
Jean-Patrick
Manchette (1942-1995)
und die Weltgeschichte
Von
Elfriede Müller
|
Jean-Patrick Manchette © Jacques Robert |
Der
französische
Chandler1 oder
auch Rimbaud
des polar2 genannte
Autor, der mittlerweile zu einer kulturellen Ikone geworden
ist, erweckte den französischen roman noir zu neuem
Leben und veränderte bzw. radikalisierte das Genre grundlegend: "künstlerisch
durch die sprachliche Konzentration des Stils, inhaltlich mit
einer konsequenten Politisierung der Thematik."3 Jean-Patrick
Manchette kam aus der radikalen Linken, 1960 trat er der Studentengewerkschaft
UNEF bei, er begann während des Algerienkrieges politisch
aktiv zu werden, engagierte sich bei La Voix communiste4 in
Rouen, und war an den Ereignissen von 1968 beteiligt. Ab 1965
stand er den Situationisten
nahe. Manchette verdiente seinen Lebensunterhalt als Englischlehrer
und begann nebenbei, Romane und Essays zu übersetzen und
für
das Fernsehen und das Kino Szenarien und Dialoge zu schreiben.
Er übersetzte
- zum Teil gemeinsam mit seiner Frau - 30 romans noirs aus
dem englischen. Manchette
begann nicht unbedingt früher
zu schreiben als seine Kollegen, doch er wurde früher
veröffentlicht und kann deshalb
als Vorläufer und vor allem als Einzelgänger betrachtet
werden, der das neue Genre prägte. Er ebnete den Weg
für
eine Generation neuer Autoren, die nicht immer sein literarisches
Niveau erlangten
und auch andere fiktionale und thematische Schwerpunkte setzten: Frédéric
H. Fajardie, Didier Daenninckx, Jean-François
Vilar,
Thierry Jonquet, Jean-Bernard
Pouy, Dominique Manotti und
viele andere.
Manchette
verankerte den roman noir in der Realität und neigte in keinem
Moment – wie
einige andere Autoren – zu Nostalgie und Romantizismus.
Die pittoreske Beschreibung des Pariser oder Marseiller
Milieus, wie man sie bei Le
Breton oder Simonin
findet, waren für Manchette kein
Thema mehr. Im Sinne der Ideen der Revolte von 68 wandte
sich seine
Literatur zuallererst
gegen Autoritäten: "Das Erste, was ein Autor von
romans noirs zu tun hat, ist die Autorität und ihre
Repräsentanten
zu erledigen (natürlich nur symbolisch), d.h. den Vater
oder den Chef. ("La première démarche
d'un auteur de romans noirs est en fait de tuer (symboliquement)
l'autorité et ses
représentants: le père ou le patron."5).
Gleich sein Erstlingswerk L'Affaire N'Gustro6 (Die
Affäre
N'Gustro, 2003 in deutsch) von 1971 schlägt
ein wie eine Bombe: "Der Polar
war immer ein Roman, der sehr brutal in das soziale Geschehen
eingreift." ("Le
polar, pour moi, c'était – c'est toujours – le
roman d'intervention sociale très violent."7). Manchette
stellte sich in die Tradition des amerikanischen roman noir
der 20er Jahre.
Wie in den 20er Jahren, so triumphiere in den 70er Jahren
weltweit die Konterrevolution und erneuere damit den roman
noir. Gleichwohl
sei diese Romanform nur der Ersatz einer Revolution. Obgleich
der Zynismus in Manchettes Romanen kaum zu überbieten
ist, so hält er
zwischen den Zeilen an linken Emanzipationsversuchen
fest und verteidigt, wie André Vanoncini schreibt, die
moralischen Gewissheiten des Mai 688.
