Die
Krimi-Tagung im Berlin-Brandenburgischen Institut für deutsch-französische
Zusammenarbeit (BBI) im Schloss Genshagen (bei Berlin) scheint sich
als jährliches Diskussions- und Austauschforum
der Krimi-Szene zu etablieren. In ihrer internationalen Ausrichtung
dürfte
die Tagung, die Anfang Dezember 2004 zum zweiten Mal stattfand und
deren Fortsetzung von den Teilnehmern gewünscht und von der
rührigen
Organisatorin Katrin Schielke auch
angekündigt wurde, eine in Europa
einzigartige Veranstaltung sein. Neu war diesmal die Einbeziehung polnischer
Autoren und Kritiker – mit der die Tagung der neuerlichen Ausrichtung
des gastgebenden Instituts am sogenannten Weimarer Dreieck entsprach.
Schielke wies in ihren einleitenden Worten auf die gesellschaftskritische
und reflektorische Funktion der vermeintlich trivialen Gattung hin,
und das Fragezeichen hinter dem Untertitel des Tagungsprogramms („Spiegel
der Gesellschaft?“) kann wohl mit Fug als rhetorisch bezeichnet
werden, da es längst Krimis gibt, die sich mit heiklen politischen
Fragen wie der Vergangenheit in faschistischen oder kommunistischen
Diktaturen auseinandersetzen oder die Situation von Einwanderern in
westlichen Demokratien
reflektieren.
Die
Qualität solcher Auseinandersetzung mag unterschiedlich sein – doch
eines steht fest: Keine andere belletristische Gattung erreicht so
viele Leser wie der Kriminalroman.
Und so wies der französische
Krimi-Kritiker
Claude Mesplède in
der ersten Diskussions - und Vortragsrunde auf ein Phänomen auf
dem französischen Buchmarkt hin, das sicher
auch für Deutschland und – mutatis mutandis - für Polen
gilt: Die Verkaufszahlen für Kriminalromane steigen jährlich,
aber die literarisch ernster zu nehmenden Werke, denen eine gesellschaftskritische
Funktion zugesprochen werden kann, haben daran nur einen geringen Anteil.
Ob darin ein Paradox zu sehen ist, wie Mesplède glaubte, ist
allerdings zweifelhaft, ist doch die Qualität – wie bei
anderen Gattungen auch – ganz einfach zahlenmäßig
unterlegen. Es wird eben auf einem freien Buchmarkt auch viel Schund
produziert und verkauft – wie
der Düsseldorfer Autor Horst Eckert aus deutscher Sicht befand.
Dennoch bescheinigte Eckert, der zur Zeit auch Sprecher der Autoren-Vereinigung
Syndikat ist, dem deutschen Krimi inzwischen internationale Konkurrenzfähigkeit.
Dass der deutsche Krimi erst seit den späten sechziger Jahren
zu angelsächsischer, französischer oder skandinavischer Qualität
aufschloss, führte Eckert auf die mangelnde Tradition des Kriminal-
oder Detektivromans in Deutschland zurück, und in der Tat fällt
einem Germanisten ja dazu meist nicht viel mehr als Schillers Verbrechen
aus Infamie und E.T.A. Hofmanns Fräulein von Scuderi ein. Dazu
kommt, dass Deutschland als Krimi-Schauplatz lange ungeeignet schien:
In den
Großstadtschluchten Manhattans oder in verwinkelten Pariser Gassen
mordet es sich besser als im, so Eckert, „piefigen Deutschland“.
In dieser Ansicht sah Eckert ein Relikt aus der NS-Zeit, in der die
Darstellung von Verbrechen in Deutschland (und durch Deutsche) als
Nestbeschmutzung
galt. Manchen Zuhörer mochte es überraschen, dass einer Gattung,
der oft der Ruch des Affirmativen und Seichten anhaftet hier geradezu
subversive Qualitäten zugesprochen wurden. Dass gute und vor allem
realistische Kriminalromane nur in einer offenen Gesellschaft gedeihen,
konnte aus polnischer Sicht auch der Stettiner Literaturwissenschaftler
Leszek Szaruga bestätigen. Der Milizroman, der in der kommunistischen
Zeit die Rolle des Krimis einnahm, hatte den Auflagen der Zensur zu
folgen. Verbrechen sollten möglichst nicht im Land stattfinden
und kein schlechtes Licht auf die sozialistische Mustergesellschaft
werfen. Seit
der Abschaffung der Zensur 1989 wird der polnische Buchmarkt von Übersetzungen
dominiert – Szaruga verwies darauf, dass etwa in polnischen Bahnhofsbuchhandlungen
so gut wie keine polnischen Krimis als Reiselektüre zu erstehen
sind. Als Ausnahme nannte er den – auch ins Deutsche übersetzten
und im deutschen Schlesien der 30er Jahre spielenden - Roman Tod
in Breslau von Marek Krajewski. Claude
Mesplède führte diese
Unterrepräsentanz
der einheimischen Krimi-Produktion in Polen darauf zurück, dass
eine lebendige Krimi-Landschaft sich erst zehn bis fünfzehn Jahre
nach dem Ende einer Diktatur entwickeln könne, wie die Beispiele
Italiens nach Mussolini und Spaniens nach der Franco-Zeit zeigten.
