
Jean-Patrick
Manchette und Amerika
Marie-Hélène
Carpentier - mehr
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Übersetzung:
Alexander Ruoff
Das
letzte Mal, dass Manchette in einem Film auftauchte, war in einem
etwa eine Stunde
langen Dokumentarfilm, der 1993 in Fleury Merogis
mit Patrick Raynal als Moderator gedreht wurde. Raynal war
damals seit kurzem Herausgeber der »Série Noire«. In Réunion
de cellule: Zellensitzung, am 28. Juli 1996 auf Arte ausgestrahlt,
diskutieren genau 30 Jahre später neun »europäische« Schriftsteller,
darunter ein Argentinier, Rolo Diez, und ein Mexikaner, Paco Ignacio
Taibo II, über ihr politisches und dann literarisches Engagement
seit den 60er-Jahren. Jürgen Alberts erinnert an die Rote Armee
Fraktion, Cesare Battisti und Nino Filasto an die Roten Brigaden, Patrick
Raynal, Serge Quadruppani und Thierry Jonquet evozieren die maoistischen
Jahre, während Manchette sich gegen die maoistischen Ideen wendet
und für die trotzkistische Revolution und ein anarchistisches
Begehren einsetzt. Und dennoch spricht er fast ausschließlich über
Literatur, während die anderen auf ihre politische Vergangenheit
eingehen. Auch wenn Manchette den Namen Hammetts erwähnt, sobald
man ihm das Wort gibt, schließt er seine Ausführungen doch
mit einer Hommage an Chandler: »Es bereitet mir großes
Vergnügen, verhaltenswissenschaftliche Sätze zu formulieren
und vor allem Chandler einmal pro Buch zu zitieren: ›Mein Gesicht
ist ganz angespannt vor lauter Überlegen oder von etwas, das mir
das Gesicht anspannt‹ - das ist der Gipfel des Behaviorismus.« Inzwischen
ist unser Nationalschriftsteller aber der Meinung, dass wir den ersten
Text über den »objektivistischen« Stil Guy
de Maupassant verdanken, der in seinem Vorwort zu Pierre
et Jean 1887 als Vorreiter
die realistischen Schriftsteller als Illusionisten definiert
hat.
Auch
wenn P. Raynal, um seine Gäste vorzustellen und die Einladung
der Gruppe zu rechtfertigen, uns sagt, dass die Abwesenheit der Angelsachsen
bei dieser Zusammenkunft gewollt ist - »Die Amerikaner haben
eine Revolution gemacht, die eher auf die Entdeckung der Drogen als
auf die Entdeckung des bewaffneten Kampfes zielt (...) Was England
betrifft, ist das ein bisschen anders: der Roman Noir ist dort eine
sehr neue Erscheinung, da die dortige Tradition durch den Rätselkrimi
geprägt ist« - beteuert Manchette, »dass man in Frankreich
geschlagen wurde, in Portugal geschlagen wurde, in Spanien geschlagen
wurde, in Italien geschlagen wurde, und dass die polnische Bewegung
1980 im Begriff war, geschlagen zu werden. In Frankreich hatte man
gerade einen widerlichen Präsidenten der Linken gewählt,
der 1969 schon einmal versucht hatte, die Macht zu erlangen, und der
damals glücklicherweise scheiterte; und dann hat der Coup
geklappt; und damit war es aus, die schmutzigen 80er Jahre haben
begonnen und
ich konnte nicht mehr schreiben.«
Weil
nämlich, so Manchette, in Europa die Kämpfe immer mit
schrecklichen Niederlagen für die Linke verbunden sind, während
Amerika ihm zufolge schon seit den 20ern zwar eine schlechte Macht
repräsentiert, aber auch einen effizienten künstlerischen
Kampf.. Manchette hat in der Tat immer Gefallen daran gefunden, all
die Ersatzsujets und die revolutionären Objekte, vor allem nordamerikanischer
Herkunft zu bewahren, die die Kriminalliteratur des 20. Jahrhunderts
genährt haben, um die Bilanz einer linken Kultur zu ziehen. Während
amerikanische Schriftsteller und Hollywood Manchettes ganze Generation
zum Träumen brachten (er ist 1942 geboren) und heute den ganzen
Planeten mit ihrem Talent beglücken, haben die französischen
Künstler des Films und der Literatur in den 1970er Jahren keine