Das
Werk von Jean-Patrick Manchette ist nicht rein fiktional, sondern
besteht zu einem wichtigen Teil
auch aus Literatur-
und Filmkritiken und dem Versuch einer Theoretisierung
des Genres. Er verfasste 10 Romans
noirs. Manchette repräsentierte die enttäuschte
Generation der 68er Aktivisten wie kein anderer, deshalb
lehnte ihn ein
Teil der traditionellen Leserschaft von Kriminalromanen
auch ab. Die rechtsradikale
Zeitung Minute warf Manchette
in einem Artikel mit der Überschrift Verschwindet
die Série Noire? (La Série Noire
va-t-elle-disparaître?)
sogar vor, für den Niedergang des roman noir verantwortlich
zu sein : "ein bestimmter Salonmarxismus, den französischen
Autoren, wie der mittelmäßige und anmaßende
Jean-Patrick Manchette, ihn vertreten...(...) "un
certain gauchisme de salon (représenté par
des) auteurs français comme le médiocre
et prétentieux Jean-Patrick Manchette...(...) Diese
Herren sollten kapieren, dass der linke Detektiv, der gegen
den Vietnamkrieg agiert,
die Amateure des Genre total nervt." ("Que ces
messieurs se disent bien que le détective contestataire
et hostile à la
guerre du Vientnam, cela rase profondément les amateurs
de romans noirs."9)
Doch Manchettes Erfolg stellte sich sehr schnell
ein, denn er schaffte es dem roman noir
ein neues
Publikum zu erschließen,
wie Le Monde 1972 titelte: "Die Linksradikalen in
der Série
Noire." ("L'ultra-gauche à la Série
Noire.")10.
Manchette kann ab 1972 als erfolgreicher Autor bezeichnet
werden, der von seiner Feder leben kann. 
Mit
dem Grand
Prix de la littérature policière 1973 für
O dingos, ô châteaux! (Tödliche Luftschlösser,
2002 in deutsch) erlangte er seine definitive Anerkennung. Die Fachzeitschrift
Polar widmet ihm 1980 eine Sondernummer, Claude Mesplède vergleicht
seine Originalität mit der Simenons und zahlreiche seiner Romane
wurden verfilmt11. 1991 erfährt Manchette, dass er Krebs
hat. 1995 stirbt er daran.
Die Affäre N'Gustro – Geschichte als Narration
Sein
erster Roman, den Jean-Paul Schweighaeuser auch als seinen eindringlichsten
und vollkommensten bezeichnete12, ist in der detaillierten
Thematisierung
von Geschichte für Manchette weniger exemplarisch
als für
andere Autoren des roman noir, die nach 1968 anfingen zu
schreiben. In diesem ersten Roman jedoch, schrieb er über
ein konkretes historisches Ereignis, die Affäre Ben
Barka.
Die überlieferten historischen
Abläufe: Die Affäre
N'Gustro thematisiert die Entführung des
marokkanischen Oppositionspolitikers Al Medhi Ben
Barka, der
zunächst für die Unabhängigkeit
seines Landes gekämpft hatte und am 29. Oktober
1965 in Paris durch den marokkanischen Geheimdienst mit wahrscheinlicher
Unterstützung
der französischen Regierung entführt, gefoltert und
ermordet wurde13. Nach
der Unabhängigkeit 1956 hatte sich die Partei Ben
Barkas Istiqlal in zwei Fraktionen gespalten.
Die eine Fraktion akzeptierte die Beteiligung an der Macht, die
demokratische Fraktion Union
des Forces Populaires du Maroc verweigerte sich
den Ministerposten. Ben Barka gehörte zur zweiten Fraktion.
Schnell erlangte er große
Popularität, aufgrund derer er des Komplotts gegen König
Hassan II. beschuldigt wurde, woraufhin
er ins Exil ging. In seiner Abwesenheit hat die marokkanische
Regierung den Exilanten
zum Tode
verurteilt. Die Initiative zu seiner Ermordung wurde vom damaligen
marokkanischen Innenminister, dem General Oufkir,
ergriffen, der sich am Samstag, den 30. Oktober 1965, in Paris
aufhielt.
