Mein
erster Gedanke ist, du wirst diesen Tag nicht überleben. Ich
bleibe eine Weile im Bett liegen. Übelkeit steigt hoch, mit
ihr der Nachgeschmack des Weinbrands. Ich bilde mir ein, mein Körper
werde sich an die Trinkerei gewöhnen, aber bisher hat er es
nicht getan. Und nun ist es wohl zu spät.
Als ich die Augen
wieder öffne, blendet mich das Licht. Es
strahlt durch einen Schlitz zwischen den Vorhängen aufs Bett.
Dann fällt mir ein, der Führer ist tot. Ich setze mich
auf die Bettkante und schüttele den Kopf. Es ist unwirklich.
Das Attentat gestern hat mich nicht überrascht, ich war unterrichtet
von Anfang an. Nicht in allen Einzelheiten, aber dass Stauffenberg
den Staatsstreich plante, begriff, wer eins und eins zusammenzählen
kann. Doch mich überrascht, wie kalt mich Hitlers Tod lässt.
Wenn so einer stirbt, glaubt man, die Erde müsse beben. Draußen
zwitschern Vögel. Elfeinhalb Jahre hatte Hitler über mein
Leben bestimmt. Nun ist er weg. Einfach so.
Mein linker Fuß schmerzt. Als ich hinschaue, entdecke ich
wieder einmal, dass ich keinen linken Fuß mehr habe. Das Bein
ist unter dem Knie amputiert worden in der Kursker Schlacht. Seitdem
geht es abwärts mit mir und mit Deutschland. Die Prothese lehnt
am Fußende des Betts.
Generaloberst
Fromm, der Befehlshaber des Ersatzheeres, hat mich und ein paar
andere gestern Nacht nach Hause geschickt. Er sagte,
es sei gut, wenn ein paar am Morgen ausgeschlafen im Bendlerblock
erschienen. Die Operation Walküre sei gut angelaufen. Ich fand
es merkwürdig, aber was blieb mir übrig? Befehl ist Befehl,
auch unter Verschwörern. So nahm ich die Untergrundbahn zum
Thielplatz und überlegte, wie ich meinen Kopf retten könnte.
Mir fiel nichts ein. Siegten die Stauffenberg und Goerdeler, dann
würden sich mich kriegen als Müllers Spitzel. Ein V-Mann
der Gestapo hat schlechte Karten, wenn die Rachsüchtigen Opfer
suchen. Geht der Putsch schief, dann wird mich Gestapo-Müller
ans Kreuz nageln, weil ich nicht berichtet habe, dass Stauffenberg
Hitler in die Luft sprengen will. So ist das in Deutschland, wenn
man glaubt, selbst entscheiden zu können, was richtig sei und
was falsch. Es hatte mehr dafür gesprochen, Hitler zu töten,
als ihn am Leben zu lassen. Doch hatte ich in den Monaten davor genug
an die Gestapo gemeldet, um mich zu wundern, dass den Verschwörern
nichts geschehen war. Gut, Goerdeler suchten sie seit ein paar Tagen.
Aber der hatte sich auffällig benommen. Eine Denkschrift nach
der anderen, geheime Briefe, Ministerlisten und Eroberungspläne.
Ich schnalle
die Prothese ans Knie und humpele in die Küche.
In der Küche finde ich ein Stück trockenes Brot. Ich schmiere
Margarine darauf und kaue langsam, während mein Hirn anfängt
zu arbeiten. Ich trinke ein Glas Wasser gegen den Brand in meinem
Hals. Als ich im Bad fertig bin, humpele ich die Treppe hinunter.
Unten wartet schon der Blockwart und Hausmeister, Herr Sobieray.
Der ist in Ordnung, weiß, dass ich Feindsender höre, und
tut so, als kriegte er es nicht mit.
»Ob wir den Krieg noch gewinnen, Herr Major?«, fragt
er leise, damit keiner es hört.
Er hat wohl gestern
aus dem Wehrmachtbericht herausgelesen, dass es schlecht steht
um das Großdeutsche Reich. Im Westen sind
Amerikaner und Engländer gelandet. Von wegen, wir treiben sie
ins Meer. Im Osten drängt der Russe auf die Reichsgrenze. Die
Heeresgruppe Mitte ist zerschlagen. Sobieray weiß noch nicht,
dass der Führer tot ist. Er wird es heute erfahren.
