krimis in Europa
n°2 July-August-September 2005

 

Interview mit Jean-Bernard Pouy

Elfriede Müller

• 29.01.04 •

Elfriede Müller: Wann hast Du angefangen zu schreiben und warum?

Jean-Bernard Pouy: Es gab keinen Grund. Man hat mich gezwungen. Ich schuldete einem Freund Geld, das ich ihm nicht zurückzahlen konnte. Zufällig gab dieser Freund eine Krimireihe heraus. Es war Mosconi. Ein wichtiger Mann, der Fajardie und andere lanciert hat. Eigentlich war es Mosconi, der den französischen Neopolar begründete und Fajardie, Jonquet, Raynal und schließlich mich, der ihm Geld schuldete, aufforderte, ein Buch zu schreiben. Ich zahle dir dafür nichts und du zahlst bei der Gelegenheit deine Schulden ab. Er war auch noch Verleger. Ich hatte bereits Spinoza encule Hegel1 (Spinoza fickt Hegel) geschrieben, aber eigentlich war das kein richtiger Krimi. Den Text habe ich auf dem Gymnasium verfasst. Na ja, dann schrieb ich also einen Roman und Mosconi hörte auf zu verlegen, brachte aber mein Manuskript zur Série Noire und schon war ich Schriftsteller.... Eigentlich habe ich ganz andere Sachen gemacht, ich malte. Von heute auf morgen begann ich also Romane zu schreiben, Fiktion, und weil Mosconi eine Krimiserie herausgab, hat er mich gebeten einen Krimi zu schreiben. Wenn ich jemandem begegnet wäre, der erotische Literatur oder Science Fiction herausgegeben hätte, so hätte ich das versucht. Mein erster hieß Nous avons brulé une sainte2 (Wir haben eine Heilige verbrannt). Die Leute von der Série Noire baten mich in diesem Stil fortzufahren, aber ich lehnte ab. Ich schrieb was anderes, Suzanne et les ringards (Suzanne und die Oldies)3. Mein zweiter Text wurde auch genommen, also entschloss ich mich weiter zu schreiben. Es hat Spaß gemacht. Und es lief auch sofort, also habe ich schnell gar nichts mehr anderes gemacht. Nebenher schrieb ich noch Artikel, für Frauenzeitschriften oder politische Blätter. Ich schrieb über alles mögliche. Ich bin z.B. ein Parfümspezialist, aber da ich viel rauche, rieche ich so gut wie gar nichts. Trotzdem bin ich ein Spezialist auf diesem Gebiet. Keiner weiß warum eigentlich. Es ist eine Schande!

Nous avons brûlé une sainte erschien drei oder vier Monate nach Meutre pour mémoire (Bei Erinnerung Mord)4. In diesem Augenblick bildete sich die Schule des französischen Polar heraus, auf seltsame Art und Weise mit allen, die rumschwirrten, Fajardie, Daeninckx, Jonquet, ich etwas später, Raynal nicht wirklich, er wurde erst später in diese Schule integriert, damals war er woanders. Wir profitierten von dem Syndrom Meutre pour mémoire, ein wirklich wichtiger Roman, aber wir hatten überhaupt nicht von dem Syndrom Manchette profitiert. Manchette war vorher und für uns, war es eine Frage des Geschmacks und auch des Vergnügens. Denn auf einmal gab es einen französischen Autor, der auf unserer Seite stand. Manchette leistete einen sehr wichtigen Beitrag, er entwickelte eine französische Besonderheit. Endlich gab es französische Romane, die kein Abklatsch des angelsächsischen Romans waren, es gab einen französischen Weg. Le petit bleu du côte ouest (Westküstenblues)5, dann die Geschichte der Krankenschwester Ô Dingos, ô chateaux! (Tödliche Luftschlösser)6, und Fatale (Fatal)7, aber vor allem Le petit bleu du côte ouest und Ô Dingos, ô chateaux, die in der Provinz spielen mit Helden, die keine Bullen sind; Nada8, das sich direkt auf 1968 bezog, wir waren begeistert, denn es war echt was Neues. Denn es waren keine Kopien des angelsächsischen Romans oder pittoreske Milieuschilderungen frei nach Simenon-Simonin. Es ging also mit Daeninckx los, fünf oder sechs Jahre nach der Veröffentlichung von Meurtre pour mémoire. Egal was man von dem Buch hält. Ich finde es jedenfalls nicht perfekt, aber es handelt sich um einen bedeutenden Roman, denn er legitimierte auf einen Schlag den französischen Polar. Man sprach zum ersten Mal über ein Ereignis, das von allen verdrängt und kaschiert wurde. Man erwähnte es zum ersten Mal und wo: in einem Krimi. Wenn Du Meurtre pour mémoire liest, dann stellst Du fest, dass es sich um einen total traditionellen Krimi handelt: ein Bulle, eine Liebesgeschichte, ein normaler Plot, die Untersuchung, aber es gab eine Aufregung in Frankreich! Auf einmal wurde der Polar legitimiert und wir, wir kamen direkt danach und profitierten ein wenig von dieser Bewegung und machten Schule ab diesem Zeitpunkt mit völlig unterschiedlichen Leuten. Wir wurden einer Schule zugeschrieben, die nun zu Ende geht. Jonquet, Raynal, Fajardie, Daeninckx und ich sind völlig unterschiedlich. Genau das macht die Stärke der Schule aus, wenn es sich überhaupt um eine Schule handelt, denn die Leute die dazugehören, erzählen nicht dasselbe.


