krimis in Europa
n°2 July-August-September 2005

 

 

Jean-Patrick Manchette (1942-1995)
und die Weltgeschichte

Von Elfriede Müller

 

Jean-Patrick Manchette © Jacques Robert

Der französische Chandler1 oder auch Rimbaud des polar2 genannte Autor, der mittlerweile zu einer kulturellen Ikone geworden ist, erweckte den französischen roman noir zu neuem Leben und veränderte bzw. radikalisierte das Genre grundlegend: "künstlerisch durch die sprachliche Konzentration des Stils, inhaltlich mit einer konsequenten Politisierung der Thematik."3 Jean-Patrick Manchette kam aus der radikalen Linken, 1960 trat er der Studentengewerkschaft UNEF bei, er begann während des Algerienkrieges politisch aktiv zu werden, engagierte sich bei La Voix communiste4 in Rouen, und war an den Ereignissen von 1968 beteiligt. Ab 1965 stand er den Situationisten nahe. Manchette verdiente seinen Lebensunterhalt als Englischlehrer und begann nebenbei, Romane und Essays zu übersetzen und für das Fernsehen und das Kino Szenarien und Dialoge zu schreiben. Er übersetzte - zum Teil gemeinsam mit seiner Frau - 30 romans noirs aus dem englischen. Manchette begann nicht unbedingt früher zu schreiben als seine Kollegen, doch er wurde früher veröffentlicht und kann deshalb als Vorläufer und vor allem als Einzelgänger betrachtet werden, der das neue Genre prägte. Er ebnete den Weg für eine Generation neuer Autoren, die nicht immer sein literarisches Niveau erlangten und auch andere fiktionale und thematische Schwerpunkte setzten: Frédéric H. Fajardie, Didier Daenninckx, Jean-François Vilar, Thierry Jonquet, Jean-Bernard Pouy, Dominique Manotti und viele andere.

Manchette verankerte den roman noir in der Realität und neigte in keinem Moment – wie einige andere Autoren – zu Nostalgie und Romantizismus. Die pittoreske Beschreibung des Pariser oder Marseiller Milieus, wie man sie bei Le Breton oder Simonin findet, waren für Manchette kein Thema mehr. Im Sinne der Ideen der Revolte von 68 wandte sich seine Literatur zuallererst gegen Autoritäten: "Das Erste, was ein Autor von romans noirs zu tun hat, ist die Autorität und ihre Repräsentanten zu erledigen (natürlich nur symbolisch), d.h. den Vater oder den Chef. ("La première démarche d'un auteur de romans noirs est en fait de tuer (symboliquement) l'autorité et ses représentants: le père ou le patron."5). Gleich sein Erstlingswerk L'Affaire N'Gustro6 (Die Affäre N'Gustro, 2003 in deutsch) von 1971 schlägt ein wie eine Bombe: "Der Polar war immer ein Roman, der sehr brutal in das soziale Geschehen eingreift." ("Le polar, pour moi, c'était – c'est toujours – le roman d'intervention sociale très violent."7). Manchette stellte sich in die Tradition des amerikanischen roman noir der 20er Jahre. Wie in den 20er Jahren, so triumphiere in den 70er Jahren weltweit die Konterrevolution und erneuere damit den roman noir. Gleichwohl sei diese Romanform nur der Ersatz einer Revolution. Obgleich der Zynismus in Manchettes Romanen kaum zu überbieten ist, so hält er zwischen den Zeilen an linken Emanzipationsversuchen fest und verteidigt, wie André Vanoncini schreibt, die moralischen Gewissheiten des Mai 688.