Ahmed Dlimi, Direktor
der Nationalen Sicherheitsorgane Marokkos und ein gewisser Chtouki,
Chef der marokkanischen Sondereinheiten, befanden sich ebenfalls
gerade in Paris. Die Untersuchung durch den Kommissar Maurice
Bouvier ergab,
dass Ben Barka von zwei französischen
Polizisten, Louis
Souchon und Roger Voitot,
verhaftet wurde. Ben
Barka stieg in
ein Auto, in
dem sich auch der französische Geheimagent Antoine
Lopez
befand. Er wurde nach Fontenay-le-Vicomte (Essone) gefahren,
in die Villa einer
Persönlichkeit des Milieus, Georges
Boucheseiche. Danach
verlor sich seine Spur. Sein Körper wurde bis heute nicht
aufgefunden. Am
3. November gab die marokkanische Botschaft einen offiziellen
Empfang
für den Innenminister Mohamed Oufkir,
seinen französischen
Kollegen Roger Frey und den damaligen
Polizeipräfekten,
der bald darauf ebenfalls Held eines weiteren roman noir (Meurtre
pour mémoire
- Bei Erinnerung Mord, von Didier
Daeninckx) werden sollte, Maurice
Papon. Unter den Tatverdächtigen
befand sich ein Journalist und ein Filmemacher. Der Filmemacher
veröffentlichte
ein Geständnis in der Zeitschrift L'Express vom
10. Januar 1966: "Ich
habe gesehen, wie Ben Barka getötet
wurde." ("J'ai
vu tuer Ben Barka".) Figon bestätigt, Oufkir gesehen
zu haben, wie er den Oppositionellen mit einem Dolch, den er
aus der Waffensammlung
in besagter Villa herausnahm, tötete. Manchette markiert
mit dieser Darstellung ebenfalls das sich verändernde Genre
des roman noir, denn, wie es sein Kollege Paco
Ignacio Taiblo II formuliert: "Die
Mörder sind die Innenminister, die Polizeichefs. Genau die." ("Les
assassins sont les ministres de l'intérieur, les chefs
de la police. Ce sont eux.")14.
Figon wird kurz darauf – wie
Manchettes Held Butron – tot in seinem Domizil aufgefunden.
Die Polizei konstatierte Selbstmord. Die französische Polizei
verurteilt Oufkir in seiner Abwesenheit
zu lebenslänglich.
Der Richter Louis Zollinger verurteilte
zwölf weitere Personen.
Die Verurteilung eines ausländischen
Ministers durch die französische Justiz – ein einmaliger
Fall bis dahin im internationalen Recht – legte die marokkanisch-französischen
Beziehungen für zwei Jahre auf Eis. 1975 erhebt der Sohn
von Medhi Ben Barka erneut Anklage.
1982 erst wird dem zuständigen
Richter Pinsseau von der sozialistischen Regierung Einsicht in
die Dokumente
des SDECE (den damaligen Services secrets français) Ben
Barka
betreffend gewährt. Die Untersuchung läuft bis heute.
Viele Akteure sind in der Zwischenzeit verschwunden. Oufkir z.
B. beging am 16. August
1972 Selbstmord. Eine Gedenktafel war 2003 in der Nähe der
Brasserie Lipp geplant. Eine diesbezügliche Anfrage wurde
beim Bürgermeister
von Paris eingereicht. Die Vertreter der Grünen und der
sozialistische Bürgermeister M. Delanoë stehen der
Anfrage positiv gegenüber15.
Am 18. April stimmte die Pariser Stadtversammlung dafür,
nach Mehdi-Ben-Barka einen Platz zu benennen, der nicht weit
von der Brasserie
Lipp entfernt ist. Die Vertreter der gaullistischen UMP haben
sich enthalten.
Die
Fiktion: Abgesehen von den Namen (der Innenminister
nennt sich Georges Clémenceau Oufiri) und dem betroffenen
Land (Zimbabwe) hält sich Manchette strikt an die historischen
Fakten: "Ohne
Fakten entsteht kein guter Polar." ("L'élément
documentaire, sans lequel il n'est pas de bon polar..")16. "Das
wahr-sagen", ("le dire vrai"), wie es Michel
Foucault ausdrückte, bewog auch Jean-Patrick Manchette, wie andere
Autoren nach ihm, das Verdrängte der Geschichte zum Thema
zu machen. Ähnlich
wie ein Historiker arbeitet Manchette mit den zur Verfügungen
stehenden Spuren. Im Roman spaltet sich die Partei des Oppositionspolitikers
ebenfalls in zwei Fraktionen. Manchette lässt seinen Roman
von einem jungen Faschisten, einem Mitglied der OAS, Henri Butron
als inneren
Monolog erzählen, der sein Geständnis auf einen Kassettenrecorder
aufzeichnet, das schließlich von der Polizei gelöscht
wird. Ein Großteil der Handlung spielt in Rouen, wo auch
Manchette begann sich politisch gegen den Algerienkrieg zu engagieren.
