krimis in Europa
n°11

Autostop

Giovanni Zucca
Übersetzung: Dieter Hartmann

„Wohin musst du, Blondschopf?“

„In die Nähe vom Einkaufszentrum.“

„Das trifft sich ja. Komm, steig ein.“

„Danke.“

„Stehst du schon lange?“

„Mindestens ?ne Dreiviertelstunde. Wenn Sie nicht angehalten hätten … Übrigens, ich heiße Max.“

„Angenehm, Max. Weißt du, dass viele Leute Angst vor Trampern haben? Man liest heute so viel darüber in den Zeitungen …“

„Und Sie, haben Sie keine Angst?“

„Wer, ich? Ich hab vor niemandem Angst. Und außerdem mag ich die Gesellschaft von jungen Leuten. Ich finde das … anregend, ja, anregend.“

„Wirklich?“

„Ja, sicher. Hey, versteh mich nicht falsch. Ich bin absolut keiner von diesen Schwuchteln!“

„Keine Sorge, ich versteh schon, was Sie meinen.“

„Na prima … Du weißt ja, wie das heute so ist … Die Welt wird doch von Tag zu Tag kaputter.

„Ja, genau. Hmm … Was für ein Verkehr!“

„Wieso, hast du's eilig?“

„Ehrlich gesagt: Ja. Genau dann, wenn man es eilig hat; mein Auto hat den Geist aufgegeben, als ich gerade zu einer Verabredung wollte, und es nervt mich zu spät zu kommen …“

„… weil du Angst hast, dass sie keine Lust hat, noch länger auf dich zu warten und wieder weggeht. Vielleicht mit einem anderen.“

„Es gibt keine sie. Ich treffe mich mit … mit einem Freund. Wir wollten ins Kino gehen. Nichts weiter.“

„Ah, na dann … Sag mir doch lieber, was mit deinem Auto ist.“

„Was weiß ich? Es ist plötzlich stehen geblieben, einfach so. Ich versteh nichts von Autos.“

„Darauf hätt ich geschworen. Wenn mir das passiert wäre, ich hätte das wieder hingekriegt. Stell mich vor ein kaputtes Auto, egal welches, und ich bring's wieder zum Laufen, darauf kannst du wetten … Klar, ihr jungen Leute … seien wir doch ehrlich, ihr müsst immer alles kritisieren, nichts passt euch, aber wenn am Ende nicht wir ‚Alten' da wären, um euch aus der Patsche zu helfen, allein könnt ihr doch nicht einmal einen Nagel in die Wand schlagen. Hey Max, ich will dich nicht beleidigen, ich meine, allgemein.“

„Na sicher, ohne zu beleidigen. Warum sind Sie dann so gerne mit jungen Leuten zusammen, wenn die Ihrer Meinung nach doch zu nichts taugen?“

„Nein, so mein ich das nicht. Aber schau mal, das Problem ist doch, dass ihr keine Power habt, keinen Biss, ihr lasst die Dinge einfach so auf euch zu kommen … Na, so ein Arsch, das wär ja noch schöner, dich überholen zu lassen! Wo war ich? - ja, nur ein Beispiel: Nimm doch die Frauen. Mit all den Möglichkeiten die's heute so gibt, die Pille und so, da müsstet ihr euch doch eigentlich dahinterklemmen, verstehst du was ich meine?“

„Und was?“

„Ihr verschwendet eure Zeit mit Schwachsinn, mit Rockmusik, mit Videospielen, Kino … ganz zu schweigen von Drogen. Das ist alles Scheiß!“

„Klar, wenn Sie das sagen.“

„Ich sag's, weil ich es weiß! Sieh dagegen mich an. Ich arbeite als Vertreter für eine Düngemittelfirma, und weil ich was davon verstehe, verdien ich einen Haufen Kohle damit. Klar bin ich immer unterwegs, ich muss in ganz Europa hin und her reisen. Kannst du dir das vorstellen? Flugausfälle, Zugverspätungen, Streiks, geplatzte Buchungen … ein einziges Chaos. Wenn ich wollte, könnte ich die Geschäftsleitung einfach um Versetzung auf einen Posten im Innendienst bitten, sie würden ihn mir sofort geben, und dann wäre Schluss mit dem Chaos. Rate mal, warum ich es nicht mache?“