Das Werk von Jean-Patrick Manchette ist nicht rein fiktional, sondern besteht zu einem wichtigen Teil auch aus Literatur- und Filmkritiken und dem Versuch einer Theoretisierung des Genres. Er verfasste 10 Romans noirs. Manchette repräsentierte die enttäuschte Generation der 68er Aktivisten wie kein anderer, deshalb lehnte ihn ein Teil der traditionellen Leserschaft von Kriminalromanen auch ab. Die rechtsradikale Zeitung Minute warf Manchette in einem Artikel mit der Überschrift Verschwindet die Série Noire? (La Série Noire va-t-elle-disparaître?) sogar vor, für den Niedergang des roman noir verantwortlich zu sein : "ein bestimmter Salonmarxismus, den französischen Autoren, wie der mittelmäßige und anmaßende Jean-Patrick Manchette, ihn vertreten...(...) "un certain gauchisme de salon (représenté par des) auteurs français comme le médiocre et prétentieux Jean-Patrick Manchette...(...) Diese Herren sollten kapieren, dass der linke Detektiv, der gegen den Vietnamkrieg agiert, die Amateure des Genre total nervt." ("Que ces messieurs se disent bien que le détective contestataire et hostile à la guerre du Vientnam, cela rase profondément les amateurs de romans noirs."9) Doch Manchettes Erfolg stellte sich sehr schnell ein, denn er schaffte es dem roman noir ein neues Publikum zu erschließen, wie Le Monde 1972 titelte: "Die Linksradikalen in der Série Noire." ("L'ultra-gauche à la Série Noire.")10. Manchette kann ab 1972 als erfolgreicher Autor bezeichnet werden, der von seiner Feder leben kann.

Mit dem Grand Prix de la littérature policière 1973 für O dingos, ô châteaux! (Tödliche Luftschlösser, 2002 in deutsch) erlangte er seine definitive Anerkennung. Die Fachzeitschrift Polar widmet ihm 1980 eine Sondernummer, Claude Mesplède vergleicht seine Originalität mit der Simenons und zahlreiche seiner Romane wurden verfilmt11. 1991 erfährt Manchette, dass er Krebs hat. 1995 stirbt er daran.

 


Die Affäre N'Gustro – Geschichte als Narration


Sein erster Roman, den Jean-Paul Schweighaeuser auch als seinen eindringlichsten und vollkommensten bezeichnete12, ist in der detaillierten Thematisierung von Geschichte für Manchette weniger exemplarisch als für andere Autoren des roman noir, die nach 1968 anfingen zu schreiben. In diesem ersten Roman jedoch, schrieb er über ein konkretes historisches Ereignis, die Affäre Ben Barka.