E. M: Was habt Ihr denn gemeinsam?

Jean-Bernard Pouy © La Noir'rôde

J-B. P.: Wir gehören zur selben Generation, zur selben Epoche, all das, aber es bleibt mysteriös! Warum machte Manchette keine Schule? Der französische Polar entstand mit Manchette und auch mit Vautrin, mit Prudon und Amila. Alles ganz unterschiedliche Leute, die komischerweise keine Schule begründeten. Wir machten Schule, weil wir, glaube ich, zur selben Generation gehören und alle – außer ADG – ehemalige oder immer noch Linksradikale (eher immer noch) sind und alle völlig unterschiedlich. Daeninckx ist ziemlich streng und beschreibt richtige Untersuchungen. Er kommt aus der traditionellen Linken. Oder Jonquet, der auch Aktivist ist, Trotzkist und sehr von der Psychopathologie und dem Bösen angezogen ist. Oder Fajardie, ein linksradikaler Unruhestifter reinsten Wassers, der am ehesten dem Neopolar-Image entspricht. Oder mir, einem Spinner, und Raynal, der noch mal etwas anderes verkörpert. Jeder hat etwas eigenes zu bieten. Doch haben wir Schule gemacht. Als wir das erkannten, begannen wir für unsere Literatur einzutreten. Wir gingen überall hin, zu den Festivals, in die Schulen, die Gefängnisse und agierten politisch, um unsere Literatur durchzusetzen, aber auch für politische Ziele, wie den Zugang zur Literatur, den Kampf gegen den Analphabetismus, politische Tagesthemen und schließlich vermischte sich alles und eine richtige Gruppe entstand mit einer breiten Leserschaft, Bibliothekaren, bestimmten Journalisten und allem was dazu gehört. Es dauerte eine Weile, bis wir uns durchsetzten. Dann hielten wir uns 15 Jahre, danach erschien eine neue Generation, während wir als die Väter angesehen werden, aber die Jungen sind keine Gruppe. Jeder für sich. Und sie machen auch andere Sachen. Gut, einige machen dasselbe wie wir, aber es fehlt der kollektive Aspekt, die Schule... Zunächst vermuteten wir, dass Dantec eine Schule bilden könnte, aber zum Glück kam keine zustande. Es sah kurz so aus, als bilde sich eine neue Form heraus, Polar gemischt mit Science Fiction und es schien, als würde dies einige Autoren interessieren, aber Dantec blieb allein. Es gibt auch Autoren wie Manotti, die sich auf der selben Ebene bewegt wie wir oder Pécherot, der sehr historisch vorgeht oder Colin Thibert, der eher für die Glotze schreibt. Doch die Jungen bleiben allein.


