krimis in Europa
n°11

 

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Wasserkrimis

Jürgen Benvenuti: Big Deal. Thriller. Haymon Verlag 2007, 346 S.
François Darnaudet: Les ports ont tous la même eau. (Die Häfen haben alle das gleiche Wasser). Mare nostrum Polar 2007. 271 S.
   
Wolfgang Schorlau: Fremde Wasser. Denglers dritter Fall. Kiepenheuer & Witsch 2006. 271 S.
Raul Zelik: Der bewaffnete Freund. Roman. Blumenbar Verlag 2007. 286 S.

Elfriede Müller

 

Im Zeitalter der Globalisierung verbindet Wasser zwar nach wie vor Orte, verdeutlicht aber auch mehr denn je Grenzen und ist zum Gegenstand von Auseinandersetzungen geworden. Damit ist der kostbare Rohstoff als Krimisujet prädestiniert. Auch wenn Darnaudet feststellt, dass die Häfen letztendlich alle das gleiche Wasser haben. Sein Roman spielt zwischen Atlantik und Mittelmeer, zwischen Bordeaux und Perpignan, zwischen Andernos und Port-Vendres, zwischen Collioure und Arcachon. Les ports ont tous la même eau erzählt die Geschichte von zwei Jungs, Marsal und Francis, und zwei Meeren. Zwei Geschichten, die sich letztendlich als eine herausstellen. Als engagierter Autor des französischen roman noir verleiht Darnaudet einem Mord in der Gegenwart eine politisch-historische Dimension: Das Opfer, Charly, war der uneheliche Sohn des deutschen Wehrmachtsoldaten Karl und von Martine, der Tochter eines französischen Austernhändlers, die sich 1943 kennenlernten, als Frankreich von Nazideutschland besetzt war. Natürlich hatte ihre Liebe keine Zukunft, Karl wurde an die Ostfront versetzt, lief zur Roten Armee über und wurde ein wichtiger Chemiker in der DDR. Die Aufklärung des Mordes am Sohn von Martine und Karl wird zur Spurensuche nach den französischen Kindern von Wehrmachtsoldaten zwischen Mittelmeer und Atlantik. Es kamen 200.000 Kinder zur Welt, die aus Verbindungen von Frauen, aus den von den Nazis besetzten Ländern mit deutschen Soldaten stammten. Das Thema wurde bisher kaum öffentlich verhandelt. Ein Grund mehr, es zum Gegenstand eines Krimis zu machen. Darnaudet vergleicht die demütigende Behandlung von Frauen, die angeblich oder tatsächlich Verhältnisse mit Deutschen eingegangen waren, mit der Großzügigkeit gegenüber Kollaborateuren nach der Befreiung, die oft große Karrieren machten im Nachkriegsfrankreich: "In der Menge erkannte sie keinen von der FFI oder den FTPs des Dorfes, nur diejenigen, die gebuckelt haben. Bei Boggio konnte sie sich noch daran erinnern als er ,Maréchal, nous voilà!' gesungen hatte, 1940 oder 1941." (S. 176)
Darnaudet schildert den Werdegang der beiden Hänger Marsal und Francis, die nach persönlichen und politischen Niederlagen in einer außergewöhnlichen Situation Ich-Stärke beweisen, den Mord an Charly aufklärten, selbst Morde begehen und durch ihr Handeln Darnaudets etwas disparatem Plot Konsistenz verleihen.