»Es sieht
schlecht aus, Herr Sobieray.«
»Aber der Führer
wird einen Weg finden, wie er immer einen gefunden hat.«
»Bestimmt«, antworte ich und weiß doch, dass der
Mann mir nicht glaubt. Was würde er sagen, wenn er schon wüsste,
dass Hitler in die Luft gesprengt worden ist? Und dass die neue Regierung
aus Männern besteht, die sich nicht einig sind.
Ich mache mich
auf den Weg zur U-Bahn-Station. Ich kann schon ganz gut laufen
mit der Prothese und dem Stock. Die Leute sehen einen
hochdekorierten einbeinigen Panzer-Major, das beeindruckt selbst
die Uniform-gewöhnten Deutschen ein wenig. Immerhin soweit,
dass ich mich um einen Sitzplatz in der Bahn nicht sorgen muss.
Während der Zug durch die Stadt rattert, betrachte ich die
müden Gesichter der Fahrgäste. Wie gut, dass ich mein Gesicht
nicht sehe. Draußen Ruinen und Schutt, Spuren der Bombenangriffe.
Aber Berlin ist zäh. In letzter Zeit sind die Bomber seltener
gekommen, die Alliierten kämpfen um Caen und St. Lô, sie
brauchen ihre Flieger, um unsere Stellungen dort in Stücke zu
hauen. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder auf unsere
Städte losgelassen werden.
Die U-Bahn fährt in Gleisdreieck ein. Menschen drängen
sich hinaus, Menschen drängen sich hinein, Uniformen, Frauen
auf dem Weg zur Arbeit. Es ist jetzt schon schwül, ich schwitze,
die Luft ist stickig.
Ein paar Straßen weiter liegt die Bar, wo mich das Verhängnis
gepackt hat. Ich weiß nicht genau, was passiert ist. Ich hatte
getrunken. Und dann soll ich gesagt haben, der Führer sei Schuld
an den Niederlagen im Osten. Der Gestapo-Offizier, der am anderen
Morgen vor meiner Tür stand, zitierte: »Wochenlang die
Schlacht hinauszögern, um die modernsten Panzer an die Front
zu bringen. Aber uns dann in Stahlsärge setzen, die nach ein
paar Metern liegen bleiben. Und Ersatzteile, so was brauchen wir
nicht. Wir siegen ja nicht durch unsere Waffen, sondern durch die
Kraft des Willens.« Und noch ein paar Sätze dieses Kalibers,
die jeden vors Erschießungskommando bringen würden. Mich
haben sie nicht erschossen, sondern angeworben. »Mit dem Erschießen
warten wir noch bisschen. Wenn Sie falsch berichten, sind Sie fällig.
Wir merken das«, sagte der Gestapo-Offizier; er sah gut aus
und hatte kalte Augen. »Sie sind nicht der einzige, der für
uns arbeitet.« Sie setzten mich an auf die Offiziere des Ersatzheeres
im Bendlerblock. »Da halten sich ein paar für schlauer
als der Führer«, sagte der Gestapo-Offizier.
Wie die Gestapo
das gedreht hat, weiß ich nicht. Aber schon
ein paar Tage nach dem Gespräch kriegte ich einen Brief. Ich
sei reaktiviert und zum Ersatzheer versetzt. Seitdem wundere ich
mich, dass meinen Berichten keine Verhaftungen folgen. Noch mehr
staunte ich, als zwei Verschwörer, der Rechtsanwalt Carl Langbehn
und der von Göring ernannte preußische Finanzminister
Johannes Popitz, zu Himmler gingen, um ihn zu umgarnen. Der Reichsführer
habe sich freundlich alles angehört, ein paar Mal genickt. Es
passierte immer noch nichts, obwohl die Verschwörer sich auch
weiterhin fast so verhielten, als wollten sie erwischt werden. Und
dann fiel mir die Kopie eines Briefs von Goerdeler an Feldmarschall
von Kluge in die Hände, in dem eine Zusammenarbeit mit dem Reichsführer
SS und Goebbels angedeutet wird: »Ich kann Ihnen auch, wenn
Sie es wollen, Herrn Goebbels und Herrn Himmler zum Bundesgenossen
machen; denn auch diese beiden Männer haben längst begriffen,
dass sie mit Hitler verloren sind.« Wenn ich nachts trinke,
um Schlaf zu finden, male ich mir manchmal aus, wie Himmler in seinem
Sonderzug »Heinrich« in Ostpreußen sitzt und an
Strippen zieht. Er weiß, es geht zu Ende. Und er will seinen
Kopf retten. Was, verdammt, hat er vor?
