Elfriede
Müller: Wann
hast Du angefangen zu schreiben und warum?
Jean-Bernard
Pouy: Es
gab keinen Grund. Man hat mich gezwungen. Ich schuldete einem Freund
Geld, das ich ihm nicht zurückzahlen konnte. Zufällig
gab dieser Freund eine Krimireihe heraus. Es war Mosconi.
Ein wichtiger
Mann, der Fajardie und andere lanciert hat. Eigentlich war
es Mosconi, der den französischen Neopolar begründete
und Fajardie, Jonquet, Raynal und schließlich mich,
der ihm Geld schuldete, aufforderte, ein Buch zu schreiben.
Ich zahle dir dafür nichts
und du zahlst bei der Gelegenheit deine Schulden ab. Er war
auch noch Verleger.
Ich
hatte bereits Spinoza encule
Hegel1 (Spinoza
fickt Hegel) geschrieben, aber eigentlich war das
kein richtiger Krimi. Den Text habe ich auf dem Gymnasium
verfasst.
Na ja,
dann schrieb
ich also einen Roman und Mosconi hörte auf zu verlegen,
brachte aber mein Manuskript zur Série Noire und schon
war ich Schriftsteller.... Eigentlich habe ich ganz andere
Sachen gemacht, ich malte. Von heute
auf morgen begann ich also Romane zu schreiben, Fiktion,
und weil Mosconi eine Krimiserie herausgab, hat er mich gebeten
einen Krimi
zu schreiben. Wenn ich jemandem begegnet wäre, der erotische
Literatur oder Science Fiction herausgegeben hätte,
so hätte
ich das versucht. Mein erster hieß Nous avons
brulé une
sainte2 (Wir
haben eine Heilige verbrannt). Die Leute von
der Série
Noire baten mich in diesem Stil fortzufahren, aber ich lehnte
ab.
Ich
schrieb was anderes, Suzanne et les ringards (Suzanne
und die
Oldies)3.
Mein
zweiter Text wurde auch genommen, also entschloss ich mich
weiter zu schreiben. Es hat Spaß gemacht.
Und es lief auch sofort, also habe ich schnell gar nichts
mehr anderes gemacht.
Nebenher schrieb ich noch Artikel, für Frauenzeitschriften
oder politische Blätter. Ich schrieb über alles
mögliche.
Ich bin z.B. ein Parfümspezialist, aber da ich viel
rauche, rieche ich so gut wie gar nichts. Trotzdem bin ich
ein Spezialist
auf diesem Gebiet. Keiner weiß warum eigentlich. Es
ist eine Schande!

Nous
avons brûlé une sainte erschien drei oder
vier Monate nach Meutre pour mémoire (Bei
Erinnerung Mord)4.
In diesem Augenblick bildete sich die Schule des französischen
Polar heraus, auf seltsame Art und Weise mit allen, die rumschwirrten,
Fajardie, Daeninckx, Jonquet,
ich etwas später, Raynal nicht wirklich, er wurde erst
später
in diese Schule integriert, damals war er woanders. Wir profitierten
von dem Syndrom Meutre pour mémoire,
ein wirklich wichtiger Roman, aber wir hatten überhaupt
nicht von dem Syndrom Manchette profitiert. Manchette war
vorher und für uns,
war es eine Frage des Geschmacks und auch des Vergnügens.
Denn auf einmal gab es einen französischen Autor, der
auf unserer Seite stand. 
Manchette
leistete einen sehr wichtigen Beitrag, er entwickelte eine
französische
Besonderheit. Endlich gab es französische Romane, die
kein Abklatsch des angelsächsischen Romans waren, es
gab einen französischen
Weg. Le petit bleu du côte ouest (Westküstenblues)5,
dann die Geschichte der Krankenschwester Ô Dingos, ô chateaux! (Tödliche
Luftschlösser)6,
und Fatale (Fatal)7,
aber vor allem Le
petit bleu du côte ouest und Ô Dingos, ô chateaux,
die in der Provinz spielen mit Helden, die keine Bullen sind; Nada8,
das sich direkt auf 1968 bezog, wir waren begeistert, denn
es
war echt was Neues. Denn es waren keine Kopien des angelsächsischen
Romans oder pittoreske Milieuschilderungen frei nach Simenon-Simonin.
Es ging
also mit Daeninckx los, fünf oder sechs Jahre nach der
Veröffentlichung
von Meurtre pour mémoire. Egal was
man von dem Buch hält.
