Der
Blues des Privatdetektivs
Etienne Borgers
Übersetzung:
Kerstin Schoof
Der Privatdetektiv hat einen langen Weg hinter sich.
Als aufklärerischer Amateur, der sich mit den ersten Gehversuchen
der Kriminalerzählung und dem klassischen englischen Detektivroman
entwickelt, oder als kleiner Schnüffler, der sich mit Vorliebe in
ausweglose Situationen begibt, um ein blutiges Rätsel zu lösen.
In den Populär- und Feuilletonromanen des frühen 19. Jahrhunderts,
die bis in die 1930er Jahre neben dem sich profilierenden Kriminalroman
existierten, der begann, ein neues Publikum zu erobern. Der Amateur war
omnipräsent. Einige dieser Figuren ergriffen Berufe, die ihnen größtmöglichen
Handlungsspielraum und Verdienstmöglichkeiten erlaubten: Reporter,
Historiker, Anwalt, Orchideensammler … Die Liste ist lang.
Andere machten einen Schritt weiter und
wurden zu professionellen Privatdetektiven, mehr oder weniger durch
den berühmten Sherlock Holmes inspiriert – ein
Dilettant, der sein Talent in guten Zeiten zu Geld zu machen wusste.
Der Privatdetektiv begann mit Spurensuche, Bürgerlichkeit und Anstand.
Aber er verändert sich sehr schnell und findet sich auf der Straße
wieder zwischen den miesesten Ganoven und dazu verurteilt, noch schlimmere
Methoden anzuwenden als jene „Abscheulichen“, die er eigentlich bekämpfen
soll. Dashiell Hammett ist mit seinem „private eye“ made in the USA aufgetaucht,
dem „Hardboiled“-Detektiv der 1920er Jahre: einem hartgesottenen Ermittler,
der sein eigenes Recht walten lässt und im Alltagsleben anwendet,
einer Welt voller Killer, korrupter Gestalten und mieser Polizisten.
Bei dieser Gelegenheit verwandelte sich die junge Frau in Not in einen
männermordenden Vamp: die femme fatale war geboren.
Der Erfolg dieser Mutation überstieg alle Erwartungen, und die
Klone des amerikanischen Privatdetektivs der „crime novels“ verbreiteten
sich über gut vierzig Jahre hinweg nahezu ungehindert. Romane, Kino,
Comic, Fernsehen … alle sangen das Lied von den Verdiensten und Qualen
dieses einsamen Ritters, eines in zwielichtigen und tödlichen Städten
verlorenen Helden moderner Zeiten. Der Cocktail Privatdetektiv/femme
fatale konstituiert schnell einen der meistverwendeten Mythen der modernen
Kriminalliteratur und des Film Noir. Bis hin zur Überrepräsentation
des Private Eyes, die die Originalität und selbst die elementarste
Glaubwürdigkeit einer ganzen Strömung der modernen Krimiliteratur
kompromittierte. Dieser Exzess wurde spätestens in den 1970er Jahren
evident und machte das ganze Genre seit den 1980er Jahren nahezu ungenießbar,
unbestreitbare Talente einmal ausgenommen, die es nicht gerade häufig
gab. Aufgerieben durch die Akkordarbeiter der amerikanischen und internationalen
Verlage, musste der Privatdetektiv einen ziemlich harten Schlag hinnehmen.
Er hat schließlich doch noch überlebt, aber auf etwas diskretere
Art und Weise, indem er den Erben des Justizromans einen großen
Teil des Terrains überlassen hat: den Anwälten und ihren
Kohorten an problembeladenen Polizisten (und Polizistinnen), die ihn
im heutigen Noir mehr oder weniger ersetzen.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts bildet
der Privatdetektiv eine Spezies, die vom Aussterben bedroht ist.
Er hat sich trotzdem einer Vielzahl von Dingen erwehrt, wobei die
Feminisierung der Kriminalliteratur – wenn
es eine männliche Domäne gibt, dann diese – nicht die geringste
Herausforderung darstellt. Aber der gute alte Privatdetektiv schlägt
sich schlecht als Drag Queen. Versuche in dieser Richtung waren wenig überzeugend
und werden dem Vergessen anheim fallen. Anscheinend taugen feminine Aspekte
nichts in den Augen des „tough guy“.. Das „tough gal“ ist noch unwahrscheinlicher
als sein männliches Vorbild, eine schlechte Parodie, eine misslungene
Karikatur. Der Detektiv hat sich auch erfolgreich dem „positiven Denken“ widersetzt,
das derzeit so in Mode ist: in seiner aktuellen Gestalt trinkt er noch
immer zuviel, er raucht und trägt seine ewig schlechte Laune vor
sich her. Meistens ist er bewaffnet. Noch schlimmer: er glaubt nicht
ans Geld, er bedient sich dessen. Punkt.
Nichtsdestotrotz schafft er es ab und
zu, sich hier und dort wieder einzuschleichen. Mancherorts erlebt
man eine Art Renaissance des Privatdetektivs: er ist eine der emblematischen
Figuren des aktuellen spanischen und lateinamerikanischen Roman Noir.
Seit den 1970er Jahren streift der spanische Privatdetektiv Pepe
Carvalho durch die Straßen Barcelonas, um der vergangenen
und gegenwärtigen Korruption auf die Schliche zu kommen – er ist
das lebendige Symbol eines entfremdeten Spaniens, einem scheinbar freien
Land.
Noch aktueller ist Heredia, der heruntergekommene
Chilene aus Santiago mit seinen Depressionen, die er mit einer Ladung
Schnaps und Tango aus dem alten Buenos Aires kuriert, oder der Brasilianer
Remo Bellini mit seiner aufgewühlten Libido, der sich in Sarkasmus und Bluesmusik
flüchtet, wenn das Leben ihn zu ersticken droht.
Und der Mexikaner Héctor Belascoarán Shayne, ein Postmoderner,
der sich selbst nicht kennt und sich nur im libertären Schelmenroman
austoben kann … Diese und andere aktuelle Figuren haben den Rahmen gesprengt,
in den man den Privatdetektiv einschließen wollte. Ein diskreter
Aufstand, aber revolutionär.
Wahrscheinlich wird sich das Genre in
diesen – was den Krimi betrifft – aufstrebenden
Ländern schnell entwickeln und schließlich wird es zum Austausch
des Privatdetektivs durch immer neue hauptberufliche Polizisten führen.
Aber wenn man die historisch-politische Vergangenheit einiger dieser
lateinamerikanischen Länder kennt, ehemals Anhängsel der CIA,
wird man leicht verstehen, dass nicht die Bullen, diese Unterstützer
egal welcher Macht, die neuen Helden verkörpern können – diese
Vorsänger in einer sehr individuellen Wiederaufführung, die
letztlich allen zugute kommt. Und die nichts vergessen.
Schon gar nicht die Vergangenheit.