krimis in Europa
n°1 Mai-Juni 2005

 

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Bang Bang stirbt
Rob Alef

Berlin (Shayol) • 2005 • 254 Seiten

Alexander Ruoff

 

Was soll man erwarten ? Es ist ein deutscher Krimi. Es ist ein Krimi, der in der nahen Zukunft spielt. In der nahen Zukunft der deutschen Stadt Berlin. Und es ist ein Erstlingswerk, das in einem kleinen Verlag erschienen ist, der sich auf Horror und Mystery spezialisiert hat.

Im lokalen Veranstaltungsblatt schrieb der Redakteur, dass der Autor eine Schraube locker habe. Das will ich nicht kommentieren, denn im richtigen Leben ist der Autor mein Chef.

Und ich muss sagen : das hätte ich nicht erwartet, weder von einem deutschen Krimi noch von meinem Chef. Schwarzer Humor, bei dem der Engländer erblassen würde, ließe der ständige Nebel dies überhaupt zu, ein zynischer Blick auf Politik und Gesellschaft, die manchen französischen polar geradezu versöhnlerisch aussehen lässt, eine Verzweiflung, die die »German Angst« als zukunftsfroh demaskiert und das alles mit einer Leichtigkeit hingeworfen, als wäre der Chef das ganze Jahr am Mittelmeer in Urlaub. Oder in China, wo mit Sicherheit jene Halluzinogene zu haben sind, mit denen sich ein mafiöser Panda-Bär im Berliner Hochsicherheitszoo »Zoo« ansiedeln lässt, damit er dort resozialisiert werde. Dumm nur, dass er von dort aus in eine andere Gefangenschaft entführt wird, und zwar in die der radikal-veganischen Terrororganisation »Rote Bete Fraktion«, die, der belanglosen Schaben- und Gülleüberfälle auf badische Feinkostmetzgereien leid, damit nicht nur ein Zeichen gegen Fleischkonsum und Rinderschänderei setzen, sondern auch alle Tiere aus dem Reformsozialisierungstierpark Berlin Friedrichsfelde freipressen will.

Dies ist natürlich ein Fall für Pachulke und Zabriskie, das ungleiche Ermittlergespann. Der träge Pachulke ist heimlich in eine Opernsängerin verliebt und seine dringlichste Frage lautet, mit welchem Namen er die die kleinen runden Papierschnippel bezeichnen könnte, die ein Locher aus einem Blatt Papier herausstanzt. Zabriskie hingegen liebt den Whiskey straight und ist auf der Suche nach passenden Abwechslungen, damit ihre Nächte nicht alleine enden. Währenddessen starten vom Flughafen Tempelhof ohne Unterlass die ausrangierten Maschinen einer bankrott gegangenen Schweizer Fluglinie, die früher oft von Zürich aus geflogen ist. Gelandet wird dort allerdings nicht. Denn der umtriebige Regierende Bürgermeister und Geliebte Bausenator hat zusammen mit seinem getreuen Staatssekretär Prunk und dem Mehrheitsführer im Ausschuss für Alles, Blaschko von Goltz, dem zwei Diener täglich die Füße lecken, einen Plan entworfen, mit dem die Stadt nicht nur in 321 Jahren schuldenfrei sein könnte, sondern auch die Vollbeschäftigung erreicht werden kann : Des Lebens überdrüssige Neureiche lassen sich dort als Piloten ausbilden und landen punktgenau in den Wahrzeichen der Stadt. Das schafft Arbeit für all die Trümmerfrauen und –männer und das Baugewerbe, das die entstandenen Brachen mit neuen Wahrzeichen füllt, boomt wie nach einem Krieg.

Der neue Reichtum, der entsteht, gibt auch den Ärmsten eine Chance: Sei es als »Info«, der an der Straßenecke den Straßennamen ausruft und der, wenn er eine entsprechende Fortbildung erfolgreich abgeschlossen hat, auch die historischen Details der pulverisierten Denkmäler und Museen auskrakeelen kann, sei es als livrierter Diener bei den Cocktailempfängen des politisch entscheidenden Ausschusses für Alles. Dass Reihum gestorben wird, ist in dieser Stadt normal.

Aber vergessen wir nicht den Panda. Kann er sich aus den Klauen der »Rote Beete Fraktion« befreien ? Lösen Pachulke und Zabriskie den Fall? Oder war alles doch ganz anders ? Weshalb musste der Fachmann für das Gabelwesen sterben? Und wer hat den Zoodirektor, bekleidet mit der roten Badehose des Gatten seiner Sekretärin, in das Piranhabecken geworfen ?

Das sind Fragen, die sich nur durch die Lektüre des Buches selbst beantworten lassen. Dass darin nicht alle angedeuteten Handlungsstränge konsequent zu Ende geführt werden, dass manche Figur detailreich eingeführt und dann aus den Augen verloren wird, dass manche Nebenhandlung stärker betont ist, als ihrer Funktion für den Hauptplot gut tut, all das macht nichts aus. Es zeigt nur, dass in diesem einen Buch Ideen für vier andere stecken. Ich sage das nicht nur, weil ich von diesem Erstling eines deutschen Autors überrascht bin, sondern ein bisschen auch deswegen, weil der Autor im richtigen Leben mein Chef ist. Denn wenn er einen Krimi schreibt, dann schaut er nicht so genau, hin, was seine Untergebenen so treiben.

Und wenn man eines lernt aus diesem Krimi, dann, dass wir da unten eine glänzende Zukunft haben werden, wenn die da oben ihre Visionen ungestört verfolgen können.

 

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