krimis in Europa
n°1 Mai-Juni 2005

 



Zur europäischen Verfassung


Didier Daeninckx, NEIN im Namen Europas
Robert Deleuse, Warum nein
Christian v. Ditfurth, Abrüstung ist Verfassungsbruch !
Nacho Faerna, Eher Konsument denn Bürger

Artur Górski, Zynismus oder glühender Glaube?
Hervé Jaouen, Ein realistisches und optimistisches Ja
Michael Koltan, Zur europäischen Verfassung

Michèle Lesbre, Nein danke
Fernando Martinez Lainez, Damit die Tür offen bleibt
Bruce Mayence, N
ichts als Glückseligkeit

 


NEIN im Namen Europas

Didier Daeninckx, Schriftsteller

Nach dem Verschwinden der Grenzen und der »lokalen« Währungen könnte man annehmen, dass sich Europa nun anderer Unterschiede annehmen würde. Vor allem der, die Menschen trennenden, ökonomischen Grenzen.

Die Befürworter der uns vorliegenden Verfassung haben allerdings einen anderen Weg gewählt, den der Stärkung der Ungleichheiten.

Die beunruhigendsten Verfügungen betreffen vor allem den öffentlichen Dienst, dessen Einrichtungen zum Teil durch die geplante Unterwerfung unter das Konkurrenzecht gleich in ihrer Existenz bedroht werden (Art. III-166).

Auch im Bereich der öffentlichen Förderung der Kultur bestimmt natürlich die liberale Logik: die Zuwendungen, die als "mit dem internen Markt" vereinbar erachtet werden, um "die Kultur zu fördern und zu bewahren, "sind nur vorstellbar, wenn sie die Bedingungen des Warenaustauschs und der Konkurrenz nicht beeinträchtigen."

Die »kulturelle Ausnahme«, die von der öffentlichen Meinung während der Verhandlungen über die Organisation des Welthandels durchgesetzt wurde, ist in Frage gestellt. Denn laut dieser Verfassung trägt die Europäische Union zu einer »harmonischen Entwicklung des Welthandels, zur schrittweisen Aufhebung der Restriktionen des internationalen Warensaustauschs und der direkten ausländischen Investitionen« bei (Art. III-314).

Die Tatsache, dass diese Richtlinien nur einstimmig von allen Mitgliedern der Gemeinschaft in Frage gestellt werden können, lässt uns keine andere Wahl als NEIN zu sagen, um die Chancen für ein soziales Europa zu bewahren.


Warum nein

Robert Deleuse, Schriftsteller

De Gaulle und Mitterrand hatten ein Stelldichein mit der Geschichte. Der Erste veröffentlichte seinen Aufruf aus London an einem 18. Juni des Jahres 1940 und nicht etwa am 17. oder 19. Juni. Dazu muss gesagt werden, dass am 18. sein Zwillingsbruder (bereits) die Niederlage der französischen Armee bei Waterloo erlebt hatte. Mitterrand kreuzte den 20. September 1992 in seinem Kalender an, da fand sein Referendum zu Maastricht statt. Anders gesagt, auf den Tag genau 200 Jahre nach dem Sieg von Valmy. Chirac (der niemals an irgendetwas geglaubt hat und schon gar nicht an Europa) legte das Datum seines Referendums über die europäische Verfassung auf einen Sonntag, und zwar auf den 29. Mai, den Muttertag, eingeführt von Marschall Pétain, der leider auch eine bestimmte Vorstellung von Europa hatte. Haben diese unterschiedlichen Daten irgendwelche Gemeinsamkeiten ? In der Ablehnung des alten Kontinents ein eigenes Modell zu entwickeln und nicht nur Modul einer dominierenden Macht zu sein: bestimmt. In dem Maße, in dem diese Verfassung von keiner konstituierenden Versammlung ausgeht, die sich der Volkssouveränität verschreibt, die keine einzige Grenze dieser Union festlegt und jegliche Staatsbürgerschaft auf Kosten der nationalen Identitäten ausschließt : sicher. In ihrer sozialen Regression, die sie auferlegt, indem sie aus ihrem Text jeden Bezug auf ein Mindesteinkommen streicht, auf das Arbeitslosengeld, das Recht auf eine ordentliche Bleibe, auf die Weiterbildung : bestimmt. Man sieht es : die Gründe NEIN zu sagen sind zahlreich. Dennoch, einige werden den Weg der Zusammenarbeit wählen und mit Ja stimmen. Am Sonntag, den 29. Mai 2005, wird jeder ernsthafte europäische Citoyen die Verben "resignieren" und "enthalten" in einer Forderung verbinden: WIDERSTEHEN. Und es gibt nur einen Weg dies umzusetzen : NEIN zu dieser Verfassung der rechten Henker und der linken Duckmäuser zu sagen.