„Keine Ahnung, ich denke, wegen dem Geld …“

„Falsch, Max. Wegen den Puppen. Wegen der Mädels, die überall in der Welt auf mich warten. Tagsüber harte Arbeit, aber abends wird auf die Pauke gehauen. Weißt du, was mein Motto ist: Immer in die Vollen. Und nie allein schlafen; das ist ungesund! Sekretärinnen, Hostessen, Studentinnen … immer nur vom Feinsten … und alle warten sie nur drauf. Na klar, man muss schon wissen, wie man's richtig anstellt.“

„Klar, absolut. Sind Sie nicht verheiratet?“

„Klar bin ich verheiratet. Wie alle anderen auch. Und was soll das schon heißen? Soll ich etwa nicht auch ein bisschen Spaß haben dürfen? Bei dem Aufwand, den ich betrieben habe fürs Heiraten! Klar, meine Frau ist hübsch, das kann ich nicht bestreiten, aber das Schlimme ist, dass sie eine Null ist, verstehst du? Von ihr krieg ich nichts als Klagen zu hören. Sie hat nicht einen Funken Ehrgeiz, bei meiner Karriere war sie mir immer nur ein Klotz am Bein! Und im Bett? Lassen wir das, glaub mir …“

„Und warum lassen Sie sich dann nicht scheiden? Es geht mich ja nichts an, aber wenn Sie beide nicht glücklich miteinander sind …“

„Du hast ne ganz schön kesse Lippe! Stell dir nur mal vor, sie würde mich verlassen. Und wie soll sie dann einen anderen finden? Ohne mich ist sie verloren, ich sag's dir. Soll ich dir einen Rat geben, Max? Falls du je vorhattest zu heiraten, dann überleg's dir ganz schnell anders!“

„Achtung, der da hat Vorfahrt …!“

„Und wenn schon: Der muss halt aufpassen. Was hab ich gesagt?“

„Sie können mich nach der Kreuzung da raus lassen, da bei der Bar … Ich wollte gerade fragen: Fahren sie jetzt nach Hause zu ihrer Frau?“

„Wohin denn sonst? Hier in der Stadt bin ich ganz zahm, die Fassade muss man schon wahren. Aber wenn ich nur daran denke, wie sie vor mir steht: All das Getue und das leere Geplapper, da dreht sich mir der Magen um. Du brauchst gar nicht so das Gesicht zu verziehen. Versuch du einmal, zwanzig Jahre mit so einer Frau zusammen zu sein, dann wirst du schon sehen …“

„Also, hier ist es prima. Auf Wiedersehen, und danke für's Mitnehmen, und für die wertvollen Tipps …“

„Wart mal einen Moment. Mir kommt da gerade eine Idee. Warum gibst du mir nicht die Schlüssel von deinem Auto und sagst mir, wo du es stehen gelassen hast, dann kann ich's ja reparieren? Ich hab dir doch gesagt, dass ich mich mit Motoren bestens auskenne.“

„Danke, das ist sehr nett von ihnen, aber das ist wirklich nicht nötig.“

„Warum nicht? Hör mal, Blondschopf, lass mich das machen. Du kriegst dein Auto repariert zurück, ohne einen Cent zu bezahlen. Ich habe meinen Spaß, für ein paar Stunden, und kann das Nachhause-Kommen noch ein bisschen hinauszögern. Wo ich sowieso viel zu früh dran bin … Komm schon, lass uns keine Zeit verlieren. Ja oder nein?“

„Ich weiß nicht, ob … Also gut, einverstanden. Ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen danken sol l…“

„Lass gut sein mit dem Bedanken. Wenn ich's repariert habe, stelle ich das Auto auf den Parkplatz am Bahnhof und lasse den Schlüssel beim Wächter, einverstanden? Wir sehen uns, Blondschopf.“

* * *

„Willst du wissen, was mich an dir sofort tief berührt hat? Wie du mich angesehen hast. Dein Blick war so unheimlich sanft …“

„Du bist so schön, wunderschön. Du hast etwas … ich weiß nicht, wie ich sagen soll, du hast etwas ganz Besonderes.“

„Was denn?“

„Ich hab schon gesagt, ich weiß nicht was. Was ich weiß ist, dass ich gerade dabei bin mich in dich zu verlieben.“

„Nein, hör auf damit. Es ist so leicht, diese Worte zu sagen …“

„Ich meine es ernst.“

„Du kennst mich seit einer Woche, ach noch nicht einmal, seit weniger als einer Woche.“