In allen Diktaturen gibt es ideologisch
und propagandistisch geprägte
Krimis. Der sogenannte „Neuzeitliche Kriminalroman“ der NS-Zeit
etwa zeigte die Kriminalpolizei im Kampf gegen jüdisches Verbrechen,
wie der Berliner Literaturwissenschaftler Carsten
Würmann in der
folgenden Diskussionsrunde zeigte, in der es um die Aufarbeitung der
NS-Vergangenheit im Kriminalroman ging. Würmann legte dar, dass
die NS-Zeit im bundesdeutschen Krimi der 50er und 60er Jahre fast gänzlich
ausgespart blieb – auch hierin, in der Neigung zu Verdrängung
und Beschwichtigung im Nachkriegsdeutschland, erweist sich die Gattung
also als Spiegel der Gesellschaft. Ganz anders der propagandistische
Kriminalroman der frühen DDR: Hier wimmelt es von NS-Verbrechern,
die nach dem Krieg beim westdeutschen Klassenfeind weiter ihr Unwesen
treiben und die sozialistische Gesellschaft zu unterwandern drohen. Erst
seit den späten 80er Jahren erfolgt eine intensivere Auseinandersetzung
des deutschen Kriminalromans mit der NS-Vergangenheit – mit Autoren
wie Pierre Frei, Christian von Ditfurth und Horst
Bosetzky, der an der
Podiumsdiskussion teilnahm. Bosetzky (alias „–ky“)
hatte bereits auf über dreißig Jahre Krimi-Produktion zurückgeblickt,
bevor er sich 1995 mit dem Roman Wie ein Tier des Themas annahm – eigentlich
erstaunlich für einen bekennenden 68er und Soziologen mit gesellschaftskritischem
Anspruch. Bosetzky nannte – unter Abwandlung des bekannten Adorno-Diktums über
das Gedicht nach Auschwitz - als Hauptgrund für diese Abstinenz
die Furcht vor der Banalisierung des Gegenstandes durch die Gattung.
Eine sicherlich spezifisch deutsche Sichtweise.
Der französische Roman noir scheint, wie der Beitrag der Berliner
Literaturwissenschaftlerin Elfriede
Müller zeigte, unbefangener
mit dem Thema umzugehen. Eine beeindruckende Anzahl von Romans noirs
der 1990er Jahre (und danach) setzt sich kritisch mit der französischen
Kollaboration im Vichy-Regime auseinander. Im Gegensatz zum eher skeptischen
Carsten Würmann traute Müller dem Kriminalroman eine aufklärerische
Rolle bei der Aufarbeitung der Vergangenheit zu, die es durchaus mit
der offiziellen Geschichtsschreibung aufnehmen könne. Als bespielgebende
Autoren nannte sie Fréderic H. Fajardie, Patrick Rotman und die
am Podium teilnehmende Dominique
Manotti, deren Roman Le corps noir sich
mit dem wenig bekannten Phänomen der französischen Sektion
der Gestapo auseinandersetzt und den Alltag im besetzten Paris des Sommers
1944 beschreibt – zwischen verdrängender Amüsierlust
und Grauen. Manotti, hinter deren (hermaphroditischem) Pseudonym sich
eine in Paris lehrende Wirtschaftshistorikerin verbirgt, sagte, sie habe
keinen historischen Roman im Sinne einer faktengetreuen Rekonstruktion
des Gewesenen schreiben, sondern mit den Mitteln der Fiktion ausdrücken
wollen: Cela a existé. Ein an Leopold von Rankes „wie es
eigentlich gewesen“ erinnerndes historisches Erkenntnisinteresse,
das der Gattung Kriminalroman gewissermaßen die Weihen der ernsten
Literatur verlieh.