Die überlieferten historischen Abläufe: Die Affäre N'Gustro
thematisiert die Entführung des marokkanischen Oppositionspolitikers Al Medhi Ben Barka, der zunächst für die Unabhängigkeit seines Landes gekämpft hatte und am 29. Oktober 1965 in Paris durch den marokkanischen Geheimdienst mit wahrscheinlicher Unterstützung der französischen Regierung entführt, gefoltert und ermordet wurde13. Nach der Unabhängigkeit 1956 hatte sich die Partei Ben Barkas Istiqlal in zwei Fraktionen gespalten. Die eine Fraktion akzeptierte die Beteiligung an der Macht, die demokratische Fraktion Union des Forces Populaires du Maroc verweigerte sich den Ministerposten. Ben Barka gehörte zur zweiten Fraktion. Schnell erlangte er große Popularität, aufgrund derer er des Komplotts gegen König Hassan II. beschuldigt wurde, woraufhin er ins Exil ging. In seiner Abwesenheit hat die marokkanische Regierung den Exilanten zum Tode verurteilt. Die Initiative zu seiner Ermordung wurde vom damaligen marokkanischen Innenminister, dem General Oufkir, ergriffen, der sich am Samstag, den 30. Oktober 1965, in Paris aufhielt. Ahmed Dlimi, Direktor der Nationalen Sicherheitsorgane Marokkos und ein gewisser Chtouki, Chef der marokkanischen Sondereinheiten, befanden sich ebenfalls gerade in Paris. Die Untersuchung durch den Kommissar Maurice Bouvier ergab, dass Ben Barka von zwei französischen Polizisten, Louis Souchon und Roger Voitot, verhaftet wurde. Ben Barka stieg in ein Auto, in dem sich auch der französische Geheimagent Antoine Lopez befand. Er wurde nach Fontenay-le-Vicomte (Essone) gefahren, in die Villa einer Persönlichkeit des Milieus, Georges Boucheseiche. Danach verlor sich seine Spur. Sein Körper wurde bis heute nicht aufgefunden. Am 3. November gab die marokkanische Botschaft einen offiziellen Empfang für den Innenminister Mohamed Oufkir, seinen französischen Kollegen Roger Frey und den damaligen Polizeipräfekten, der bald darauf ebenfalls Held eines weiteren roman noir (Meurtre pour mémoire - Bei Erinnerung Mord, von Didier Daeninckx) werden sollte, Maurice Papon. Unter den Tatverdächtigen befand sich ein Journalist und ein Filmemacher. Der Filmemacher veröffentlichte ein Geständnis in der Zeitschrift L'Express vom 10. Januar 1966: "Ich habe gesehen, wie Ben Barka getötet wurde." ("J'ai vu tuer Ben Barka".) Figon bestätigt, Oufkir gesehen zu haben, wie er den Oppositionellen mit einem Dolch, den er aus der Waffensammlung in besagter Villa herausnahm, tötete. Manchette markiert mit dieser Darstellung ebenfalls das sich verändernde Genre des roman noir, denn, wie es sein Kollege Paco Ignacio Taiblo II formuliert: "Die Mörder sind die Innenminister, die Polizeichefs. Genau die." ("Les assassins sont les ministres de l'intérieur, les chefs de la police. Ce sont eux.")14. Figon wird kurz darauf – wie Manchettes Held Butron – tot in seinem Domizil aufgefunden. Die Polizei konstatierte Selbstmord. Die französische Polizei verurteilt Oufkir in seiner Abwesenheit zu lebenslänglich. Der Richter Louis Zollinger verurteilte zwölf weitere Personen. Die Verurteilung eines ausländischen Ministers durch die französische Justiz – ein einmaliger Fall bis dahin im internationalen Recht – legte die marokkanisch-französischen Beziehungen für zwei Jahre auf Eis. 1975 erhebt der Sohn von Medhi Ben Barka erneut Anklage. 1982 erst wird dem zuständigen Richter Pinsseau von der sozialistischen Regierung Einsicht in die Dokumente des SDECE (den damaligen Services secrets français) Ben Barka betreffend gewährt. Die Untersuchung läuft bis heute. Viele Akteure sind in der Zwischenzeit verschwunden. Oufkir z. B. beging am 16. August 1972 Selbstmord. Eine Gedenktafel war 2003 in der Nähe der Brasserie Lipp geplant. Eine diesbezügliche Anfrage wurde beim Bürgermeister von Paris eingereicht. Die Vertreter der Grünen und der sozialistische Bürgermeister M. Delanoë stehen der Anfrage positiv gegenüber15. Am 18. April stimmte die Pariser Stadtversammlung dafür, nach Mehdi-Ben-Barka einen Platz zu benennen, der nicht weit von der Brasserie Lipp entfernt ist. Die Vertreter der gaullistischen UMP haben sich enthalten.


