krimis in Europa
n°8 Februar-März-April 2007

 

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Politique du polar
Jean-Bernard Pouy*

Véronique Rohrbach

Lausanne, Essais, Band 13, Archipel 2007, 144 S.

Etienne Borgers
Übersetzung: Elfriede Müller

 

Politique du polar ist die gekürzte Fassung der Magisterarbeit von Véronique Rohrbach, eingereicht an der Universität von Lausanne. Die Autorin bezieht sich auf die Sozialkritik des frühen Hardboiled und im Besonderen auf den französischen Neopolar ab den Siebzigerjahren. Eine Strömung, die sich als politisch-literarische Fortsetzung linker und linksradikaler Bewegungen versteht, vor allem der anarchistischen Strömung des Mai 68. Rohrbach untersucht die Verbindungen zwischen den Autoren dieser Strömung und bestimmte Konstanten in ihren Romanen. Egal, ob in ihren Büchern konkrete Militanz dargestellt wird oder sich Sympathien für die eine oder andere Bewegung zeigen, diese Autoren teilen eine Gesellschaftsanalyse Frankreichs, die vor allem soziale und politische Widersprüche untersucht.

Rohrbach beschreibt die Entwicklung des Kriminalromans seit seiner Entstehung, stellt seine Wurzeln und Subgenres vor und ermöglicht damit uneingeweihten Lesern einen Einblick in die Welt des modernen Krimis. Hervorzuheben ist vor allem ihre Definition des Genres mit seinen Grenzen und Besonderheiten. Diese gelungene Definition war lange überfällig, da zahlreiche Interpreten und Essayisten auch in jüngster Zeit dieses Problem umgehen, aber den Begriff des roman noir für alles und nichts verwenden, was nur Konfusion erzeugt. Ein Beispiel dafür ist der mehr als diffuse Gebrauch des Begriffs "Polar" in Frankreich.

Rohrbach unterstreicht die Absicht der Autoren des französischen Neopolar und ihrer Nachfolger, sich eines Subgenres des Kriminalromans zu bedienen, das von der institutionalisierten Literatur missachtet und damit unterdrückt wird: des roman noir, seiner vielversprechendsten, literarisch freiesten und innovativsten Untergattung. Mit dem roman noir setzen diese Autoren, trotz der Ernüchterung nach dem Mai 68, ihr politisches Engagement literarisch fort, ohne dabei Agitprop zu betreiben oder "engagierte" Literatur im Sinn von Jean-Paul Sartre zu schaffen. Mit ihrer Weigerung, die minimalistische Sprache der konventionellen Literatur zu verwenden und deren individualistische Ethik zu teilen, verstehen sich die Autoren des Neopolar als "literarische Oppositionelle".

Die Autorin betont zu Recht, dass die literarische Haltung der Autoren des französischen Neopolar zweideutig ist. Einerseits kritisieren sie die traditionelle Literatur, um die eigene Haltung als Oppositionelle und Anhänger einer verachteten Literatur deutlich zu machen, zum anderen übernehmen sie jedoch wenigstens zum Teil die Methoden der institutionalisierten Literatur und die Ergebnisse der konventionellen Literaturwissenschaften. Aber gerade diese vermeintliche Inkonsequenz hat ihre Literatur bereichert. Seit den Fünfzigerjahren hat sich die literarische Qualität des roman noir erheblich erhöht.

Der zweite Teil des Essays analysiert auf 45 Seiten die "engagierte" Haltung von Jean-Bernard Pouy, der andere Krimigenres als den roman noir ablehnt. Pouy bezeichnet sich nicht als Schriftsteller, sondern als Autor von romans noirs. Dies hängt selbstverständlich mit seinem politischen Engagement zusammen in und mit den linksradikalen Grüppchen der Sechzigerjahre, deren Spuren er oft in seinen Romanen ironisiert, vor allem den Streit zwischen den Gruppen und ihre autoritären Ideologien. Pouy ist ein Autor, der seine politische Herkunft, seine anarchistischen Analysen der Gesellschaft nicht negiert. Er ist ein streitbarer und wirksamer Verteidiger der Populärliteratur und des roman noir gegen die institutionalisierte Literatur. Rohrbach untersucht diesbezüglich einige von Pouys Romanen und stützt sich auf Interviews und Sekundärtexte.

Trotz seines akademischen Duktus bleibt der Text von Véronique Rohrbach lesbar und spannend. Wie andere Essays, die im Rahmen von Literaturseminaren entstanden sind, betrachtet Politique du polar die Literatur unter soziologischen Aspekten, vor allem als Ort der sozialen Auseinandersetzung. Das ist zwar wichtig, reicht aber nicht aus. Immerhin ermöglicht diese Betrachtungsweise, die sich solcher Begriffen bedient wie "Protest", "Sozialkritik" und "Politik, einen interessanten Blick auf den roman noir, seine Motive, Themen, sein "Feld", und eine soziologische Studie seiner bedeutenden Autoren. Aus all diesen Gründen lohnt es sich, den Essay von Véronique Rohrbach zu lesen.

Rohrbachs Untersuchung des roman noir, seiner Ursprünge und Besonderheiten auch in Bezug auf andere Kriminalromane trägt dazu bei, die Fans des "Polar noir" anzuregen, die richtigen Fragen zu stellen, und bereichert ihre Debatte. Nicht zuletzt verteidigt Rohrbach den Neopolar gegen die scharfe und irrationale Kritik, die seine sozial und ethisch begründete Wahrheitssuche hervorruft.

 

ANMERKUNG zu den Essays über Kriminalliteratur

Zum Schluss noch eine Anmerkung. Es wäre wünschenswert, wenn die Analysen der aktuellen Kriminalliteratur sich mit der Literaturkritik verbinden würden, mit der Suche nach den literarischen Ursprüngen des Genres und mit seiner Bedeutung, seiner Entwicklung und vor allem mit einer Charakterisierung der betreffenden Autoren. Auf diese Weise könnte man die Strömungen innerhalb des Subgenres bestimmen und würde so über die rein historische Betrachtung hinausgehen. Wenn man über die Literatur eines Subgenres schreibt, so schreibt man über Literatur schlechthin. Warum also eine immer größere Zurückhaltung an den Tag legen in der Beurteilung der literarischen Qualität und warum Kriterien ignorieren, die nicht zu dem analysierten Genre gehören?

Idealtypisch wären interdisziplinäre Studien, die den Kriminalroman mithilfe der Geschichtswissenschaften, der Soziologie und der Literaturkritik untersuchen, ohne deren Methoden voneinander zu trennen.

Diese Studien könnten durch den Vergleich mit romans noirs aus anderen Ländern erweitert werden, die sich seit 1990 erheblich vermehrt haben, und auf die verschiedenen hybriden Einflüsse dieses Subgenres und seine jeweiligen nationalen, sozialen und literarischen Besonderheiten eingehen. Die Bedeutung des Genres rechtfertigt solche Forschungen seit langem.

* Der politische roman noir. Jean-Bernard Pouy

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