Vor dem Bendlerblock
drohen Tiger-Panzer, graue Kolosse mit Balkenkreuz, die Besatzungen
lungern daneben herum. Sie sind gefechtsbereit. Im
Hof stehen zwei Infanteriekompanien in Reih und Glied. Als ich das
Gebäude betrete, ergreift mich eine düstere Stimmung. Äußerlich
ist alles wie sonst. Ich humpele die Treppe hoch. Auf den Gängen
eilen Uniformierte aus Zimmern in Zimmer. Vor meinem Dienstzimmer
stehen Kameraden und diskutieren. Ich höre »Fliegerbombe«.
Dann lacht einer. Es klingt fast hysterisch. Ein anderer: »Und
wenn Himmler ...« Als sie mich sehen, grüßen sie
und gehen den Gang hinunter. Ich habe gerade die Tür geschlossen,
da klingelt das Telefon auf dem Schreibtisch. »Generaloberst
Fromm wünscht Sie zu sehen«, sagt eine mir unbekannte
Stimme.
Fromm geht auf
und ab in seinem Dienstzimmer. »Sie waren Geschäftsführer
eines Betriebs vor Ihrem Eintritt in die Wehrmacht.« Es ist
keine Frage, sondern eine Feststellung.
Jetzt sehe ich die Akte auf seinem Schreibtisch. Meine Personalakte.
Mir wird kalt. Sie haben dich, jetzt machen sie dich fertig.
»Wir brauchen hier jeden. Sie werden Sekretär der neuen
Regierung, jedenfalls für eine Übergangszeit. Und Sie vergessen
nicht, woher Sie kommen. Verstanden, Herr Rettheim?«
Zuerst verstehe ich, dass er mir doch nicht an den Kragen will.
»Jawohl,
Herr Generaloberst.«
»Gut, in einer halben Stunde trifft sich die« - er zögert,
kratzt sich am Mundwinkel - »provisorische Regierung in diesem
Zimmer. Ich möchte, dass Sie dabei sind und protokollieren.« Er
schaut mich an, sieht meinen Blick. »Unser Reichskanzler wünscht
es so. Wir wissen nicht, ob die Damen alles für sich behalten
können. Kleinster Kreis, exklusive Runde.« Er wirft mir
einen wichtigtuerischen Blick zu. »In einer halben Stunde an
diesem Ort.« Er zeigt mir den Rücken, schaut aus dem Fenster.
Auf dem Gang
rennt mich fast Stauffenberg um. Er schaut mich nur kurz zornig
an. Ohne zu klopfen, geht er zu Fromm hinein. Er wirft
die Tür hinter sich zu. Dann steht plötzlich ein Zivilist
vor mir, graue Haare, Schnauzer, buschige Augenbrauen. »Wo
geht es hier zu Oberst Stauffenberg?« Er klingt erschöpft.
»Wen darf
ich melden?«
»Goerdeler.«
Der neue Reichskanzler. Der Mann sieht eher unscheinbar aus. Aber
was sagt das schon?
Ich klopfe bei
Fromm. Drinnen laute Stimmen. Als niemand »Herein!« ruft,
drücke ich die Klinke. Ich höre Stauffenberg brüllen: »Sie
haben gewartet, ich habe gehandelt ...« Er blickt mich an.
Wütend. Er hat Ränder unter den Augen.
»Herr Goerdeler«,
sage ich.
»Bitten Sie ihn herein«,
erwidert Stauffenberg.
»Aber ...«,
sagt Fromm. Dann schweigt er.
Ich bitte Goerdeler in Fromms Dienstzimmer.
An meinem Schreibtisch
warte ich, bis die Regierungssitzung beginnen soll. Gedankenfetzen
drehen sich in meinem Kopf wie in einem Karussell.