Butron
wird vom Geheimdienst Zimbabwes ermordet. Die französische
Polizei kaschiert das Verbrechen als Selbstmord, vernichtet die
Kassette mit
dem Geständnis und den Photos, die Butron während der
Entführung
aufgenommen hatte.
Das
Interessante an der Affäre ist, dass
wie bei dem von Didier Daenninck thematisierten Massaker an einigen
Hundert
Algeriern vom 17.Oktober 1961 in Paris die Affäre Ben
Barka lange Zeit verschwiegen und tabuisiert wurde. In Die
Affäre
N'Gustro greift Manchette offen die Presse an, die
er beschuldigt, durch Verschweigen
zum Komplizen der Macht geworden zu sein. Unverblümt und
unverwechselbar beschimpft er den Nouvel Observateur,
im Roman Le Nouvel informateur genannt.
Blitzlichter: Dieser
ungewöhnliche Roman – dessen Aktualität ungebrochen
scheint - enthält bereits all das, was den unverwechselbaren
Stil von Manchette ausmacht: "Die dubiosen Geschäfte
der kapitalistischen Gesellschaft, die korrupte Polizei, linke
Journalisten und Intellektuelle,
die sich als Nullen erweisen, ein aggressiver und provokanter
Tonfall, eine Mischung aus Umgangs- und sehr ausgewählter
Sprache, literarische Bezüge." ("Magouilles
de la société capitaliste,
police corrompue, journalistes et intellectuels de gauche nullissimes,
ton volontairement agressif et provocateur, mélange
d'argot et de style fleuri, références littéraires
constantes."17)Gleichwohl
wird in den anderen neun Romanen von Manchette nie wieder ein
historisches Ereignis fiktional konstruiert werden.
Dies bedeutet
jedoch nicht, dass Geschichte darin nicht mehr vorkommt, doch
viel eher als Blitzlicht und als Referenz. .
Die
Geschichtsschreibung, die
andere Autoren des roman noirs nach 1968, kommt bei Manchette
nur noch in Que d'OS!18 (Knüppeldick,
2001 in deutsch) und bei seinem Romanfragment
La Princesse du sang19 (Die Blutprinzessin,
2001 in deutsch) als Referenz vor. In der Endphase seines
Schaffens beabsichtigte Manchette
die Konstruktion von Geschichte wieder zentraler in seine
Romane einzubauen. Anfang
der 90er Jahre plant er einen ganzen Romanzyklus über
die 80er Jahre: Les Gens du mauvais temps. (Menschen in einer
schlechten Zeit).
Doch leider entsteht daraus nur ein Fragment, das von seinem
Sohn nach Manchettes Tod fertiggestellt wird: La
Princesse du sang (Die
Blutprinzessin).
In Que d'Os! (Knüppeldick)
thematisiert Manchette auf burleske Art die Kollaboration.
Ein ehemaliger Kollaborateur und
heutiger Drogenhändler lässt seine Tochter entführen.
Der jüdische Journalist Haymann unterstützt den
unfähigen
Privatdetektiv Tarpon mit historischem Wissen und Erfahrung über
die deutsche Besatzung und den Nationalsozialismus. Anders
als in Die Affäre N'Gustro geht es nicht um einen konkreten
historischen Vorfall, sondern ein gegenwärtiges Verbrechen
(Entführung
und Drogenhandel), das auf ein ungesühntes Verbrechen
(Kollaboration) in der Vergangenheit zurückführt.
