krimis in Europa
n°10

 

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Retrospektive 2006:
Eine Rezension der in Großbritannien
erschienenen Krimirezensionen

Bob Cornwell
Herausgeber von CADS (Crime and Detective Stories),
an irregular magazine of comment and criticism about crime and detective novels
(Kriminal- und Detektivgeschichten - unregelmäßig erscheinendes
Magazin für Kommentar und Kritik über Kriminal- und Detektivromane).

Übersetzung: Alexander Ruoff und Kerstin Schoof

 

Dieses Jahr war es ausgesprochen schwierig, eine komplette Übersicht über die in Großbritannien veröffentlichte Kriminalliteratur zu erstellen, da die Bibliotheken nicht mehr sämtliche Zeitungen und Zeitungsbeilagen archivieren. Auch ein Besuch der relevanten Webseiten ist keine Lösung, da die Kolumnen mancher Autoren, wie beispielsweise die von Mark Timlin, der für den Independent schreibt, nicht immer online abrufbar sind.

Nichtsdestotrotz: Ich kann berichten, dass im Jahr 2006 etwa 550 Kriminalromane in Großbritannien erschienen sind, von denen mindestens 350 in einer oder mehreren Rezensionen besprochen wurden. Diese fast 64 Prozent sind bislang der Rekord. Ein Grund für diesen Wandel ist möglicherweise die Entscheidung der Times im Juli 2005, Krimis und Thriller im wöchentlichen Wechsel in ihrer Wochenendbeilage Review vorzustellen: ein Schritt, der offenbar auch zu einem Anstieg der Krimikritiken im Independent, im Daily und im Sunday Telegraph geführt hat.

Der entscheidende Faktor, der für die Zunahme der Rezensionen verantwortlich ist, liegt jedoch sicher in der personellen Veränderung bei der Literary Review nach dem Tod von Philip Oakes. Jessica Mann übernahm seine Stelle im März 2005 und gestaltete die Rezensionsseite um: Sie setzte sich für eine höhere Zahl kürzerer Rezensionen ein, die zudem mehr Themenfelder abdecken. 2007 kam es zu einer weiteren Veränderung, als Maxim Jakubowski nach achtjähriger Tätigkeit den Guardian verließ und die Autorin Laura Wilson seine Nachfolge antrat, die in letzter Zeit in der Rubrik Taschenbuch mit ihrer Arbeit glänzte.

Die wichtigsten Zeitungen, die im Jahr 2006 - und hoffentlich auch 2007 - über Krimis berichteten, sind - in nicht gewichteter Reihenfolge - die Literary Review, The Times, The Independent, der Morning Star, The Sunday Telegraph, The Times Literary Supplement, The Independent on Sunday und The Birmingham Post. Die Spitzenposition nimmt immer noch die samstags erscheinende Guardian Review ein, in der die regelmäßig schreibenden Autoren (Maxim Jakubowski, Matthew Lewin und Laura Wilson) auf kluge Weise mit »Starkritikern« wie Michael Dibdin und Christine Falls ergänzt werden.

Die Bestseller des Jahres 2006 (nach Erfolg - bitte beachten: ausschließlich Neuerscheinungen) waren Martina Coles Close (Headline), gefolgt von Thomas Harris' Hannibal Rising bei Heinemann (Hannibal Rising ; Hoffmann & Campe), das einen Monat lang die Verkaufslisten anführte. An dritter Stelle findet sich James Pattersons Cross bei Headline, anschließend Ian Rankin mit The Naming of the Dead bei Orion (Im Namen der Toten, Manhattan) und Dick Francis mit Under Orders bei Michael Joseph (Gambling ; Diogenes). Die Zahl der Rezensionen war unterschiedlich, wobei Close und Cross kein einziges Mal rezensiert wurden. Hannibal Rising war dabei nicht nur eine der am häufigsten, sondern zweifellos auch am schnellsten rezensierten Veröffentlichungen, vermutlich aufgrund der sorgfältig orchestrierten Marketingstrategien des Verlages (Verteilung von Rezensionsexemplaren mit neutralem braunem Umschlag, mitternächtliche Auslieferung etc.).

