Retrospektive
2006:
Eine Rezension der in Großbritannien
erschienenen Krimirezensionen
Bob Cornwell
Herausgeber von CADS (Crime and Detective Stories),
an irregular
magazine of comment and criticism about crime
and detective novels
(Kriminal-
und Detektivgeschichten - unregelmäßig erscheinendes
Magazin für
Kommentar und Kritik über Kriminal- und Detektivromane).
Übersetzung: Alexander
Ruoff und Kerstin Schoof
Dieses Jahr war es ausgesprochen schwierig,
eine komplette Übersicht über
die in Großbritannien veröffentlichte Kriminalliteratur zu
erstellen, da die Bibliotheken nicht mehr sämtliche Zeitungen und
Zeitungsbeilagen archivieren. Auch ein Besuch der relevanten Webseiten
ist keine Lösung, da die Kolumnen mancher Autoren, wie beispielsweise
die von Mark Timlin, der für den Independent schreibt,
nicht immer online abrufbar sind.
Nichtsdestotrotz: Ich kann berichten, dass
im Jahr 2006 etwa 550 Kriminalromane in Großbritannien erschienen
sind, von denen mindestens 350 in einer oder mehreren Rezensionen besprochen
wurden. Diese fast 64 Prozent sind bislang der Rekord. Ein Grund für
diesen Wandel ist möglicherweise
die Entscheidung der Times im Juli 2005, Krimis und Thriller
im wöchentlichen Wechsel in ihrer Wochenendbeilage Review vorzustellen:
ein Schritt, der offenbar auch zu einem Anstieg der Krimikritiken im Independent,
im Daily und im Sunday Telegraph geführt hat.
Der entscheidende Faktor, der für die Zunahme der Rezensionen verantwortlich
ist, liegt jedoch sicher in der personellen Veränderung bei der Literary
Review nach dem Tod von Philip Oakes. Jessica Mann übernahm
seine Stelle im März 2005 und gestaltete die Rezensionsseite um:
Sie setzte sich für eine höhere Zahl kürzerer Rezensionen
ein, die zudem mehr Themenfelder abdecken. 2007 kam es zu einer weiteren
Veränderung, als Maxim Jakubowski nach achtjähriger Tätigkeit
den Guardian verließ und die Autorin Laura Wilson seine
Nachfolge antrat, die in letzter Zeit in der Rubrik Taschenbuch mit ihrer
Arbeit glänzte.
Die wichtigsten Zeitungen, die im Jahr 2006 - und
hoffentlich auch 2007 - über
Krimis berichteten, sind - in nicht gewichteter Reihenfolge - die Literary
Review, The Times, The Independent, der Morning Star, The Sunday
Telegraph, The Times Literary Supplement, The Independent on
Sunday und The Birmingham Post. Die Spitzenposition nimmt
immer noch die samstags erscheinende Guardian Review ein, in
der die regelmäßig schreibenden Autoren (Maxim Jakubowski,
Matthew Lewin und Laura Wilson) auf kluge Weise mit »Starkritikern« wie
Michael Dibdin und Christine Falls ergänzt werden.
Die Bestseller des Jahres 2006 (nach Erfolg - bitte
beachten: ausschließlich
Neuerscheinungen) waren Martina Coles Close (Headline),
gefolgt von Thomas Harris' Hannibal Rising bei
Heinemann (Hannibal Rising ; Hoffmann & Campe), das einen
Monat lang die Verkaufslisten anführte. An dritter Stelle findet
sich James Pattersons Cross bei Headline, anschließend
Ian Rankin mit The Naming of the Dead bei Orion
(Im Namen der Toten, Manhattan) und Dick Francis mit Under
Orders bei Michael Joseph (Gambling ; Diogenes).
Die Zahl der Rezensionen war unterschiedlich, wobei Close und Cross kein
einziges Mal rezensiert wurden. Hannibal Rising war
dabei nicht nur eine der am häufigsten, sondern zweifellos auch am
schnellsten rezensierten Veröffentlichungen, vermutlich aufgrund
der sorgfältig orchestrierten Marketingstrategien des Verlages (Verteilung
von Rezensionsexemplaren mit neutralem braunem Umschlag, mitternächtliche
Auslieferung etc.).