große Rolle gespielt. Zu dieser Zeit wollte Manchette Filme machen
und ist auch Drehbuchautor geworden, aber er beginnt bald den Film
zu kritisieren, weil er in den Jahren nach 1968 so wenig Sozialkritik
geleistet habe. Danach hat er sich immer wieder widersprüchlich
zur Literatur geäußert: Mal ließ ihn sein Sartrescher
Ansatz ausrufen, dass »man mit der ästhetischen Literatur
brechen" müsse, mal ließen ihn seine surrealistischen
und situationistischen Ansätze (aus reiner Provokation) erklären,
dass nur die Kriminalliteratur sich auf der Höhe dieser Periode
der Revolte und der Revolution zeige - denn der Mai 68 war weit mehr
als eine studentische Revolte - eine negative Sicht der gegenwärtigenGesellschaft
zu formulieren: Manchette beschrieb die Bedeutung des Scheiterns und
der Desillusionierung für seine Zeitgenossen. Und so musste er
sich nach den Jahren der Euphorie und der revolutionären Hoffnung
in mörderischen Erzählungen gegen die »schlechte«,
von Macht und Geld korrumpierte, Gesellschaft austoben. Auch wenn das
Genre Noir, so wie Manchette es betrieb, nicht zu einer sozialen Revolution
geführt hat, hat es dennoch dazu beigetragen, eine widerständige
Literatur entstehen zu lassen, und das zu einem Zeitpunkt, an dem die
Literatur im allgemeinen über ihr eigenes Wesen sinnierte, anstatt
sich zu fragen, was sie leisten könnte (so R. Barthes).
Weit
davon entfernt, eine neue Literatur erschaffen zu wollen, nachdem
der Nouveau Roman sich das Ziel gesteckt hatte, einen
neuen Realismus
zu begründen, wollte Manchette seit den 60er-Jahren
lieber in einem Nebengenre brillieren: Die »Série
Noire« hat
ihm in der Tat erlaubt, einen Kult Manchette ins Leben zu
rufen, der zu zeigen versucht, dass eine Studie über
das gegenwärtige
gesellschaftliche Leben immer auch eine Untersuchung über
die Geschichte eines Genres ist. Dieses Genre amerikanischer
Herkunft impliziert
eine Untersuchung über die Geschichte des Kapitalismus,
der eine Literatur und Filme hervorgebracht hat, die in der
Lage sind, ihr eigenes
System zu kritisieren. Analysiert man die literarische Situation
Manchettes, erkennt man in seinem Projekt nicht nur den Wunsch,
eine Gegenmacht
in der Kultur aufrecht zu erhalten, sondern auch die Freude
an der Ironie, die die Amerikaner vielleicht besser als die
Europäer
darstellen können. Manchette entwickelt gleichzeitig
ein schwarzes und ein komisches Universum. Der Franzose Manchette
hat also seine
angelsächsischen Kollegen imitiert, um zu zeigen, dass
die Literatur das einzige Ventil in einer Realität ist,
die die Ankunft einer besseren Gesellschaft verhindert. Auch
wenn man einZitat von Paul Valéry
in L’Affaire N’Gustro findet,
richtet sich die ganze Konzentration dieses Schriftstellers
darauf jedes Mal eine revolutionäre Realität
auf artifizielle Weise neu zu erschaffen, die gleichzeitig
Befriedigung und Frustration geriert. Zu Beginn der 90er-Jahre,
während er
La Princesse du sang schrieb, konnte Manchette
die Gegenwart nicht mehr meistern - nur noch die Vergangenheit
inspirierte ihn - und er
entwirft eine gedrängte Geschichte der Weltpolitik der
50er-Jahre, wie um uns zu sagen, dass die Geschichte ein
sicheres Mittel
ist, den roman noir zu verewigen.
Alle
Zitate von Raynal und Manchette sind aus »Réunion
de cellule...«. Die Rechte liegen bei der INA.
Marie-Hélène Carpentier ist Verfasserin der Doktorarbeit: »Jean-Patrick
Manchette (1964-1981) littérature impossible. Écrits
pour le cinema et le roman noir« (Jean-Patrick Manchette (1964-1981).
Unmögliche Literatur. Schriften für das Kino und den Roman
Noir), mit der sie den Doktortitel für französische Literatur
und Zivilisation an der Universität Paris VII erhalten hat.

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