Abrüstung ist Verfassungsbruch !

Christian v. Ditfurth, Schriftsteller

Man könnte ja fast glauben, der Altterrorist Lenin bekäme doch noch Recht. Er hat geschrieben, die Vereinigten Staaten von Europa seien unter kapitalistischen Verhältnissen entweder reaktionär oder unmöglich. Jedenfalls verstecken sich in den 250 Seiten des Entwurfs Paragrafen, die grotesk sind. Der Artikel I-41 etwa legt fest, dass die Mitgliedsstaaten ihre militärischen Fähigkeiten verbessern müssen. Wahrscheinlich gibt es sonst wo in der Welt keine Verfassung, die so etwas verlangt. Abrüstung als Verfassungsbruch – absurder geht’s nicht. Festgelegt werden soll auch, dass die gemeinsamen Streitkräfte in aller Welt intervenieren können – gemäß den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen“. Die man natürlich selbst auslegt. Mit so einer trickreichen Formulierung hat sich dereinst die NATO selbst das Recht zugeschrieben, Krieg zu führen. Aber davon abgesehen, macht die Verfassung Europa immer noch nicht zu einer großen Demokratie. Die aus Krieg und Unterdrückung geborene Idee eines freien Europas droht endgültig zu ersticken in einer Monsterbürokratie. Europa braucht ein aus allgemeinen, gleichen und freien Wahlen hervorgehendes Parlament mit vollen Rechten und nicht Kungelgremien aus vertretern nationaler Regierungen. Aber wahrscheinlich stirbt der Verfassungsentwurf in Referenden, und in Europa bleibt alles so schlecht, wie es ist. Mit dieser Verfassung würde es nur ein bisschen besser. Europa braucht aber einen großen Wurf oder gar nichts.


Eher Konsument denn Bürger

Nacho Faerna
Übersetzung: Claudia Manthey

Das Schlimmste an dieser Europäischen Union ist, dass sie als Markt begann. Vermutlich ein Kennzeichen der heutigen Zeit mit all diesen Regierungen, die von Phöniziern gelenkt werden. Ich persönlich würde ein Europa der Bürger einem Europa der Verbraucher vorziehen. Vor der Wirtschaft würde ich die Vorstellungen und vor den Banken die Parlamante einen. Der Spanier kauft bei Carrefour, fährt einen Volkswagen und kleidet sich bei Armani ein; französisch, deutsch oder italienisch versteht er jedoch nur mit Mühe und Not. Europa hat sich in ein sonderbares Babylon mit Gemeinschaftswährung verwandelt.

Auf der anderen Seite ist das Beste an dieser Europäischen Union die Überwindung der Grenzen. Ich bin absolut gegen jede Art von Nationalismen; inbesondere gegen jene, die sich auf Rassen- oder Religionskriterien gründen. Das ist das Beste an Europa; seine konfessionelle Ungebundenheit, seine geographische Erweiterbarkeit und seine ethnische Vielfalt. Mir gefällt die Idee eines Europa als Erbe der Aufklärung, der Französischen Revolution, der Göttlichen Vernunft.