Selbstverständlich
war die – von Katrin
Schielke in ihren
Einführungsworten aufgeworfene - Frage nach dem literarischen
Wert des Krimis ein Thema, das die ganze Tagung begleitete. Dass der
Kriminalroman
als Gattung längst nicht mehr als reine Trivialliteratur zu gelten
hat, dass es gute und schlechte Krimis, Krimi-Schund und Krimi-Hochliteratur
gibt, dass auch Dostojewskij und Kafka Krimis geschrieben haben, wird
wohl kaum noch jemand bestreiten.
Wie
aber steht es um den künstlerischen
Wert bzw. die gesellschaftskritische Relevanz des Kriminalfilms? Mit
dieser Frage beschäftigte sich die folgende trinationale Diskussionsrunde.
In einem Punkt herrschte sofort Einigkeit: Der Kriminalfilm ist ein
Fernsehfilm. Das gilt für Deutschland, Frankreich und Polen gleichermaßen.
Selbst wenn Krimis zunächst für das Kino produziert werden,
geschieht dies mit Finanzmitteln des Fernsehens und mit Blick auf die
spätere Fernsehtauglichkeit. Ingrid Brück, Medienwissenschaftlerin
an der Universität Halle, vertrat die These, der Fernsehkrimi
sei per se ein affirmatives Genre. Als deutsches Beispiel hierfür
nannte sie nicht etwa Derrick, den Inbegriff affirmativer und einschläfernder
Fernsehunterhaltung, sondern den unkonventionellen Kommissar Schimanski,
der von 1981 bis 1991 die Hauptfigur des WDR-Tatort war. Die Emotionalität,
das antiautoritäre, gänzlich „unpolizeiliche“ Auftreten
des „Schmuddelkommissars“ hinke, so Brück, dem Wertewandel
in der bundesrepublikanischen Gesellschaft weit hinterher.
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Horst
Eckert et Hugues Pagan
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Gleiches
gelte für das vermehrte Erscheinen weiblicher Ermittler in deutschen
TV-Krimis der 90er Jahre. Durch die – im Zeitalter des Privatfernsehens
noch verstärkte – Quotenfixierung biete das Fernsehen wenig
Raum für Innovation. Horst Eckert sekundierte
Brück und stellte
fest, dass Krimis im deutschen Fernsehen unter dem Diktat der Quote
von Jahr zu Jahr seichter, angepasster und affirmativer geworden seien – anders
als in den USA, wo sich aufgrund der Größe der Zuschauerschaft
immer wieder Möglichkeiten ergäben, auch im Fernsehen anspruchsvolle
Krimis für ein Nischenpublikum zu zeigen. Ein vernichtendes Zeugnis
stellte der französische Autor Hugues
Pagan dem französischen
Fernsehkrimi aus. Die Krimi-Produktion des französischen Fernsehens
bezeichnete er als Konsensproduktionsmaschine und ließ auch an
den öffentlich-rechtlichen Sendern kein gutes Haar. Filme würden
nach Katalog für eine zuvor ermittelte Durchschnitts-Zielgruppe
produziert, hätten politisch korrekt und angepasst zu sein. Das
Resultat sei – trotz „mirakulöser“ Ausnahmen
wie der Serie PJ auf France 2 -
langweilig und auch ästhetisch-formal
mittelmäßig bis schlecht. Der polnische Drehbuchautor Witold
Horwath (der erkrankt war und dessen Thesen von der BBI-Mitarbeiterin
Anna Hofmann vorgetragen wurden), weist auf das Wendejahr 1989 hin.
Die Abschaffung der Zensur eröffnete auch dem Fernsehkrimi neue
Möglichkeiten.
Dieser hatte im kommunistischen Polen keinen guten Leumund, da es nur
schwer erträglich war, Beamte der Volksmiliz, die man im realen
Leben als korrupt und privilegiert erfuhr, auf dem Bildschirm als hehre
Verfechter von Recht und Moral zu sehen. Ein Polizist mit menschlichen
Schwächen, wie der Leutnant Subek in der Serie 07
melde dich,
musste mühsam beim Innenministerium durchgesetzt werden. Als herausragendes
Beispiel eines polnischen Nach-Wende-Straßenfegers nennt Horwath den Film Psy von Wladyslaw Pasikowski mit Boguslaw Linda, dem „polnischen
Alain Delon“ als Hauptdarsteller. Charakteristisch für diesen
Film wie für andere anspruchsvolle Krimi-Produktionen in Polen
sei die spezifisch innerpolnische Thematik – mit auch politischen
Anspielungen, die im Ausland nicht verstanden würden und daher
für den Export
und für die Übersetzung ungeeignet seien.