Viel Beifall erhielt den Gerüchten zufolge der letzte Band um den Ermittler Rebus. »Seine ambitionierteste Erzählung seit Jahren. makellos«, bemerkte Mike Ripley, »der beste Krimi, den Sie dieses Jahr lesen werden«, schrieb Aileen Reid im Daily Telegraph . Erst Francis Fyfield merkte an, dass Rankins Vorliebe für große Themen (den Hintergrund des Buches bildet der G8-Gipfel in Edinburgh) sich nicht selten im Widerspruch mit den Anforderungen des Kriminalromans befindet, und dass aus diesem Grund »der emotionale Kern des Romans schwer auszumachen ist«.

Zwei weitere Titel wurden vielfach rezensiert. Der erste, One Good Turn, erschienen bei Doubleday (Liebesdienste ; Droemer/Knaur) von Kate Atkinson, einer »literarischen« Autorin, die sich damit ins Krimigenre wagte, erhielt ein durchweg positives Echo. Am euphorischsten zeigte sich Mat Coward im Morning Star, der meine eigene Reaktion widerspiegelte, als ich endlich dazu kam, die unsterblichen Case Histories zu lesen: »Eines der befriedigendsten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe - witzig, aufregend und emotional authentisch«, schrieb er. Justine Jordan (The Guardian) fügte hinzu: »Das Vergnügen. liegt in Atkinsons schrägen und unbesiegbaren Charakteren, ihrer gerissenen, sarkastischen Sturzflugprosa und ihrem joie de vivre«. Dennoch schloss Amanda Craig in ihrer gehaltvollen Rezension: »Im Gegensatz zum düsteren, umwerfenden Vorgänger . ist es weder eine gute literarische Erzählung noch eine zufrieden stellende Detektivgeschichte«. Andererseits hatte Sarah Hughes im Observer keine Zweifel: es sei, »was am seltensten ist«: eine Kombination aus beidem.

Michael Cox' 600 Seiten starkes viktorianisches Panorama The Meaning of Night (In der Mitte der Nacht; Droemer/Knaur), das einige Jahre brauchte, bis es fertig war, bezog dagegen Prügel von der Kritik. »Mehr Wilkie Collins als Wilkie Collins selbst«, war eine der Reaktionen. Dabei wurde es von Krimikritikern eher gemieden, obwohl Roz Kaveney im Independent ihm eine gedankenvolle Besprechung angedeihen ließ. »Herrlich bildungsbürgerlich«, lautete das Resümee des Guardian -Artikels von Giles Foden. Andere waren strenger: »Stur werden die Seiten aneinandergereiht«, sagte Judith Flanders in der TLS, »eine Anhäufung überflüssiger Einzelheiten«, ergänzte Tom Deveson in der Sunday Times.

Zurück zum Mainstream: hier gehörte Denise Minas zweite Erzählung um Paddy Meehan The Dead Hour, erschienen bei Bantham, zu den Lieblingen der Kritiker: »Ein ungewöhnlicher und ungewöhnlich gut geschriebener Roman. ein spannender Thriller, kombiniert mit einem eindrücklichen Porträt der Subkulturen Glasgows«, urteilte Jessica Mann; »eine berührende und unvergessliche Heldin«, fügte Susanna Yager hinzu. Das Buch wurde mittlerweile für einen Edgar in der Kategorie Bester Roman nominiert. In der Zwischenzeit enthielten Philip Oakes letzte Rezensionsveröffentlichungen ein hohes Lob auf Laura Wilsons bei Orion erschienenes A Thousand Lies (In Abrahams Schoß ; Goldmann) : »Trostlos, aber fesselnd. Auf jeden Fall das Lesen wert«. Diese Vorgabe bestimmte den Ton und abgesehen von einer abweichenden Stimme (Ruth Morse) in der TLS (»als Spannungsliteratur schneidet es zu viele verschiedene Themen an«) blieb die Zustimmung ungeteilt. Und so folgte ganz konsequent eine Nominierung für den Golden Dagger.

Vikram Chandras Sacred Games bei Faber (Der Gott von Bombay ; Aufbau Verlag), eine Geschichte über Straßengangs und Politik im modernen Mumbai wurde von Mike Ripley trotz seine Länge als »überwältigend. einer der besten Krimis in diesem Jahr« beschrieben. In den sieben Jahren, die er zu seiner Fertigstellung benötigte, hat er »meisterhafte Größe und Breite und die Präzision und Zärtlichkeit einer Miniatur« erreicht, bemerkte Jane Shilling im Daily Telegraph. Ähnliche Rezensionen folgten in anderen Blättern.

