Vom
Wende-Krimi zur Krimiwende.
Berlinkrimis der letzten Jahre
Christian
Jäger
Auch in
jüngster Zeit hält sich ein ungebrochenes Interesse
am Berlinkrimi, und dies obgleich sich die Ausrichtung und Machart in
(bisher) zwei Phasen teilen lässt. Eine erste Phase des Booms in
der Nachwendezeit, die ich vor ein paar Jahren ausführlicher skizzierte,
indem ich Berlin als Schauplatz jämmerlicher Mordgeschichten voller
Jammergestalten beschrieb1. Seit fünf, sechs Jahren beginnt sich,
das Bild zu wandeln und die Lektüre von Berlinkrimis stimmt weniger
depressiv, sondern mehrheitlich hoffnungsvoll. Dafür seien im Folgenden
einige Beispiele angeführt:
Warum waren die Berlin-Krimis der Jahre zwischen Wende und 1998
mehrheitlich nicht als gelungene Krimis zu bezeichnen? Sie
hatten vor allem ein Thema,
das man eher noch als ein Trauma betrachten kann: Die Veränderung
der Mauerstadt, durch genau den Wegfall der Mauer, der die Identität
der Autoren und Autorinnen offensichtlich bedrohte. Eine Vielzahl von
literarischen Debütanten verarbeitete diese tiefreichende Irritation,
indem sie sich der relativ starren und stabilen und damit Sicherheit
gebenden Form des Krimis bedienten. Fast immer ging es um den Einbruch
der kriminellen Gewalt in ein zuvor bestehendes Beziehungsnetz, das den
Protagonisten oder ihren Freunden Sicherheit gab, sie in einer als fremd
empfundenen Metropole beheimatete. Durch das Verbrechen riß dieses
Netz, und der Roman diente unter anderem dazu, ein neues Geflecht von
Beziehungen zu knüpfen, das wiederum eine Art personales, emotionales
Zuhause bieten konnte. Die Abwendung einer Identitätsbedrohung war
zwar unter den historischen Bedingungen ein verständliches und für
Berlin, wo die Wende am stärksten im Zusammentreffen von West und
Ost erfahrbar war, spezifisches Thema, eignete sich für Kriminalgeschichten
allerdings nicht unbedingt, die von der Größe und Raffinesse
eines Verbrechens ebenso leben wie von der Spannung bei der Aufklärung
desselben, die vom Erzähler wohldosiert zu erzeugen ist. Größtenteils
fehlte den Berlin-Krimis beides, da sie sich eben an der Verarbeitung
einer subjektiven Problematik abarbeiteten, wozu sich die Form des Entwicklungsromans
denn doch eher anböte.
Dafür fehlten alle in Berlin auf der Tagesordnung stehenden Themen: die
politischen Skandale zwischen Olympiawerbung, Bau- und Bankwirtschaft, der
Einzug der Russenmafia und der Aufbau des organisierten Verbrechens in den
bis dato zumindest davon freien Bezirken der ehemaligen Hauptstadt der DDR.
Die Wiedervereinigung und die damit einhergehende Debatte über die Restituierung
von Eigentumsverhältnissen sowie die verbrecherische Vergangenheit der
Deutschen waren gleichermaßen nur wenigen einen Plot wert. Kurzum: politisch
wie historisch zeichneten sich Berlin-Krimis durch eine Fülle
aus wie der Potsdamer Platz vor dem Mauerfall.
Seitdem
hat sich Einiges geändert, obgleich etliche der früher schon
schreibenden Berlin-Autoren nachwievor Krimis produzieren. Allerdings, solche
die bereits zuvor sich durch eine gewisse Professionalität eine handwerkliche
Beherrschung des Metiers auszeichneten. Neben dem Übervater –ky,
die Routiniers Jan Eik und Frank Goyke, Mani Beckmann und Bernhard Thieme wirken
mittlerweile gleichermaßen professionalisiert. Der Verdacht läge
von daher nahe, daß sich erzähltechnisch wie gehaltlich nicht viel
an dem Bild verändert habe, das in Krimis von Berlin vermittelt wird.
Und zumindest die beiden Romane Beckmanns Tödliche Vergangenheit und Filmriss scheinen den Verdacht zu bestätigen. Aus der westdeutschen Provinz nach
Berlin gekommene, dort schon etablierte oder sich gerade etablierende Protagonisten,
werden in einen Kriminalfall verwickelt, dessen Aufklärung sie reifen
läßt. In dieser schlichten und gerafften Plotangabe ließe
sich das auch auf Severin Weilands Santiago oder Urban Blaus Max
Heller und der schöne Schein übertragen. Aber etwas ist anders: Das Verbrechen
kommt nur scheinbar von außen, es ist nicht der unabsehbare Einfall eines
Psychopathen, der die Dynamik des Verbrechens und des Krimis antreibt. Die
Gründe liegen jeweils in der Vergangenheit: einmal in einer gut 20 Jahre
zurückliegenden Vergewaltigung, einmal in einem Ehebruch mit tödlichen
Folgen, der sich mit der Nazivergangenheit des Großvaters kurzschließt,
und drittens mit den Foltermachenschaften eines Deutschchilenen im Pinochet-Chile
der 70er Jahre. Urban Blaus eher mäßig spannender Krimi führt
lediglich in die dekorative Untiefe eines pädophilen Vaters, der seine
Tochter schwängert; dekorativ bleibt sie, weil es zur im Romangeschehen
sich frühzeitig abzeichnenden abartigen Neigung des Vaters keine Narration
gibt, die sie irgend motivieren würde; Papa ist halt ein Perverser. Ähnlich
familiär geht es auch in Frank Goykes Höllenangst zu, wo ein Jahre
zurückliegender Mord an der Gattin Auslöser des nächsten
wird.