Die Aufklärung hat schon einmal eine Verfassung inspiriert. 1787. Die der Vereingten Staaten von Amerika.

Die Sache ist, dass ich Verfechter einer Unmöglichkeit bin. Einer Unmöglichkeit, die in der endgültigen Niederlage des nationalistischen Narzißmus bestünde. Könnte ich entscheiden, würde die Euröpäische Union das amerikanische Grundgesetz annehmen. Der Text bräuchte nur einige kleine Anpassungen; bei seiner notwendigen Rückreise nach Europa aber bliebe sein humanistischer und liberaler Geist (im besten Sinn des Wortes) unverändert. Das würde zumindest symbolisch das Ende des 18. Jahrhunderts mit den Anfängen des 21. verbinden und so das verhängnisvolle 20. mit seinen beiden Weltkriegen umgehen.

Außerdem wäre das auch ein wirksames Schockmittel gegen die imperialistischen Anwandlungen des amerikanischen Freundes. Denn, wie alle wissen, setzen sich Imperien mit Hilfe ihrer Macht durch - das ist ihre Daseinsberechtigung. Auf eine “aktive Unterwerfung”, wenn man mir diesen scheinbar widersinnigen Ausdruck erlaubt, sind sie nicht vorbereitet. Bei dieser Gelegenheit würden wir auch dafür Sorge tragen, dass diese großartige Verfassung an einem Ort tatsächlich umgesetzt werden würde, denn dort, wo sie einst verkündet wurde, regieren seit langem ihre erbittertsten Gegner.

Wir, die Europäer, entschlossen die vollkommene Union zu schaffen, Gerechtigkeit herzustellen, das Zusammenleben zu bejahen, für die gemeinsame verteidigung zu sorgen, den allgemeinen Wohlstand zu fördern und für uns und unsere Nachkommen die Vorteile der Freiheit zu sichern, bestimmen und billigen diese Verfassung für die Vereinigten Staaten von Europa...

Ich glaube, dass wäre kein schlechter Anfang.


Zynismus oder glühender Glaube?

Artur Górski

Fragte man einen durchschnittlichen Polen, was er von der Diskussion um die Europäische Verfassung hält, so wüsste er sicher nicht einmal, von welchem Dokument überhaupt die Rede ist. Diejenigen, die doch davon gehört haben, wissen vor allem, dass der Streit der Präambel gilt, in der es – nach dem Willen der Franzosen – keine Anrufung Gottes, sondern lediglich einen unverbindlichen Verweis auf die christlichen Wurzeln der europäischen Zivilisation geben soll. Wichtiger noch, es hat den Anschein, dass die Mehrzahl der polnischen Politiker die Europäische Verfassung als Kraftprobe zwischen den Fürsprechern der Laizisierung des sozialen Lebens unseres Kontinents und der christlichen Orthodoxie betrachtet.
Ohne ins Detail gehen zu wollen, wer in dem Streit Recht hat, drängt sich der Eindruck auf, dass die Diskussion über das grundlegende Rechtsdokument der Europäischen Union (zumindest in Polen) auf ein falsches Gleis geraten ist, das kaum noch verlassen werden kann.
Die in den katholischen Werten verwurzelten Polen werden ein Dokument nicht ernst nehmen, dass – ihrer Ansicht nach – die grundlegendsten Prinzipien und Wahrheiten des sozialen Lebens leichtfertig übergeht. D.h. es lässt sich kein europäisches Recht auf einer Verfassung aufbauen, die die Gesetze Gottes verwirft.
Was sind sozialer und wirtschaftlicher Fortschritt, wenn wir ihn nicht auf den Zehn Geboten und den Gebeten der Kirchenväter errichten? Die Tatsache, dass nach aktuellen Umfragen 56% der Franzosen ebenfalls den Verfassungsentwurf ablehnen, stärkt auch in Polen das Lager der Verfassungsgegner.
Es sieht doch so aus: Die christliche Karte spielen zynisch Politiker aus, für die jener Widerstand Teil ihres Wahlkampfs ist. Wenn es später sein muss, unterstützen sie bereitwillig die Verfassung, auch ohne Anrufung Gottes. Man wird doch im Stillen seine Meinung ändern dürfen.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier

Über den Verfasser:
Artur Górski, geb. 1964, Journalist, Kriegsberichterstatter, Schriftsteller,
Mitgründer der Gesellschaft der Freunde der Kriminal- und Spannungsliteratur "Trup w szafie" (Die Leiche im Schrank). Er verfasste über die Balkanmafia die Bestsellerromane "Gucci boys" und "Der Body-Hunter" (Lowca cial). "Puma", der letzte der Teil dieser Trilogie, erscheint im Herbst 2005 im Verlag Dom pod Krakowem.


Referendum :
ein realistisches und optimistisches Ja

Hervé Jaouen, Schriftsteller

Zuerst muss man mit einem Missverständnis aufräumen : es geht nicht um eine Verfassung, sondern einen Verfassungsvertrag, der das Ziel hat, ein Wirtschaftseuropa mit 25 Mitgliedern zu schaffen. Er ist das Ergebnis zahlreicher Kompromisse.
Im Verhältnis zu den verträgen von Maastricht und Nizza gibt es keinen Rückschritt.
Er ist nicht das erfolgreiche Ende, sondern ein Schritt in die Richtung einer supranationalen Organisation. Er ist ein vertrag, der zu den vorhergehenden dazu kommt und dem weitere verträge folgen werden.
In der heutigen Debatte geht es nicht darum, ob man ein politisches Europa schafft oder nicht.
Das Problem ist nicht, für ein linkes oder rechtes Europa zu stimmen. Während wir auf das politische Europa warten (in 50 oder 100 Jahren?) werden die Regierungssysteme der Mitgliedsstaaten links oder rechts sein und dementsprechend handeln. Der neue vertrag verändert in dieser Hinsicht nichts.
Ja, dieser neue vertrag stützt sich auf den Liberalismus oder die Gesetze der Wirtschaft. Man kann das bedauern, aber man muss feststellen, dass es seit dem Zusammenbruch der Regierungssysteme im Osten nur noch dieses Modell gibt. Dieser Bezug zu den Gesetzen der Wirtschaft existiert seit dem vertrag von Rom. Es heute zu bemerken ist etwas seltsam. In einem Europa mit 25 Mitgliedern, wird es den nationalen Politiken zufallen (und den Bürgern, die links oder rechts wählen!), eventuelle Entgleisungen zu korrigieren, wie vorher auch.
Das Gebilde Europas hat mehr positive als negative Seiten. Seine Wirkungen auf das Wachstum der Mitgliedsstaaten waren fantastisch. Der weitere europäische Aufbau ist für alle vital.
Die Neuankömmlinge, vollständige Mitglieder Europas, werden sich auf politischem Niveau weiter entwickeln, wie es andere Länder, z.B. Irland, Spanien und Portugal gemacht haben.
Einige Verfechter des "nein"“ (Rechtsextremisten, Linksnationalisten) nutzen tausendjährige Ängste – die Apokalypse steht für morgen an - oder folgen einer guten alten Demogagik – die Brüsseler Verwaltungshydra. Ihnen beizupflichten wäre unwürdig.
Ich hege den Verdacht, dass Chirac den Weg des Referendums gewählt hat, um in den linken Reihen Streit auszulösen (wenn dem so wäre, hat er es geschafft).
Ich bin nicht sicher, dass die umständliche Wiederverhandlung, den ein Sieg des „nein“ mit sich brächte, zu einem besseren Kompromiss führen würde.
Aus all diesen und auch anderen Gründen werde ich beim Referendum „ja“ wählen. Es wird ein realistisches und optimistisches „ja“.