Die Übersetzung
von Krimis als sprachliche und kulturvermittelnde Herausforderung: Ein für eine trinationale Tagung naheliegendes
Thema, dem sich die folgende Diskussions- und Vortragsrunde widmete.
Gibt es spezifische Probleme beim Übersetzen von Kriminalliteratur?
Serge Quadruppani, Pariser Schriftsteller und Übersetzer des sizilianischen
Krimi-Autors Andrea Camilleri, sprach von zwei Fallen, in die der Krimi-Übersetzer
zu tappen drohe: der Besserwisserei, mit der der Übersetzer sich über
den Autor erhebe und der für das Genre unangebrachten, womöglich
mit Fußnoten untermauerten Übergenauigkeit. Katharina
Grän und Ronald Vouillé, die Übersetzer des französischen
Autors Achille F. Ngoye sekundierten ihm hier, verwiesen aber gleichwohl
darauf, dass Detailgenauigkeit und exakte Recherche das tägliche
Brot des Krimi-Übersetzers seien: Hierzu gehörten das Studium
von Stadtplänen, chemischen Substanzen, Waffen und – in Sonderfällen
- auch Insekten. Ursula Kiermeier, die deutsche Übersetzerin der
polnischen Krimi-Autorin Malgorzata Saramonowicz, berichtete in ihrem
amüsanten Beitrag von einer Insektenphobie, die sie bei den Recherchen
zu dem Saramonowicz-Roman Die Schwester, in denen allerlei Krabbeltiere
als Mordwaffen eingesetzt werden, fast überkommen hätte. Als „Detektive
in schwierigen Wortfällen“ bezeichnete sie resümierend
die Übersetzer von Kriminalromanen und verwies darauf, dass der
Verband der deutschen Übersetzer für Krimi-Übersetzer
Waffenkunde-Seminare mit „echten“ Kriminalpolizisten anbiete.
Die
letzte Diskussionsrunde der Tagung beschäftigte sich mit den „fremden
Blicken“ in Krimis von Migranten. Herausragende
Figur war hier der kongolesische, in Paris lebende Autor Achille
N’Goye, der seine
Romane als Methode darstellte, zum einen die Wahrheit über sein
Herkunftsland zu zeigen – und etwa die Unmenschlichkeit des Mobutu-Regimes
gegen die allzu schönfärberische Darstellung in einem Teil
der französischen Presse anzuprangern - und zum anderen die Kultur
der afrikanischen Migranten in Paris widerzuspiegeln.
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Irek
Grin et Achille N'Goyé
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Hierzu
gehöre,
so N’Goye auch die bewusste Aufnahme von französischen Afrikanismen
in die Schriftsprache. Aus der leider etwas disparaten und aufgrund
des Zeitmangels aus dem Ruder laufenden Diskussion seien hier noch
ein paar „Splitter“ herausgegriffen:
Claude Mesplède wies auf den britischen Autor Robin Cook hin,
der sich in Frankreich niederließ und Kriminalromane aus der
Sicht des Zugewanderten schrieb. Der polnische Autor Irek
Grin, dessen
Krimis
in Israel und in Kazimierz, dem jüdischen Viertel von Krakau spielen,
betonte die Notwendigkeit genauer Recherchen vor Ort und das noch immer „schwierige
Thema“ des Judentums in Polen. Jürgen Ebertowski, Berliner
Krimi-Autor und Weltenbummler, sprach mit dem polnischen Autor und
Journalisten Artur Gorski über dessen Blick auf Berlin als „exotischen
Ort“.
Die insgesamt gelungene und inspirierende
Veranstaltung, der eine Fortsetzung nur zu wünschen ist, wurde flankiert von abendlichen Lesungen im
Schloss Genshagen und in der Krimi-Buchhandlung Miss Marple in Berlin-Charlottenburg.
Vielleicht kommt es ja auch, wie zum Schluss von Claude Mesplède
angeregt, zur Gründung einer trinationalen Zeitschrift als Austauschorgan
für Krimi-Autoren des Weimarer Dreiecks. A suivre...
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