Viel Beifall erhielt den Gerüchten zufolge
der letzte Band um den Ermittler Rebus. »Seine ambitionierteste
Erzählung seit Jahren. makellos«,
bemerkte Mike Ripley, »der beste Krimi, den Sie dieses Jahr lesen
werden«, schrieb Aileen Reid im Daily Telegraph . Erst
Francis Fyfield merkte an, dass Rankins Vorliebe für große
Themen (den Hintergrund des Buches bildet der G8-Gipfel in Edinburgh)
sich nicht selten im Widerspruch mit den Anforderungen des Kriminalromans
befindet, und dass aus diesem Grund »der emotionale Kern des Romans
schwer auszumachen ist«.
Zwei weitere Titel wurden vielfach rezensiert.
Der erste, One
Good Turn, erschienen bei Doubleday (Liebesdienste ;
Droemer/Knaur) von Kate Atkinson, einer »literarischen« Autorin,
die sich damit ins Krimigenre wagte, erhielt ein durchweg positives
Echo. Am euphorischsten zeigte sich Mat Coward im Morning Star,
der meine eigene Reaktion widerspiegelte, als ich endlich dazu
kam, die unsterblichen Case Histories zu lesen: »Eines
der befriedigendsten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe - witzig,
aufregend und emotional authentisch«, schrieb er. Justine Jordan
(The Guardian) fügte hinzu: »Das Vergnügen. liegt
in Atkinsons schrägen und unbesiegbaren Charakteren, ihrer gerissenen,
sarkastischen Sturzflugprosa und ihrem joie de vivre«. Dennoch
schloss Amanda Craig in ihrer gehaltvollen Rezension: »Im Gegensatz
zum düsteren, umwerfenden Vorgänger . ist es weder eine
gute literarische Erzählung noch eine zufrieden stellende Detektivgeschichte«.
Andererseits hatte Sarah Hughes im Observer keine Zweifel:
es sei, »was am seltensten ist«: eine Kombination aus
beidem.
Michael Cox' 600 Seiten starkes viktorianisches
Panorama The
Meaning of Night (In der Mitte der Nacht; Droemer/Knaur),
das einige Jahre brauchte, bis es fertig war, bezog dagegen Prügel
von der Kritik. »Mehr Wilkie Collins als Wilkie Collins selbst«,
war eine der Reaktionen. Dabei wurde es von Krimikritikern eher
gemieden, obwohl Roz Kaveney im Independent ihm eine gedankenvolle
Besprechung angedeihen ließ. »Herrlich bildungsbürgerlich«,
lautete das Resümee des Guardian -Artikels von Giles
Foden. Andere waren strenger: »Stur werden die Seiten aneinandergereiht«,
sagte Judith Flanders in der TLS, »eine Anhäufung überflüssiger
Einzelheiten«, ergänzte Tom Deveson in der Sunday Times.
Zurück zum Mainstream: hier gehörte
Denise Minas zweite Erzählung
um Paddy Meehan The Dead Hour, erschienen bei
Bantham, zu den Lieblingen der Kritiker: »Ein ungewöhnlicher
und ungewöhnlich
gut geschriebener Roman. ein spannender Thriller, kombiniert mit einem
eindrücklichen Porträt der Subkulturen Glasgows«, urteilte
Jessica Mann; »eine berührende und unvergessliche Heldin«,
fügte Susanna Yager hinzu. Das Buch wurde mittlerweile für einen Edgar in
der Kategorie Bester Roman nominiert. In der Zwischenzeit enthielten
Philip Oakes letzte Rezensionsveröffentlichungen ein hohes Lob auf
Laura Wilsons bei Orion erschienenes A Thousand Lies (In
Abrahams Schoß ; Goldmann) : »Trostlos, aber fesselnd. Auf
jeden Fall das Lesen wert«. Diese Vorgabe bestimmte den Ton und
abgesehen von einer abweichenden Stimme (Ruth Morse) in der TLS (»als
Spannungsliteratur schneidet es zu viele verschiedene Themen an«)
blieb die Zustimmung ungeteilt. Und so folgte ganz konsequent eine
Nominierung für den Golden Dagger.
Vikram Chandras Sacred Games bei
Faber (Der
Gott von Bombay ; Aufbau Verlag), eine Geschichte über Straßengangs
und Politik im modernen Mumbai wurde von Mike Ripley trotz seine
Länge
als »überwältigend. einer der besten Krimis in diesem
Jahr« beschrieben. In den sieben Jahren, die er zu seiner Fertigstellung
benötigte, hat er »meisterhafte Größe und Breite
und die Präzision und Zärtlichkeit einer Miniatur« erreicht,
bemerkte Jane Shilling im Daily Telegraph. Ähnliche Rezensionen
folgten in anderen Blättern.