In La Princesse du Sang (Die Blutprinzessin)
steht eine junge Frau, die Fotografin Ivory Pearl
im Mittelpunkt, die den englischen Geheimagent Samuel
Farakhan besucht, der sie während des Zweiten Weltkrieges aufgenommen
hatte. Dieser unvollständige Roman ist eine Tour de
Force durch die Weltgeschichte. Der negative Held Aaron Black,
heute
Waffenhändler, verbrachte
zwei Jahre in Buchenwald, war in der KPD, nahm am Hamburger
Aufstand teil, wo er für die Munitionsverteilung zuständig
war. Im Algerienkrieg versorgte Black die Rebellen mit Waffen,
obgleich er
für den Geheimdienst arbeitete. Die Fotografin möchte
eine Reportage über Black machen und stößt
dabei auf seine schillernde Vergangenheit. Originell an diesem
Plot ist die frühe
Thematisierung eines Überlebenden des Nationalsozialismus
als negativer Held, die Thierry Jonquet in Les Orpailleurs20 (Die Goldsucher)
aufnehmen wird. Die historischen Ereignisse werden in
ihrer Dialektik gestreift, es wird erwähnt, dass einige ehemalige
Résistance-Mitglieder
im Algerienkrieg zu Folterknechen wurden, ohne jedoch im
einzelnen Fall konkrete historische Ereignisse zu erörtern
wie bei Die Affäre
N'Gustro.
Warum
man durch Manchettes Romane klüger wird? Manchettes
pessimistische Gesellschaftsanalyse stützt sich auf
die marxistische Wertkritik und die situationistische Kritik der Kulturindustrie,
die auch diejenigen einholt, die gegen die Gesellschaft kämpfen.
Er versteht sich selbst als referentiellen Autor, der seine Referenzen
nicht immer deutlich macht. Manchette nutzt seine theoretischen (Debord,
Trotzki, Hegel, Reich) und literarischen Referenzen (Baudelaire, Leiris)
in der Form einer Collage, ähnlich wie Walter
Benjamin im Passagen-Werk.
Das Fragmentarische setzt Manchette ein, um, wie Benjamin, seine
Leser aufzuwecken: "Manchettes Absicht liegt darin, den Leser aufzuwecken,
ihn schlauer zu machen. ("Le propos de Manchette est d'éveiller
son lecteur, de le rendre plus lucide."21) Die Handlung verläuft
bei Manchette nicht linear, in Die Affäre N'Gustro stirbt
der Antiheld zu Beginn und man weiß auch warum. Manchette will ein
Milieu beschreiben, ein Individuum, das sich bei der extremen Rechten
engagiert, und die Staatsräson denunzieren: "Die gesamte
Geschichte des Romans ist wahr und kaum camoufliert." ("D'ailleurs
l'ensemble du roman est une histoire vraie à peine déguisée."22)
Manchette schreibt im behavioristischen Stil.
Der
Behaviorismus ist eine von J. B. Watson23 begründete amerikanische sozialpsychologische
Forschungsrichtung, die durch das Studium des Verhaltens von Lebewesen
deren seelische und gesellschaftliche Merkmale zu erfassen sucht. Der
Behaviorismus orientiert sich an den Naturwissenschaften und beschränkt
sich auf das empirische und quantifizierbare menschliche Verhalten.
Das Verhalten wird dabei als Resultat eines nach dem Reiz-Reaktions-Schema
verstandenen Lernprozesses aufgefasst. Der Behaviorismus beansprucht
Objektivität und wurde kulturell durch den Journalismus und das
Kino beeinflusst. Er wendet sich – in der Interpretation von
Manchette - gegen eine unrealistische Darstellungsweise, gegen Sentimentalität,
Rhetorik und die Faulheit der Leser.
Manchettes Figuren: Manchettes
Subjekte sind gebrochene Antihelden wie Eugène Tarpon,
ein unfähiger und unkultivierter Privatdetektiv und ehemaliger
Polizist, der seinen Beruf an den Nagel hängte, nachdem
er versehentlich einen Demonstranten getötet hatte. Der
Ich-Erzähler
Butron aus Die Affäre N'Gustro kommt aus
einer bürgerlichen Arztfamilie,
er langweilt sich darin: "Ich habe nichts zu tun. Ich habe
ein Auto. Ich habe Geld." ("J'ai rien à foutre.