Die Fiktion:
Abgesehen von den Namen (der Innenminister nennt sich Georges Clémenceau Oufiri) und dem betroffenen Land (Zimbabwe) hält sich Manchette strikt an die historischen Fakten: "Ohne Fakten entsteht kein guter Polar." ("L'élément documentaire, sans lequel il n'est pas de bon polar..")16. "Das wahr-sagen", ("le dire vrai"), wie es Michel Foucault ausdrückte, bewog auch Jean-Patrick Manchette, wie andere Autoren nach ihm, das Verdrängte der Geschichte zum Thema zu machen. Ähnlich wie ein Historiker arbeitet Manchette mit den zur Verfügungen stehenden Spuren. Im Roman spaltet sich die Partei des Oppositionspolitikers ebenfalls in zwei Fraktionen. Manchette lässt seinen Roman von einem jungen Faschisten, einem Mitglied der OAS, Henri Butron als inneren Monolog erzählen, der sein Geständnis auf einen Kassettenrecorder aufzeichnet, das schließlich von der Polizei gelöscht wird. Ein Großteil der Handlung spielt in Rouen, wo auch Manchette begann sich politisch gegen den Algerienkrieg zu engagieren. Butron wird vom Geheimdienst Zimbabwes ermordet. Die französische Polizei kaschiert das Verbrechen als Selbstmord, vernichtet die Kassette mit dem Geständnis und den Photos, die Butron während der Entführung aufgenommen hatte.

Das Interessante an der Affäre ist, dass wie bei dem von Didier Daenninck thematisierten Massaker an einigen Hundert Algeriern vom 17.Oktober 1961 in Paris die Affäre Ben Barka lange Zeit verschwiegen und tabuisiert wurde. In Die Affäre N'Gustro greift Manchette offen die Presse an, die er beschuldigt, durch Verschweigen zum Komplizen der Macht geworden zu sein. Unverblümt und unverwechselbar beschimpft er den Nouvel Observateur, im Roman Le Nouvel informateur genannt.


Blitzlichter:
Dieser ungewöhnliche Roman – dessen Aktualität ungebrochen scheint - enthält bereits all das, was den unverwechselbaren Stil von Manchette ausmacht: "Die dubiosen Geschäfte der kapitalistischen Gesellschaft, die korrupte Polizei, linke Journalisten und Intellektuelle, die sich als Nullen erweisen, ein aggressiver und provokanter Tonfall, eine Mischung aus Umgangs- und sehr ausgewählter Sprache, literarische Bezüge." ("Magouilles de la société capitaliste, police corrompue, journalistes et intellectuels de gauche nullissimes, ton volontairement agressif et provocateur, mélange d'argot et de style fleuri, références littéraires constantes."17)Gleichwohl wird in den anderen neun Romanen von Manchette nie wieder ein historisches Ereignis fiktional konstruiert werden. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Geschichte darin nicht mehr vorkommt, doch viel eher als Blitzlicht und als Referenz. .

Die Geschichtsschreibung, die andere Autoren des roman noirs nach 1968, kommt bei Manchette nur noch in Que d'OS!18 (Knüppeldick, 2001 in deutsch) und bei seinem Romanfragment La Princesse du sang19 (Die Blutprinzessin, 2001 in deutsch) als Referenz vor. In der Endphase seines Schaffens beabsichtigte Manchette die Konstruktion von Geschichte wieder zentraler in seine Romane einzubauen. Anfang der 90er Jahre plant er einen ganzen Romanzyklus über die 80er Jahre: Les Gens du mauvais temps. (Menschen in einer schlechten Zeit). Doch leider entsteht daraus nur ein Fragment, das von seinem Sohn nach Manchettes Tod fertiggestellt wird: La Princesse du sang (Die Blutprinzessin).

In Que d'Os! (Knüppeldick) thematisiert Manchette auf burleske Art die Kollaboration. Ein ehemaliger Kollaborateur und heutiger Drogenhändler lässt seine Tochter entführen. Der jüdische Journalist Haymann unterstützt den unfähigen Privatdetektiv Tarpon mit historischem Wissen und Erfahrung über die deutsche Besatzung und den Nationalsozialismus. Anders als in Die Affäre N'Gustro geht es nicht um einen konkreten historischen Vorfall, sondern ein gegenwärtiges Verbrechen (Entführung und Drogenhandel), das auf ein ungesühntes Verbrechen (Kollaboration) in der Vergangenheit zurückführt.