„Für mich reicht das.“

„Ich bin zu alt für dich.“

„Ich bin ganz verrückt nach älteren Frauen. Besonders, wenn sie in der Wohnung umherlaufen, ohne irgendetwas anzuhaben …“

„Schäm dich! So etwas zu einer erwachsenen Frau zu sagen …“

„Komm her …“

„… Du hast mir noch gar nicht erzählt, warum du mich so lange hast warten lassen.“

„Du hast mir dazu ja keine Zeit gelassen.“

„Ich dachte, du hättest es dir anders überlegt. Ich hatte Angst, dich nie mehr wieder zu sehen. Schon bei dem Gedanken war ich vollkommen aufgelöst …“

„Machst du Scherze? Ich konnte es gar nicht erwarten zu dir kommen – aber dein Auto war da wohl anderer Meinung.“

„Was? Willst du damit sagen, dass es kaputt ist? Du weißt doch, dass das eine ziemliche Katastrophe ist? Ach ja, natürlich, ich hatte dir nicht gesagt, das mein Mann morgen zurückkommt. Wenn er das Auto nicht in der Garage findet, wird er wissen wollen, warum, er wird Fragen stellen … viel mehr, als wenn ich nicht da wäre.“

„Liebste, mach dir keine Sorgen. Um hierher zu kommen, bin ich getrampt und dann hat mich endlich jemand mitgenommen. Ich muss sagen, menschlich kam der mir wie ein Arschloch vor, aber wichtig ist nur, dass er sich mit Motoren auskennt, und ihm macht es Spaß daran herumzuschrauben. Er wollte unbedingt, dass ich ihn das Auto reparieren lasse, und am Ende musste ich ihm die Schlüssel geben …“

„Hast du nicht daran gedacht, dass er ein Dieb sein könnte?“

„Spontan habe ich gar nicht daran gedacht, da hast du Recht. Aber der ist jedenfalls nicht der Typ, der Zeit dafür verschwenden würde, ein kleines Auto zu klauen. Der muss stinkreich sein …“

„Woher weißt du das?“

„Na ja, das Übliche halt: Teure Klamotten, dickes Auto … Und dann, wie der geredet hat, und seine Bewegungen … Er schien sehr überzeugt von sich zu sein, ziemlich arrogant … Der kann nicht viele Freunde haben.“

„Übertreibst du nicht ein wenig? Hat er dir nicht einen großen Gefallen getan, oder?“

„Oh, deswegen: Na, der hatte seine eigenen Gründe. Weißt du, am Ende hatte ich den Eindruck, dass er ein brutaler Mensch ist, der seine Brutalität verbirgt, aber er lässt sie immer durchscheinen, so wie eine Pistole unter der Jacke … wie …, ich weiß nicht, wie ein Mafioso, ein Killer …“

„Ein Killer … Ich glaube, deine Fantasie geht gerade mit dir durch!“

„Kann schon sein … Hast du keinen Durst? Ich geh in die Küche runter und hole etwas zu trinken. Vielleicht ist das sein wahrer Job: Killer … Von wegen Vertreter! Ich sehe ihn fast vor mir: Eins dieser großen Büros mit Vorzimmer im obersten Stockwerk eines Wolkenkratzers ganz aus Glas, und er sagt mit ernster Stimme: ‚Sie möchten doch Dünger für eine Million kaufen, Mister Smith? Nein? Bedauerlich …' und plötzlich: Zack!, zieht er und schießt, peng peng, welch ein Jammer um den schönen Teppichboden, voller Blut, dann geht er vollkommen ruhig hinaus zur Sekretärin: ‚Für heute möchte Mister Smith nicht gestört werden', und ein Lächeln verzieht die sichelförmige Narbe auf seiner Wange, und sie antwortet: ‚Gewiss!' und denkt: ‚Mein Gott, was für ein faszinierender Mann!' …“

„Aber … was redest du denn?“

„Was? Warte, ich komme gleich rauf … Es beginnt zu regnen … Schau mal wie der rennt! Hey, der … der läuft ja hierher. Er kommt zu uns …“