So gelungen Darnaudets Roman unterm Strich ist, so unglaubwürdig wirkt der Ich-Erzähler von Raul Zelik, der seinen polizeilich gesuchten bewaffneten Freund an der katalonischen Mittelmeerküste entlangkutschiert, nicht weit entfernt von Darnaudets Szenario. Der bewaffnete Freund, Zubieta, der eigentliche Held des Buches, ist wie Marsal und Francis ein Kerl aus einer anderen Zeit, und er vertritt eine überholte Bewegung, die ETA: "Ohne unsere Gewalt gäbe es nur ihre Gewalt. Und das heißt: noch weniger Gerechtigkeit." (S. 172) Zeliks so kritische wie zärtliche Schilderung verdeutlicht, dass auch der Umgang des spanischen Staats mit dieser ehemals sozialistischen, aber längst nur noch nationalistischen Bewegung zu ihrer Legitimation beiträgt. Zelik schildert den Werdegang der ETA nach Francos Tod, das Überleben der franquistischen Polizei und ihrer Foltermethoden, die Morde der rechten Grupos Antiterrostas de Liberación in südwestfranzösischen Städten. Spanien wird in seinem europäischen Überanpassungsprozess, seiner politischen Amnesie und seiner Terrorismuspolitik prägnant dargestellt, und es wird klar, dass das Böse auch in Europa zu Hause ist. Zubietas Geschichte trägt den Plot und lässt den deutschen Freund, der seine Wissenschaftlerlaufbahn dann doch in den Wind schlägt, aber nicht seine Betulichkeit, umso farbloser erscheinen.

Fremde Wasser von Wolfgang Schorlau beweist, dass man auch gewinnen kann. Wer den Film Der große Ausverkauf über die Privatisierung öffentlichen Eigentums und ihre Folgen gesehen hat, dem sei der Roman auch als "Buch zum Film" empfohlen. Schorlau setzt sich über klassische Krimiraster hinweg, wie es der französische roman noir schon seit den Siebzigerjahren tut. Auch wenn er seine Serienfiguren, den ehemaligen BKAler Dengler und dessen Geliebte Olga, als Sicherheit einbaut, liefert er knallharten Agitprop, der ins Schwarze trifft. Ausgehend vom Mord an einer CDU-Hinterbänklerin, wird die Privatisierung des Lebensmittels Wassers so geschildert, dass keiner mehr behaupten kann, er habe von nichts gewusst. Auch die Illusion, der Zeliks Icherzähler zunächst erliegt, nämlich dass politische Selbstverwirklichung durch Lohnarbeit erfolgen könnte, räumt Schorlau aus am Beispiel des ehemaligen Linksradikalen Crommschröder , der nun an der Spitze der VED steht, eines international operierenden Unternehmens der Wasserwirtschaft. Die Firma privatisiert Wasserwerke hierzulande und im Trikont: "Weil die großen Konzerne mit ihrer Finanzkraft die Mittel haben, über eine bestimmte Zeit mit niedrigen Preisen die kleineren Unternehmen in die Pleite zu treiben. Wenn das passiert ist und sie die kleinen Unternehmen geschluckt haben, heben sie die Preise an, gerade wie sie wollen. Ungefähr so, wie wir es im Augenblick mit den Strom- und Gaspreisen erleben." (S. 229) In die Fiktion wird die wahre Geschichte der Bevölkerung aus Cochabamba in Bolivien geflochten, die mit Massendemonstrationen, Barrikaden, Streiks und Militanz die Privatisierung des Wassers rückgängig gemacht hat und in Schorlaus Geschichte damit den Sturz der Charaktermaske Crommschröder herbeiführt. Wer verstehen will, was es bedeutet, wenn die Gesellschaft ihres Eigentums beraubt wird, und vielleicht sogar dagegen angehen möchte, sollte Fremde Wasser lesen.

Ob Jürgen Benvenutis "Thriller" Big Deal nur deshalb so blass daherkommt, weil er nicht am Wasser spielt oder von Wasser handelt, bleibt dem Urteil seiner Leser überlassen. Dass Benvenuti einer anderen Generation als Darnaudet und Schorlau angehört, wird vor allem an der beschränkten Lebenswelt seiner Figuren deutlich, die toughe Drogenfahnderin Natascha engagiert sich wegen familiärer Probleme bei der Polizei, David Schrot versucht sich als Schriftsteller, und für beide liegt die Selbstverwirklichung im Job. Und leider haben sie keinen bewaffneten Freund, der sie dann doch noch auf den richtigen Weg und ans Wasser bringt.

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