In La Princesse du Sang (Die Blutprinzessin) steht eine junge Frau, die Fotografin Ivory Pearl im Mittelpunkt, die den englischen Geheimagent Samuel Farakhan besucht, der sie während des Zweiten Weltkrieges aufgenommen hatte. Dieser unvollständige Roman ist eine Tour de Force durch die Weltgeschichte. Der negative Held Aaron Black, heute Waffenhändler, verbrachte zwei Jahre in Buchenwald, war in der KPD, nahm am Hamburger Aufstand teil, wo er für die Munitionsverteilung zuständig war. Im Algerienkrieg versorgte Black die Rebellen mit Waffen, obgleich er für den Geheimdienst arbeitete. Die Fotografin möchte eine Reportage über Black machen und stößt dabei auf seine schillernde Vergangenheit. Originell an diesem Plot ist die frühe Thematisierung eines Überlebenden des Nationalsozialismus als negativer Held, die Thierry Jonquet in Les Orpailleurs20 (Die Goldsucher) aufnehmen wird. Die historischen Ereignisse werden in ihrer Dialektik gestreift, es wird erwähnt, dass einige ehemalige Résistance-Mitglieder im Algerienkrieg zu Folterknechen wurden, ohne jedoch im einzelnen Fall konkrete historische Ereignisse zu erörtern wie bei Die Affäre N'Gustro.


Warum man durch Manchettes Romane klüger wird? Manchettes pessimistische Gesellschaftsanalyse stützt sich auf die marxistische Wertkritik und die situationistische Kritik der Kulturindustrie, die auch diejenigen einholt, die gegen die Gesellschaft kämpfen. Er versteht sich selbst als referentiellen Autor, der seine Referenzen nicht immer deutlich macht. Manchette nutzt seine theoretischen (Debord, Trotzki, Hegel, Reich) und literarischen Referenzen (Baudelaire, Leiris) in der Form einer Collage, ähnlich wie Walter Benjamin im Passagen-Werk. Das Fragmentarische setzt Manchette ein, um, wie Benjamin, seine Leser aufzuwecken: "Manchettes Absicht liegt darin, den Leser aufzuwecken, ihn schlauer zu machen. ("Le propos de Manchette est d'éveiller son lecteur, de le rendre plus lucide."21) Die Handlung verläuft bei Manchette nicht linear, in Die Affäre N'Gustro stirbt der Antiheld zu Beginn und man weiß auch warum. Manchette will ein Milieu beschreiben, ein Individuum, das sich bei der extremen Rechten engagiert, und die Staatsräson denunzieren: "Die gesamte Geschichte des Romans ist wahr und kaum camoufliert." ("D'ailleurs l'ensemble du roman est une histoire vraie à peine déguisée."22) Manchette schreibt im behavioristischen Stil.

Der Behaviorismus ist eine von J. B. Watson23 begründete amerikanische sozialpsychologische Forschungsrichtung, die durch das Studium des Verhaltens von Lebewesen deren seelische und gesellschaftliche Merkmale zu erfassen sucht. Der Behaviorismus orientiert sich an den Naturwissenschaften und beschränkt sich auf das empirische und quantifizierbare menschliche Verhalten. Das Verhalten wird dabei als Resultat eines nach dem Reiz-Reaktions-Schema verstandenen Lernprozesses aufgefasst. Der Behaviorismus beansprucht Objektivität und wurde kulturell durch den Journalismus und das Kino beeinflusst. Er wendet sich – in der Interpretation von Manchette - gegen eine unrealistische Darstellungsweise, gegen Sentimentalität, Rhetorik und die Faulheit der Leser.


