krimis in Europa
n°2 July-August-September 2005

 

 

Jean-Patrick Manchette und Amerika

Marie-Hélène Carpentier - mehr infos -
Übersetzung: Alexander Ruoff

 

Das letzte Mal, dass Manchette in einem Film auftauchte, war in einem etwa eine Stunde langen Dokumentarfilm, der 1993 in Fleury Merogis mit Patrick Raynal als Moderator gedreht wurde. Raynal war damals seit kurzem Herausgeber der »Série Noire«. In Réunion de cellule: Zellensitzung, am 28. Juli 1996 auf Arte ausgestrahlt, diskutieren genau 30 Jahre später neun »europäische« Schriftsteller, darunter ein Argentinier, Rolo Diez, und ein Mexikaner, Paco Ignacio Taibo II, über ihr politisches und dann literarisches Engagement seit den 60er-Jahren. Jürgen Alberts erinnert an die Rote Armee Fraktion, Cesare Battisti und Nino Filasto an die Roten Brigaden, Patrick Raynal, Serge Quadruppani und Thierry Jonquet evozieren die maoistischen Jahre, während Manchette sich gegen die maoistischen Ideen wendet und für die trotzkistische Revolution und ein anarchistisches Begehren einsetzt. Und dennoch spricht er fast ausschließlich über Literatur, während die anderen auf ihre politische Vergangenheit eingehen. Auch wenn Manchette den Namen Hammetts erwähnt, sobald man ihm das Wort gibt, schließt er seine Ausführungen doch mit einer Hommage an Chandler: »Es bereitet mir großes Vergnügen, verhaltenswissenschaftliche Sätze zu formulieren und vor allem Chandler einmal pro Buch zu zitieren: ›Mein Gesicht ist ganz angespannt vor lauter Überlegen oder von etwas, das mir das Gesicht anspannt‹ - das ist der Gipfel des Behaviorismus.« Inzwischen ist unser Nationalschriftsteller aber der Meinung, dass wir den ersten Text über den »objektivistischen« Stil Guy de Maupassant verdanken, der in seinem Vorwort zu Pierre et Jean 1887 als Vorreiter die realistischen Schriftsteller als Illusionisten definiert hat.

Auch wenn P. Raynal, um seine Gäste vorzustellen und die Einladung der Gruppe zu rechtfertigen, uns sagt, dass die Abwesenheit der Angelsachsen bei dieser Zusammenkunft gewollt ist - »Die Amerikaner haben eine Revolution gemacht, die eher auf die Entdeckung der Drogen als auf die Entdeckung des bewaffneten Kampfes zielt (...) Was England betrifft, ist das ein bisschen anders: der Roman Noir ist dort eine sehr neue Erscheinung, da die dortige Tradition durch den Rätselkrimi geprägt ist« - beteuert Manchette, »dass man in Frankreich geschlagen wurde, in Portugal geschlagen wurde, in Spanien geschlagen wurde, in Italien geschlagen wurde, und dass die polnische Bewegung 1980 im Begriff war, geschlagen zu werden. In Frankreich hatte man gerade einen widerlichen Präsidenten der Linken gewählt, der 1969 schon einmal versucht hatte, die Macht zu erlangen, und der damals glücklicherweise scheiterte; und dann hat der Coup geklappt; und damit war es aus, die schmutzigen 80er Jahre haben begonnen und ich konnte nicht mehr schreiben.«