E. M: War die Revolte von 1968 Eure gemeinsame Grundlage und Deine Motivation Krimis zu schreiben?

J-B. P.: Die Zugehörigkeit zu einer Generation spielt sicher eine Rolle. Aber mich nervt es, wenn die Journalisten von "der roten zur schwarzen Fahne" schreiben. Denn das stimmt nicht, es gab nicht nur rote Fahnen, es gab auch 68 schon schwarze Fahnen. Es ist doppelt falsch, denn diese Behauptung deutet an, dass die Aktivisten von 68 den politischen Kampf aufgegeben hätten, um Romane zu schreiben. Auch das ist falsch. Denn die Schriftsteller der romans noirs, wie Jonquet, Delteil, Daeninckx, ich oder Fajardie, sind weiter politisch aktiv, auf ihre Art und Weise. Weil sie Krimis schreiben, haben sie nicht aufgehört politisch zu arbeiten.

E. M: Ist der roman noir eine Form von politischer Aktivität?

J-B. P.: Ich glaube nicht. Warum schreiben diese Leute? So viele sind es auch wieder nicht. Diejenigen, die sich dazu entschieden haben, Geschichten zu erzählen, erzählen zeitgenössische Geschichten, Geschichten von heute. Man kann Liebesgeschichten erzählen, Reiseberichte schreiben oder über Autos reden, aber es gibt schon eine Literatur, die sich um die Fabrik und ähnliches gruppiert. Wir haben den roman noir gewählt. Eine populäre Literatur, was aber nicht bedeutet, dass es sich um eine Literatur für die gesamte Bevölkerung handelt. Für uns bedeutet populäre Literatur, eine Literatur, die für die meisten Menschen zugänglich ist. Die Codes, Schranken, Referenzen und Ideologien sind zweitrangig, während die allgemeine Literatur auf die Codes und Schranken verweist, bevor die Erzählung anfängt. Joyce ist nicht populär, weil man Schranken überwinden muss, um ihn zu verstehen. Bei uns ist es umgekehrt. Ich glaube, dass die Stärke der französischen Schule darin besteht, sich zu sagen, wir machen eine populäre Literatur, aber wir sind deshalb keine Deppen oder unkultiviert und haben eine Sicht auf die Welt, kulturelle und ideologische Referenzen, denn all das kommt bei uns auch vor, aber nicht als Einstieg, sondern später im Roman, im Laufe der Erzählung. Zu Beginn steht ein Roman, den die Meisten verstehen, ein roman noir eben, ein Polar.

E. M: Was hast du eigentlich im Mai 1968 so getrieben?

J-B. P.: Ich war 22 Jahre alt, Student. Also habe ich das gemacht, was die Studenten von 22 Jahren damals so taten, d.h. ich habe einen wunderbar intensiven Augenblick voller Aufregung erlebt. Ich war in einer anarchistischen Gruppe und wir griffen die Macht ziemlich frontal an, aber gleichzeitig prügelten wir uns mit den Leninisten, d.h. eigentlich mit allen. Es war ein bisschen wie im spanischen Bürgerkrieg, ohne dass wir dabei unser Leben riskierten. Bei uns ging es nicht so zu wie bei den Maoisten und Trotzkisten, die sich gegenseitig verprügelten, aber wir wurden eben von allen verprügelt, also erlebten wir einen permanenten Kampf. Es war eine großartige Zeit! Es war aber auch komplizierter, als es heute oft scheint, denn es trafen viele Organisationen aufeinander wie Tout (Alles), VLR (Vive la révolution, Es lebe die Revolution), eine Mischmasch aus Maoisten, Trotzkisten, die wir die Begehrenden nannten. Diese Gruppen entwickelten interessante Theorien über die neue Sexualität, die Abtreibung, den Feminismus und die kulturelle und soziale Agitation. Mikropolitiken, die von 1968 übrig geblieben sind, das, was sich heute noch im Leben, der Gesetzschreibung und der Praxis wiederspiegelt.