Manchettes Figuren: Manchettes Subjekte sind gebrochene Antihelden wie Eugène Tarpon, ein unfähiger und unkultivierter Privatdetektiv und ehemaliger Polizist, der seinen Beruf an den Nagel hängte, nachdem er versehentlich einen Demonstranten getötet hatte. Der Ich-Erzähler Butron aus Die Affäre N'Gustro kommt aus einer bürgerlichen Arztfamilie, er langweilt sich darin: "Ich habe nichts zu tun. Ich habe ein Auto. Ich habe Geld." ("J'ai rien à foutre. J'ai une bagnole. J'ai du pognon."24). Deshalb glaubt er auch aus dem todernsten Spiel, an dem er sich beteiligt, mit unversehrter Haut davonzukommen, doch erweist er sich nur als Teil einer großen Manipulation, die ihn erst ausnutzt und dann gnadenlos vernichtet. Wie Gerfaut, der negative Held aus Le Petit Bleu de la côté oeust (Westküstenblues, 2002 in deutsch), durchlebt Butron eine existentielle Krise. Alle Helden von Manchette haben keine Ideale mehr. Doch haben sie nicht nur ihre Ideale, sondern damit auch ihre Identität verloren. Vielleicht sind sie deshalb ausnahmslos zum Scheitern verurteilt. Überhaupt beschränkt sich die individuelle Existenz in den Romanen Manchettes auf ein Funktionieren im Getriebe des kapitalistischen Systems.

1977 erscheint Le Petit Bleu de la côté ouest, (Westküstenblues) ein frontaler Angriff auf die kapitalistische Gesellschaft. Georges Gerfaut, ein leitender verheirateter Angestellter, der aufgrund mangelnder Ideale unglücklich ist, wird von Killern verfolgt. In diesem Text kommt die marxistische Wertkritik am stärkten zur Wirkung, denn das Subjekt des Romans, Gerfaut, ist nichts als ein Spielzeug der Produktionsverhältnisse. Die verschiedenen Verfilmungen seiner Werke, unter anderem von Chabrol, wurden von Manchette in situationistischer Tradition stets kritisiert und negiert. In den 80er Jahren erlebte Manchette eine Schaffenskrise: "Ich gewann den Eindruck, dass wir in Frankreich besiegt waren, genau wie in Spanien und Portugal, ebenso wie in Italien, und dass die polnische Bewegung auch bald besiegt sein wird. 1980 wählte man in Frankreich einen maßlosen Präsidenten der Linken, der bereits 1968 versuchte hatte an die Macht zu kommen, es aber zum Glück nicht geschafft hatte. Auf einmal war er da. Alles war vorbei, wir befanden uns in den beschissenen 80er Jahren und ich konnte nicht mehr schreiben." ("Il m'a semblé qu'on était battu en France, en Espagne, qu'on avait été battu au Portugal, battu en Italie et que le mouvement polonais était en train de se faire battre. En 80, en France, on venait d'élire un immonde président de gauche qui avait déjà essayé de prendre le pouvoir en 68, qui avait raté heureusement. Enfin ce coup-ci, il était arrivé. C'était terminé, on était entré dans les sales années 80 et je ne pouvais plus écrire."25)

 

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Manchette in seinen Romanen fast alle historischen Themen des 20. Jahrhunderts streift und als Referenz verwendet. Allein in L'affaire N'Gustro (re)konstruiert er ein historisches Ereignis, das immer noch einer historischen Aufarbeitung harrt. Manchettes Subjekte sind mit einer einzigen Ausnahme – Eugène Tarpon – rein negative Helden.

Manchette, der erste erfolgreiche Autor des von ihm neubegründeten roman noir in den siebziger Jahren, der in situationistischer Tradition das neue Genre sofort nach seiner Etablierung wieder in Frage stellt, ist aber auch derjenige, der chronologisch den Ereignissen des Mai 68 am nächsten war und 1976 noch von der Möglichkeit einer sozialen Revolution, wie sie 68 gefordert wurde, ausging26 Doch statt der Revolution stellte sich eine grundlegende Veränderung des roman noir in Frankreich ein, für die Manchette den Startschuss abgab. Es bleibt uns noch die Feststellung, dass gerade Manchette, der sich der sogenannten Hochliteratur verweigerte, den roman noir auf hohes literarisches Niveau hob und somit auch seine Integration in die allgemeine Literatur vorbereitete.