Noch ein langes Buch, Sara Paretskys Fire Sale, Hodder & Stoughton (Feuereifer ; Goldmann), erhielt günstige Kritiken. »Eine Erzählung, so packend wie emotional verstörend« (Joan Smith, Sunday Times); »eines ihrer besten« (Marcel Berlins, The Times). Die Verkaufszahlen von Through a Glass Darkly bei Heinemann (Wie durch ein dunkles Glas ; Diogenes) katapultierten Donna Leon auf die nächste Ebene der Bookseller Bewertung (wo u.a. Reg Hill und Michael Conelly zu finden sind). »Das Buch hat die Ausgelassenheit einer Oper von Puccini«, schrieb Barry Forshaw im Independent.

»Niemand in Großbritannien schreibt bessere Krimis«, urteilte Marcel Berlins über John Harveys neuen Roman mit Frank Elder, Darkness and Light (Heinemann). Insofern ist es gut, dass er in den Bestsellerlisten ganz oben steht, zuletzt mit seiner Taschenbuchausgabe. Auch für C.J. Sansom war es ein gutes Jahr, zum einen mit seiner eigenwilligen Roman Winter in Madrid, zum anderen mit Sovereign (beide Macmillan), dem dritten Teil seiner Serie um Matthew Shardlake, die im 16. Jahrhundert angesiedelt ist. Und ebenfalls ein gutes Jahr für die Gewinnerin des Duncan Lawrie Golden Dagger Ann Cleeves. Ihr Raven Black wurde von Natasha Cooper (TLS) als ein »Dorfkrimi« charakterisiert, der »ein überraschend lebendiges Exemplar eines Genres darstellt, das schon dem Untergang geweiht schien«.

Der geistreiche Baby-Vertauschungskrimi Little Face (Hodder & Stoughton) der Dichterin Sophie Hannah hatte einige Anlaufschwierigkeiten beim Verkauf, aber bis Mitte September hatte er sich auf 2.000 verkaufte Exemplare pro Woche eingependelt. Der australische Veteran Peter Temple hatte seine Durchbruch in Großbritannien mit The Broken Shore (Quercus): »Unverzichtbar« (Maxim Jakubowski), »kraftvoll« (Peter Guttridge), »mit Gefühl und Raffinesse geschrieben« (Marcel Berlins), »sehr schön« (Susanne Yager).

Auch Val McDermids moderner Krimi The Grave Tattoo (Harper Collins) um die Protagonisten Fletcher Christian und William Wordsworth wurde ein Liebling der Kritik: »Stilvoll«, so Peter Guttriges Ansicht. Das hervorragende Red Leaves, erschienen bei Quercus (Das Gift des Zweifels ; Droemer/Knaur), von Thomas H. Cook, das für den Dagger nominiert ist, wurde von zu wenigen Rezensenten zur Kenntnis genommen. »Herausragend«, urteilte Mark Timlin, »überwältigend«, fügte Susanna Yager hinzu. Und es gab ein Comeback für Frances Fyfield, die zuletzt bei der Kritik keinen guten Stand hatte. »Fyfield übertrifft sich selbst«, schrieb Susanna Yager unter anderem über The Art of Drowning (Little, Brown).

Der moderne Spionage- bzw. Thementhriller feierte im Jahr 2006 sein Comeback. »Wer in diesem Jahr einen Thriller lesen will, sollte zu diesem greifen«, sagte Jessica Mann über Robert Wilsons The Hidden Assassins, erschienen bei Harper Collins (Die Maske des Bösen ; Page & Turner), dem dritten und bestaufgenommenen Teil seiner Serie über Javier Falcón. »Wenige Schriftsteller schaffen es, Spannung und Action so wirksam mit purer Eleganz zu verweben«, schrieb Matthew Lewin im Guardian. John le Carrés jüngstes Buch The Mission Song, Hodder & Stoughton (Geheime Melodie ; List), erschien etwas später im Jahr. »Eins seiner dichtesten Werke, das auf die knappen Thriller zurückgreift, die er in den frühern 60er Jahren geschrieben hat«, urteilte Michael Saler in einer ganzseitigen Rezension im TLS . »Komplexe Story. spannender Plot«, sagte Sebastian Shakespeare in der Literary Review . Ähnlich gelobt wurde Charles Cummings The Spanish Game (Michael Joseph), sein zweites Buch um Alex Milius. »Eindrucksvoll und überzeugend, mit einer verblüffenden Wendung zum Schluss« (Susanna Yager). »Ein neuer Le Carré?« Nein, sagte Toby Litt in The Times , aber »wenn Cummings so weitermacht, wird er zu einer eigenständigen Institution.« Zwischenzeitlich flüchtete sich der Literaturschriftsteller William Boyd in die jüngste Vergangenheit für Restless, bei Bloomsberry (Rastlos ; Berlin Verlag), seinem in jeder Hinsicht gelungenen Versuch eines Spionagethrillers. »Ein seltenes Vergnügen«, urteilte Amanda Craig in der Literary Review.

