krimis in Europa
n°2 July-August-September 2005

 

 

Interview mit Lena Blaudez

Kerstin Schoof

 

Lena Blaudez’ erster Roman „Spiegelreflex – Ada Simon in Cotonou“ folgt einer Afrikareise der gleichnamigen Hauptfigur, die als Fotografin einen Auftrag in Benin übernommen hat. Kurz nach ihrer Ankunft wird ihr guter Freund Patrick in einer Bar erschossen, wenig später verschwindet seine Cousine spurlos. Wo ist der Film, den sie kurz vor Patricks Tod aufgenommen hatte, und was ist der Grund für seine Ermordung? Mehr oder weniger freiwillig in die Ereignisse hineingezogen, begibt sich Ada Simon auf Spurensuche, die sie quer durchs Land in Ministerien, auf Tropenholzfarmen und in die halb verborgenen Kreise diverser Vodou-Sekten führt. Über die rasante Kriminalhandlung hinaus entsteht ein intensives, vielfältiges Bild von Kultur, Politik und Landschaft in Benin.
Lena Blaudez hat selbst viele Jahre in Afrika gelebt, war später auch in verschiedenen Ländern in der Entwicklungshilfe tätig und arbeitet mittlerweile als Schriftstellerin und freie Journalistin in Berlin.


Kerstin Schoof:
Ihre Heldin Ada Simon bereist Benin beruflich als Fotografin. Welche Rolle spielte das Medium für Sie selbst in Ihrer Annäherung an Afrika?

Lena Blaudez: Obwohl ich die Fotografie nie hauptberuflich betrieben habe, habe ich immer sehr viel fotografiert und auch Fotos aus Afrika ausgestellt. Das Medium fasziniert mich – Bilder können sehr viel aussagen, sie erfassen Stimmungen und zeigen im Nachhinein Dinge, die man in der Situation selbst gar nicht wahrnehmen konnte.
Das Fotografieren ist allerdings auch eine sensible Angelegenheit, während meiner Zeit in Zaire waren insbesondere die Menschen auf dem Land überzeugt, man stiehlt ihre Seele, indem man sie aufnimmt. In der Sahelzone hingegen war ich einmal allein in einem Slumgebiet mit der Kamera unterwegs, und die Leute waren begeistert: Sie haben sich darüber gefreut, dass jemand ihr Leben dokumentiert. Meine Ankunft hat sich sofort herumgesprochen und ich wurde schon empfangen mit einem: „Da kommt sie ja!“
Beim Schreiben habe ich auch viele Fotos im Kopf gehabt und mich auf diese Weise erinnert. Sogar wenn die Filme selbst nicht mehr da sind - nach dem Fotografieren einer Baumwollernte beispielsweise wurde mir die Tasche mit sämtlichen Fotos geklaut – bleibt die Erinnerung bestehen, weil ich mich an die Momente des Aufnehmens erinnere und so die Bilder vor Augen habe.

 

K.S.: Im Roman vollzieht Ihre Hauptfigur eine persönliche Entwicklung von einer anfänglichen Unverbindlichkeit gegenüber ihrer Umwelt hin zu einem Prozess der stärkeren Anteilnahme. Die Fotografie scheint ambivalente Funktionen zu haben: durch das Objektiv betrachtet, kann die Welt auf Distanz gehalten werden, das Bildermachen ist jedoch auch eine wichtige Form der Kontaktaufnahme zu anderen Menschen und ein Hilfsmittel, den Fall zu lösen.

L.B.: Ja, das macht die Person Ada Simon aus, sie filtert alles durch den Apparat und hält es somit von sich weg. Ohne das bewusst so angelegt zu haben, blickt man als LeserIn letztlich mit ihr durch den Sucher, manchmal nah dran wie durch ein Teleobjektiv, dann wieder bietet sich ein Weitwinkel-Panorama. Ada ist anfangs ganz Beobachterin, dokumentiert das Geschehen und merkt später, dass diese Haltung nicht mehr uneingeschränkt aufrechtzuerhalten ist – sie muss ihre Rolle verändern, sich einlassen. Symbolisch gesehen muss Ada Simon feststellen, dass Bilder nicht immer stimmen. Charaktere, die sie auf eine bestimmte Art wahrgenommen hat, kippen in ihr Gegenteil. Nichts ist so, wie es scheint: das Bild kann trügen, und was hinter der Oberfläche ist, muss sie erst noch herausfinden.

 

K.S.: Ihre Heldin ist wie die meisten Ermittler im Kriminalroman allein – sie verfügt über ein Netzwerk an Kontakten, bleibt aber ohne feste Bindung. Ist Einsamkeit oder zumindest emotionale Unabhängigkeit eine Voraussetzung für detektivische Erkenntnis?