Wenn Hausmeister Sobieray wüsste, was für ein Durcheinander
in der neuen Machtzentrale herrscht, er würde den Rest seiner
Zuversicht verlieren. Immer wieder taucht Himmlers Dorfschulmeistervisage
auf. Er hat eine Million gut bewaffneter Männer unter seinem
Kommando. Reicht der Rückhalt der Verschwörer in der Wehrmacht
aus gegen diese Bedrohung? Oder zieht Himmler mit? Aber die Alliierten
werden seinen Kopf verlangen. Der Russe steht vor Ostpreußen,
die Heeresgruppe Mitte ein Trümmerhaufen, die Heeresgruppe Nord
wird ihr dank der Feldherrnweisheit des Führers folgen, wenn
sie nicht sofort zurückgezogen wird. Die Front im Westen wird
vielleicht noch zwei, drei Wochen halten. Das wissen hier alle. Bald
veranstalten die Alliierten ein Wettrennen, wer zuerst den Fuß aufs
Reichsgebiet setzt. Bisher haben die Russen die Nase vorn.
Ich schaue auf
die Uhr, ich muss los. Ich höre schon in Fromms
Vorzimmer erregte Stimmen. Als ich die Tür zum Büro öffne,
schlägt mir Zigarettenqualm entgegen. Einen Augenblick schweigen
die Herren, als wären sie ertappt worden. Ich setzte mich auf
einen freien Stuhl neben der Tür und lege den Schreibblock auf
die Knie.
»Meine Herren«, sagt Generaloberst Beck, der sich nun
Reichsstatthalter nennt. »Meine Herren, beruhigen Sie sich
doch.«
Ich blicke mich
um. Die meisten Gesichter sind mir fremd. Ich erkenne Goerdeler
wieder, er hat ein rotes Gesicht und müde Augen. Er
lehnt sich zurück in seinem Sessel und starrt irgendwohin. Stauffenberg
sitzt ihm schräg gegenüber auf der Vorderkante eines Stuhls,
der jeden Augenblick umkippen kann.
Wieder öffnet sich die Tür. Stauffenbergs Adjutant, Oberleutnant
von Haeften, reicht dem Oberst ein Blatt. Stauffenberg überfliegt
es, dann sagt er, als Haeften gegangen ist: »Die Heeresgruppe
Nord hat sich in der Nacht vom Feind gelöst.«
Ein Schlag. Dann
sehe ich an der Wand Witzleben sitzen. Er schlägt
ein zweites Mal mit der Faust auf einen Beistelltisch. »Herr
Stauffenberg, ist Ihnen bekannt, wer der Oberbefehlshaber der Wehrmacht
ist? Sie sind anmaßend. Es kann nicht sein, dass der Dienstrang
nicht mehr geachtet wird. Dann geht es drunter und drüber.« Schärfe
liegt in der Stimme.
Stauffenberg
wischt sich Schweiß von der Stirn. Dann lüftet
er die Augenklappe und tupft mit dem Taschentuch darunter. »Jawohl,
Herr Generalfeldmarschall«, sagt er müde. Aber er ist
nicht beeindruckt. Obwohl im Rang niedriger, fühlt er sich überlegen.
Er hat Hitler getötet.
»Gisevius«, sagt Goerdeler und wendet sich an einen
groß gewachsenen jungen Mann mit intelligentem Gesicht. »Wir
brauchen bald eine Stellungnahme der Alliierten. Können wir
das beschleunigen?«
Der Lange zuckt die Achseln. Dann steht er auf und geht hinaus.
Goerdeler sagt: »Wir müssen
uns endlich an das Volk wenden.«
Stauffenberg
fährt dazwischen: »Das muss der Herr Generaloberst
Beck machen.«
Beck zieht ein
Papier aus dem Stapel auf dem Tisch vor ihm und liest: »Hitler
ist einem Attentat zum Opfer gefallen. Die Wehrmacht ...«
»Wenn Sie das sagen, haben wir morgen den Bürgerkrieg«,
sagt ein Mann in Zivil. Ich bilde mir ein, das Gesicht schon einmal
gesehen zu haben. Vielleicht in der Zeitung oder Wochenschau.
»Aber so ähnlich steht es in allen unseren vorbereiteten
Aufrufen, in denen des Herrn Reichstatthalters, des Herrn Reichskanzlers
wie in denen von Oberst Stauffenberg«, sagt General Olbricht,
der Stabschef. Er ist ratlos.