Ich finde es jedenfalls nicht perfekt, aber es handelt sich
um einen bedeutenden Roman, denn er legitimierte auf einen
Schlag den französischen
Polar. Man sprach zum ersten Mal über ein Ereignis,
das von allen verdrängt und kaschiert wurde. Man erwähnte
es zum ersten Mal und wo: in einem Krimi. Wenn Du Meurtre
pour mémoire liest,
dann stellst Du fest, dass es sich um einen total traditionellen
Krimi handelt: ein Bulle, eine Liebesgeschichte, ein normaler
Plot, die Untersuchung,
aber es gab eine Aufregung in Frankreich! Auf einmal wurde
der Polar legitimiert und wir, wir kamen direkt danach und
profitierten ein wenig
von dieser Bewegung und machten Schule ab diesem Zeitpunkt
mit völlig
unterschiedlichen Leuten. Wir wurden einer Schule zugeschrieben,
die nun zu Ende geht. Jonquet, Raynal, Fajardie, Daeninckx
und ich sind
völlig unterschiedlich. Genau das macht die Stärke
der Schule aus, wenn es sich überhaupt um eine Schule
handelt, denn die Leute die dazugehören, erzählen
nicht dasselbe.
E.
M: Was
habt Ihr denn gemeinsam?
 |
Jean-Bernard
Pouy © La Noir'rôde
|
J-B.
P.: Wir
gehören zur selben Generation, zur selben Epoche, all das,
aber es bleibt mysteriös! Warum machte Manchette keine
Schule? Der französische Polar entstand mit Manchette
und auch mit Vautrin, mit Prudon und Amila. Alles ganz
unterschiedliche Leute, die komischerweise
keine Schule begründeten. Wir machten Schule, weil
wir, glaube ich, zur selben Generation gehören und
alle – außer
ADG – ehemalige oder immer noch Linksradikale (eher
immer noch) sind und alle völlig unterschiedlich.
Daeninckx ist ziemlich streng und beschreibt richtige Untersuchungen.
Er kommt aus der traditionellen
Linken. Oder Jonquet, der auch Aktivist ist, Trotzkist
und sehr von der Psychopathologie und dem Bösen angezogen
ist. Oder Fajardie, ein linksradikaler Unruhestifter reinsten
Wassers, der am ehesten dem
Neopolar-Image entspricht. Oder mir, einem Spinner, und
Raynal, der noch mal etwas anderes verkörpert. Jeder
hat etwas eigenes zu bieten. Doch haben wir Schule gemacht.
Als wir das erkannten, begannen
wir für unsere Literatur einzutreten. Wir gingen überall
hin, zu den Festivals, in die Schulen, die Gefängnisse
und agierten politisch, um unsere Literatur durchzusetzen,
aber auch für politische
Ziele, wie den Zugang zur Literatur, den Kampf gegen den
Analphabetismus, politische Tagesthemen und schließlich
vermischte sich alles und eine richtige Gruppe entstand
mit einer breiten Leserschaft, Bibliothekaren,
bestimmten Journalisten und allem was dazu gehört.
Es dauerte eine Weile, bis wir uns durchsetzten. Dann hielten
wir uns 15 Jahre,
danach erschien eine neue Generation, während wir
als die Väter
angesehen werden, aber die Jungen sind keine Gruppe. Jeder
für
sich. Und sie machen auch andere Sachen. Gut, einige machen
dasselbe wie wir, aber es fehlt der kollektive Aspekt,
die Schule... Zunächst
vermuteten wir, dass Dantec eine Schule bilden könnte,
aber zum Glück kam keine zustande. Es sah kurz so
aus, als bilde sich eine neue Form heraus, Polar gemischt
mit Science Fiction und es schien,
als würde dies einige Autoren interessieren, aber
Dantec blieb allein. Es gibt auch Autoren wie Manotti,
die sich auf der selben Ebene
bewegt wie wir oder Pécherot, der sehr historisch
vorgeht oder Colin Thibert, der eher für die Glotze
schreibt. Doch die Jungen bleiben allein.
E.
M: War die Revolte von 1968 Eure gemeinsame Grundlage und
Deine Motivation Krimis zu schreiben?
J-B.
P.: Die
Zugehörigkeit zu einer Generation spielt sicher eine Rolle.