Es ist zwar unwahrscheinlich, dass ein Krimi jemals den Booker Prize gewinnen wird, aber könnte jemand aus der neuen Garde der »literarischen« Krimiautoren den Dagger mit nach Hause nehmen? Diese Frage (»wenn es denn Gerechtigkeit gibt«) wurde von Michael Dibdin (Guardian) erhoben, als er Benjamin Blacks Christine Falls, erschienen bei Picador (Nicht frei von Sünde, Kiepenheuer & Witsch), rezensierte, dessen Enthüllung als letztjähriger Preisträger des Booker, John Banville, vermutlich zu rasch erfolgte. Nicht wenige Rezensenten teilten diese Ansicht, während Joan Smith den gegenteiligen Standpunkt vertrat: »zu selbstbezogen und zu altmodisch, als dass es auch nur die grundlegendsten Anforderungen des Genres einlösen könnte«.

Louise Welshs The Bullet Trick, erschienen bei Canongate (Der Kugeltrick ; Kunstmann), das gepriesen wurde, weil es diese beiden Positionen verbinde, wurde als weniger erfolgreich eingeschätzt. » Die Plotstruktur reicht über Handwerkliches nicht hinaus«, sagte der Kritiker David Robson im Sunday Telegraph ; »schwerfällige Abhängigkeit von formelhaften Aspekten des Noir«, donnerte Dann Gunn im TLS. Gilbert Adairs Hommage an Agatha Christie, The Act of Roger Murgatroyd bei Faber (Ein stilvoller Mord in Elstree ; C.H. Beck), war dagegen »eine grundgütige und zärtliche Parodie« (Matthew Dennison, TLS ), »ein ziemlich guter whodunnit . angenehme Unterhaltung« (Marcel Berlins). Andererseits sprach Jessica Mann für viele andere: »Dieses quirlige Buch enthält alle Zutaten der großen Dame Agatha - außer ihr gewisses Extra«. Daniel Woodrell, der aus dem Ghetto der No Exit Press von Sceptre gerettet wurde, konnte sich - aus meiner Sicht kein bisschen verfrüh - über eine Laudatio freuen, und zwar sowohl in den Seiten der Literary Review , die nicht dem Krimi gewidmet sind, als auch im Guardian. Sein Winter's Bone sei von einer »gewaltigen. grimmigen Kraft« (Niall Griffiths, Observer ; »es führt den Noir auf das Gebiet der Dichtung« (Stevie Davies, Guardian).

Über das Ereignis des Jahres auf dem Feld der Krimipublikationen kann man geteilter Meinung sein. Ist es die allmähliche Wiederherausgabe der klassischen Polizeiermittlungen von Maj Sjöwall und Per Wahlöo um Kommissar Martin Beck in der Taschenbuchreihe von Harper's Perennial (mit neuen Einleitungen, sonstigem »Bonus«-Material, aber leider nicht in einer neuen Übersetzung)? Oder doch die Neuauflage von Derek Raymonds Factory-Serie bei Serpent's Tail, zusammen mit seinem letzten Roman Nightmare in the Street, der zuvor noch nie in Großbritannien erschienen ist? Oder die Kanonisierung der drei Krimis von Friedrich Dürrenmatt, die von der University of Chicago Press herausgegeben werden? Oder sogar Elmore Leonards The Complete Western Stories (Weidenfeld & Nicolson), denen eine ganzseitige Rezension (voll des Lobes) im TLS zugedacht wurde?