L.B.: Nein, ich glaube, das entsteht anders herum aus dem Charakter: Die Hauptfigur ist eine Nomadin, die sich nicht festsetzen will, nirgendwo wirklich dazugehört, auch nicht in ihrer eigentlichen Heimat in Europa. Der Mann, den sie trifft, ist ein ähnlicher Typ, der die Arbeit an erster Stelle sieht. Ada Simon ist einfach kein Typ zum Heiraten, für den engeren Familien- oder Freundeskreis, nicht in dieser Phase zumindest.

 

K.S.: Der Plot Ihres Romans ist nicht streng nach Indizien oder Verdachtspersonen aufgebaut, denen nachgegangen wird, sondern entwickelt sich anhand einer Dynamik aus zufälligen Ereignissen und Begegnungen: jemand taucht unvorhergesehen irgendwo auf, Vodou-Praktiken spielen in die Handlung hinein. Entspricht es Ihrer Einstellung, dass Sachen eher auf diese Art ablaufen als kausallogisch? Gehören Vodou und Zufall zusammen?

L.B.: Es wäre zu einfach zu sagen, es gibt sowieso keinen Zufall, aber die Handlungsabläufe des Romans sind in der Tat von Ereignissen bestimmt, die zwar Zufälle sind, die sich aber ergeben, weil die Hauptfigur sich daraufhin zubewegt und ihr Augenmerk auf bestimmte Dinge richtet. Deshalb kommt der Zufall nicht aus dem Blauen heraus, sondern hat eine gewisse Schicksalhaftigkeit.
Vodou wiederum hat viel zu tun mit Psychologie und Wissen, mit der Verbindung von Persönlichkeit, Gesellschaft und Umfeld, das ist ja keine Hexerei in dem Sinne. Im Laufe der Zeit, die ich in Afrika gelebt und ganz selbstverständlich mit Vodou zu tun hatte, wurde mein Respekt immer größer. Vodou ist nicht überall dasselbe und daher schwer auf einen Nenner zu bringen. Es handelt sich um ein pragmatisches, soziales System, eine Struktur, die das soziale Leben aufrechterhält und bestimmte Hierarchien funktionieren lässt. Auch das soziale Umfeld funktioniert, wenn z.B. ein Dieb in der Gemeinschaft mit Vodou ganz schnell gefasst wird, weil dessen Priester einfach große Psychologen sind, die sich die Leute angucken, merken was läuft und außerdem mit diesem Wissen umgehen können. Vodoupriester sind oftmals ganz beeindruckende Persönlichkeiten mit einer enorm starken Ausstrahlung. Natürlich gibt es wie überall Scharlatane...
Es ist ein interessantes Gemisch aus verschiedenen Dingen, die bei Vodou eine Rolle spielen, und es hat auch viel mit Zufall zu tun, dass sich daraus schließlich eine Linie ergibt.

 

K.S.: Im Roman herrscht ein sehr undogmatischer Umgang mit den Traditionen des Vodou: ohne sich in ihrem Glauben an bestimmte Praktiken wirklich festzulegen, machen Ada und ihre Bekannten Gebrauch davon, wenn es ihnen angebracht erscheint. Die Koexistenz der Religionen bringt eine der Figuren auf den Punkt: „Für den Markt bin ich Muslim, wie alle Händler. Abends bete ich zu Gott, sicherheitshalber. Wenn es wirklich schnell gehen muss, hilft nur der Vodou.“

L.B.: Wirklich erstaunlich und wunderbar in Benin ist diese enorme Toleranz. Es gibt alle möglichen Religionen und Sekten und durchaus Kämpfe untereinander, aber gleichzeitig ein gegenseitiges Bestehenlassen, ein fröhliches Nebeneinander in der Existenz.
Der zitierte Spruch ist übrigens authentisch, den hat mir ein junger Typ wirklich mal erzählt. Ada geht genauso undogmatisch mit dem Vodou um, wie es im Land eben üblich ist. Ich bin auch irgendwann zu einem Vodoupriester gegangen, einfach, weil ich mit ihm reden wollte, mehr über denVodou erfahren wollte. Er bestand aber darauf, dass ich ein Anliegen haben muss, sonst könne er nicht mit mir sprechen. Also bat ich ihn darum, mir das Rauchen abzugewöhnen. Es hat auch ein paar Jahre gehalten! Und er hat natürlich gesehen: das ist eine Weiße mit Geld. Er hat mir einen gepfefferten Preis gemacht, handelte also durchaus sehr realitätsverbunden... Es ist eben auch viel Schalk und Witz dabei, und natürlich Pragmatismus: gibst du mir was, geb ich dir was. Eine Flasche Gin für die Geister und Ahnen, dann klappt das schon mit dem neuen Job. Ein Handel wie im realen Leben, kleine Bestechungen der Götter hier und da.
Andererseits gibt es bestimmte Kulte, die sehr frauenfeindlich sind, Manifestationen einer Männergesellschaft, die mit Geheimbünden und Drohgebärden die Frauen immer wieder zurückdrängen, obwohl es die Frauen sind, die in erster Linie das Überleben sichern. Aber nach außen muss die Männerherrschaft funktionieren – und auch dafür wird Vodou gebraucht.

