krimis in Europa
n°10

 

>> Interview

Der Mann, der von Romanhandlungen träumte,
die sich ganz um den Wein drehen

Gespräch mit Robert Reumont

Sophie Colpaert
Übersetzung: Matthias Drebber

 

Sophie Colpaert: Robert Reumont, Sie sind der breiten Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt. Könnten Sie sich kurz vorstellen?

Robert Reumont: Die Titelseite meines vierten Romans lügt nicht: Ich bin 1952 im belgischen Charleroi geboren, zur Beaujolais primeur-Zeit. Ob das Symbolcharakter hat? Wahrscheinlich. Ich habe einen Licence-Abschluss in Romanistik, bin Lehrer, verheiratet und Vater von vier Kindern. Wer mich kennt, sagt, dass man mich in den drei Hauptfiguren meiner Romane wiedererkennt. Wie sie bin ich den schönen Seiten des Lebens zugetan, rede gern frei von der Leber weg und bin gern rebellisch und aufsässig. Ich bin ein zerstreuter Tolpatsch wie Joseph, der immer wieder ins Fettnäpfchen tritt - und zwar keineswegs immer unfreiwillig. Und wie Joseph bin ich ein ausgesprochener Familienmensch. Mit Inspektor Boistôt und Wyvine verbindet mich die Lust an der Wahrheit. Und die Empörung über jede Art von Ungerechtigkeit. Heuchelei, Prüderie, Geltungssucht, Habgier und die produktivitäts- und profitsüchtige Tyrannei der Ökonomie sind mir ein Gräuel. Wie Boistôt und Wyvine begeistern mich viele Dinge: Wein, Reisen, natürlich die Literatur, aber auch Film, Sport usw. Langeweile jedenfalls kommt bei uns, bei Wyvine, bei Placide und mir jedenfalls nie auf.
Doch einen Unterschied gibt es: Wyvine schreit bestimmte Wahrheiten heraus und tut Dinge, zu denen mir zu meinem großen Bedauern der Mut fehlt. Meine Heldin ist von einer Forschheit und von einem Mut, die mir manchmal abgehen. Was sie mit einem miesen Kerl oder mit einer eingebildeten Zicke macht, dazu fehlte es mir immer an Dreistigkeit - trotz der Lust, die ich dazu so manches Mal hatte.

 

S.C.: Wie sind Sie zum Kriminalroman gekommen?

R.R.: Es führte kein direkter Weg dorthin, auch wenn ich den Krimi nie für ein zweitrangiges Genre gehalten habe. Ganz im Gegenteil. Zuerst wollte ich Romane über den Wein schreiben, der eine sehr wichtige Rolle im Leben vieler Menschen spielt, aber in die Literatur kaum Einzug gehalten hat - außer bei Rabelais und anekdotenartig bei Colette. In meinem ersten, nie veröffentlichten Roman, De si jolies robes, habe ich die Handlung bewusst simpel gehalten, um die Aufmerksamkeit des Lesers auf den Geschmack des Burgunders und auf die bilder- und farbenreiche Sprache des Weins zu lenken.
Als die Verlage das Manuskript abgelehnt haben, dachte ich daran, dass eine Krimihandlung im Weinmilieu die Lektüre vielleicht anziehender oder auch packender machen könnte. In der ersten Fassung von
Coup de rouge en Touraine war die Handlung noch bloßer Vorwand. Ich wollte es vermeiden, dass der Leser sich zu sehr in der Verworrenheit eines Krimi-Rätsels verliert und dabei die witzigen, die weinrot epikureischen Aspekte meines Romas übersieht.
Es ist nicht leicht, einen Verleger zu finden: Bei zweitausend Versuchen klappt es ein Mal, hat man mir gesagt, Daher habe ich begeistert zugestimmt, als »Cheminements« mir nahelegte, noch einmal durch die Krimi-Handlung von
Coup de rouge en Touraine zu gehen, sie ein bisschen zu überarbeiten und auszubauen. Zwei Monate, Juli und August, habe ich daran gesessen. Ende September schickte mir »Cheminement« einen Vertrag zu und kommentierte: »Wir fanden die Veränderungen an der Romanhandlung überaus vernünftig.«
Und so ging es los. Bei meinem zweiten Roman,
Rouge sur blanc, habe ich von Anfang an auf eine komplexere, feinere Krimihandlung geachtet, ohne jedoch etwas von der festlichen, gastronomischen, weinseligen, Rabelais-artigen Atmosphäre wegzunehmen. Momentan gehen mir ganz viele Ideen durch den Kopf. Ich schreibe sie auf, ich sortiere und verfeinere sie und bewahre die interessantesten von ihnen auf. Das macht wirklich Spaß.