Der Mann in Zivil
schüttelt den Kopf: »Graf Helldorff
ist der gleichen Meinung. Bürgerkrieg.«
»Sie sind
sicher, Herr Nebe?«
SS-Gruppenführer Arthur Nebe also, der Leiter des Reichskriminalpolizeiamts.
Er und Berlins Polizeipräsident Helldorff sollen die Polizei
dem neuen Oberkommando der Wehrmacht unterstellen. Über Nebe
wird erzählt, er sei als Einsatzgruppenleiter mit Mordauftrag
im Osten gewesen. Und Helldorff war SA-Schläger, bevor Göring
ihn zum Polizeipräsidenten von Berlin ernannt hat.
»Fliegerbombe«, sagt Nebe. »Eine
englische Fliegerbombe.«
»Und eine kleine Gruppe gewissenloser Parteibonzen will die
Situation ausnutzen, um die Macht zu ergreifen und der Wehrmacht
in den Rücken zu fallen.« Das ergänzt Gisevius, der
zurückgekommen ist, ohne dass ich es gemerkt habe.
Schweigen.
»Gut, wir machen es so. Hauptsache, der Herr Reichsstatthalter
sagt bald etwas.« Stauffenberg ist das Gerede leid.
Goerdeler sagt
etwas Unverständliches. Es klingt nicht freundlich.
Beck schaut sich um, er wirkt hilflos. Goerdeler sagt: »Aber
machen Sie es kurz, wenige Sätze nur.«
Die Tür geht auf, ein Oberleutnant. »Telefon, für
den Herrn Generaloberst Beck, der Reichsführer.«
Schlagartig herrscht Ruhe.
Beck steht auf,
wischt sich über die Stirn und geht hinaus.
Alle warten. Generaloberst Hoepner, der 1941 die Panzer bis kurz
vor Moskau geführt hatte, klopft mit den Fingernägeln einen
Takt auf dem Tisch. Er ist bleich.
Dann wendet sich
Goerdeler an Gisevius: »Und. Was sagen die
Alliierten?«
»Nichts.
Noch nichts.«
»Das ist ein gutes Zeichen«, sagt Stauffenberg. »Sie
hätten ja auch einfach wiederholen können, was sie seit
Casablanca erklären: bedingungslose Kapitulation.«
»Wir müssen im Westen schnell Frieden machen und dann
die Wehrmacht nach dem Osten werfen«, sagt Goerdeler.
»Zu spät«,
sagt Olbricht.
Stauffenberg schweigt in sich hinein.
Goerdeler steht
auf und geht ein paar Schritte. Er stellt sich vor Witzleben. »Sie dürfen jetzt nicht die Nerven verlieren
wie Ludendorff 1918. Noch ist nichts verloren. Wenn wir unsere Friedensvorschläge
präsentieren und die Truppe zielstrebig geführt wird, dann
ist es noch nicht zu Ende.«
Witzlebens Gesicht
rötet sich. Er schüttelt den Kopf.
Sein Gesicht zeigt, was er von Zivilisten hält, die Feldmarschällen
militärische Ratschläge geben.
»Glauben Sie mir, wenn ich die Volksgenossen auf den Kampf
gegen den Bolschewismus einschwöre, dann wird ein Ruck durch
das Reich gehen.« Goerdeler kratzt sich an der Nase. Dann fragt
er: »Warum kommt Speer nicht?«
Keiner antwortet.
Beck ist plötzlich
wieder im Zimmer. Alle schauen ihn erwartungsvoll an.
»Himmler gratuliert«, sagt Beck. »Er
hat sich mir unterstellt.«
»Dann befehlen Sie ihn nach Berlin, damit wir den Massenmörder
verhaften können«, sagt Stauffenberg heftig.
Goerdeler räuspert
sich.
Fromm sagt leise: »Wir
brauchen die SS-Divisionen an der Front. Und wenn in der Heimat
ein Aufstand losbricht?«
Nebe sagt: »Wir müssen Himmler ausschalten. Und Kaltenbrunner.
Warum ist noch kein Stoßtrupp in der Prinz-Albrecht-Straße?«
Beck steht auf
und winkt Gisevius zu sich. »Wir gehen zum
Rundfunk«, sagt er. »Das ist jetzt das Wichtigste.«
Ein Zivilist
kommt durch die geöffnete Tür. Er ist abgehetzt.