Noch ein langes Buch, Sara Paretskys Fire
Sale,
Hodder & Stoughton (Feuereifer ; Goldmann), erhielt günstige
Kritiken. »Eine
Erzählung, so packend wie emotional verstörend« (Joan
Smith, Sunday Times); »eines ihrer besten« (Marcel
Berlins, The Times). Die Verkaufszahlen von Through
a Glass Darkly bei Heinemann (Wie durch ein dunkles
Glas ; Diogenes) katapultierten Donna Leon auf die nächste Ebene
der Bookseller Bewertung (wo u.a. Reg Hill und Michael Conelly
zu finden sind). »Das Buch hat die Ausgelassenheit einer Oper von
Puccini«, schrieb Barry Forshaw im Independent.
»Niemand in Großbritannien schreibt
bessere Krimis«,
urteilte Marcel Berlins über John Harveys neuen Roman mit Frank Elder, Darkness
and Light (Heinemann). Insofern ist es gut, dass er in
den Bestsellerlisten ganz oben steht, zuletzt mit seiner Taschenbuchausgabe.
Auch für C.J. Sansom war es ein gutes Jahr, zum einen mit seiner
eigenwilligen Roman Winter in Madrid, zum
anderen mit Sovereign (beide Macmillan), dem
dritten Teil seiner Serie um Matthew Shardlake, die im 16. Jahrhundert
angesiedelt ist. Und ebenfalls ein gutes Jahr für die Gewinnerin
des Duncan Lawrie Golden Dagger Ann Cleeves. Ihr Raven
Black wurde von Natasha Cooper (TLS) als ein »Dorfkrimi« charakterisiert,
der »ein überraschend lebendiges Exemplar eines Genres darstellt,
das schon dem Untergang geweiht schien«.
Der geistreiche Baby-Vertauschungskrimi Little Face (Hodder & Stoughton)
der Dichterin Sophie Hannah hatte einige Anlaufschwierigkeiten beim
Verkauf, aber bis Mitte September hatte er sich auf 2.000 verkaufte
Exemplare pro Woche eingependelt. Der australische Veteran Peter Temple
hatte seine Durchbruch in Großbritannien mit The Broken Shore (Quercus): »Unverzichtbar« (Maxim
Jakubowski), »kraftvoll« (Peter Guttridge), »mit Gefühl
und Raffinesse geschrieben« (Marcel Berlins), »sehr schön« (Susanne
Yager).
Auch Val McDermids moderner Krimi The
Grave Tattoo (Harper
Collins) um die Protagonisten Fletcher Christian und William Wordsworth
wurde ein Liebling der Kritik: »Stilvoll«, so Peter Guttriges
Ansicht. Das hervorragende Red Leaves, erschienen
bei Quercus (Das Gift des Zweifels ; Droemer/Knaur), von Thomas
H. Cook, das für den Dagger nominiert ist, wurde von zu
wenigen Rezensenten zur Kenntnis genommen. »Herausragend«,
urteilte Mark Timlin, »überwältigend«, fügte
Susanna Yager hinzu. Und es gab ein Comeback für Frances Fyfield,
die zuletzt bei der Kritik keinen guten Stand hatte. »Fyfield übertrifft
sich selbst«, schrieb Susanna Yager unter anderem über The
Art of Drowning (Little, Brown).
Der moderne Spionage- bzw. Thementhriller
feierte im Jahr 2006 sein Comeback. »Wer
in diesem Jahr einen Thriller lesen will, sollte zu diesem greifen«,
sagte Jessica Mann über Robert Wilsons The Hidden Assassins,
erschienen bei Harper Collins (Die Maske des Bösen ; Page & Turner),
dem dritten und bestaufgenommenen Teil seiner Serie über Javier Falcón. »Wenige
Schriftsteller schaffen es, Spannung und Action so wirksam mit purer
Eleganz zu verweben«, schrieb Matthew Lewin im Guardian.