Aber mich nervt es, wenn die Journalisten von "der
roten zur schwarzen Fahne" schreiben. Denn das
stimmt nicht, es gab nicht nur rote Fahnen, es gab
auch 68 schon schwarze Fahnen. Es ist doppelt falsch,
denn diese Behauptung deutet an, dass die Aktivisten
von 68 den politischen
Kampf aufgegeben hätten, um Romane zu schreiben.
Auch das ist falsch. Denn die Schriftsteller der romans
noirs, wie Jonquet, Delteil,
Daeninckx, ich oder Fajardie, sind weiter politisch
aktiv, auf ihre Art und Weise. Weil sie Krimis schreiben,
haben sie nicht aufgehört
politisch zu arbeiten.
E.
M: Ist
der roman noir eine Form von politischer Aktivität?
J-B.
P.: Ich
glaube nicht. Warum schreiben diese Leute? So viele sind es auch
wieder nicht. Diejenigen, die sich dazu
entschieden haben, Geschichten
zu erzählen, erzählen zeitgenössische Geschichten, Geschichten
von heute. Man kann Liebesgeschichten erzählen, Reiseberichte
schreiben oder über Autos reden, aber es gibt schon eine Literatur,
die sich um die Fabrik und ähnliches gruppiert. Wir haben den
roman noir gewählt. Eine populäre Literatur, was aber nicht
bedeutet, dass es sich um eine Literatur für die gesamte Bevölkerung
handelt. Für uns bedeutet populäre Literatur, eine Literatur,
die für die meisten Menschen zugänglich ist. Die Codes, Schranken,
Referenzen und Ideologien sind zweitrangig, während die allgemeine
Literatur auf die Codes und Schranken verweist, bevor die Erzählung
anfängt. Joyce ist nicht populär, weil man Schranken überwinden
muss, um ihn zu verstehen. Bei uns ist es umgekehrt. Ich glaube, dass
die Stärke der französischen Schule darin besteht, sich zu
sagen, wir machen eine populäre Literatur, aber wir sind deshalb
keine Deppen oder unkultiviert und haben eine Sicht auf die Welt, kulturelle
und ideologische Referenzen, denn all das kommt bei uns auch vor, aber
nicht als Einstieg, sondern später im Roman, im Laufe der Erzählung.
Zu Beginn steht ein Roman, den die Meisten verstehen,
ein roman noir eben, ein Polar.
E.
M: Was
hast du eigentlich im Mai 1968 so getrieben?
J-B.
P.: Ich
war 22 Jahre alt, Student. Also habe ich das
gemacht, was die Studenten von 22 Jahren damals
so taten,
d.h. ich habe
einen wunderbar
intensiven
Augenblick voller Aufregung erlebt. Ich war
in einer anarchistischen Gruppe und wir griffen
die Macht
ziemlich frontal an, aber
gleichzeitig prügelten wir uns mit den Leninisten, d.h. eigentlich mit allen.
Es war ein bisschen wie im spanischen Bürgerkrieg, ohne dass wir
dabei unser Leben riskierten. Bei uns ging es nicht so zu wie bei den
Maoisten und Trotzkisten, die sich gegenseitig verprügelten, aber
wir wurden eben von allen verprügelt, also erlebten wir einen
permanenten Kampf. Es war eine großartige Zeit! Es war aber auch
komplizierter, als es heute oft scheint, denn es trafen viele Organisationen
aufeinander wie Tout (Alles), VLR (Vive
la révolution, Es lebe
die Revolution), eine Mischmasch aus Maoisten, Trotzkisten, die wir
die Begehrenden nannten. Diese Gruppen entwickelten interessante Theorien über
die neue Sexualität, die Abtreibung, den Feminismus und die kulturelle
und soziale Agitation. Mikropolitiken, die von 1968 übrig
geblieben sind, das, was sich heute noch im
Leben, der Gesetzschreibung und der
Praxis wiederspiegelt.
E.
M: Ist
das alles, was von 1968 geblieben ist?
 |
Jean-Bernard
Pouy © Claude Mesplède
|
J-B.