J'ai une bagnole. J'ai du pognon."24).
Deshalb glaubt er auch aus dem todernsten Spiel, an dem er sich
beteiligt, mit unversehrter Haut davonzukommen,
doch erweist er sich nur als Teil einer großen Manipulation,
die ihn erst ausnutzt und dann gnadenlos vernichtet. Wie Gerfaut,
der negative Held aus Le Petit Bleu de la côté oeust (Westküstenblues,
2002 in deutsch), durchlebt Butron eine existentielle Krise.
Alle Helden von Manchette haben keine Ideale mehr. Doch haben
sie nicht nur ihre
Ideale, sondern damit auch ihre Identität verloren. Vielleicht
sind sie deshalb ausnahmslos zum Scheitern verurteilt. Überhaupt
beschränkt sich die individuelle Existenz in den Romanen
Manchettes auf ein Funktionieren im Getriebe des kapitalistischen
Systems.
1977
erscheint Le
Petit Bleu de la côté ouest, (Westküstenblues)
ein frontaler Angriff auf die kapitalistische Gesellschaft. Georges
Gerfaut,
ein leitender verheirateter Angestellter, der aufgrund mangelnder
Ideale unglücklich ist, wird von Killern verfolgt. In diesem
Text kommt die marxistische Wertkritik am stärkten zur Wirkung,
denn das Subjekt des Romans, Gerfaut, ist nichts als ein Spielzeug
der Produktionsverhältnisse.
Die verschiedenen Verfilmungen seiner Werke, unter anderem von
Chabrol, wurden von Manchette in situationistischer Tradition
stets kritisiert
und negiert. In den 80er Jahren erlebte Manchette eine Schaffenskrise: "Ich
gewann den Eindruck, dass wir in Frankreich besiegt waren, genau
wie in Spanien und Portugal, ebenso wie in Italien, und dass
die polnische
Bewegung auch bald besiegt sein wird. 1980 wählte man in
Frankreich einen maßlosen Präsidenten der Linken,
der bereits 1968 versuchte hatte an die Macht zu kommen, es aber
zum Glück
nicht geschafft hatte. Auf einmal war er da. Alles war vorbei,
wir befanden
uns in den beschissenen 80er Jahren und ich konnte nicht mehr
schreiben." ("Il
m'a semblé qu'on était battu en France, en Espagne,
qu'on avait été battu au Portugal, battu en Italie
et que le mouvement polonais était en train de se faire
battre. En 80, en France, on venait d'élire un immonde
président
de gauche qui avait déjà essayé de prendre
le pouvoir en 68, qui avait raté heureusement. Enfin ce
coup-ci, il était arrivé. C'était terminé,
on était
entré dans les sales années 80 et je ne pouvais
plus écrire."25)
Zusammenfassend
kann festgestellt werden, dass Manchette in seinen Romanen fast
alle historischen Themen des 20. Jahrhunderts
streift
und als Referenz verwendet. Allein in L'affaire N'Gustro (re)konstruiert
er ein historisches Ereignis, das immer noch einer historischen
Aufarbeitung harrt. Manchettes Subjekte sind mit einer einzigen
Ausnahme – Eugène
Tarpon – rein negative Helden.
Manchette,
der erste erfolgreiche Autor des von ihm neubegründeten
roman noir in den siebziger Jahren, der in situationistischer Tradition
das neue Genre sofort nach seiner Etablierung wieder in Frage stellt,
ist aber auch derjenige, der chronologisch den Ereignissen des Mai
68 am nächsten war und 1976 noch von der Möglichkeit einer
sozialen Revolution, wie sie 68 gefordert wurde, ausging26 Doch statt
der Revolution stellte sich eine grundlegende Veränderung des
roman noir in Frankreich ein, für die Manchette den Startschuss
abgab. Es bleibt uns noch die Feststellung, dass gerade Manchette,
der sich der sogenannten Hochliteratur verweigerte, den roman
noir auf hohes literarisches Niveau hob und somit auch seine
Integration
in die allgemeine Literatur vorbereitete.