John le Carrés jüngstes Buch The Mission Song,
Hodder & Stoughton (Geheime Melodie ; List), erschien etwas
später im Jahr. »Eins seiner dichtesten Werke, das auf die
knappen Thriller zurückgreift, die er in den frühern 60er Jahren
geschrieben hat«, urteilte Michael Saler in einer ganzseitigen Rezension
im TLS . »Komplexe Story. spannender Plot«, sagte
Sebastian Shakespeare in der Literary Review . Ähnlich gelobt
wurde Charles Cummings The Spanish Game (Michael
Joseph), sein zweites Buch um Alex Milius. »Eindrucksvoll und überzeugend,
mit einer verblüffenden Wendung zum Schluss« (Susanna Yager). »Ein
neuer Le Carré?« Nein, sagte Toby Litt in The Times ,
aber »wenn Cummings so weitermacht, wird er zu einer eigenständigen
Institution.« Zwischenzeitlich flüchtete sich der Literaturschriftsteller
William Boyd in die jüngste Vergangenheit für Restless,
bei Bloomsberry (Rastlos ; Berlin Verlag), seinem in jeder Hinsicht
gelungenen Versuch eines Spionagethrillers. »Ein seltenes Vergnügen«,
urteilte Amanda Craig in der Literary Review.
Es ist zwar unwahrscheinlich, dass ein Krimi jemals den Booker Prize gewinnen
wird, aber könnte jemand aus der neuen Garde der »literarischen« Krimiautoren
den Dagger mit nach Hause nehmen? Diese Frage (»wenn es
denn Gerechtigkeit gibt«) wurde von Michael Dibdin (Guardian)
erhoben, als er Benjamin Blacks Christine Falls,
erschienen bei Picador (Nicht frei von Sünde, Kiepenheuer & Witsch),
rezensierte, dessen Enthüllung als letztjähriger Preisträger
des Booker, John Banville, vermutlich zu rasch erfolgte. Nicht
wenige Rezensenten teilten diese Ansicht, während Joan Smith den
gegenteiligen Standpunkt vertrat: »zu selbstbezogen und zu altmodisch,
als dass es auch nur die grundlegendsten Anforderungen des Genres einlösen
könnte«.
Louise Welshs The Bullet Trick,
erschienen bei Canongate (Der Kugeltrick ; Kunstmann), das gepriesen
wurde, weil es diese beiden Positionen verbinde, wurde als weniger
erfolgreich eingeschätzt. » Die Plotstruktur reicht über
Handwerkliches nicht hinaus«, sagte der Kritiker David Robson im Sunday
Telegraph ; »schwerfällige
Abhängigkeit von formelhaften Aspekten des Noir«, donnerte
Dann Gunn im TLS. Gilbert Adairs Hommage an Agatha Christie, The
Act of Roger Murgatroyd bei Faber (Ein stilvoller
Mord in Elstree ; C.H. Beck), war dagegen »eine grundgütige
und zärtliche Parodie« (Matthew Dennison, TLS ), »ein
ziemlich guter whodunnit . angenehme Unterhaltung« (Marcel Berlins).
Andererseits sprach Jessica Mann für viele andere: »Dieses
quirlige Buch enthält alle Zutaten der großen Dame Agatha - außer
ihr gewisses Extra«. Daniel Woodrell, der aus dem Ghetto der No
Exit Press von Sceptre gerettet wurde, konnte sich - aus
meiner Sicht kein bisschen verfrüh - über eine Laudatio freuen,
und zwar sowohl in den Seiten der Literary Review , die nicht
dem Krimi gewidmet sind, als auch im Guardian. Sein Winter's
Bone sei von einer »gewaltigen. grimmigen Kraft« (Niall
Griffiths, Observer ; »es führt den Noir auf das Gebiet
der Dichtung« (Stevie Davies, Guardian).
Über das Ereignis des Jahres auf dem Feld
der Krimipublikationen kann man geteilter Meinung sein. Ist es die allmähliche
Wiederherausgabe der klassischen Polizeiermittlungen von Maj Sjöwall
und Per Wahlöo
um Kommissar Martin Beck in der Taschenbuchreihe von Harper's Perennial
(mit neuen Einleitungen, sonstigem »Bonus«-Material, aber
leider nicht in einer neuen Übersetzung)? Oder doch die Neuauflage
von Derek Raymonds Factory-Serie bei Serpent's Tail, zusammen mit seinem
letzten Roman Nightmare in the Street, der
zuvor noch nie in Großbritannien erschienen ist? Oder die Kanonisierung
der drei Krimis von Friedrich Dürrenmatt, die von der University
of Chicago Press herausgegeben werden? Oder sogar Elmore Leonards The
Complete Western Stories (Weidenfeld & Nicolson), denen
eine ganzseitige Rezension (voll des Lobes) im TLS zugedacht
wurde?