Doch
sind wir mit diesen ersten Exempeln auf eine Hypothese gestoßen,
die möglicherweise weiterführt: Berlinkrimis holen weit über
den Stadtrand aus und Geschichte herein. Es ist nicht mehr die unmittelbare
Erzählgegenwart des Erzählers, die für die Verbrechen entscheidend
ist, sondern historische Dimensionen, die das Verbrechen begründen. Auch
an Bernhard Thiemes Ein Toter zuviel läßt sich diese Hypothese erhärten,
führt sie doch auf einen Kriminalfall, der bis in die Mittsiebziger in
der Hauptstadt der DDR zurückreicht und über die Vorgeschichte der
beteiligten Kriminalisten bis in die Weimarer Republik zurückgeführt
wird. Dieser zeitlichen Tiefendimension korreliert die räumliche, die
ins China der 40er Jahre reicht. Mani Beckmann siedelte einen Teil seiner Handlung
in Tödliche Vergangenheit in Los Angeles an. Weiland greift der Natur
des Plots gemäß auf die Ereignisse in Chile zurück und auf
das zeitweilige Exil einer Protagonistin in Schweden. Buddy Giovinazzo läßt
seine Mafiosi, die an den Baugeschäften am Potsdamer Platz, so auch der
Titel des Krimis, verdienen wollen, immer wieder nach New Jersey abschweifen.
Maria Gronau führt in Weibersommer aus der Sympathisantenszene
der 70er Jahre nicht allein ins sommerliche Paris, sondern auch
in die Geschichte der
korsischen Separatistenbewegung ein.
Wiederum
Bernhard Thieme läßt in Russisch Roulette den Gegenspieler
seines Kommissars mit demselben eine gemeinsame Vergangenheit in den 60er Jahren
der DDR haben, um dadurch die Befindlichkeit des in Leningrad großgewordenen
Petersburgers nachzeichnen zu können. Die Vergangenheit spielt auch in
Jan Eiks Der Schein trügt eine bedeutsame Rolle, geht es doch um ein westdeutsch-ostdeutsch-österreichisches
Gemisch von Personen in den ausgehenden 50ern der ehemaligen DDR und West-Berlins.
Susanne Billig führt in Sieben Zeichen: Dein Tod nicht allein ins brandenburgische
Umland - wie eine Reihe anderer Krimis auch -, sondern zudem in die USA und
nach Wales, was nicht so interessant ist, wie die Geschichte einer New-Age
Sekte von ihren naiv-hippiesken Anfängen bis zur mafiösen Geschäftemacherei.
Daß man in diesem Umland des öfteren auf kahlgeschorene
Jugendliche trifft, entgeht auch kaum einem der Autoren respektive
Autorinnen.
-ky
steht dieser Tendenz zur raumzeitlichen Expansion Berlins scheinbar
fern, wird in den letzten Krimis zusehends selbstbezüglicher,
man könnte
fast von einer nur leicht gebrochenen narzißtischen
Selbstbespiegelung sprechen, die zu verfolgen zumindest in Alle
meine Mörder kaum noch Vergnügen
bereitet, da der Erzähler ständig meint, einsprechen
zu müssen,
teilweise auch tatsächlich muß, da sonst das Geschehen
nicht von der Stelle käme2.
Im letzthin erschienen Spreekiller ist
dieser aufdringliche und entweder hilf- oder lustlos anmutende
Gestus etwas zurückgenommen.
Statt dessen beginnt etwas anderes den Text zu dominieren.
Dabei handelt es sich um die ausgewiesene Intertextualität,
die geradezu wuchert. Nicht allein, das ständig auf
Fontanes Wanderungen rekurriert wird, dessen Schach
von Wuthenow bildet augenscheinlich den Entwurf
zu einer science-fictionartigen Serienkiller-Geschichte -
um nicht von Parodie zu sprechen. Verweise auf Literatur
finden sich auch andernorts bei –ky. Diese zahlreichen
Anspielungen auf einen bildungsbürgerlichen Lesehintergrund übernehmen
genau dieselbe Funktion wie die Vergangenheitsbezüge
in den narrativen Plots der anderen Autoren, die im übrigen
mit derartigen Verweisen partiell gleichermaßen
aufwarten3. Ähnlich wie in Günther Grass’ Das
weite Feld wird
eine kontinuierliche deutsche Identität qua Bildungsbezug
und Tradition konstruiert. Auffällig ist auch die Zunahme
historischer Berlinkrimis, sogar Preußenkrimis werden
als Subgenre angeboten, deren drei allein von Tom Wolf vorgelegt
wurden. Im wilhelminischen Berlin spielt Regina Stürickows
Habgier, Gabriele Stave situiert ihre Handlung
in der Spreemetropole der Goldenen Zwanziger unter dem Titel Schützenfest.
