von jeder menschlichen Behausung weit abgelegenen Schloss an der Nordseeküste Northumberlands durchgeführt wird, ist der unangenehmen Tatsache geschuldet, dass die chinesische Geheimgesellschaft immer noch hinter Dr. Nikola her ist.

Wer wissen will, ob das Experiment gelingt und ob Ingleby und die schöne Consuelo die Angriffe der finsteren Chinesen überleben, muß den Roman selbst lesen.

Die bislang erwähnten vier Romane würden es aber nicht unbedingt rechtfertigen, Boothby und seinen Dr. Nikola dem Vergessen zu entreißen. Nicht, dass die Romane für jemanden, der Trash-Literatur liebt, nicht ihren Reiz hätten. Aber unter dem Strich haben wir es hier einfach mit viktorianischen Abenteuerromanen zu tun, deren mittelmäßige literarische Qualität ein erneutes Interesse an Boothby kaum rechtfertigen würden. Und auch die Kür Dr. Nikolas zum Ahnherren der Superschurken von Dr. Fu Manchu bis Dr. Evil (die ursprünglich mein Interesse an Dr. Nikola geweckt hatte), kann da auch nicht recht weiterhelfen.

Tatsächlich aber zeigt der fünfte und letzte Roman der Reihe, Farewell, Nikola von 1901, dass der frühe Tod Boothbys ein wirklich vielversprechendes Talent hinweggerafft hat. Wäre Boothby nicht so jung gestorben, dann könnte sein Name möglicherweise einer der ganz großen der populären Literatur sein ; denn Farewell, Nikola, ist schlichtweg brillant.

Boothby greift in seinem letzten Dr. Nikola-Roman nicht mehr auf die erprobte Formel zurück, einen Abenteurer / Verlierer mit Dr. Nikola zusammenzuspannen und in haarsträubende Abenteuer zu verwickeln. Stattdessen begegnen wir erneut Richard Hattaras, dem Helden des ersten Romans. Dieser ist, wie wir bereits durch A Bid for Fortune wissen, längst verheiratet und führt, als reicher Erbe (Hatte ich das vergessen zu erwähnen? Natürlich fiel ihm in guter viktorianischer Tradition am Ende des ersten Romans ein beträchtliches Erbe zu.) ein gesetztes Leben. Der erste Satz gibt dann sofort das eigentliche Thema vor: "Wir waren in Venedig; Venedig, der Stillen und Mysteriösen; der Stadt, der ich nie überdrüssig werde."

Hattaras, der mit Frau und einigen Freunden als Tourist in Venedig ist, begegnet erneut Dr. Nikola, und sie beginnen, gesellschaftlich miteinander zu verkehren, doch das Verhältnis bleibt recht seltsam, die Stimmung unbehaglich.

Tatsächlich schmiedet Dr. Nikola wieder einen Racheplan, allerdings nicht gegen Hattaras und seine Freunde, sondern gegen eine zwielichtige Gestalt, Don Jose de Martinos, der sich in den Kreis um Hattaras drängt. Dank dieses Racheplanes, bei dem es um ein Unrecht geht, das Nikolas Mutter und dem jungen Nikola zugefügt wurde, erfahren wir viel über die Vergangenheit von Dr. Nikola, warum er zu dieser seltsamen und enigmatischen Gestalt wurde. Und mehr noch als in den früheren Romanen spielen seine okkulten Fähigkeiten eine entscheidende Rolle: Träume, geheimnisvolle Krankheiten, seltsame Visionen schaffen eine dichte, unheimliche Atmosphäre, die Boothby geschickt durch gelegentliche witzige Passagen auflockert. Das ist keine Abenteuergeschichte vom Fließband mehr, sondern kleines Meisterwerk der Populärliteratur.

Von Nikolas Superschurken-Image aber bleibt in diesem letzten Roman nun endgültig nichts mehr übrig; trotzdem lohnt es sich, wegen dieses letzten Romans, die Bücher bei Gutenberg Australien (http://gutenberg.net.au) herunterzuladen und mit Farewell, Nikola ein Kleinod der fantastischen Literatur neu zu entdecken.

1 Ian Fleming, Dr. No, Hamburg 1977 (Xenos), S.105.
2 http://www.adb.online.anu.edu.au/biogs/A070352b.htm

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