Alle
in dem Text erwähnten Ausgaben von Jean-Patrick
Manchettes Romanen sind im Distelverlag (Heilbronn) erschienen.
1 Gérault,
Jean-François: Jean-Patrick Manchette. Parcours
d'une œuvre. Paris 2000. S. 6. | Rückseite |
2 Gérault,
S. 7. | Rückseite |
3 Brenner, Rudolf:
Die Entwicklung des modernen französischen Kriminalromans.
In: Compart, Martin und Thomas Wörtche (Hrsg.): Krimijahrbuch 1990.
Köln
1990. S. 102f. | Rückseite |
4 Einer libertär-trotzkistisch
geprägten
Zeitschrift. | Rückseite |
5 Gérault, S. 88. | Rückseite |
6 Série Noire 1407 | Rückseite |
7 Manchette, Jean-Patrick:
Chroniques. Paris 1996. S. 12. | Rückseite |
8 Vanoncini,
André: Le Roman policier.
Paris 2002. S. 104. | Rückseite |
9 Minute, 20 mars 1974. | Rückseite |
10 Le Monde, 7 décembre
1972. | Rückseite |
11 Nada 1973 von Claude Chabrol,
Folle à tuer 1975 von Yves Boisset, Trois
hommes à abattre 1980 von Jacques Deray, Pour la peau d'un flic
1981 von
Alain Delon, Le choc 1982 von Robin Davis und Polar 1983 von Jacques Bral. | Rückseite |
12 Schweighaeuser, Jean-Paul:
L'Affaire N'Gustro de Jean-Patrick Manchette. Fiche Roman n°54. In:
Encrage n° 01/02/1986.
S. 33f. | Rückseite |
13 Vgl. Daoud, Zakya und
Maâti Monjib: Ben Barka. Une vie, une mort. Mesnil-sur-l'Estrée
2000. 14 Derogy, Jacques und Frédéric Ploquin: Ils ont tué Ben
Barka. Paris 1999. Guérin, Daniel: Les Assassins de Ben Barka. Dix
ans d'enquête. Paris 1975 und 1982. Arnaud, Robert auf France Inter:
L'affaire Ben Barka, Sonntag den 25. Oktober 2000. Perrault, Gilles: Notre
ami le Roi.
Paris 1990. Violet, Bernard: L'affaire Ben Barka. Paris 1995. Intervention
de la famille de Medhi Ben Barka aux rassemblements du 29 octobre 2003.
In: Yabiladi,
30.10.03. | Rückseite |
14 Taibo II , Paco Ignacio.
In: Du drapeau rouge au roman noir. S. 71. | Rückseite |
15 Im Mai 2004 ging ein Freund
von mir, der Journalist Oliver Morel, bei der Brasserie Lipp auf die Suche
nach dieser
Gedenktafel. Er fragte in der Brasserie
nach,
die Kellner hatten nie von dem Namen Ben Barka gehört, doch der Oberkellner
glaubte, den Namen schon mal vernommen zu haben und fragte: "Hat das
was mit Terrorismus zu tun?" | Rückseite |
16 Manchette, Jean-Patrick:
Alive and kicking. "Polars", charlie mensuel
n° 135, avril 1989. In: Chroniques, S. 122. | Rückseite |
17 Gérault,
S. 19. | Rückseite |
18 Super Noire 51, 1976. | Rückseite |
19 Rivages Thriller 1996. | Rückseite |
20 Série Noire 2313,
1993. | Rückseite |
21 Gérault, S. 57. | Rückseite |
22 Gérault, S. 57. | Rückseite |
23 J.B. Watson: Psychology
from the standpoint of a behaviorist. New York 1919. | Rückseite |
24 Manchette: L'affaire N'Gustro.
S. 91. | Rückseite |
25 Manchette, Jean-Patrick.
In: Du drapeau rouge au roman noir. L'œuf
1997. S. 63. | Rückseite |
26 Manchette, Jean-Patrick: Cinq remarques
sur mon gagne-pain. In: Les Nouvelles littéraires, décembre
1976. | Rückseite |

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