Was
aber will diese Ausweitung der Berlin-Krimis in Raum und Zeit bedeuten?
Weichen die Autoren der Stadt aus? Stellt
man
sich nicht
den Problemen
der Zeit? Im Gegenteil, genau das erfolgt durch die Auseinandersetzung
mit Nazivergangenheit,
Bauskandalen, Esoterikboom, Rechtsradikalismus, mafiösen Strukturen. Die
räumliche Ausweitung indiziert dabei den Metropolencharakter Berlins zu
Zeiten der Globalisierung, porträtiert eine Stadt, die wirklich welthaltig
ist eine Vielzahl von Gästen, Migranten und Migrierenden umfasst, so dass
von Berlin zu erzählen konsequenterweise einschließt von der Welt
zu erzählen.
Recht
ausgeprägt wird auch von der Vergangenheit in der DDR respektive
der Sozialisation in Westdeutschland gehandelt. Die historische Orientierung
ist nun nicht allein Dekor, sondern ein Anzeichen für ein reflektiertes
Verständnis der Gegenwart. Die Identitätsbedrohung durch die Wiedervereinigung,
die sich in dem Einbruch der Psychopathen ins Beziehungsnetzwerk der Ermittler
widerspiegelte, scheint kaum noch jemanden zum Schreiben zu drängen. Damit
einhergehend haben sich auch die Handlungsorte gewandelt, wird der früher
kaum erwähnte Viktoria-Luise-Platz zu einem prominenten Ort des Geschehens
und zum Signum einer Ankunft in einer liberalen Bürgerlichkeit und zugleich
in einer als stabil aufgefaßten Subjektivität, die sich vom Verbrechen
kaum noch existentiell erschüttern läßt, sondern rational an
seine Aufklärung geht. Ist damit die Wiedervereinigung glücklich
vollzogen? Eilt der Berlinkrimi der Wirklichkeit da möglicherweise ein
wenig voraus? Allenfalls darin, daß die Besinnung auf die Geschichte
die Vorraussetzung eines konstruktiven Umgangs mit den Problemen unterschiedlicher
Kulturen, die zu einem politisch-ökonomisch Gefüge zusammengeschmiedet
werden, darstellt, was jahrelang durch das Dominieren eines westlichen Blicks
ebenso wie durch eine verdrängte ostdeutsche Identität verstellt
wurde. Den Platz, den gerade die Besinnung auf die ostdeutsche Geschichte in
den neueren Berlinkrimis erhält, ist da ein überaus positives Zeichen.
Wie auch im Alltag tatsächlich kaum noch eine Irritation von der Wiedervereinigung
ausgehen dürfte, sondern sich selbst die unbeweglicheren Gemüter
nach gut 15 Jahren Wende mittlerweile mit ihrem neuen Gesamtberliner Dasein
versöhnt zu haben scheinen – jedenfalls wenn man den Berlinkrimis
der letzten fünf Jahre Glauben schenkt. Angesichts ihrer gewachsenen,
mehrheitlich geradezu hohen Qualität macht das sogar Spaß.
1 Als Mark E. Schmidt: Der große Schauplatz
jämmerlicher
Mordgeschichte oder die Krimi?Kapitale. Berlin?Krimis der neunziger
Jahre. In Schütz, Erhard / Döring, Jörg (Hgg.): Text
der Stadt – Reden von Berlin. Literatur und Metropole seit 1989.
Berlin 1999, 136-154.
2 Vgl. ebd. 196-197.
3 Thieme Russisch Roulette Verweis auf Balzacs Glanz und Elend der Kurtisanen.
Beckmann,
Mani: Tödliche Vergangenheit. Berlin 2001
Filmriss. Berlin 2003
Billig, Susanne: Sieben Zeichen: Dein Tod. Berlin 2003
Blau, Urban: Max Heller und der schöne Schein. Berlin 2002
Eik, Jan: Der Schein trügt. Berlin 2001
Auf Mord gebaut. Berlin 2002
Giovinazzo, Buddy: Potsdamer Platz. Berlin 2003
Goyke, Frank: Höllenangst. Berlin 2002
Gronau, Maria: Weibersommer. Berlin 1998
-ky: Alle meine Mörder. Reinbek 2001
Das Double des Bankiers. Reinbek 2002
Spreekiller. Frankfurt a.m. 2003
Thieme, Bernhard: Ein Toter zu viel. Berlin 2001
Russisch Roulette. Berlin 2002
Weiland, Severin: Santiago. Berlin 2001