P.: In
Frankreich werden diejenigen, die 68 intensiv
erlebt haben, die zwischen 15 und 30 Jahre
alt waren, im
Moment als Achtundsechziger
bezeichnet, das ist negativ konnotiert;
sie werden als Ex-Achtundsechziger bezeichnet,
das ist doppelt
negativ
konnotiert und sie werden
sogar als zurückgebliebene Ex-Achtundsechziger bezeichnet, was dreifach
negativ konnotiert ist. Ich glaube, nicht, dass sich dies ändern
wird. Die Rechten oder die Reaktion, d.h. die Reaktionäre, glauben,
dass das ganze Unglück daher rührt. Die Rechte der Frauen,
der Schwulen, die Sexualität, alle Freiheiten und Rechte werden
dieser Zeit zugeschrieben. Alles was sichtbar ist, zumindest. Das weniger
sichtbare, wie die Erziehungsrichtlinien und, die zurückgehende
Repression kommen ebenfalls von 1968. Sie hauen auf uns ein und kritisieren
uns, dabei handelt es sich um einen Sieg. In den Schulen läuft
es augenblicklich schlecht, weil die Herrschaft
die Lehrer aufgegeben hat und keine Vorstellungen
von
Erziehung ihr eigen nennt.
E.
M: Und
die 80er Jahre? Welche Rolle spielen sie in Deinen Romanen und
in der Entwicklung
der
französischen
Gesellschaft?
J-B.
P.: 1980
wurde Mitterrand gewählt und man gewann den Eindruck, als
wäre die sozialdemokratische Demokratie allmächtig, was für
zwei oder drei Jahre auch stimmte. Mit starken Momenten wie der Abschaffung
der Todesstrafe, oder ähnlichen Dingen, die Ergebnisse unserer
Kämpfe waren.
Aber
es wurde schnell klar, dass es den
französischen
Linksradikalen wie Rosa Luxemburg erging. Wir wurden zwar nicht erschossen,
sahen aber mit an, wie die Bourgeoisie alles an sich riss, ängstlich
und zynisch, bereit die Errungenschaften von 1968 zu akzeptieren. Es
gibt welche, die nicht angetastet wurden, wie z. B. die Psychoanalyse.
Die Vorherrschaft der Psychoanalyse in Frankreich ist eine Errungenschaft,
die auf Deleuze/Guattari zurückgeht. Es gibt auch andere, zu der
die Macht einfach nichts zu sagen weiß. Es gibt nach wie vor
Widerstandspunkte, auch deshalb, weil die Macht sie einfach nicht erkennt. Ökonomisch
fand eine Stärkung des Kapitals statt und gleichzeitig verschwanden
die Repräsentanten der Arbeiterklasse. Doch die Zivilgesellschaft
wurde auch gestärkt. Die Linksradikalen sind Teil davon. Natürlich
sind nicht alle Franzosen linksradikal geworden. Aber die Linksradikalen
sind ganz vorne, wenn es gegen die Arbeitslosigkeit und ähnliches
geht. Sie sind in den aktiven und libertären Gruppen an der Spitze,
was die Gründer dieser Gruppen oft ärgert, die meistens Exstalinisten
sind, wenn sie feststellen müssen, dass ihre Organisationen libertär
geworden sind. Das gibt oft Ärger.
E.
M: Welche
Rolle spielt Geschichte in Deiner Literatur? Welche Ereignisse
beschreibst
Du in Deinen
Romanen und wie wählst Du sie
aus?
J-B.
P.: Geschichte
spielt bei mir eigentlich kaum eine Rolle, ich bin kein Ermittler
und
kein Journalist
oder Historiker,
also arbeite
ich nicht
zu präzisen historischen Themen, in die ich die recherchierten
Informationen einbringen könnte. Allerdings stütze ich mich
schon auf Ereignisse und Vorfälle, als Vermittlung, wie z.B. die
Schläfer, die auf die zukünftige Revolution warten. 
Mit Larchmütz
56329 versuchte ich zwar
keinen historischen Roman zu schreiben, übernahm
aber die Idee der Schläfer. In Le
cinéma de papa (Papas
Kino)10 sind die Hintergründe präziser, denn über meine
Familie erhielt ich Informationen, wie sich politische Gruppen um Filme
zankten für die Cinematheken der Schulen und Unis. Das war nicht
eigentlich Teil der politischen Auseinandersetzungen, aber verrückt
ist es schon, wenn sich Stalinisten und Trotzkisten umnieten, um an
Filme heran zu kommen. Und der Roman ist historisch exakt. Sonst kümmere
ich mich eher um Zeitgenössisches, d.h. Lebensweisen, Schauplätze,
ohne in die Rolle eines Journalisten oder Ermittlers zu schlüpfen.
Ich schreibe nicht von genauen
historischen Vorkommnissen, das
kommt vielleicht
noch, aber ich nehme schon
wahr, was passiert,
und nehme
es auf.