„Eine Sichelnarbe auf der Backe … Max! Max, hau sofort ab! Das ist er!“

* * *

„Ich hätte es früher tun müssen.“

„Wir sprachen gerade von der Pistole.“

„Die Pistole … Vor zwei, drei Jahren gab es in dieser Gegend eine Reihe von Aufsehen erregenden Einbrüchen. Dabei wurde auch eine Frau getötet. Sie müssten sich eigentlich daran erinnern. Damals haben wir die Pistole gekauft, so, um uns sicherer zu fühlen …“

„Wer hat ihnen gezeigt, wie man damit umgeht?“

„So schwierig ist das nicht … Ich habe es so oft gesehen, im Fernsehen.“

„Verstehe; Sie befanden sich also auf der Treppe, in dem Moment, als er …“

„… als er hereinkam? Ja, ich war auf der Treppe. Er war wie eine Furie … Ich habe ihn angeschrien, ich weiß nicht mehr, was ich geschrien habe, aber er hat mich nicht einmal angeschaut. Er hatte nur eine Sache im Kopf, eine einzige.“

„Aber, sehen Sie, das ist es, was ich mir noch nicht erklären kann. Nach dem, was wir aus den bisherigen Aussagen wissen, haben wir das Bild einer völlig zerrütteten Ehe, nur noch als Fassade, hinter der nichts übrig geblieben ist als Leere. In diesem Bild bleibt mir die Reaktion Ihres Mannes unverständlich.“

„Sie können das nicht verstehen, Herr Kommissar. Für mich hingegen war es wie ein alter Film vor meinen Augen …“

„Was möchten Sie damit sagen? Könnten Sie das bitte erklären.“

„… Es ereignete sich vor vielen Jahren … Es gab einen anderen, damals. Er war zufällig hier ins Dorf gekommen und war geblieben. Er war Maler. So sagte er mir, und als ich ihn bat, mir eines seiner Bilder zu zeigen, antwortete er mir, dass dies nicht möglich sei, dass er nur in seinem Kopf male, weil er keine Farben fände, die schön genug wären … Er gefiel mir, wissen Sie? Er war so sanft zu mir, so höflich. Bis er mich fragte, ob ich mit ihm fort gehen würde. Ich konnte mich nicht entscheiden, ich wollte ihn nicht verlieren, aber gleichzeitig machte mir die Vorstellung große Angst, so plötzlich meine überschaubare kleine Welt zu verlassen … Diesen Abend werde ich nie vergessen: Wir waren an der gleichen Stelle wie immer verabredet, ein altes Bauernhaus außerhalb des Dorfes, wir mussten uns heimlich treffen, verstehen Sie, wegen meinen Eltern, und ich wusste, dass wir an diesem Abend eine Entscheidung über unsere Zukunft treffen würden … Es regnete stark, so hörte ich den Motor des nahenden Autos nicht, bis es direkt vor mir war. Es war der Sohn des Bürgermeisters. Auch er war hinter mir her, denn er wollte mich um jeden Preis haben, und er war es gewohnt zu bekommen, was er wollte, ob die anderen nun einverstanden waren oder nicht. Er konnte es nicht akzeptieren, dass ich ihm einen von außerhalb, einen halben Vagabunden vorzog – ihm, der als die beste Partie im Dorf galt … Er ging schnell auf mich zu, seine Haare waren klatschnass und sein Gesicht machte mir Angst. ‚Er ist weg gegangen. Warte nicht auf ihn, er wird nie mehr zurückkommen', das waren seine Worte. Ich wollte, dass er mir erklärte, was das bedeute, aber er antwortete nicht … Er warf mich auf den Boden, dort in diesem kahlen Raum. Dann machte er sich über mich her. Die Kälte war schrecklich …

Einen Monat später war ich seine Frau. Nach weiteren acht Monaten gebar ich ein totes Kind … Er hatte bereits das Interesse an seiner Frau verloren. Nun besaß er mich ja, welchen Grund hatte er da noch, sich mit mir zu befassen? Besser, sich mit anderen Frauen zu beschäftigen. Wer weiß, wie viele er gehabt hat …“

„Und von diesem anderen, diesem Maler, haben Sie nie wieder etwas gehört?“

„Ich versuchte Monate lang, Nachricht über ihn zu bekommen. Er fehlte mir, obwohl der Schmerz in mir brannte, dass er einfach so weggegangen war, ohne mir ein Wort zu sagen. Ich war davon überzeugt, dass mein Mann ihn bedroht hatte, damit er sich von mir fern hielte. Ich sagte mir, dass er sich bestimmt irgendwo versteckte, aber dass er sicher bald nach mir suchen würde.

