krimis in Europa
n°11

 

Von der Detektei in die Redaktion

Sophie Colpaert
Übersetzung: Ursula Bachhausen

Und wenn der Privatermittler seine schäbige Detektei eintauschte gegen eine Redaktion? Raus aus der Isolation, aus dem zu wahrenden Schein, fort von der unentbehrlichen Sekretärin, die ggf. mehr ist, deren Gehalt nicht gezahlt werden kann, die aber dennoch bleibt. Rein in eine Zeitungsredaktion mit ihren wirtschaftlichen Zwängen, einem Redakteur, der Anweisungen erteilt, Artikeln, die sich verkaufen müssen und dem Drang, zu wissen und zu verstehen, diesem Drang, der alle Risiken akzeptabel werden lässt. Journalisten als Detektive gibt es seit 1907, seit dem berühmten Rouletabille von Gaston Leroux. Hundert Jahre später haben sich Journalisten als Ermittler vervielfacht. Auf allen Kontinenten. In den letzten Jahren bin ich ihnen beim Lesen aus reinem Zufall immer wieder begegnet: In Kolumbien, in Island und in Schweden.

Der Kolumbianer entstammt der Feder von Santiago Gamboa, einem dieser typisch lateinamerikanischen Erzähler. Verlieren ist eine Frage der Methode. Der Titel ist Programm. Auf der Romanvorlage beruht eine, wenn ich den Kritiken glauben darf, einigermaßen treue Filmfassung, die jedoch leider keine Zeit hatte, die Kinosäle in der französischsprachigen Welt zu erobern. Sei's drum. Victor Silanpa ist Journalist bei El Observador, einer Tageszeitung in Bogotá. Eines Sonntagmorgens meldet ihm Kapitän Moya höchstpersönlich, dass sich am Ufer des Sisga-Sees eine Leiche befinde, eine aufgespießte Wasserleiche, ein Fall zum Kopfzerbrechen. Angesichts der rasanten Ausbreitung der Stadt Bogotá ist das Gelände rund um den Sisga-See ein kleines Vermögen wert. Was zu beweisen wäre. Und genau da drückt der Schuh: Der mutmaßliche Eigentümer ist verschwunden und die Dokumente ebenso! Victor Silanpa muss tiefer in diese Affäre einsteigen, selbst auf die Gefahr hin, dabei seine Freundin zu verlieren und seine Wohnung von ein paar Grobianen verwüsten zu lassen. Es gibt entschieden zu viele Leute, die sich für diese Gegend interessieren: Ein Stadtrat, ein Anwalt, ein Bauträger . und er selbst, ein einfacher Journalist der Rubrik Sonstiges.

In Island verfrachtet Arni Thorarinsson drei Angestellte des Abendblattes in den Norden des Landes, um dort eine neue Regionalredaktion aufzubauen. Ein Chefredakteur, Asbjörn, ein Journalist mit Alkoholproblemen, Einar, und eine Fotografin, Joa. In der Redaktion in Reykjavik waren Einar und Asbjörn die verfeindeten Brüder. Und nun sind sie dazu verdammt, im Norden zusammen zu arbeiten, gemeinsam Erfolg zu haben. In einer Außenredaktion direkt unter Asbjörns Wohnung. Mit Einar, der eine Zigarette nach der anderen qualmt, und Asbjörns Ehefrau, die Tabakrauch und -geruch nicht ausstehen kann! Und mit dem neuen Chefredakteur in Reykjavik, einem im Marketing und im Fernsehgeschäft geschulten jungen Wolf, der vorhat, den alten Hasen ihren Beruf zu erklären, und sie dabei ohne Zögern daran erinnert, wer der Chef ist. Während ein möglicherweise provozierter Unfall und ein Mord geschehen, quält sich Einar damit ab, Leute in den Straßen von Akureyri nach ihrer Meinung über den Wetterbericht zu befragen.

In Schweden ist die Journalistin als Ermittlerin Hauptfigur einer fünfteilen Romanreihe, die weltweit durchschlagenden Erfolg gehabt haben. Annika Bengtzon wurde von der Journalistin Liza Marklund geschaffen, eine in ihrem Heimatland durch die Medien bekannte Persönlichkeit. Im Verlauf der Romane begleitet man die Hauptfigur bei ihrem Kampf, sich einen Platz in der Redaktion der Abendpresse zu erobern. Annika ist eine geschlagene Frau, die von ihrem Posten vertrieben wurde, nachdem sie in Notwehr ihren Verlobten getötet hat. Nun muss sich Annika beweisen, um das zu bewahren, was sie sich schwer erkämpft hat. Später, als Ressortchefin, als Ehefrau und Mutter, reibt sie sich auf, um die Anforderungen des Familienlebens und die Notwendigkeiten ihres Berufes, den sie leidenschaftlich liebt, in Einklang zu bringen. Jede Recherche bringt für die Heldin ein gehöriges Risiko mit sich, sowohl physisch als auch psychisch. Und am Ende bleibt sie nie ganz unversehrt. Liza Marklunds Romane sind fast überall in Europa übersetzt.


powered by FreeFind

© 2005 europolar Home | Impressum | Redaktion | Übersetzer | Archiv | Links | Webmaster | Inhaltsverzeichnis | Webmaster: Emma