Er sitzt noch nicht, da fragt Stauffenberg: »Die Engländer,
Churchill? Sag schon, Adam.«
Der Zivilist
erwidert mit tonloser Stimme: »Bedingungslose
Kapitulation. Auslieferung der Kriegsverbrecher.«
»Nein!« Goerdeler stößt es heraus. »Niemals!«
Goerdeler steht
auf. Er setzt sich wieder. Er hustet. Dann sagt er zu Witzleben: »Hat
sich Kluge Ihnen unterstellt? Oder dem Herrn Reichsstatthalter?«
Witzleben erwidert
verächtlich: »Der kluge Hans hat sich
Bedenkzeit erbeten.«
»Der Oberbefehlshaber West denkt immer noch, er kann einer
Entscheidung ausweichen. Er wartet, bis sich die stärkeren Bataillone
zeigen. Lösen Sie ihn ab. Was ist mit Keitel?« Stauffenberg
springt auf und verlässt den Raum.
»Von Keitel ist nichts zu hören, seit der Herr Reichsstatthalter
ihn abgesetzt hat«, sagt Witzleben.
»Wir dürfen Himmler nicht festsetzen. Keiner weiß,
was dann passiert. Wir müssen alle Kräfte konzentrieren,
um einen ehrenhaften Frieden zu erkämpfen. Dazu brauchen wir
auch die Waffen-SS. Natürlich müssen wir Hitlers Verbrechen
aufklären. Nach dem Krieg.« Goerdeler wirft einen Blick
auf Nebe. Mir scheint, der ist noch bleicher geworden. »Verdienste
in diesen Tagen werden angerechnet«, sagt Goerdeler.
Mir wird übel. Wenn die SS überlebt, dann überlebt
auch Gestapo-Müller. Ich habe ihn verraten, wie ich zuvor die
Verschwörer verraten habe. Das kann nicht gut gehen. Müller
sei rachsüchtig, sagt man.
Stauffenberg
betritt das Zimmer. Hinter ihm erscheint ein Mann, groß und kräftig.
Den habe ich schon einmal gesehen, vor vielen Jahren.
Goerdeler erhebt
sich und geht auf den Mann zu mit ausgestreckter Hand. »Ich
freue mich, Herr Dr. Leber, dass Sie in Freiheit sind. Herr Reichsinnenminister,
bitte nehmen Sie Platz.«
Leber drückt Stauffenberg die Hand und setzt sich. Alle Augen
richten sich auf ihn. »Kaltenbrunner hat mich aus der Zelle
geholt«, sagt er in einem Ton, als glaubte er es selbst nicht. »Er
hat mich gebeten« - er betont »gebeten« -, »Ihnen
mitzuteilen, das Reichssicherheitshauptamt unterstelle sich ohne
Vorbehalte der neuen Regierung ...«
»Warum ist Kaltenbrunner noch in Freiheit?« Stauffenberg
brüllt fast. »Und Goebbels? Sitzt wenigstens der noch
im Gefängnis? Wo ist eigentlich dieser Major Remer mit seinem
Wachregiment? Und von dem Herrn Stadtkommandanten hört man auch
nichts. Gut, dass wenigstens die Panzerschule hier ist.«
Leber fährt fort: »Kaltenbrunner sagt, Himmler habe ihm
befohlen, der neuen Regierung mit allen Kräften zu helfen. Goebbels
sitzt im Keller der Prinz-Albrecht-Straße.«
Stauffenberg
lacht spöttisch. Wieder öffnet sich die Tür.
Ein kleingewachsener Mann bleibt im Türrahmen stehen. »Herr
Popitz, Ihr Freund hat sich gemeldet«, höhnt Stauffenberg
statt einer Begrüßung. Dann steht er auf und geht hinaus.
Goerdeler erhebt
sich und begrüßt den Neuankömmling. »Unser
Kultusminister«, sagt er.
Popitz verlässt das Zimmer und kehrt mit einem Stuhl zurück.
»Wir müssen jetzt zu Entscheidungen kommen«,
sagt Goerdeler.
Stauffenberg
kehrt zurück. Er schwitzt.
»Wir müssen entscheiden«,
wiederholt Goerdeler.
Die Tür geht auf. »Der Generaloberst im Radio«,
ruft einer.