E.
M: Aber
der Hintergrund ist doch immer ein wenig historisch, auch wenn
die Romane
heute spielen,
so weisen die
Verbrechen doch
häufig
in die Vergangenheit.
J-B.
P.: Klar,
ich schreibe ja schon über konkrete Vorfälle. 
La
Belle de Fontenay (Die Schöne von Fontenay)11 thematisierte den spanischen
Bürgerkrieg und die Aktivitäten maoistischer Lehrer, in einer
von den Kommunisten verwalteten Gemeinde. Aber das war nicht mein zentrales
Thema, sondern eher der Hintergrund. Denn ich weiß genau, dass
ich es nicht so gut machen könnte wie Daeninckx, oder wie Fajardie
bei anderen Themen. Jeder schreibt eben ein bisschen unterschiedlich.
Eine natürliche Arbeitsteilung. Daeninckx kümmert sich um
einen Haufen Dinge, er verfügt über Informationen, die ich
nicht habe. Andererseits habe ich 1995 die
Poulpe-Reihe gegründet,
das hätte Daeninckx nicht gebracht. Und bei dieser Reihe trafen
sich alle auf einer libertären Grundlage, was mir großes
Vergnügen bereitete, denn in dieser libertären Reihe schrieben
Anarchisten, Maoisten, Trotzkisten. Alle beteiligten sich. Wenn ich
von Anfang an gesagt hätte, dass der
Poulpe Anarchist sei, hätte
ich nur drei oder vier bekommen.
Doch so waren alle einverstanden,
also war
es eine
gute Lektion.
E.
M: Gibt
es einen Zusammenhang zwischen den Themen Deiner Romane und dem
Mai 68?
 |
Jean-Bernard
Pouy © La Noir'rôde
|
J-B.
P.: Ja
und nein. Ja, weil ich daher komme, ich war 1968 22 Jahre
alt und wurde
davon intellektuell
geprägt. Ja, ein Achtundsechziger zu
sein, das ist wie die Kriege erlebt zu haben oder wie bei denen, die
vor 1934 lebten oder wie die Jungen, die die Wahl Mitterrands miterlebten
oder die Niederlage Jospins oder den Aufstieg Le Pens. Das sind starke
Momente, die verlangen, dass man sich positioniert, darüber nachdenkt
und reagiert. Der Vorteil von 1968 – und es gibt einen – besteht
darin, dass die Ereignisse drei Monate dauerten und dass zehn Jahre über
diese drei Monate recherchiert wurde. Das ist nicht bei allen politischen
Ereignissen der Fall. Da hat es zumindest drei intensive Monate gegeben.
In Frankreich lief es gut, weil es keine großen Dramen gab, weil
eine Verbindung zur Arbeitswelt existierte. Also waren gesellschaftliche
Veränderungen möglich, die nicht stattfanden, aber nach zehn
Jahren veränderte sich doch was. Es gab radikale Veränderungen
im Denken, der Kultur, der Erziehung, im sozialen Bereich mehr als
im politischen, aber diese Veränderungen dauerten zehn Jahre,
jetzt geht man darüber hinweg. Ich glaube, dass die portugiesische
Nelkenrevolution ähnliche Ausmaße hatte, zwei intensive
Monate, auch wenn etwas ganz anderes passiert ist oder alles möglich
war, mit fortschrittlichen Offizieren, die die Macht ergriffen und
dann.... Aber während fünf bis sechs Jahren wurde alles erneuert,
nicht so radikal, wie man gedacht hatte und anders als in Frankreich,
aber es war auch ein kleines Ereignis, das auf einmal eine Nachhaltigkeit
entfaltete. Während das Ereignis in Italien stärker war und
auch länger wirkte, grauenhaft, obwohl die italienische Gesellschaft
sich dabei so gut wie gar nicht veränderte. Den Papst gibt es
immer noch, trotzdem was das Ereignis dort auch sehr stark ausgeprägt.
Die Illegalität, der bewaffnete Kampf und all das. In Frankreich
gab es so etwas nicht, denn es gab einen Zusammenhalt – wenn
auch nicht sehr lange, aber ganz spontan – mit
der Arbeitswelt. Seltsam, aber
gut.
E.
M: Welche
Rolle spielen Subjekte in Deinen Romanen?
J-B.