Ich persönlich würde für Black
Friday & Selected
Stories (Serpent's Tail) stimmen, der allerersten englischsprachigen
Sammlung von Kurzgeschichten von David Goodis, zwölf an der Zahl
(plus Black Friday, seiner Erzählung
von 1954), und das nicht nur, weil es meine Prognose war, als ich
sie letzten April besprochen habe. Ohne jeden Zweifel ist Goodis
Inbegriff des Noir der Unterschicht, der Verlierer und Versager. Black
Friday und wenigstens drei der Kurzgeschichten sind
klassische Goodis (»Ich liebe jedes Wort« - Laura Wilson
im Guardian).
Es gibt einige, die der Ansicht sind, dass
die Veränderungen in
der Preisgestaltung der Crime Writers Association (Vereinigung der
Krimischriftsteller), die zu einem eigenen Preis für übersetzte
Kriminalliteratur geführt hat, diesen Sektor für Verleger
weniger attraktiv mache. Dem scheint nicht so zu sein, denn ich habe
während meiner Recherche
Rezensionen von 39 übersetzten Titeln gefunden. Unter den in Großbritannien
bislang unbekannten Namen findet sich (erneut) ein starkes nordisches
Element: der elegante Schwede Häkon Nesser (dessen Roman Borkman's
Point bei Harvill Secker erschienen und für den International
Dagger nominiert ist) und seine weibliche Landsmännin Mari Jungstedt
(Unseen, Doubleday), die Norwegerin Anne Holt
(Punishment, Time Warner) und der Däne
Christian Jungersen mit The Exception, erschienen
bei Weidenfeld & Nicolson (Ausnahme ; Piper). Italien schenkte
uns Giampiero Rigosis Achterbahnfahrt im Night Bus und A
Walk in the Dark, die zweite und genauso gute Erzählung
von Gianrico Carofiogli (beide bei Bitter Lemon). Und inzwischen sind
auch die Franzosen (25 Jahre nach der Erstausgabe) mit dem unbedingt
zu lesenden The Prone Gunman (Anschlag liegend ;
Lübbe) des legendären Jean-Patrick Manchette vertreten. Eines
der schrulligsten Bücher kam aus Deutschland. Leonie Swanns Three
Bags Full bei Doubleday (Glennkill ; Goldmann),
und zwar deshalb, weil als Detektive, die den Mörder des hiesigen
Schäfers finden wollen, die Schafe selbst fungieren, angeführt
von einer »Miss Maple«! »Berührend, ohne sentimental
zu sein«, merkte Jane Jakeman im Independent an.
Jungersens The Exception war
auf jeden Fall eines der Lieblingsbücher der Kritiker. »Ein
großer,
ambitionierter und literarischer Psychothriller. zum Winden fies«,
sagte Jessica Mann; »kraftvoll und verstörend« (Susanna
Yager); »teuflisch clever« (Carole Angier im Independent).
Genauso gut aufgenommen wurde The Redbreast, erschienen
bei Harvill Sacker (Rotkehlchen ; Ullstein TB), der zweite in
Großbritannien erschienene Roman des Norwegers Jo Nesbø um
den »chaotischen« Harry Hole. »Ein großartiger
Thriller«, schrieb Mike Ripley; »geistreich, melancholisch
und zum Nachdenken anregend«, bemerkte Jake Kerridge im Daily
Telegraph.
Die meisten Rezensionen erhielt Henning Mankells
eigenwilliger Roman Depths (Tiefe; dtv),
dicht gefolgt von Boris Akunins Pelagia and the White Bulldog (Pelagia
und die weißen Hunde; Goldmann). Depths,
in dem es um einen »offenbar ganz normalen Marineoffizier geht,
der zu einem mörderischen Psychopathen mutiert« (Jessica Mann)
entzweite die Kritiker. »Literaturkritiker« waren im großen
und ganzen, wenn auch vorsichtig, »pro«, während Krimikritiker
durch die Bank »anti« waren: »Nur ein professioneller
Seelenklempner kann etwas an diesem schlechten und bösen Mann finden« (noch
einmal Jessica Mann). Toby Clements urteilte im Daily Telegraph, Pelagia sei
eine »Nachahmung einer russischen Novelle aus dem 19. Jahrhundert«,
so dass es »absurd« sei zu behaupten, »dies sei keine
Detektivgeschichte«. Joan Smith fand den Plot »lebendig«,
die Auflösung »aufregend«.
2006 war ein außergewöhnlich erfolgreiches Jahr für Debüts.