Alle in dem Text erwähnten Ausgaben von Jean-Patrick Manchettes Romanen sind im Distelverlag (Heilbronn) erschienen.

 


1 Gérault, Jean-François: Jean-Patrick Manchette. Parcours d'une œuvre. Paris 2000. S. 6. | Rückseite |
2 Gérault, S. 7. | Rückseite |
3 Brenner, Rudolf: Die Entwicklung des modernen französischen Kriminalromans. In: Compart, Martin und Thomas Wörtche (Hrsg.): Krimijahrbuch 1990. Köln 1990. S. 102f. | Rückseite |
4 Einer libertär-trotzkistisch geprägten Zeitschrift. | Rückseite |
5 Gérault, S. 88. | Rückseite |
6 Série Noire 1407 | Rückseite |
7 Manchette, Jean-Patrick: Chroniques. Paris 1996. S. 12. | Rückseite |
8 Vanoncini, André: Le Roman policier. Paris 2002. S. 104. | Rückseite |
9 Minute, 20 mars 1974. | Rückseite |
10 Le Monde, 7 décembre 1972. | Rückseite |
11 Nada 1973 von Claude Chabrol, Folle à tuer 1975 von Yves Boisset, Trois hommes à abattre 1980 von Jacques Deray, Pour la peau d'un flic 1981 von Alain Delon, Le choc 1982 von Robin Davis und Polar 1983 von Jacques Bral. | Rückseite |
12 Schweighaeuser, Jean-Paul: L'Affaire N'Gustro de Jean-Patrick Manchette. Fiche Roman n°54. In: Encrage n° 01/02/1986. S. 33f. | Rückseite |
13 Vgl. Daoud, Zakya und Maâti Monjib: Ben Barka. Une vie, une mort. Mesnil-sur-l'Estrée 2000. 14 Derogy, Jacques und Frédéric Ploquin: Ils ont tué Ben Barka. Paris 1999. Guérin, Daniel: Les Assassins de Ben Barka. Dix ans d'enquête. Paris 1975 und 1982. Arnaud, Robert auf France Inter: L'affaire Ben Barka, Sonntag den 25. Oktober 2000. Perrault, Gilles: Notre ami le Roi. Paris 1990. Violet, Bernard: L'affaire Ben Barka. Paris 1995. Intervention de la famille de Medhi Ben Barka aux rassemblements du 29 octobre 2003. In: Yabiladi, 30.10.03. | Rückseite |
14 Taibo II , Paco Ignacio. In: Du drapeau rouge au roman noir. S. 71. | Rückseite |
15 Im Mai 2004 ging ein Freund von mir, der Journalist Oliver Morel, bei der Brasserie Lipp auf die Suche nach dieser Gedenktafel. Er fragte in der Brasserie nach, die Kellner hatten nie von dem Namen Ben Barka gehört, doch der Oberkellner glaubte, den Namen schon mal vernommen zu haben und fragte: "Hat das was mit Terrorismus zu tun?" | Rückseite |
16 Manchette, Jean-Patrick: Alive and kicking. "Polars", charlie mensuel n° 135, avril 1989. In: Chroniques, S. 122. | Rückseite |
17 Gérault, S. 19. | Rückseite |
18 Super Noire 51, 1976. | Rückseite |
19 Rivages Thriller 1996. | Rückseite |
20 Série Noire 2313, 1993. | Rückseite |
21 Gérault, S. 57. | Rückseite |
22 Gérault, S. 57. | Rückseite |
23 J.B. Watson: Psychology from the standpoint of a behaviorist. New York 1919. | Rückseite |
24 Manchette: L'affaire N'Gustro. S. 91. | Rückseite |
25 Manchette, Jean-Patrick. In: Du drapeau rouge au roman noir. L'œuf 1997. S. 63. | Rückseite |
26 Manchette, Jean-Patrick: Cinq remarques sur mon gagne-pain. In: Les Nouvelles littéraires, décembre 1976.
| Rückseite |

 

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