P.: Sie
sind die Spiegel und die Methode. Die Personen
stehen
im Vordergrund,
dabei handelt
es sich
um eine Bündelung der Handlung, da muss
man durch. Aber es stimmt, es sind Subjekte, die eher eine Haltung,
als sich selbst repräsentieren. Es sind immer Leute in einem bestimmten
Alter, oft behindert, d.h. es fehlt ihnen immer irgend etwas. Das ist
eine Symbolik, um zu sagen, dass wir 68 etwas verloren haben, eine
Form, eine Hand, einen Arm, einen Fuß, ein Auge. Als Behinderte
haben sie vordergründig mehr Schwierigkeiten ihre Angelegenheiten
zu regeln, dennoch hilft ihnen ihre Behinderung dabei. Die Behinderung
ist kein Stilmittel von mir, um zu sagen, dass sie noch mehr Probleme
als alle anderen haben, sondern es vereinfacht die psychologische Erklärung
und ich erinnere mich genau, dass die Vereinbarungen von Grenelle wie
eine Amputation empfunden wurden. Und diese Amputation besteht fort.
Deshalb werde ich den französischen Kommunisten niemals trauen
und genauso wenig den Gewerkschaftsspitzen. Diese Amputation war sehr
stark. Gut, aber war sie stärker als der Hitler-Stalin-Pakt für
die damaligen Kommunisten, oder so stark wie für einen normalen
Aktivisten aus dem Osten, der die Mauer fallen sah oder einen Vopo,
der sich fünf Jahre langweilte beim Mauerbewachen, Gewehr bei
Fuß und der alle anderen genervt hat? Ich glaube, dass dieser
Vopo sowieso durch den Wind wäre. Er hätte
weniger Vertrauen in die
Dinge, denen er vertraut
hat.
E.
M: Sind
die Individuen für Dich Ideenträger, Hoffnungsträger
einer Veränderung
oder einfach nur Zeugen
einer
verlorenen Zeit?
 |
Jean-Bernard
Pouy © Claude Mesplède
|
J-B.
P.: Nein,
natürlich sind sie Zeugen, aber sie reden auch über
die Dinge, auch wenn ich keine Politromane schreibe. Sie reden und
legen die Hände nicht in den Schoß. Selbst, wenn es im Moment
voluntaristischer daherkommt als vorher. Es gibt eine Literatur über
die Loser und es ist keine schlechte Literatur. Im französischen
Neopolar gibt es viele Helden, die sich bewusst sind, verloren zu haben
und die Verantwortung dafür übernehmen, also machen sie alles
und nichts, oder sind verzweifelt oder brechen in eine Bank ein. Mit
zunehmendem Alter fällt es mir immer schwerer, Lektionen zu erteilen,
und ich neige dazu zu sagen, dass die außergewöhnlichen
Erlebnisse, die ich mit 20 Jahren miterleben konnte, dem Zufall und
der Chance geschuldet waren. Andererseits war ich darauf vorbereitet.
Und diejenigen, die mich darauf vorbereitet haben, lehnte ich dann
ab wie Henri Lefebvre und andere. Doch es waren genau die, die mich
darauf vorbereitet haben. Ich versuche also keine Lektionen zu erteilen,
was schwierig ist. Man sollte sich niemals sagen, "ich habe...man
müsste..", man sollte es den Jungen überlassen, sich
für ihre eigenen Kämpfe zu entscheiden. Sie werden auch beschissen
dastehen, das ist gewiss, doch dazu habe ich dann nichts zu sagen.
Ich versuche so gut es geht, mich an diesen Kämpfen
zu beteiligen und dabei
vor allem die Klappe
zu halten
und keine
Lektionen zu erteilen.
Lektionen sind das
Grab. Vor allem in
der Literatur.
E.
M: Der
Erfolg der Front National bei den Wahlen
und im Leben
seit 1983
wird
in vielen Krimis
thematisiert.
Glaubst
Du, dass diese
Literatur
ein Mittel im antifaschistischen
Kampf darstellt?
 |
Jean-Bernard
Pouy © La Noir'rôde
|
J-B.
P.: In
Frankreich gibt es seit langem eine
radikale
Rechte,
eine monarchistische,
eine katholisch-integristische,
eine antisemitische
Rechte. Aber mit
Le Pen hat sie
sich verändert, er spiegelt vor allem die Probleme
zwischen Frankreich und Algerien wieder. Das eigentliche Problem besteht
darin, dass Frankreich den Krieg gegen Algerien verloren hat. Mit Afrika
oder Marokko ist es anders. In Marokko kann man seine Ferien verbringen.