Weil nämlich, so Manchette, in Europa die Kämpfe immer mit schrecklichen Niederlagen für die Linke verbunden sind, während Amerika ihm zufolge schon seit den 20ern zwar eine schlechte Macht repräsentiert, aber auch einen effizienten künstlerischen Kampf.. Manchette hat in der Tat immer Gefallen daran gefunden, all die Ersatzsujets und die revolutionären Objekte, vor allem nordamerikanischer Herkunft zu bewahren, die die Kriminalliteratur des 20. Jahrhunderts genährt haben, um die Bilanz einer linken Kultur zu ziehen. Während amerikanische Schriftsteller und Hollywood Manchettes ganze Generation zum Träumen brachten (er ist 1942 geboren) und heute den ganzen Planeten mit ihrem Talent beglücken, haben die französischen Künstler des Films und der Literatur in den 1970er Jahren keine große Rolle gespielt. Zu dieser Zeit wollte Manchette Filme machen und ist auch Drehbuchautor geworden, aber er beginnt bald den Film zu kritisieren, weil er in den Jahren nach 1968 so wenig Sozialkritik geleistet habe. Danach hat er sich immer wieder widersprüchlich zur Literatur geäußert: Mal ließ ihn sein Sartrescher Ansatz ausrufen, dass »man mit der ästhetischen Literatur brechen" müsse, mal ließen ihn seine surrealistischen und situationistischen Ansätze (aus reiner Provokation) erklären, dass nur die Kriminalliteratur sich auf der Höhe dieser Periode der Revolte und der Revolution zeige - denn der Mai 68 war weit mehr als eine studentische Revolte - eine negative Sicht der gegenwärtigenGesellschaft zu formulieren: Manchette beschrieb die Bedeutung des Scheiterns und der Desillusionierung für seine Zeitgenossen. Und so musste er sich nach den Jahren der Euphorie und der revolutionären Hoffnung in mörderischen Erzählungen gegen die »schlechte«, von Macht und Geld korrumpierte, Gesellschaft austoben. Auch wenn das Genre Noir, so wie Manchette es betrieb, nicht zu einer sozialen Revolution geführt hat, hat es dennoch dazu beigetragen, eine widerständige Literatur entstehen zu lassen, und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Literatur im allgemeinen über ihr eigenes Wesen sinnierte, anstatt sich zu fragen, was sie leisten könnte (so R. Barthes).

Weit davon entfernt, eine neue Literatur erschaffen zu wollen, nachdem der Nouveau Roman sich das Ziel gesteckt hatte, einen neuen Realismus zu begründen, wollte Manchette seit den 60er-Jahren lieber in einem Nebengenre brillieren: Die »Série Noire« hat ihm in der Tat erlaubt, einen Kult Manchette ins Leben zu rufen, der zu zeigen versucht, dass eine Studie über das gegenwärtige gesellschaftliche Leben immer auch eine Untersuchung über die Geschichte eines Genres ist. Dieses Genre amerikanischer Herkunft impliziert eine Untersuchung über die Geschichte des Kapitalismus, der eine Literatur und Filme hervorgebracht hat, die in der Lage sind, ihr eigenes System zu kritisieren. Analysiert man die literarische Situation Manchettes, erkennt man in seinem Projekt nicht nur den Wunsch, eine Gegenmacht in der Kultur aufrecht zu erhalten, sondern auch die Freude an der Ironie, die die Amerikaner vielleicht besser als die Europäer darstellen können. Manchette entwickelt gleichzeitig ein schwarzes und ein komisches Universum. Der Franzose Manchette hat also seine angelsächsischen Kollegen imitiert, um zu zeigen, dass die Literatur das einzige Ventil in einer Realität ist, die die Ankunft einer besseren Gesellschaft verhindert. Auch wenn man einZitat von Paul Valéry in L’Affaire N’Gustro findet, richtet sich die ganze Konzentration dieses Schriftstellers darauf jedes Mal eine revolutionäre Realität auf artifizielle Weise neu zu erschaffen, die gleichzeitig Befriedigung und Frustration geriert. Zu Beginn der 90er-Jahre, während er La Princesse du sang schrieb, konnte Manchette die Gegenwart nicht mehr meistern - nur noch die Vergangenheit inspirierte ihn - und er entwirft eine gedrängte Geschichte der Weltpolitik der 50er-Jahre, wie um uns zu sagen, dass die Geschichte ein sicheres Mittel ist, den roman noir zu verewigen.

Alle Zitate von Raynal und Manchette sind aus »Réunion de cellule...«. Die Rechte liegen bei der INA.

 

Marie-Hélène Carpentier ist Verfasserin der Doktorarbeit: »Jean-Patrick Manchette (1964-1981) littérature impossible. Écrits pour le cinema et le roman noir« (Jean-Patrick Manchette (1964-1981). Unmögliche Literatur. Schriften für das Kino und den Roman Noir), mit der sie den Doktortitel für französische Literatur und Zivilisation an der Universität Paris VII erhalten hat.

 

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