Aus dem Vorzimmer
ertönt Becks Stimme. Er spricht bedächtig.
Der Führer sei den Heldentod gestorben. Eine Clique von Parteifunktionären
habe den Staatsstreich versucht. Aber die Wehrmacht habe Recht und
Ordnung wieder hergestellt. Jetzt müsse das deutsche Volk zusammenhalten
und gemeinsam mit den anderen Völkern der zivilisierten Welt
den Ansturm des Bolschewismus abwehren.
Stauffenberg
schnauft. »Das nimmt uns die Alternative«,
ruft er dazwischen. »Das Druckmittel gegenüber Churchill
und Roosevelt. Wie kann man die Feinde gegeneinander ausspielen,
wenn man sich öffentlich auf eine Seite festlegt?«
»Aber Herr Stauffenberg«, sagt Goerdeler. »Sie
haben doch vorhin zugestimmt. Wir können uns nicht mit den Bolschewisten
verbünden. Wir würden eine Diktatur gegen eine andere austauschen.
Stalin ist ein Verbrecher, nicht anders als Hitler. Da hätten
wir den Staatsstreich gar nicht machen müssen.«
Leber räuspert sich. »Es
geht nicht ohne Gewerkschaften und ohne Kommunisten. Wenn wir die
Arbeiter nicht auf unserer Seite
haben, werden wir scheitern.«
»Wer sagt denn, dass die Arbeiter nicht weiter den Nazis folgen?«,
wirft Trott zu Solz ein.
»Wenn die Kommunisten mit uns gehen, wird das seinen Eindruck
auf Stalin nicht verfehlen«, erwidert Leber.
»Aber wir können nicht die Kommunisten hereinnehmen und
gleichzeitig den Bolschewismus bekämpfen«, sagt Goerdeler. »Aber
ich weiß, dass wir Kontaktversuche nicht einfach abweisen können.« Er
ist sich unschlüssig.
Ich versuche
alle Argumente mitzuschreiben. Je mehr ich protokolliere, umso
weniger weiß ich, welchen Sinn es haben soll. Immer wieder
fällt mir Sobieray ein. Was würde er über das Attentat
denken, über die Lüge, die die neue Regierung darüber
verbreitet, und über die Verschwörer, die sich nur einig
waren, als es gegen Hitler ging?
Wieder der Oberleutnant
aus dem Vorzimmer. Er reicht Stauffenberg ein Papier. Der liest
es und gibt es Witzleben. Der Feldmarschall
wirft einen Blick auf das Papier: »Die Heeresgruppe Mitte hat
sich der Regierung und meinem Oberbefehl unterstellt.«
Goerdelers Gesicht
zeigt ein Lächeln.
»Tresckow«, sagt Stauffenberg. Er wendet sich an Witzleben. »Feldmarschall
Model erwartet Ihre Befehle. Geben Sie ihm operative Freiheit.«
Witzleben sagt
kalt: »Ich weiß, was meine Aufgabe ist,
Herr Oberst Stauffenberg.« Er steht auf und verlässt den
Raum.
»Herr Stauffenberg, respektieren Sie bitte den Rang des Feldmarschalls.
Er ist der Oberbefehlshaber«, sagt Goerdeler. Und jeder versteht,
er meint auch sich. Er denkt einen Augenblick nach, dann sagt er: »Wir
müssen einen Beschluss zur Judenfrage treffen. Die Alliierten
erwarten das. Wir müssen verdeutlichen, dass wir mit den Morden
von Hitler und Himmler nichts zu tun haben. Umso mehr, als wir gezwungen
sein könnten, eine Zeit lang mit Himmler zu paktieren, wenn
wir den Bürgerkrieg verhindern wollen.«
»Eine englische Fliegerbombe könnte auch den Reichsführer
treffen.« Gisevius steht in der Tür, er sagt es atemlos.
»Dann haben wir es mit Kaltenbrunner zu tun«,
sagt Olbricht.
Fromm wirft ein: »Oder
mit Wolff.«
»Himmler ist zu gut bewacht, er lässt keinen an sich
heran. Jetzt erst recht nicht.« Stauffenberg hebt die Hand
und lässt sie aufs Knie fallen. Dann wischt er sich Schweiß von
der Stirn.
Witzleben kehrt
zurück.