E. M: Ist das alles, was von 1968 geblieben ist?

Jean-Bernard Pouy © Claude Mesplède

J-B. P.: In Frankreich werden diejenigen, die 68 intensiv erlebt haben, die zwischen 15 und 30 Jahre alt waren, im Moment als Achtundsechziger bezeichnet, das ist negativ konnotiert; sie werden als Ex-Achtundsechziger bezeichnet, das ist doppelt negativ konnotiert und sie werden sogar als zurückgebliebene Ex-Achtundsechziger bezeichnet, was dreifach negativ konnotiert ist. Ich glaube, nicht, dass sich dies ändern wird. Die Rechten oder die Reaktion, d.h. die Reaktionäre, glauben, dass das ganze Unglück daher rührt. Die Rechte der Frauen, der Schwulen, die Sexualität, alle Freiheiten und Rechte werden dieser Zeit zugeschrieben. Alles was sichtbar ist, zumindest. Das weniger sichtbare, wie die Erziehungsrichtlinien und, die zurückgehende Repression kommen ebenfalls von 1968. Sie hauen auf uns ein und kritisieren uns, dabei handelt es sich um einen Sieg. In den Schulen läuft es augenblicklich schlecht, weil die Herrschaft die Lehrer aufgegeben hat und keine Vorstellungen von Erziehung ihr eigen nennt.

E. M: Und die 80er Jahre? Welche Rolle spielen sie in Deinen Romanen und in der Entwicklung der französischen Gesellschaft?

J-B. P.: 1980 wurde Mitterrand gewählt und man gewann den Eindruck, als wäre die sozialdemokratische Demokratie allmächtig, was für zwei oder drei Jahre auch stimmte. Mit starken Momenten wie der Abschaffung der Todesstrafe, oder ähnlichen Dingen, die Ergebnisse unserer Kämpfe waren.

Aber es wurde schnell klar, dass es den französischen Linksradikalen wie Rosa Luxemburg erging. Wir wurden zwar nicht erschossen, sahen aber mit an, wie die Bourgeoisie alles an sich riss, ängstlich und zynisch, bereit die Errungenschaften von 1968 zu akzeptieren. Es gibt welche, die nicht angetastet wurden, wie z. B. die Psychoanalyse. Die Vorherrschaft der Psychoanalyse in Frankreich ist eine Errungenschaft, die auf Deleuze/Guattari zurückgeht. Es gibt auch andere, zu der die Macht einfach nichts zu sagen weiß. Es gibt nach wie vor Widerstandspunkte, auch deshalb, weil die Macht sie einfach nicht erkennt. Ökonomisch fand eine Stärkung des Kapitals statt und gleichzeitig verschwanden die Repräsentanten der Arbeiterklasse. Doch die Zivilgesellschaft wurde auch gestärkt. Die Linksradikalen sind Teil davon. Natürlich sind nicht alle Franzosen linksradikal geworden. Aber die Linksradikalen sind ganz vorne, wenn es gegen die Arbeitslosigkeit und ähnliches geht. Sie sind in den aktiven und libertären Gruppen an der Spitze, was die Gründer dieser Gruppen oft ärgert, die meistens Exstalinisten sind, wenn sie feststellen müssen, dass ihre Organisationen libertär geworden sind. Das gibt oft Ärger.

E. M: Welche Rolle spielt Geschichte in Deiner Literatur? Welche Ereignisse beschreibst Du in Deinen Romanen und wie wählst Du sie aus?

J-B. P.: Geschichte spielt bei mir eigentlich kaum eine Rolle, ich bin kein Ermittler und kein Journalist oder Historiker, also arbeite ich nicht zu präzisen historischen Themen, in die ich die recherchierten Informationen einbringen könnte. Allerdings stütze ich mich schon auf Ereignisse und Vorfälle, als Vermittlung, wie z.B. die Schläfer, die auf die zukünftige Revolution warten. Mit Larchmütz 56329 versuchte ich zwar keinen historischen Roman zu schreiben, übernahm aber die Idee der Schläfer. In Le cinéma de papa (Papas Kino)10 sind die Hintergründe präziser, denn über meine Familie erhielt ich Informationen, wie sich politische Gruppen um Filme zankten für die Cinematheken der Schulen und Unis. Das war nicht eigentlich Teil der politischen Auseinandersetzungen, aber verrückt ist es schon, wenn sich Stalinisten und Trotzkisten umnieten, um an Filme heran zu kommen. Und der Roman ist historisch exakt. Sonst kümmere ich mich eher um Zeitgenössisches, d.h. Lebensweisen, Schauplätze, ohne in die Rolle eines Journalisten oder Ermittlers zu schlüpfen. Ich schreibe nicht von genauen historischen Vorkommnissen, das kommt vielleicht noch, aber ich nehme schon wahr, was passiert, und nehme es auf.