 

S.C.: Welche Autoren haben Sie beeinflusst?

R.R.: Da fallen mir gleich hundert Schriftsteller ein. Albert Camus - wegen seines tiefen Humanismus, seiner Auflehnung gegen das Unrecht, seiner Fragen nach dem Bösen und nach dem Sinn unseres Seins. Molière wegen seines Widerwillens gegen die Heuchelei, die auch meinen Erzähler, Inspektor Boistôt, immer wieder wütend werden lässt. Philippe Delerm wegen seiner Kunst, die kleinen Freuden des Lebens anklingen zu lassen. Georges Simenon wegen der Tiefe, der Menschlichkeit seines Inspektors Maigret und wegen seiner Suche nach dem »nackten Menschen«, der sich unter Verkleidungen und Masken versteckt. Und dann ist da natürlich François Rabelais.

 

S.C.: Woher kommt diese Kennerschaft und diese Liebe zu Rabelais, die die Boistôt-Figur so stark prägt und rasch auf seine Freunde, auch auf die Leser überspringt?

R.R.: Ich schätze Rabelais sehr, aber nicht mehr als vielleicht dreißig andere Schriftsteller. Aber auch nicht weniger. Sein unter frei erfundenen Kulissen verborgener Gedankenreichtum, sein facettenreicher Humor und sein Sprachwitz sind wirklich einmalig. Und weil die Handlung des ersten Romans in der Touraine spielt, erschien es mir interessant, den Inspektor Boistôt, der (wie Rabelais) im Wald von Chinon wohnt, mit einem großen Interesse an dem Autor des Gargantua auszustatten. Das trug nicht nur zu der Originalität meines Erzählers bei, sondern verschaffte ihm auch eine zusätzliche kulturelle Dimension. Und vor allem konnte ich auf diese Weise bestimmte Eigenschaften dieser Figur herausarbeiten: seinen Freiheitsdrang, seinen Humanismus, seine tolerante Einstellung, aber auch seine Zuneigung zu edlen Tropfen und leiblichen Genüssen.
Als mir diese Idee kam (der Roman war schon halb fertig), habe ich mir sofort das Werk Rabelais' vorgenommen und mir Notizen gemacht. Das war für mich auch die Gelegenheit, ein überaus reichhaltiges Werk wiederzuentdecken, ein Werk, das wegen seiner sprachlichen Sperrigkeit gerne vernachlässigt, wenn nicht sogar vergessen wird. Da möchte ich doch einmal darauf hinweisen, dass wir Rabelais so viele Wörter, so viele Ausdrücke und Redewendungen verdanken. Leitsätze etwa wie »ein schöner Dummkopf, wer sich nie betrinkt« oder »man sollte schon mal für den nächsten Durst vortrinken«.
Und dann passt der Geist der Werke Rabelais' besonders gut zu der fröhlichen, epikureischen und trotz der humoristischen Fassade leicht impertinenten und gravitätischen Stimmung, die ich in meinen Romanen herzustellen versuche.

 

S.C.: Die Nebenfiguren sind sehr fein ausgearbeitet, meist realistischer als die Wirklichkeit. Jean-Louis, der Winzer aus Fleurie (Le Crime nouveau est arrivé) teilt dem Leser seine sprachlichen Marotten mit. Der starke elsässische Akzent Leders in Rouge sur blanc bringt den schlimmsten Sauertopf zum Lachen, und am Tisch von Solange, der liebenswürdigen und wunderbaren Köchin aus Coup de rouge en Touraine läuft einem das Wasser im Munde zusammen. Wie kriegt man das so lebendig und so lebensnah hin?