Oder nach Tunesien, da kann man auch hinfahren. Niemand fährt
nach Algerien in Urlaub. In Algerien haben sie uns einen Schlag versetzt.
Wie in Vietnam, man hätte eine Atombombe werfen können, wie
die Amis, aber zum Glück.... Sie haben uns geschlagen und man
hat sie mit nach Frankreich genommen, denn das französische Kapital
benötigte Arbeitskräfte und die Franzosen hatten keine Lust,
im Winter auf den Feldern zu arbeiten. Wir haben ein echtes Problem
mit Algerien und Le Pen profitiert davon. Die Algerier wurden zu "dem
Araber" und damit agiert der französische Rassismus. Dann
kommt noch die Immigration des Maghreb und Algeriens hinzu, denn es
gab immer sehr starke Verbindungen zwischen Frankreich und Algerien,
Leute, die hin- und herwechselten. Es gibt grauenvolle Missverständnisse
und eine Angst von Leuten, die nicht informiert sind. Vor drei Tagen
z.B. fiel dank Sarkozy ein Argument von Le Pen ins Wasser. Sarkozy
brachte Zahlen, keine Zahlen des Innenministeriums, also kann man ihnen
glauben, Zahlen des INSEE, die besagten, dass die Geburtenrate algerischer
Frauen nicht über der Geburtenrate der Französinnen liege.
Denn eines der Argumente lautete, dass sie so viele Kinder zeugen würden.
Und das INSEE behauptet, dass es nicht stimmt, für die Französin
sind es 1,68 und für die Algerierin 1,69. Also rein gar nichts.
Sie sind Franzosen geworden, sie sagen sich "ein oder zwei Kinder
das reicht". Auch in diesem Punkt sind sie integriert. Die Integration,
die Vermischung ist zumindest in Paris auf dem Vormarsch. Wenn du U-Bahn
fährst in Paris, stellst Du fest, dass es Pariser sind, keine
Immigranten mehr. Das ist Paris, ein Fünftel
von Frankreich.
Also ist es bedeutend.
In diesem Punkt
hat Le Pen haushoch
verloren. Die
Einwanderung und
die Vermischung
in
Frankreich
funktionieren,
und das ist gut
so.
E.
M: Schreibst
Du für
ein bestimmtes
Publikum?
J-B.
P.: Nein,
wie ich vorhin beschrieb,
schreiben
all die, die
sich der schwarzen
Literatur zugewandt
haben,
lesbare, für die Mehrheit der Menschen,
verständliche Romane. Aber im Unterschied zu einer bestimmten
populären Literatur, die den Leuten in einem Ausmaß entgegen
kommt, das dem der Glotze vergleichbar ist, schreiben wir zwar für
alle, aber deshalb verbergen wir weder unsere Vorlieben, unsere Unterschiede,
unsere Referenzen noch unsere ideologischen Standpunkte. Wenn ich in
die Provinz fahre, gehe ich auch zu den Rentnerclubs, die lieben diese
Art von Literatur. Sie stellen mir Fragen über
die linksradikalen
Differenzen,
sie sind total
angetan,
d.h. sie haben
die Romane
vorher gelesen.
Ich glaube,
dass alle Autoren
des Polar so
vorgehen. Und
diejenigen,
die sich vom
Polar absetzen
wollen und
Hochliteratur
verfassen,
stellen ihre
Codes vorneweg,
durch
die sie sich
definieren
und
mit denen sie
angeben. Wir
sind
eher Romanschreiber
als Schriftsteller.
E.
M: Manchette
behauptete, dass der Roman
noir zu einer
literarischen
Form des
19. Jahrhunderts
zurückkehre.
Hat er damit
recht gehabt?
J-B.
P.: Manchette
war ein
knallharter Linksradikaler,
der
intellektuell
sehr
variabel
argumentierte,
einen Tag
war
er Situationist,
den nächsten
was weiß ich, aber bei den Situs finden sich m.E. ziemlich unangenehme
Leute.
In
seinem
Tagebuch
schrieb
er groteske
Artikel
zur Kunst
und vor
allem seinen
letzten
Roman La
position
du tireur
couché (Position:
Anschlag
liegend)
finde ich
faszinierend.
Doch eigentlich
gefällt
es mir überhaupt nicht. Es ist verhaltenstheoretisch interessant,
aber der Typ vom Geheimdienst hat mit den Themen seiner Zeit überhaupt
nichts am Hut. Ein Autor, der sich vor allem selbst betrachtet, ist
für mich niemand auf den ich mich berufen könnte. Seine Bedeutung
erkenne ich natürlich
an.