Zur europäischen Verfassung

Michael Koltan, Krimikritiker, Punkmusiker,
dialektischer Informatiker und Archivar

Man kann nicht sagen, daß in der Bundesrepublik Deutschland eine große Debatte über die Europäische Verfassung stattgefunden hätte. Das mag an der deutschen Verfassungstradition liegen - schließlich wurde das Grundgesetz nicht von der deutschen Bevölkerung erstritten, um die Willkür des Staates zu begrenzen, sondern wurde - aus durchaus nachvollziehbaren historischen Gründen - von den sogenannten "Vätern des Grundgesetzes" entworfen, um den Staat vor der Bevölkerung zu schützen.
Für Verfassungsfragen aus dem Blickwinkel des roman noir ist die Differenz von dekretierten und erkämpften Verfassungen entscheidend. Daß die Meisterwerke des roman noir aus den USA und Frankreich kommen, Ländern, in denen die Verfassungen durch Revolutionen erstritten wurden und dazu dienen sollen, die Gewalt des Staates gegenüber dem Individuen zu begrenzen, ist nicht verwunderlich. Der Held im roman noir, per se ein rebellisches Individuum, hat ja nicht eigentlich den Verbrecher zum Feind, sondern vielmehr die Komplizenschaft zwischen Staat und Verbrechen ; gegen diese Komplizenschaft begehrt der Held des roman noir zwar ohnmächtig, aber durchaus im Geist der republikanischen Verfassungen auf.
Und diesen republikanischen Geist gegen das bürokratische Kompromißpapier aus Brüssel zu mobilisieren wäre nicht die schlechteste Lehre, die man aus dem roman noir ziehen kann.


Nein danke !

Michèle Lesbre, Romanautorin

Nein danke !
"Denn der Ultraliberalismus erzeugt das Elend, das Revolten hervorbringt und rassistische Ideologien wiederaufleben lässt..." schrieb Louise L. Lambrichs in ihrem Werk Wir werden Vukowar niemals sehen.

Am 29. Mai bittet man mich also, ja oder nein zur europäischen Verfassung zu sagen. Aber für welches Europa ?
Ein Europa, das dem "Demokraten" Putin zusieht, wie er Tschetschenien verwüstet ?
Ein Europa, das vorgibt die Grenzen abzuschaffen, aber die Exilierten des Elends zurückweist ?
Ein Europa, das den Afrikanern Waffen verkauft und sie dabei an Hunger und Aids sterben lässt ?
Ein Europa, das unter dem Vorwand europäischer Normen die Sozialgesetzgebung in unserem Land und anderswo kassiert, während die Arbeitslosigkeit immer weiter steigt ?
Ein Europa, das unfähig ist, Bedingungen zu schaffen, die Verwüstungen all der Massaker, die das letzte Jahrhundert in Blut badeten, verschwinden zu lassen, um es endlich auf etwas anderem aufbauen zu können als auf Ruinen ?
Ein Europa, das einen fanatischen und gefährlichen amerikanischen Präsidenten fast überall sein Unwesen treiben lässt, weil es sich weigert die wahren Gründe des Terrorismus zu analysieren ?
Ich könnte meiner Liste noch viele Beschwerden hinzufügen. Wir alle sind verantwortlich für dieses Europa, das ich mich weigere zu unterstützen. Ich stimme dagegen, denn ich habe keine anderen Mittel, mich zu wehren.