E. M: Aber der Hintergrund ist doch immer ein wenig historisch, auch wenn die Romane heute spielen, so weisen die Verbrechen doch häufig in die Vergangenheit.

J-B. P.: Klar, ich schreibe ja schon über konkrete Vorfälle. La Belle de Fontenay (Die Schöne von Fontenay)11 thematisierte den spanischen Bürgerkrieg und die Aktivitäten maoistischer Lehrer, in einer von den Kommunisten verwalteten Gemeinde. Aber das war nicht mein zentrales Thema, sondern eher der Hintergrund. Denn ich weiß genau, dass ich es nicht so gut machen könnte wie Daeninckx, oder wie Fajardie bei anderen Themen. Jeder schreibt eben ein bisschen unterschiedlich. Eine natürliche Arbeitsteilung. Daeninckx kümmert sich um einen Haufen Dinge, er verfügt über Informationen, die ich nicht habe. Andererseits habe ich 1995 die Poulpe-Reihe gegründet, das hätte Daeninckx nicht gebracht. Und bei dieser Reihe trafen sich alle auf einer libertären Grundlage, was mir großes Vergnügen bereitete, denn in dieser libertären Reihe schrieben Anarchisten, Maoisten, Trotzkisten. Alle beteiligten sich. Wenn ich von Anfang an gesagt hätte, dass der Poulpe Anarchist sei, hätte ich nur drei oder vier bekommen. Doch so waren alle einverstanden, also war es eine gute Lektion.

E. M: Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Themen Deiner Romane und dem Mai 68?

Jean-Bernard Pouy © La Noir'rôde

J-B. P.: Ja und nein. Ja, weil ich daher komme, ich war 1968 22 Jahre alt und wurde davon intellektuell geprägt. Ja, ein Achtundsechziger zu sein, das ist wie die Kriege erlebt zu haben oder wie bei denen, die vor 1934 lebten oder wie die Jungen, die die Wahl Mitterrands miterlebten oder die Niederlage Jospins oder den Aufstieg Le Pens. Das sind starke Momente, die verlangen, dass man sich positioniert, darüber nachdenkt und reagiert. Der Vorteil von 1968 – und es gibt einen – besteht darin, dass die Ereignisse drei Monate dauerten und dass zehn Jahre über diese drei Monate recherchiert wurde. Das ist nicht bei allen politischen Ereignissen der Fall. Da hat es zumindest drei intensive Monate gegeben. In Frankreich lief es gut, weil es keine großen Dramen gab, weil eine Verbindung zur Arbeitswelt existierte. Also waren gesellschaftliche Veränderungen möglich, die nicht stattfanden, aber nach zehn Jahren veränderte sich doch was. Es gab radikale Veränderungen im Denken, der Kultur, der Erziehung, im sozialen Bereich mehr als im politischen, aber diese Veränderungen dauerten zehn Jahre, jetzt geht man darüber hinweg. Ich glaube, dass die portugiesische Nelkenrevolution ähnliche Ausmaße hatte, zwei intensive Monate, auch wenn etwas ganz anderes passiert ist oder alles möglich war, mit fortschrittlichen Offizieren, die die Macht ergriffen und dann.... Aber während fünf bis sechs Jahren wurde alles erneuert, nicht so radikal, wie man gedacht hatte und anders als in Frankreich, aber es war auch ein kleines Ereignis, das auf einmal eine Nachhaltigkeit entfaltete. Während das Ereignis in Italien stärker war und auch länger wirkte, grauenhaft, obwohl die italienische Gesellschaft sich dabei so gut wie gar nicht veränderte. Den Papst gibt es immer noch, trotzdem was das Ereignis dort auch sehr stark ausgeprägt. Die Illegalität, der bewaffnete Kampf und all das. In Frankreich gab es so etwas nicht, denn es gab einen Zusammenhalt – wenn auch nicht sehr lange, aber ganz spontan – mit der Arbeitswelt. Seltsam, aber gut.