R.R.: Dafür gibt es natürlich kein Rezept. Ich könnte hier keine kartesianische, unwiderlegbare Erklärung geben. Ich mag diese Figuren einfach; sie sind keine zweitrangigen Nebenfiguren für mich. Ist das vielleicht die Erklärung? Ich schätze meine Nebenfiguren; sie sind oft realen Personen sehr nahe. Ich habe sehr viel Spaß mit ihnen, jedenfalls mit einigen von ihnen. Es stellt sich schnell eine Komplizenschaft zwischen ihnen und mir ein. Sie werden in meinem Geist sehr schnell lebendig. Ich sehe sie vor mir. Ich sehe die Szenen vor mir, die Figuren, ihre Gesten, ihre Gesichter. Mit ihnen und dank ihrer durchlebe ich wunderbare Ferienerlebnisse erneut, Erlebnisse voll menschlicher Wärme und voller Emotionen. Ich erlebe Begegnungen erneut, Momente des Austauschs, Freundschaften, reiche und intensive Erlebnisse, auch lustige Episoden.
Natürlich ist das Ganze auch mit Arbeit verbunden. Mit viel Arbeit - und sei es nur die Mühe, das richtige Detail zu finden, das die Protagonisten realistisch und konsistent macht.

 

S.C.: Die Lehrerin in Rouge sur blanc... mit ihrer tragischen Blindheit und ihrem ständigen Fachchinesisch? Steckt ein bisschen Rache darin?

R.R.: Keineswegs. Es ist die einfache, objektive und trostlose Beschreibung einer Realität, die mir nur allzu vertraut ist. Ich kann also ohne Umschweife darüber reden - nicht um abzurechnen, sondern um auf Fehlverhalten mit bisweilen tragischen Konsequenzen hinzuweisen. Nicht der Heilige Geist hat mir die Ideen zu meinen Romanfiguren eingegeben, sondern mein Alltag. Viele Beispiele fallen mir dazu ein. Man wundert sich heute über gewaltige Defizite im Lesen und im schriftlichen Ausdruck. Doch handelt es sich lediglich um die logische und unausweichliche Folge bestimmter »pedangogischer«* Auswüchse. Zwanzig Jahre lang habe ich mit anderen zusammen protestiert, gestöhnt und Irrwege kritisiert. Vergeblich. Heute habe ich aufgegeben, mich für nichts und wieder nichts anzustrengen. Das überlasse ich Boistôt und Wyvine in meinen Romanen. Das ist zwar nicht wirksamer, aber immerhin lustiger und aufbauender. Viele Lehrer haben mir gesagt: »Du hast geschrieben, was sich viele nicht zu sagen trauen.« Ich füge noch hinzu, dass die schrecklichsten und gefährlichsten Lehrer diejenigen sind, die sich selbst für vorbildlich halten, sich selbst furchtbar wichtig nehmen und mit derselben Blindheit und demselben Fachchinesisch ihr Unwesen treiben wie die Pädagogin in Rouge sur blanc... Aber Vorsicht vor Verallgemeinerungen! Ich habe auch Pädagogen mit viel gesundem Menschenverstand getroffen. Das gibt es auch.

 

S.S.: Sie beherrschen die Kunst, sehr humoristische und kinoartige Szenen zu schaffen. Ich denke da an die Marktszene in Coup de rouge, an die Ausstaffierung des ewig zerstreuten Joseph oder an die Schlägerei der Ganoven in Le Crime nouveau est arrivé. Haben Sie schon Angebote für Fernseh- oder Filmadaptionen bekommen?

R.R.: Sehr viele Leser haben mir schon diese Frage gestellt. Vielen fällt das stark Visuelle meines Schreibens auf. Man sagt mir, dass die Figuren und die Szenen sich sehr gut für die Verfilmung für das Fernsehen oder für das Kino eignen würden. Viele haben mir geraten oder nahegelegt, meine Romane an Filmproduzenten zu schicken. Das würde mir Spaß machen. Das wäre sehr interessant, sehr aufregend. Leider kenne ich niemanden aus der Filmszene. Und ich habe keine Zeit, etwas in dieser Richtung zu unternehmen, ohne zu wissen, an wen ich mich konkret wenden oder wo ich konkret suchen könnte. Aber ich wäre sehr glücklich, wenn ein Produzent oder ein Filmemacher eines Tages daran dächte. Das wäre eine große Ehre. Ich warte und hoffe. Das Wichtigste ist, dass meine Romane in gute Hände und unter gute Augen geraten...