Auch auf Goerdelers
Stirn perlen Tropfen. »Zur Judenfrage.
Die Juden brauchen einen eigenen Staat. Es ist ihnen nun nicht mehr
zuzumuten, als Gastvolk in Europa zu leben. Hier bleiben sie ewig
ein Fremdkörper. Wir sollten als Ausnahmereglung dekorierten
Frontkämpfern des Weltkriegs die deutsche Staatsbürgerschaft
ermöglichen.«
»Wenn es die noch gibt, diese Frontkämpfer«,
sagt Olbricht.
»Das ist doch jetzt nicht vordringlich«, sagt Stauffenberg. »Die
Fronten brechen zusammen. Herr Generalfeldmarschall, was gedenken
Sie an der Ostfront zu tun? Der Russe drückt.«
»Ich werde den Herrn von Manstein zum Oberost ernennen«,
sagt Witzleben.
»Wenn der sich ernennen lässt«,
wirft Fromm ein.
»Wo ist Speer?«,
fragt Goerdeler. Er schaut sich um. Aber niemand antwortet.
Goerdeler wendet
sich an mich. »Haben Sie meine Ausführung
zur Judenfrage protokolliert?« Als ich bejahe, sagt er: »Können
Sie daraus eine Erklärung formulieren. Bis morgen früh?«
»Ja, Herr
Reichskanzler.«
Popitz sagt: »Vielleicht sollte Gisevius das übernehmen?«
»Den brauche ich für andere Aufgaben«, sagt Goerdeler. »Wir
müssen einen Friedensplan entwickeln.«
»Wie soll der aussehen, Herr Reichskanzler? Vielleicht weihen
Sie uns ein?« Stauffenberg lässt sich ansehen, dass er
seinen Zorn unterdrückt.
»Im Osten Grenzen von 1914, direkte Verhandlungen mit Frankreich über
Elsass-Lothringen. Österreich bleibt beim Reich. Südtirol
wird Deutschland zugeschlagen. Keine Reparationen. Deutschland richtet
seine Kriegsverbrecher selbst.«
Witzleben schnaubt.
Beck steht in
der Tür, er hat zugehört. Er hat große
Augen, sagt aber nichts.
»Weiter Kampf gegen den Bolschewismus«, sagt Stauffenberg. »Das
war nicht vereinbart.«
»Der Herr Reichsstatthalter amtiert als Reichspräsident,
bis die endgültige Staatsform festgelegt und eine legitime Regierung
ernannt ist. Um einen Bürgerkrieg zu vermeiden, hat der Reichspräsident
zum Volk gesprochen.« Gisevius sagt es kalt und bestimmt.
»Ich gratuliere dem Herrn Reichspräsidenten zu seiner
Ansprache«, sagt Goerdeler.
»Die Deutschen würden Putschisten nicht folgen«,
Hoepner lässt sich anmerken, dass er auch etwas sagen wollte.
»Herr Reichskanzler, Sie sollten jetzt Ihren Friedensplan
formulieren, damit wir bald über ihn beschließen und den
Feinden übermitteln können. Nehmen Sie den Herrn Gisevius
mit. Und die anderen Herren haben genug zu tun. Ich vertage die Sitzung
bis morgen früh«, sagt Beck.
Auf der Heimfahrt
in der U-Bahn schaue ich in müde Gesichter.
Die Leute wissen, dass ihr Führer tot ist. Ich hatte mir eingebildet,
ein solcher Umbruch müsse den Menschen anzusehen sein. Ich erinnere
mich der Hysterie bei Hitler-Auftritten überall in Deutschland
vor dem Krieg.
Im Hausflur treffe
ich Sobieray. Er repariert einen Briefkasten. Als er mich sieht,
stellt er sich mir in den Weg. »Es ist schrecklich.
Der Führer. Wie konnte das geschehen?«
»Ja. Eine englische Bombe«,
sage ich. Ich will trinken und nicht tratschen.
»Und der Wehrmachtbericht ist auch furchtbar. Überall
geht es zurück. Ob wir den Krieg verlieren? Stellen Sie sich
vor, die Russen in Berlin.« Sobieray schweigt einen Augenblick,
er malt sich aus, was er fürchtet. »Wenn der Führer
noch leben würde, könnte das nicht passieren. Er hat immer
einen Weg gefunden.«