E. M: Welche Rolle spielen Subjekte in Deinen Romanen?

J-B. P.: Sie sind die Spiegel und die Methode. Die Personen stehen im Vordergrund, dabei handelt es sich um eine Bündelung der Handlung, da muss man durch. Aber es stimmt, es sind Subjekte, die eher eine Haltung, als sich selbst repräsentieren. Es sind immer Leute in einem bestimmten Alter, oft behindert, d.h. es fehlt ihnen immer irgend etwas. Das ist eine Symbolik, um zu sagen, dass wir 68 etwas verloren haben, eine Form, eine Hand, einen Arm, einen Fuß, ein Auge. Als Behinderte haben sie vordergründig mehr Schwierigkeiten ihre Angelegenheiten zu regeln, dennoch hilft ihnen ihre Behinderung dabei. Die Behinderung ist kein Stilmittel von mir, um zu sagen, dass sie noch mehr Probleme als alle anderen haben, sondern es vereinfacht die psychologische Erklärung und ich erinnere mich genau, dass die Vereinbarungen von Grenelle wie eine Amputation empfunden wurden. Und diese Amputation besteht fort. Deshalb werde ich den französischen Kommunisten niemals trauen und genauso wenig den Gewerkschaftsspitzen. Diese Amputation war sehr stark. Gut, aber war sie stärker als der Hitler-Stalin-Pakt für die damaligen Kommunisten, oder so stark wie für einen normalen Aktivisten aus dem Osten, der die Mauer fallen sah oder einen Vopo, der sich fünf Jahre langweilte beim Mauerbewachen, Gewehr bei Fuß und der alle anderen genervt hat? Ich glaube, dass dieser Vopo sowieso durch den Wind wäre. Er hätte weniger Vertrauen in die Dinge, denen er vertraut hat.

E. M: Sind die Individuen für Dich Ideenträger, Hoffnungsträger einer Veränderung oder einfach nur Zeugen einer verlorenen Zeit?

Jean-Bernard Pouy © Claude Mesplède

J-B. P.: Nein, natürlich sind sie Zeugen, aber sie reden auch über die Dinge, auch wenn ich keine Politromane schreibe. Sie reden und legen die Hände nicht in den Schoß. Selbst, wenn es im Moment voluntaristischer daherkommt als vorher. Es gibt eine Literatur über die Loser und es ist keine schlechte Literatur. Im französischen Neopolar gibt es viele Helden, die sich bewusst sind, verloren zu haben und die Verantwortung dafür übernehmen, also machen sie alles und nichts, oder sind verzweifelt oder brechen in eine Bank ein. Mit zunehmendem Alter fällt es mir immer schwerer, Lektionen zu erteilen, und ich neige dazu zu sagen, dass die außergewöhnlichen Erlebnisse, die ich mit 20 Jahren miterleben konnte, dem Zufall und der Chance geschuldet waren. Andererseits war ich darauf vorbereitet. Und diejenigen, die mich darauf vorbereitet haben, lehnte ich dann ab wie Henri Lefebvre und andere. Doch es waren genau die, die mich darauf vorbereitet haben. Ich versuche also keine Lektionen zu erteilen, was schwierig ist. Man sollte sich niemals sagen, "ich habe...man müsste..", man sollte es den Jungen überlassen, sich für ihre eigenen Kämpfe zu entscheiden. Sie werden auch beschissen dastehen, das ist gewiss, doch dazu habe ich dann nichts zu sagen. Ich versuche so gut es geht, mich an diesen Kämpfen zu beteiligen und dabei vor allem die Klappe zu halten und keine Lektionen zu erteilen. Lektionen sind das Grab. Vor allem in der Literatur.

E. M: Der Erfolg der Front National bei den Wahlen und im Leben seit 1983 wird in vielen Krimis thematisiert. Glaubst Du, dass diese Literatur ein Mittel im antifaschistischen Kampf darstellt?