 

S.C.: Wie werden Ihre Romane in den Weinanbaugebieten, die Sie beschreiben, aufgenommen?

R.R.: Überall sehr, sehr gut. Coup de rouge en Touraine wurde mit großem Erfolg als Serienroman in der Regionalzeitung » La République Centre-Ouest « veröffentlicht. Als ich mich in der Touraine aufhielt, erzählten mir Einheimische begeistert von dem Roman, ohne zu wissen, dass ich der Autor bin. Rouge sur blanc war ein echter Renner in der Buchhandlung »Forum«, der größten von Colmar. Ich wurde zur Buchmesse in Colmar eingeladen und sehr herzlich empfangen. Eine lokale gastronomische Zeitschrift stellte das Restaurant » La Flammerie « in Ribeauville vor, und Wyvine und Joseph Marnay waren die Guides. Die Chefin selbst hat mir ein Exemplar geschenkt. In der Auberge de l'Ill in Illhausen erlebte ich beim Lesen der Rechnung die angenehme Überraschung, dass die Flasche »Vendages tardives« und der Verdauungsschnaps (ein exzellentes Birnenwasser) aufs Haus gingen. Man wollte mir damit dafür danken, dass ich eine Episode des Romans in dieses bekannte und berühmte Gasthaus verlegt habe. In Fleurie, im Beaujolais wird Le crime nouveau est arrivé im »Caveau de Fleurie« verkauft werden, sobald dieser eröffnet ist. Ein Winzer schenkt seinen besten Kunden den Roman. In Belgien haben mir das Komitee der Städtefreundschaft Bomal-Fleurie zusammen mit den ortsansässigen Winzern einen sehr netten Empfang bereitet.
Ich mache die Entdeckung, dass es unter den Winzern viele Leser gibt. So öffnen sich dank meiner Romane die Weinkeller (einige sehr berühmte sind darunter), Begegnungen und unvergessliche Weinproben finden statt, Freundschaften entstehen. Toll! Ich freue mich vor allem über zwei Dinge: Zunächst bin ich sehr froh darüber, dass die Einwohner der betroffenen Weinanbaugebiete sich nicht karikiert oder falsch dargestellt fühlen. Das Gegenteil ist der Fall. Und dann habe ich wirklich interessante, sehr liebenswürdige und warmherzige Menschen kennengelernt. Ganz ehrlich: Mit einer solchen Aufnahme habe ich überhaupt nicht gerechnet.

 

S.C.: Gibt es neue Pläne, vielleicht ein neuer Fall für das Trio aus Placide, Wyvine und dem unwiderstehlichen Marnay?

R.R.: Ja, es gibt sehr genaue Pläne. Flagrants délices (vorläufiger Titel des vierten Romans) wird, wie mir der Verleger mitteilte, »zur nächsten Weinlese« erscheinen. Die Handlung spielt in der Umgebung von Saumur. Und gerade arbeite ich an meinem fünften Roman. Mein fröhliches Trio hat einen heiklen Fall in der Provence zu lösen, in der Gegend von Gordes und Sancerre. Ich würde Placide und sein Team auch gerne ins Pays du Grand Meaulnes schicken, zu den Weinen von Sancerre und Pouilly-sur-Loire. Das ist auch das Land der Hexengeschichten... Auch reizt es mich enorm, Wyvine an die Strände von Oléron, seiner Heimat zu begleiten. Und mein Verleger, viele Leser, aber auch Placide, Joseph und nicht zuletzt Wyvine träumen von einer Eskapade nach Belgien. Je mehr ich mit meinen Figuren herumwandere, desto mehr Ideen geben sie mir ein.

* Im Original ein Wortspiel bzw. ein Neologismus. "pédangogique" ist zusammengesetzt aus "pédant" (schulmeisterlich, besserwisserisch) und "pédagogique".

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