Ich persönlich würde für Black Friday & Selected Stories (Serpent's Tail) stimmen, der allerersten englischsprachigen Sammlung von Kurzgeschichten von David Goodis, zwölf an der Zahl (plus Black Friday, seiner Erzählung von 1954), und das nicht nur, weil es meine Prognose war, als ich sie letzten April besprochen habe. Ohne jeden Zweifel ist Goodis Inbegriff des Noir der Unterschicht, der Verlierer und Versager. Black Friday und wenigstens drei der Kurzgeschichten sind klassische Goodis (»Ich liebe jedes Wort« - Laura Wilson im Guardian).

Es gibt einige, die der Ansicht sind, dass die Veränderungen in der Preisgestaltung der Crime Writers Association (Vereinigung der Krimischriftsteller), die zu einem eigenen Preis für übersetzte Kriminalliteratur geführt hat, diesen Sektor für Verleger weniger attraktiv mache. Dem scheint nicht so zu sein, denn ich habe während meiner Recherche Rezensionen von 39 übersetzten Titeln gefunden. Unter den in Großbritannien bislang unbekannten Namen findet sich (erneut) ein starkes nordisches Element: der elegante Schwede Häkon Nesser (dessen Roman Borkman's Point bei Harvill Secker erschienen und für den International Dagger nominiert ist) und seine weibliche Landsmännin Mari Jungstedt (Unseen, Doubleday), die Norwegerin Anne Holt (Punishment, Time Warner) und der Däne Christian Jungersen mit The Exception, erschienen bei Weidenfeld & Nicolson (Ausnahme ; Piper). Italien schenkte uns Giampiero Rigosis Achterbahnfahrt im Night Bus und A Walk in the Dark, die zweite und genauso gute Erzählung von Gianrico Carofiogli (beide bei Bitter Lemon). Und inzwischen sind auch die Franzosen (25 Jahre nach der Erstausgabe) mit dem unbedingt zu lesenden The Prone Gunman (Anschlag liegend ; Lübbe) des legendären Jean-Patrick Manchette vertreten. Eines der schrulligsten Bücher kam aus Deutschland. Leonie Swanns Three Bags Full bei Doubleday (Glennkill ; Goldmann), und zwar deshalb, weil als Detektive, die den Mörder des hiesigen Schäfers finden wollen, die Schafe selbst fungieren, angeführt von einer »Miss Maple«! »Berührend, ohne sentimental zu sein«, merkte Jane Jakeman im Independent an.

Jungersens The Exception war auf jeden Fall eines der Lieblingsbücher der Kritiker. »Ein großer, ambitionierter und literarischer Psychothriller. zum Winden fies«, sagte Jessica Mann; »kraftvoll und verstörend« (Susanna Yager); »teuflisch clever« (Carole Angier im Independent). Genauso gut aufgenommen wurde The Redbreast, erschienen bei Harvill Sacker (Rotkehlchen ; Ullstein TB), der zweite in Großbritannien erschienene Roman des Norwegers Jo Nesbø um den »chaotischen« Harry Hole. »Ein großartiger Thriller«, schrieb Mike Ripley; »geistreich, melancholisch und zum Nachdenken anregend«, bemerkte Jake Kerridge im Daily Telegraph.

Die meisten Rezensionen erhielt Henning Mankells eigenwilliger Roman Depths (Tiefe; dtv), dicht gefolgt von Boris Akunins Pelagia and the White Bulldog (Pelagia und die weißen Hunde; Goldmann). Depths, in dem es um einen »offenbar ganz normalen Marineoffizier geht, der zu einem mörderischen Psychopathen mutiert« (Jessica Mann) entzweite die Kritiker. »Literaturkritiker« waren im großen und ganzen, wenn auch vorsichtig, »pro«, während Krimikritiker durch die Bank »anti« waren: »Nur ein professioneller Seelenklempner kann etwas an diesem schlechten und bösen Mann finden« (noch einmal Jessica Mann). Toby Clements urteilte im Daily Telegraph, Pelagia sei eine »Nachahmung einer russischen Novelle aus dem 19. Jahrhundert«, so dass es »absurd« sei zu behaupten, »dies sei keine Detektivgeschichte«. Joan Smith fand den Plot »lebendig«, die Auflösung »aufregend«.