Jean-Bernard Pouy © La Noir'rôde

J-B. P.: In Frankreich gibt es seit langem eine radikale Rechte, eine monarchistische, eine katholisch-integristische, eine antisemitische Rechte. Aber mit Le Pen hat sie sich verändert, er spiegelt vor allem die Probleme zwischen Frankreich und Algerien wieder. Das eigentliche Problem besteht darin, dass Frankreich den Krieg gegen Algerien verloren hat. Mit Afrika oder Marokko ist es anders. In Marokko kann man seine Ferien verbringen. Oder nach Tunesien, da kann man auch hinfahren. Niemand fährt nach Algerien in Urlaub. In Algerien haben sie uns einen Schlag versetzt. Wie in Vietnam, man hätte eine Atombombe werfen können, wie die Amis, aber zum Glück.... Sie haben uns geschlagen und man hat sie mit nach Frankreich genommen, denn das französische Kapital benötigte Arbeitskräfte und die Franzosen hatten keine Lust, im Winter auf den Feldern zu arbeiten. Wir haben ein echtes Problem mit Algerien und Le Pen profitiert davon. Die Algerier wurden zu "dem Araber" und damit agiert der französische Rassismus. Dann kommt noch die Immigration des Maghreb und Algeriens hinzu, denn es gab immer sehr starke Verbindungen zwischen Frankreich und Algerien, Leute, die hin- und herwechselten. Es gibt grauenvolle Missverständnisse und eine Angst von Leuten, die nicht informiert sind. Vor drei Tagen z.B. fiel dank Sarkozy ein Argument von Le Pen ins Wasser. Sarkozy brachte Zahlen, keine Zahlen des Innenministeriums, also kann man ihnen glauben, Zahlen des INSEE, die besagten, dass die Geburtenrate algerischer Frauen nicht über der Geburtenrate der Französinnen liege. Denn eines der Argumente lautete, dass sie so viele Kinder zeugen würden. Und das INSEE behauptet, dass es nicht stimmt, für die Französin sind es 1,68 und für die Algerierin 1,69. Also rein gar nichts. Sie sind Franzosen geworden, sie sagen sich "ein oder zwei Kinder das reicht". Auch in diesem Punkt sind sie integriert. Die Integration, die Vermischung ist zumindest in Paris auf dem Vormarsch. Wenn du U-Bahn fährst in Paris, stellst Du fest, dass es Pariser sind, keine Immigranten mehr. Das ist Paris, ein Fünftel von Frankreich. Also ist es bedeutend. In diesem Punkt hat Le Pen haushoch verloren. Die Einwanderung und die Vermischung in Frankreich funktionieren, und das ist gut so.

E. M: Schreibst Du für ein bestimmtes Publikum?

J-B. P.: Nein, wie ich vorhin beschrieb, schreiben all die, die sich der schwarzen Literatur zugewandt haben, lesbare, für die Mehrheit der Menschen, verständliche Romane. Aber im Unterschied zu einer bestimmten populären Literatur, die den Leuten in einem Ausmaß entgegen kommt, das dem der Glotze vergleichbar ist, schreiben wir zwar für alle, aber deshalb verbergen wir weder unsere Vorlieben, unsere Unterschiede, unsere Referenzen noch unsere ideologischen Standpunkte. Wenn ich in die Provinz fahre, gehe ich auch zu den Rentnerclubs, die lieben diese Art von Literatur. Sie stellen mir Fragen über die linksradikalen Differenzen, sie sind total angetan, d.h. sie haben die Romane vorher gelesen. Ich glaube, dass alle Autoren des Polar so vorgehen. Und diejenigen, die sich vom Polar absetzen wollen und Hochliteratur verfassen, stellen ihre Codes vorneweg, durch die sie sich definieren und mit denen sie angeben. Wir sind eher Romanschreiber als Schriftsteller.

E. M: Manchette behauptete, dass der Roman noir zu einer literarischen Form des 19. Jahrhunderts zurückkehre. Hat er damit recht gehabt?

J-B. P.: Manchette war ein knallharter Linksradikaler, der intellektuell sehr variabel argumentierte, einen Tag war er Situationist, den nächsten was weiß ich, aber bei den Situs finden sich m.E. ziemlich unangenehme Leute. In seinem Tagebuch schrieb er groteske Artikel zur Kunst und vor allem seinen letzten Roman La position du tireur couché (Position: Anschlag liegend) finde ich faszinierend. Doch eigentlich gefällt es mir überhaupt nicht. Es ist verhaltenstheoretisch interessant, aber der Typ vom Geheimdienst hat mit den Themen seiner Zeit überhaupt nichts am Hut. Ein Autor, der sich vor allem selbst betrachtet, ist für mich niemand auf den ich mich berufen könnte. Seine Bedeutung erkenne ich natürlich an.

