Hat der Privatdetektiv noch
eine
(fiktive) Zukunft?
Wolfgang Schorlau
Stuttgart ist die sicherste deutsche Großstadt und trotzdem mit erfolgreichen
Kriminal- und Tatortautoren gesegnet. Als ich "Die Blaue Liste" schrieb, wandte
ich mich an einen dieser Kollegen. Mein Held heißt Georg Dengler, sagte
ich, er ist privater Ermittler in Stuttgart und die Geschichte handelt von....
Stop Wolfgang, sagte der Kollege, privater Ermittler? Ja, sagte ich, er heißt
Georg Dengler, ist privater Ermittler in Stuttgart und die Geschichte geht
um... Das kannst du knicken, sagte der Kollege, glaub mir, private Ermittlerfiguren
funktionieren in Deutschland nicht. Ich bekam einen Schrecken, immerhin hatte
ich fast die Hälfte meines Romans schon geschrieben. Sieh doch ins Fernsehen,
sagte der Kollege, Kommissarinnen und Kommissare soweit das Auge reicht. In
Deutschland ist das Aufspüren der Wahrheit immer eine hoheitliche Aufgabe.
Kann nur von Beamten erledigt werden. Als er mein entsetztes Gesicht sah, schob
er nach: Da hängt mit der obrigkeitshörigen Struktur der Deutschen
zusammen. Die brauchen Kommissare, private Ermittler funktionieren in Deutschland
nicht.
Da hatte ich den Salat. Ich wachte eine Nacht über diesem Problem und
bedachte den Ratschlag des erfahrenen Kollegen. Aber, so überlegte ich,
immer das bereits halbfertige Manuskript vor meinem inneren Auge, die Deutschen
mögen lesen gerne die Geschichten von Philip Marlowe bis Miss Marple
und den vielen anderen wunderbaren privaten Ermittlerfiguren. Und so fasste
ich den heroischen Beschluss: Georg Dengler bleibt privater Ermittler.
Doch sicherheitshalber machte ihn zu einem ehemaligen Kommissar, einem
Zielfahnder bei Bundeskriminalamt. Wenn schon, denn schon.
Georg Dengler ist in deutschen Krimiszene einer
der wenigen Privatdetektive geblieben. Dabei hat dieser Beruf für
seinen Autor einige Vorteile: Die Fälle
müssen nicht lokal verortet sein, und sie sind nicht an die Geschäftsordnung
der Polizei mit ihren Kommissariaten gebunden. In dem Privatleben des privaten
Ermittlers, der sich als eine Ich-AG durch Leben schlägt, kann sich
viel besser die soziale Realität des Landes spiegeln, als wenn ich einen
pensionsberechtigten Kollegen als Helden gewählt hätte.