Wir waren mittlerweile in die Stadt gezogen, und mein Mann hatte dank eines Freundes eine ideale Arbeit gefunden, in jeder Hinsicht, für einen wie ihn … Langsam begann ich zu vergessen, Tag für Tag ein Stück mehr.

Hin und wieder ließ ich mir aus unserem Dorf die Lokalzeitung schicken, einfach so, um ein paar Neuigkeiten von zu Hause mitzubekommen … So las ich eines Tages diesen Artikel: Er handelte von ein paar Bauern, die, als sie einen alten Brunnen wieder freigraben wollten, auf Reste eines menschlichen Körpers gestoßen waren … In mir verspürte ich etwas, dass ich nicht beschreiben kann. Aus einem Impuls heraus rief ich bei der Zeitung an, ich erfand eine absurde Ausrede, es gelang mir, mit dem Autor des Artikels zu sprechen. Ich erfuhr, dass keine Hoffnung bestand, die Leiche zu identifizieren, und ich erfuhr auch – dieses Detail hatte die Zeitung weggelassen – dass diese Bauern zusammen mit der Leiche einen völlig verrosteten Wagenheber gefunden hatten…

„Einen Wagenheber?“

„Ja, Kommissar. Ein Wagenheber, so wie der, den mein Mann in der Hand hielt, als er Max angegriffen hat. Sehen Sie nicht, wie alles sich wiederholt?“

„Moment mal, einen Moment. Der alte Wagenheber beweist gar nichts.“

„Hören Sie, Kommissar, an jenem Abend, nachdem … als ich mich wieder angezogen hatte, beschloss mein zukünftiger Ehemann, unsere Liebe, das sagte er wirklich, ‚unsere Liebe', zu feiern. Wir mussten irgendwohin gehen, um dort zu Abend zu essen. Können Sie sich das vorstellen? Trotzdem ging ich mit ihm mit, wie betäubt. Wir gingen in ein Restaurant, ein teures Lokal, das etwas abgeschieden lag. Ich erinnere mich, dass ich sehr wenig trank und nichts aß, während er sich voll stopfte, stolz auf seinen Triumph … Beim Hinausgehen bemerkte er, dass das Auto einen Platten hatte. Er fluchte bei dem Gedanken, im Regen einen Reifen wechseln zu müssen, er öffnete den Kofferraum, dann erstarrte er … und plötzlich wurde seine Gesicht wieder so böse, wie als er mich vor dem Bauernhaus gefunden hatte, ein paar Stunden zuvor. Schnell lief er die anderen Autos auf dem Parkplatz ab, bis er einen offenen Kofferraum gefunden hatte. Er suchte einen Wagenheber …“

„Sicher, die Details passen sehr gut zusammen, aber das genügt nicht, um zu beweisen, dass ein Verbrechen begangen wurde …“

„Für Sie vielleicht. Ich, als ich sah, wie Max stürzte, mit seinem vom Wagenheber entstellten Gesicht, sein Blut überall … es war, als sähe ich vor meinen Augen den anderen Mann sterben, viele Jahre zuvor, auch er ermordet von meinem Gatten. In diesem Moment, glaube ich, bin auch ich gestorben, innerlich. Es gab nichts mehr, was mich noch an das Leben band, mit Max sind auch meine Erinnerungen gestorben … Und der Schuldige für all dies stand da, inmitten des Zimmers, und überlegte, wie er die Spuren seines Verbrechens beseitigen könnte, ohne mich auch nur zu beachten, mich, seine armselige, ihm untertänige Frau. Er sah mich mit seinem üblichen verächtlichen Blick an, als ich auf ihn zuging, dann sah er mich genauer an und sagte: ‚Was machst du denn da, bist du verrückt geworden?' Und in diesem Moment sah ich die Angst in seinen Augen, diesen Augenblick hätte ich gerne unendlich viel länger erlebt, aber er hat versucht mich festzuhalten, da habe ich auf ihn geschossen, ein Mal, zwei Mal, drei Mal, bis ich ihn nicht mehr vor mir gesehen habe und die Pistole leer war …

Ich sagte es Ihnen bereits, Herr Kommissar: Es war ganz einfach, gerade so wie im Fernsehen …“


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