Berndorfs Abgang
Kriminalromane in der schwäbischen
Alb
von Ulrich Ritzel
Elfriede Müller
1940
in Pforzheim geboren, verbrachte Ulrich Ritzel fast sein gesamtes Arbeitsleben
als Journalist in der süddeutschen Provinz. 1999 gab
er sein Krimi Debüt Der Schatten des Schwans, gleichzeitig
der erste Auftritt von Kommissar Berndorf. 2006 erschien
Ritzels letzter Berndorf-Roman, Uferwald, in dem
der literaturliebende Kommissar (Montaigne, Hebbel, Lichtenberg, Brecht)
gar nicht mehr vorkommt. Ohnehin hat man in den fünf Romanen immer
den Eindruck, dass er eigentlich auf der falschen Seite steht. Am Ende
zieht er folgerichtig nach Berlin, zu seiner Geliebten Barbara. Ein
Umzug, der schon im ersten Buch zur Debatte steht. Berndorfs Anderssein
ermöglicht
Ritzel eine feinsinnige Kritik an Polizei und Bürokratie. Berndorf
eckt ständig bei seinen Vorgesetzten an (die Demos zusammenprügeln
lassen, das lokale Bürgertum decken und in Kriminalfällen immer
falsch liegen) und beginnt seine Liebe mit Barbara, als er die damalige
Studentin vor den Wasserwerfern der Polizei rettet. Gleich im ersten
Buch wird er zeitweilig suspendiert, um in den folgenden Bänden seine
Pensionierung vorzubereiten.
Zeitgeschichte und Gesellschaftskritik sind
die Themen von Ritzels Romanen, vom Nationalsozialismus über die
Studentenbewegung und den bewaffneten Kampf bis hin zu Stasileuten,
die nun für die Amerikaner arbeiten.
Doch erstaunlich für einen deutschen Autor sind nicht diese Themen,
sondern seine genaue Klassenanalyse einer deutschen Provinzstadt. Ein
Sujet, das sich so selten in der deutschen Literatur und noch seltener
in der Kriminalliteratur findet. Ritzel schreibt aber nicht etwa im
Stil des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt, sondern schildert
eine scheinbar nivellierte Mittelstands- und Angestelltengesellschaft
in ihren klassenspezifischen Ausprägungen.
In Der Schatten des Schwans haben
zwei arme Teufel Pech. Der Mord des einen im Jahr 1945 ermöglicht die Karriere eines Pharmakologen,
der in Christophsbrunn Menschenversuche an Kriegsgefangenen unternahm.
Der zweite, ein Arbeitsloser aus Görlitz, ist der uneheliche Sohn
eines Wehrmachtssoldaten. Korruption im Bauwesen, bei dem das Ulmer Bürgertum
versoffene rechtsradikale Skins erst instrumentalisiert und dann über
die Klinge springen lässt, ist das Thema von Schwemmholz.
Ein
ständig wiederkehrender Topos sind alternde Bürger, die ihre
Ehefrauen mit intriganten Assistentinnen, Sekretärinnen oder scheinbar
hilflosen jungen Damen betrügen. Dass der widerliche Bauunternehmer
in Schwemmholz in seiner Jugend auch noch Vergewaltiger war,
erscheint allerdings etwas überzogen und zieht den Schluss in die
Länge.
Dafür geht es in Die schwarzen Ränder der Glut rasant
zu, ein fürs Schwäbische erstaunlich schneller Handlungswechsel
bestimmt den Stil dieses Romans, der in die Zeit des bewaffneten Kampfes
1972 führt. Das Buch zeigt, wie widerlich manche ehemalige Linke
geworden sind und dass die Hoffnung von 1968 den Bach runtergegangen
ist. Der Werdegang des Kommunikationswissenschaftlers Schatte zum Neuen
Rechten ähnelt
auffällig dem Lebensweg von Bernd Rabehl, eines führenden Kopfes
der Westberliner APO Ende der Sechzigerjahre, der mittlerweile bei
der NPD gelandet ist. Ritzel erinnert mit seinem Plot daran, welche Rolle
der Staatsschutz bei der Aufheizung des bewaffneten Kampfes spielte.
Der Hund des Propheten ist eine
Religionskritik, wie sie aktueller nicht sein könnte: "'Wenn die Stasi ihr Wissen wirklich von
unseren Konfirmanden bezogen hat', sagt Berndorf bedächtig, 'wundert
mich allerdings nicht mehr, was aus der DDR geworden ist.'" Auch
wenn ein Hauch von Verschwörungstheorie mitschwingt, handelt es sich
um Ritzels witzigsten Roman. Christliche Hilfsorganisationen, die mit
Waffen handeln, ehemalige Stasileute, die den Protestantismus unterwandern,
schmierige Reporter und eine vermeintliche Suche nach Nazigold bringen
den bereits pensionierten Berndorf zum letzten Mal auf Trab.
Ritzels Berndorf-Romane können einzeln,
aber auch als Gesamtwerk gelesen werden. Wobei Letzteres den Vorteil
hat, dass man das Verschwinden des Subjekts in Uferwald als
Endpunkt einer Entwicklung versteht.
Die einzige außergewöhnliche
Person, Berndorf, ist nicht mehr da, das polizeiliche Tagesgeschäft
erledigen seine ehemaligen Mitarbeiter, die toughe Tamar und der stinknormale
Kuttler, die beide ihre Abende nicht mit Weltliteratur, sondern vor
der Glotze verbringen. Eine von Ritzels Stärken liegt in der Beschreibung
seiner Personen. Durchschnittlichkeit ist selten so unterhaltsam
geschildert worden wie bei der ehemaligen Studiclique in Uferwald, deren
Mitglieder auf unterschiedlichste Weise Konformisten sind, wie z. B.
der mit der Lehrerin Isolde verheiratete Hausmann Treutlein, der eine
Bürgerinitiative in seinem Viertel gründet
gegen die Ansiedlung eines Obdachlosenheims. Man sagt den Schwaben
nach, dass sie gute Handwerker sind. Ritzel ist ein sehr guter.
Ulrich Ritzel erhielt den Burgdorfer
Krimipreis für Der
Hund des Propheten und den deutschen Krimipreis
für Schwemmholz.