Ich glaube, dass seine Bemerkung zu der literarischen Form des 19. Jahrhunderts zutrifft, aber es sind auch die 30er Jahre, vielleicht noch eher als das 19. Jahrhundert. Die Väter des Polar, sind Balzac und andere Autoren des 19. Jahrhunderts. Aber Manchette schreibt völlig entgegengesetzt zu Balzac, er schrieb eher wie James Cain, Ross McCoy. Wie die amerikanischen Autoren nach der Krise von 1929, alles Behavioristen. Sie erklären nichts, erteilen keine Lektionen, sie erzählen. Was mich z.B. an dem Roman Als der Postmann zweimal klingelt interessiert, ist die in zwei Sätzen erläuterte Psychoanalyse. Als Camus das las, war er geplättet, er sagte sich "ich hätte daraus 500 Seiten gemacht, er zwei Zeilen". Er schrieb Der Fremde kurz danach. Der Fremde ist ein behavioristischer französischer Roman. Das ist ein Beispiel von vielen, wie auch Emmanuel Bove. Ich glaube, es war eher diese Schule, die Manchette beeinflusst hat, denn Manchette schreibt nicht wie Balzac, d.h. da wo er sich Balzac annähert, ist es ein Balzac, der sich umsieht und Geschichten erzählt. Une tenebreuse affaire (Eine dunkle Geschichte) könnte aus dem Frankreich Chiracs entstanden sein, ein Bulle der über Pädophile ermittelt, über Bankgeschichten, wie heute, geschrieben um Geld zu verdienen. Thematisch sind es dieselben Geschichten. Thematisch ist es das 19. Jahrhundert, stilistisch sind es eher die dreißiger Jahre. Aber es ist spannend, denn wir sind durch den kommunistisch-behavioristischen hardboiled Roman sehr beeinflusst worden.

E. M: Du sprachst vom Ende einer Schule der Autoren des roman noir. Aber ihr schreibt doch weiterhin?

J-B. P.: Ja schon, aber es handelt sich um ein normales Ende, denn es hat ja schon 15-20 Jahre gedauert, also sind wir gealtert. Wenn man altert wird man blöd, also muss man aufpassen, was man sagt. Außerdem gibt es einen Haufen Junger. Die Zeiten ändern sich. Wir machen weiter. Einige von uns haben sofort aufgehört, ich habe 40 Bücher geschrieben, andere haben nach drei Titeln aufgehört und etwas anderes gemacht. Vielleicht ist der Leser auch erschöpft, weil wir die Gleichen geblieben sind, aber die Zeiten sich geändert haben. Es gibt viele Gründe. Ich glaube nicht, dass die interessantesten und wichtigsten Autoren dieser Bewegung plötzlich verschwinden werden, aber ich glaube, dass der Gruppeneffekt nachlässt. Weil wir zuviel geredet haben, weil wir unsere Arbeit gemacht haben, wäre es vielleicht an der Zeit, dass die Anderen die ihrige erledigen, auch wenn es nicht dieselbe sein wird, aber sie sollten sich bemühen etwas zu finden. Wir neigen immer dazu zu sagen "man müsste, man müsste...", aber es liegt nicht an uns. Sie müssen ihre Angriffsflächen selbst finden, ihren eigenen Weg gehen. Was wir 68 gelernt haben, ist aufzupassen, dass wir keine alten Idioten werden, die Lektionen erteilen. Ich bedauere es, dass keine andere Schule auftaucht. Aber in der Literatur sollte man nichts erhoffen, die Dinge entstehen entgegen jeder Hoffnung. Aber es würde mir gefallen, wenn etwas Radikales entstünde, am besten noch radikaler als wir es waren, literarisch gesprochen. Der Polar war eine niedere Literatur, deshalb hatten wir Zeit, nach und nach unsere Form zu entwickeln. Der Kapitalismus hat uns verschlungen. Und das ist gut so.

 

 

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