2006 war ein außergewöhnlich erfolgreiches Jahr für Debüts. Am erfolgreichsten war hierbei Jed Rubinfeld mit The Interpretation of Murder (Headline). Zunächst kam das Buch auf die Liste der meistrezensierten Bücher (immer positiv), wurde danach in Richard & Judy's Fernsehsendung vorgestellt und führte schließlich Anfang Februar 2007 die Top 50 Liste von The Bookseller an. »Ein ungewöhnlich intelligenter Roman, der unterhält, informiert und auf mehreren Ebene fesselnd ist«, schrieb Marcel Berlins. Habe ich erwähnt, dass Sigmund Freund eine gewichtige Rolle spielt?

Demgegenüber kam Stef Penney mit The Tenderness of Wolves, Quercus (Die Zärtlichkeit der Wölfe ; Goldmann), das später William Boyds Restless (Ruhelos ; Berlin Verlag) um den Preis des Costa Books of the Year bringen sollte, auf nur zwei Rezensionen auf meiner Liste. Eine von Mike Ripley (»ein athmosphärischer und feinfühlig geschriebener Krimi. ein ziemlich bemerkenswertes Debüt«), die andere von Susanna Yager (»eine faszinierendes und spannendes Abenteuer. erfrischend«). Inzwischen kam der Roman als Taschenbuch heraus und wartet darauf, ein Verkaufsschlager zu werden. Der in Haiti spielende Thriller Mr. Clarinet, erschienen bei Michael Joseph (Voodoo ; Goldmann), von Nick Stone kam ebenfalls auf zwei Rezensionen. »Ein aufsehenerregendes Debüt«, sagte Mark Timlin; »Mehr James Ellroy als Graham Greene«, dämpfte Tibor Fisher im Guardian. Jedenfalls gewann es den Steel Dagger und wurde als Taschenbuch ein Verkaufsschlager.

Bescheidenere Erfolge wurden Patrick Quinan mit Smoke zuteil. Für Maxim Jakubowski, unter anderen, war es eine »Non-Stop-Erzählung, gewürzt mit einer guten Prise Humor«. Jason Goodwin führte in The Janison Tree, erschienen bei Faber (Die Weisheit des Eunuchen ; Piper), das im Istanbul des 19. Jahrhundert spielt (»der eigentliche Star«, Lisa Hilton, Daily Telegraph), den ersten Eunuchen-Detektiv ein. Der Roman heimste zwei Nominierungen ein, eine für den Edgar für die beste Erzählung und eine für den Ellis Peters Preis.

Es war nicht das beste Jahr für die alten Meister. Marcel Berlins fand ein paar gute Worte für Simon Bretts The Stabbing in the Stables (Macmillan); »akribischer Plot« waren zwei davon. »Ein listiger Humor« waren drei weitere. Der bemerkenswerteste Beitrag der Alten Meister war der Sammelband The Verdict of Us All bei Allison & Busby, eine Hommage an H.F. Keating, einen alten Freund dieser Kolumne, anlässlich seines achtzigsten Geburtstags. Nur von Mike Ripley wahrgenommen, beinhaltet es nicht nur die Genies von Dick Francis, Reginald Hill, PD James, Catherine Aird, Lionel Davidson und Jonathan Gash, sondern auch Len Deighton (seine erste Kurzgeschichte seit dreißig Jahren) und Colin Dexter.

Endlich eine neue Kategorie. Mike Ripley brachte mich zufällig auf die Idee, als er Douglas Lindsays neuen Roman um den Ermittler Barney Thomson, The Last Fish Supper (Long Midnight Publishing), rezensierte. »Gute Witze und wundervoll hanebüchene Charaktere.«, urteilte er. Douglas Lindsay, so Ripley weiter, wird Schändlich Übersehen (Großschreibung von mir). Meine Nominierung in dieser Kategorie im Jahr 2006 ist ein aus dem Deutschen übersetztes Debüt: Jan Costin Wagners Icemoon bei Harvill Secker (Eismond ; Eichborn). Dieser einzigartige Roman, frei von allen Klischees, war für mich die individuellste und bewegendste Geschichte über mehrfachen Mord (ich versuche den unangenehmen Begriff »Serienkiller« zu vermeiden), die in einer so gedämpften Sprache geschrieben ist, dass sie mitunter an das Beste von Thomas H. Cook erinnert. Dass dieser Roman nicht wenigstens für den ersten International Dagger nominiert wurde, der dann an Fred Vargas für The Three Evangelists, ebenfalls Harvill Secker (Die schöne Diva von Saint-Jaques ; Aufbau) ging, finde ich erstaunlich.

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