Das Old Peculier Schwarzbier-Krimifestival
(Old Peculier Crime Writing
Festival)
vom 19. bis 22. Juli
2007
Sue Neale
Übersetzung: Alexander Ruoff
Es
war ein Großereignis, und für ein verlängertes Wochenende
platzte das Crown-Hotel in Harrogate vor Krimibegeisterten fast aus allen
Nähten: Das Old Peculier Crime Writing Festival ist das einzige Festival
in Großbritannien, das ausschließlich dem Krimi gewidmet ist.
Seit seiner Gründung im Jahr 2003 hat es sich zu einem bedeutenden
Termin im literarischen Kalender entwickelt.
Am Donnerstag bekamen angehende Schriftssteller
Tipps und Tricks von bereits veröffentlichten Autoren. Simon Kernick sprach über
den Aufbau, Gregg Mosse über das Szenario, Laura Wilson über
Figurenbildung und Natash Cooper über den Prozess des Schreibens.
Die Vortragenden illustrierten ihre wertvollen Ratschläge mit PowerPoint-Präsentationen
oder konkreten Beispielen, indem sie Textpassagen lasen. Ebenso wurden
die praxisorientierten Informationen zu Themen wie Aufbau und Handlungsanalyse
von Beispielen begleitet, die zeigten, in welche Fallen man beim Schreiben
tappen und wie man diese vemeiden kann. Die Vortragenden waren allesamt
große Enthusiasten des Genres und verfügten zudem über
ein breites Wissen zur Arbeit anderer Autoren. Natasha Cooper zeigte,
wie eine sehr einfache Idee um eine Katze und eine Familie auf ganz unterschiedliche
Weise umgesetzt werden kann: als ländlicher Krimi, als Serienkillergeschichte
oder als psychologischer Thriller.
Die letzte Sitzung des Tages wartete mit
einer Verlegerin (Hilary Hale) und einer Literaturagentin (Jane Gregory)
auf, die wichtige Themen zur Sprache brachten: Wie erheische ich die
Aufmerksamkeit eines Herausgebers, und wie lasse ich meinen Roman professionell
begutachten? Obwohl es schwierig ist, in den Markt einzudringen und
nur wenige Manuskripte, die direkt an Verleger oder Agenten geschickt
werden, veröffentlicht werden,
betonten sie doch, dass ein gut recherchierter und gut geschriebener Roman,
der etwas »zu sagen« hat, durchaus deren Aufmerksamkeit wecken
kann.
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Allan Guthrie and his book
©Sam Atkins |
Am Donnerstagabend wurde der Gewinner des »Theakstone Old Peculier
Kriminalroman des Jahres« verkündet, ein Krimipreis, der von
Lesern vergeben wird: Sieger war Two Way Split von Allan Guthrie,
erschienen bei Polygon. Dieser Noir-Thriller, der in Schottland spielt,
weist eher US-amerikanische als britische Einflüsse auf und wurde
interessanterweise zuerst in den USA und erst später in Großbritannien
veröffentlicht.
Das Programm von Freitag bis Sonntag war
dicht gedrängt. Es fing
um neun Uhr morgens an und dauerte bis spät in die Nacht. Man brauchte
viel Durchhaltevermögen, und spätestens am Samstagabend fing
ich an zu schwächeln! Ein besonderer Höhepunkt war das Eröffnungsinterview
mit Val McDermid, die 2006 den Golden Dagger der Crime Writers Association
(Krimischriftstellervereinigung) gewonnen hatte. Ihre Texte sind oftmals
schockierend, vermutlich weil sie sich auf die Opfer der Verbrechen konzentriert,
die zumeist Frauen sind. Einige männliche Autoren kritisierten ihr
Werk, aber sie blieb dabei, dass es wichtig ist, die Welt, in der wir
leben, und ihre Gewalttätigkeit zu reflektieren.
Am Freitag diskutierten Autoren in verschiedenen
Arbeitsgruppen Themen wie »Krimis auf dem Land« (sind ländliche Verbrechen
in schöner Landschaft schockierender als in der Stadt?) und »Frisches
Blut« (jüngst erschienene Autoren diskutierten die Entstehung
ihrer Romane).
In der Arbeitsgruppe »Vornehmtuerei mit der Gewalt« gab es
eine hitzige Diskussion darüber, ob der beste Krimi in den Hinterhöfen
oder im Salon spielt. Sie franste allerdings in einen Streit über
die Klassenlage aus und darüber, über welche Art von Verbrechen
Frauen schreiben sollten - wenn überhaupt.