Ich
glaube, dass seine
Bemerkung
zu der
literarischen
Form
des 19.
Jahrhunderts
zutrifft,
aber
es sind auch
die 30er
Jahre,
vielleicht
noch
eher als das
19.
Jahrhundert.
Die
Väter des Polar, sind Balzac
und andere Autoren des 19. Jahrhunderts. Aber Manchette schreibt völlig
entgegengesetzt zu Balzac, er schrieb eher wie James Cain, Ross McCoy.
Wie die amerikanischen Autoren nach der Krise von 1929, alles Behavioristen.
Sie erklären nichts, erteilen keine Lektionen, sie erzählen.
Was mich z.B. an dem Roman Als
der Postmann
zweimal
klingelt interessiert,
ist die in zwei Sätzen erläuterte Psychoanalyse. Als Camus
das las, war er geplättet, er sagte sich "ich hätte
daraus 500 Seiten gemacht, er zwei Zeilen". Er schrieb Der
Fremde kurz danach. Der
Fremde ist ein behavioristischer französischer
Roman. Das ist ein Beispiel von vielen, wie auch Emmanuel Bove. Ich
glaube, es war eher diese Schule, die Manchette beeinflusst hat, denn
Manchette schreibt nicht wie Balzac, d.h. da wo er sich Balzac annähert,
ist es ein Balzac, der sich umsieht und Geschichten erzählt. Une
tenebreuse
affaire (Eine
dunkle
Geschichte) könnte aus dem Frankreich
Chiracs entstanden sein, ein Bulle der über Pädophile ermittelt, über
Bankgeschichten, wie heute, geschrieben um Geld zu verdienen. Thematisch
sind es dieselben Geschichten. Thematisch ist es das 19. Jahrhundert,
stilistisch sind es eher die dreißiger
Jahre. Aber
es ist spannend,
denn wir
sind durch
den
kommunistisch-behavioristischen
hardboiled
Roman sehr
beeinflusst
worden.
E.
M: Du sprachst
vom Ende
einer
Schule der Autoren
des
roman
noir. Aber ihr
schreibt
doch
weiterhin?
J-B.
P.: Ja
schon, aber
es
handelt sich
um
ein
normales Ende,
denn
es
hat ja
schon
15-20
Jahre
gedauert,
also
sind
wir
gealtert.
Wenn
man
altert wird
man
blöd, also muss man aufpassen, was man sagt. Außerdem
gibt es einen Haufen Junger. Die Zeiten ändern sich. Wir machen
weiter. Einige von uns haben sofort aufgehört, ich habe 40 Bücher
geschrieben, andere haben nach drei Titeln aufgehört und etwas
anderes gemacht. Vielleicht ist der Leser auch erschöpft, weil
wir die Gleichen geblieben sind, aber die Zeiten sich geändert
haben. Es gibt viele Gründe. Ich glaube nicht, dass die interessantesten
und wichtigsten Autoren dieser Bewegung plötzlich verschwinden
werden, aber ich glaube, dass der Gruppeneffekt nachlässt. Weil
wir zuviel geredet haben, weil wir unsere Arbeit gemacht haben, wäre
es vielleicht an der Zeit, dass die Anderen die ihrige erledigen, auch
wenn es nicht dieselbe sein wird, aber sie sollten sich bemühen
etwas zu finden. Wir neigen immer dazu zu sagen "man müsste,
man müsste...", aber es liegt nicht an uns. Sie müssen
ihre Angriffsflächen selbst finden, ihren eigenen Weg gehen. Was
wir 68 gelernt haben, ist aufzupassen, dass wir keine alten Idioten
werden, die Lektionen erteilen. Ich bedauere es, dass keine andere
Schule auftaucht. Aber in der Literatur sollte man nichts erhoffen,
die Dinge entstehen entgegen jeder Hoffnung. Aber es würde mir
gefallen, wenn etwas Radikales entstünde,
am
besten
noch
radikaler
als
wir
es
waren,
literarisch
gesprochen.
Der
Polar
war
eine
niedere
Literatur,
deshalb
hatten
wir
Zeit,
nach
und
nach
unsere
Form
zu
entwickeln.
Der
Kapitalismus
hat
uns
verschlungen.
Und
das
ist
gut
so.