Damit die Tür offen bleibt

Fernando Martínez Laínez, Schriftsteller
Übersetzung: Claudie Manthey

Denke ich an das gegenwärtige Erscheinungsbild Europas, hege ich Zweifel. Europa mangelt es an Visionen, es hat weder ein gemeinsames politisches Konzept noch den Willen, nachdrücklich seine Präzenz in der Welt zu behaupten und somit die internationale Ordnung ausgewogener zu gestalten. Momentan besetzen wir auf der Weltbühne nur eine Statistenrolle an der Seite der USA und bleiben weiterhin ein Kontinent, der durch Einzelinteressen und die Erinnerung an vergangene Streitigkeiten zerplittert ist. Mit der jüngsten Erweiterung der EU auf 25 Mitgliedsländer wurde dieses wichtige Problem anstatt gelöst im Gegenteil nur noch verschärft und aus Mangel an echten Bemühungen wird dieses zusammengesetzte Gebilde, das wir Europa nennen nur unter großen Schwierigkeiten die kommenden Herausforderungen bewältigen können. Der Ausblick verdüstert sich zudem durch den Ballast einer in Brüssel eingerichteten Kaste von Bürokraten, die die Hebel der Europäischen Union nach eigenen Vorstellungen bedient, dabei immer weiter außer Kontrolle gerät und vetternwirtschaftlich agiert.
Nun bleibt mir nur noch hinzuzufügen, dass ich mit JA zum Europäischen Verfassungsentwurf stimmen werde damit die Tür für einen Hoffnungsschimmer in Richtung auf ein künftig vereintes, respektiertes und freies Europas offen bleibt.


Nichts als Glückseligkeit

Bruce Mayence, Schriftsteller
Übersetzung : Kerstin Schoof

- Sie haben einen neuen Papst gewählt, Johannes-Paul XVI oder so ähnlich.
- Ach ja! und das Referendum in Frankreich, was kommt dabei raus ?
- Weiß nicht, da bin ich noch nicht, ich bin bei der Rubrik »Neue Päpste«!

Zeit, sich eine Zigarette zu drehen, ein paar Dosen zu leeren und ...

- Scheiße, die ist trotzdem ganz schön gemein, diese europäische Verfassung!
- Sicher. Seit dem Wechsel zum Euro ist der Dollar scheißnervös, und man spricht immer mehr vom sozialen Europa. Eine europäische Armee ist in Sicht.
- Im embryonalen Stadium, meinst du wohl.
- Embryo vielleicht, aber lass uns realistisch sein: dass es seit 60 Jahren keinen Krieg mehr gab, täuschen wir uns nicht, das verdanken wir Europa.
- Einverstanden. Wie mit Jugoslawien, wenn Europa nicht existiert hätte – mit Sicherheit wären wir direkt wieder drin versunken, Dritter Weltkrieg, Lager, Genozid, das ganze Arsenal.
- Na, da sind wir uns ja einig. Trotz allem, es gibt Arbeit.
- Vielleicht, aber die Verfassung – wenn sie gut aufgezogen wird – die wird damit Schluss machen. Den anderen Großen wird gar nichts anderes übrigbleiben, als sich gut zu benehmen. Wir werden eine der größten Mächte der Welt sein, dann fließt das Geld in Strömen.
- Europe, twelve points.
- Ja, Alter. Zeit zu schuften.

Michel und Francis erheben sich, wähend ihre Hunde sie ansehen mit dieser Zärtlichkeit in den Augen, die nur die Hunde der Obdachlosen ihren Herrchen entgegenbringen können.

Sie gehen die Fußgängerzone von Mons hinunter, um sich mit ihren Kumpeln auf den Stufen vor dem kleinen Supermarkt Match zu treffen. Es sind um die zwanzig, die in der Fußgängerzone herumhängen, zwanzig Kinder Europas, die neuen Landstreicher, die dieses Europa hervorgebracht hat!


(*) Match = Kette kleiner Supermärkte für Nahrungsmittel und Produkte für den alltäglichen Grundbedarf

 


powered by FreeFind

© 2005 europolar Home | Impressum | Redaktion | Übersetzer | Archiv | Links | Webmaster | Inhaltsverzeichnis | Webmaster: Emma

 

/html>