Am erfolgreichsten war hierbei Jed Rubinfeld mit The Interpretation
of Murder (Headline). Zunächst kam das Buch auf die
Liste der meistrezensierten Bücher (immer positiv), wurde danach
in Richard & Judy's Fernsehsendung vorgestellt und führte schließlich
Anfang Februar 2007 die Top 50 Liste von The Bookseller an. »Ein
ungewöhnlich intelligenter Roman, der unterhält, informiert
und auf mehreren Ebene fesselnd ist«, schrieb Marcel Berlins. Habe
ich erwähnt, dass Sigmund Freund eine gewichtige Rolle spielt?
Demgegenüber kam Stef Penney mit The
Tenderness of Wolves,
Quercus (Die Zärtlichkeit der Wölfe ; Goldmann), das
später William Boyds Restless (Ruhelos ;
Berlin Verlag) um den Preis des Costa Books of the Year bringen sollte,
auf nur zwei Rezensionen auf meiner Liste. Eine von Mike Ripley (»ein
athmosphärischer und feinfühlig geschriebener Krimi. ein ziemlich
bemerkenswertes Debüt«), die andere von Susanna Yager (»eine
faszinierendes und spannendes Abenteuer. erfrischend«). Inzwischen
kam der Roman als Taschenbuch heraus und wartet darauf, ein Verkaufsschlager
zu werden. Der in Haiti spielende Thriller Mr. Clarinet,
erschienen bei Michael Joseph (Voodoo ; Goldmann), von Nick
Stone kam ebenfalls auf zwei Rezensionen. »Ein aufsehenerregendes
Debüt«, sagte Mark Timlin; »Mehr James Ellroy als Graham
Greene«, dämpfte Tibor Fisher im Guardian. Jedenfalls
gewann es den Steel Dagger und wurde als Taschenbuch ein Verkaufsschlager.
Bescheidenere Erfolge wurden Patrick Quinan mit Smoke zuteil.
Für Maxim Jakubowski, unter anderen, war es eine »Non-Stop-Erzählung,
gewürzt mit einer guten Prise Humor«. Jason Goodwin führte
in The Janison Tree, erschienen bei Faber (Die
Weisheit des Eunuchen ; Piper), das im Istanbul des 19. Jahrhundert
spielt (»der eigentliche Star«, Lisa Hilton, Daily Telegraph),
den ersten Eunuchen-Detektiv ein. Der Roman heimste zwei Nominierungen
ein, eine für den Edgar für die beste Erzählung und eine
für den Ellis Peters Preis.
Es war nicht das beste Jahr für die alten Meister. Marcel Berlins
fand ein paar gute Worte für Simon Bretts The Stabbing
in the Stables (Macmillan); »akribischer Plot« waren
zwei davon. »Ein listiger Humor« waren drei weitere. Der bemerkenswerteste
Beitrag der Alten Meister war der Sammelband The Verdict of
Us All bei Allison & Busby, eine Hommage an H.F. Keating,
einen alten Freund dieser Kolumne, anlässlich seines achtzigsten
Geburtstags. Nur von Mike Ripley wahrgenommen, beinhaltet es nicht nur
die Genies von Dick Francis, Reginald Hill, PD James, Catherine Aird,
Lionel Davidson und Jonathan Gash, sondern auch Len Deighton (seine erste
Kurzgeschichte seit dreißig Jahren) und Colin Dexter.
Endlich eine neue Kategorie. Mike Ripley
brachte mich zufällig auf
die Idee, als er Douglas Lindsays neuen Roman um den Ermittler Barney
Thomson, The Last Fish Supper (Long Midnight
Publishing), rezensierte. »Gute Witze und wundervoll hanebüchene
Charaktere.«, urteilte er. Douglas Lindsay, so Ripley weiter, wird
Schändlich Übersehen (Großschreibung von mir). Meine Nominierung
in dieser Kategorie im Jahr 2006 ist ein aus dem Deutschen übersetztes
Debüt: Jan Costin Wagners Icemoon bei
Harvill Secker (Eismond ; Eichborn). Dieser einzigartige Roman,
frei von allen Klischees, war für mich die individuellste und bewegendste
Geschichte über mehrfachen Mord (ich versuche den unangenehmen Begriff »Serienkiller« zu
vermeiden), die in einer so gedämpften Sprache geschrieben ist, dass
sie mitunter an das Beste von Thomas H. Cook erinnert. Dass dieser
Roman nicht wenigstens für den ersten International Dagger nominiert
wurde, der dann an Fred Vargas für The Three Evangelists,
ebenfalls Harvill Secker (Die schöne Diva von Saint-Jaques ;
Aufbau) ging, finde ich erstaunlich.