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Lee
Child ©Sam
Atkins |
Der Höhepunkt des Abends war ein Interview mit Lee Child, dessen
Figur Jack Reacher nun schon in elf Romanen auftaucht. Child war der Ansicht,
der wichtigste Teil seiner schriftstellerischen Arbeit bestehe darin,
ein guter Geschichtenerzähler zu sein. Er beschrieb seine Figur als
eine Art fahrenden Ritter und Einzelgänger, der der Gemeinschaft
hilft, mit einer Gefahr fertig zu werden und dann - ganz wie ein Cowboy
in den alten Western - in den Sonnenuntergang reitet. Reacher ist, was
Child gern wäre, wenn er könnte! Als großartiger Geschichtenerzähler
und Redner strahlte Child einen lebhaften Enthusiasmus für das Genre
im Allgemeinen und seine Figur im Besonderen aus.
Der Samstag begann mit der Arbeitsgruppendiskussion »Die Bullen
kommen«, die von Marcel Berlins geleitet wurde und sich mit der
Frage nach dem Verhältnis von erfundener und wirklicher Polizeiarbeit
auseinandersetzte. Die Herausforderung, interessante und glaubwürdige
fiktionale Polizeibeamte (oder -beamtinnen) zu erschaffen, führte
diese Autoren zu ganz unterschiedlichen Charakteren: einem glücklich
verheirateten, normalen Untersuchungsbeamten, einem Polizisten, der sich
für Übernatürliches interessiert, einem Beamten, der sich
um den Zusammenhalt des Teams kümmert und einer modernen und allein
erziehenden Mutter, die für drei Kinder und ein Baby sorgen muss.
Die Autoren waren sich darin einig, dass sie die Realität ein wenig
verbiegen mussten, damit ihre Fiktionen funktionieren: etwa die Zeitdauer,
die eine DNA-Analyse benötigt. Der Einfluss des Fernsehkrimis und
die Art und Weise, wie dort die Realität zurechtgerückt wird,
war ebenfalls ein Thema.
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UK
vs USA Val McDermid and Mark Billingham
©Sam Atkins
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Historische Kriminalliteratur wurde in der
Arbeitsgruppe »Wie kriegt
man's hin« diskutiert. Die Teilnehmer bestanden aus Autoren, die
ihre Fälle in Rom und im vorrömischen Britannien ansiedeln -
oder auch nur bis ins Istanbul des 19. Jahrhunderts und in das England
der 1930er Jahre zurück gehen. Zwar gab es eine allgemeine Übereinstimmung
darüber, dass es wichtig sei, die historischen Hintergründe
so darzustellen, dass sie glaubwürdig erscheinen. Aber manchmal,
wenn keine Quellen zu finden sind, sei es auch in Ordnung, die Vorstellungskraft
zu bemühen. Von besonderer Wichtigkeit seien die Dialoge, die die
Sprache und den Stil der jeweiligen Periode widerspiegeln.
»Verbrechen in der Stadt« kontrastierte mit der vorhergehenden
Diskussionsrunde über Verbrechen auf dem Land. Alle Autoren haben
sich lange mit der Rolle der Orte auseinandergesetzt, die sie für
ihre Krimis ausgewählt haben, von Venedig über Portsmouth, London
und Cambridge über Athen und Edinburgh. Ihr vorrangiges Anliegen
war es, den Leser diese Orte durch unterschiedliche Augen sehen zu
lassen.
Zur Kriminalliteratur gehören auch Thriller, und in der Arbeitsgruppe »Geheimnisse,
Spione und Auswärtige Angelegenheiten« wurden wichtige Elemente
dieser Romane diskutiert. Diese Narrative, die oft als männliches
Genre gesehen werden, handeln von Betrug und Täuschung und streichen
das einsame Individuum heraus, das Probleme mutig angeht.
Das Festival war eine großartige Gelegenheit für Krimi-Fans,
nicht nur Autoren, Herausgeber und Literaturagenten zu treffen, sondern
auch zahlreiche andere Krimi-Begeisterte. Hier konnte man sowohl einen
Einblick in das Schaffen der Schriftsteller erhalten, als auch die vielen
verschiedenen Arten von Krimiliteratur kennen lernen, die veröffentlicht
werden. Außerdem waren viele der Teilnehmer offenkundig nicht nur
Leser von Krimis, sondern produzieren auch selbst Kurzgeschichten,
Romane oder Websites.
An dieser Stelle kann mehr über
die Autoren erfahren werden.