 

K.S.: Bestimmte Grenzen, z. B. zwischen Mensch und Tier, scheinen in dieser Lebensauffassung durchlässiger zu sein als im europäischen Denken...

L.B.: Es sind ganz andere Grundgedanken bezüglich des Universums und dem, was uns umgibt.
Die Grenzen zwischen den Lebewesen sind in der Tat durchlässiger und alles ist beseelt, jeder Baum und jeder Stein. Immer war ich darüber verblüfft, dass der Glaube an den Vodou wirklich durch alle Schichten geht. Ob es sich nun um einen einfachen Menschen auf dem Land handelt, der nie aus seinem Dorf herausgekommen ist, oder um einen Intellektuellen, der in Paris studiert hat: beide sind ganz klar der Meinung, dass Vodou existiert und in allem Leben steckt. Dieses Lebensgefühl ist eine Selbstverständlichkeit, darüber wird gar nicht diskutiert.

 

K.S.: Warum haben Sie für die Verarbeitung Ihrer Eindrücke in Afrika das Genre Krimi gewählt?

L.B.: Das Sujet wählt die Form, letztendlich. Und das Genre ist so vielseitig: man kann knallharte Realität mit Mitteln der Fiktion unterhaltsam und spannend darstellen, es gibt immer den roten Faden des Falls, der einen dranbleiben lässt.
Es macht auch einfach Spaß beim Schreiben, hat man schlechte Laune, kann man die richtigen Leute über die Klinge springen lassen: zack, kurzer Prozess, einfache Lösung...
Sehr gefallen hat mir auch die Auffassung Thomas Wörtches, des Herausgebers der Metroreihe im Unionsverlag, der in einem Interview betonte, es käme ihm an auf Krimi plus Kultur und Land und Gesellschaft. Genau das liegt mir auch. Dass ich dann auch an diesen Verlag kam, war natürlich wieder einmal der Zufall...

 

K.S.: Ist der Krimi also die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln?

L.B.: Ich möchte im Krimi darüber erzählen, dass Kriminelles immer passiert: im riesigen Umfang der Rohstoffkriminalität weltweit beispielsweise, speziell was die Ressourcen in Afrika und den Tropenholzhandel betrifft – in diesen Bereichen existiert sozusagen überhaupt keine Legalität. Das Verbrechen ist nicht der Sonderfall, sondern die Norm, und wir alle stecken über wirtschaftliche Interessen mit drin. Insofern schreibe ich durchaus gegen die Augenwischerei der Entwicklungshilfe und verbreitete Mediendarstellungen an, die beispielsweise behaupten, der Kontinent sei nur arm aufgrund von Stammeskriegen. Es herrscht hier trotz allen guten Willens eine tief verwurzelte Sichtweise, an der sich in den letzten 500 Jahren nicht viel geändert hat - eine Mischung aus Eigennutz, Desinteresse und latentem Rassismus.
Auf dem Lehrplan meiner Kinder nennt sich das dann „Hilfe für Afrika“ – ich kann’s nicht mehr hören. Gerechtigkeit ok, gerechte Handelsbedingungen, Schuldenerlass, das sind wichtige Themen, aber es geht nicht in erster Linie um Geld, es geht um gleichberechtigte Existenz: und die gibt es nicht.
Von daher würde ich sagen, Krimi als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln – ja, warum nicht.
Der Krimi ist auch eine Möglichkeit, sich Tod und Grausamkeit auf eine andere Art zu nähern, als beispielsweise dokumentarische Berichte. Literatur macht ja ganz andere Bereiche sichtbar. Hier gibt es auch eine Verbindung zur Fotografie: in Zaire und Ruanda habe ich noch vor dem Genozid viele Fotos gemacht von Leuten, von denen ich nicht weiß, ob sie überlebt haben. Erst nach Jahren konnte ich mir diese Bilder wieder anschauen und habe einige der Menschen direkt in meinen nächsten Roman einfließen lassen. Ich wollte ihnen ein Denkmal setzen, das Vergessen verhindern.

 

K.S.: Würden Sie sich einen stärker politischen Kriminalroman – ähnlich der Traditionen, die dieser in Frankreich oder Schweden hat - auch in Deutschland wünschen?

L.B.: Der Kriminalroman ist meiner Meinung nach immer politisch. Schließlich mischt er sich ein, egal ob psychologische, soziale, wirtschaftliche oder kulturelle Aspekte im Vordergrund stehen. Mord ist immer gesellschaftlich relevant. Insofern ist der Kriminalroman kein unpolitisches Genre, egal wo. Romane von Eric Ambler, Graham Greene und Ross Thomas beispielsweise zeigen das nur in besonderem Maße. Ich halte die Verknüpfung von Fiktionalität mit politischen und gesellschaftlichen Grundlagen im Krimi für entscheidend. Man kann letztlich damit spielen, aber es gibt auch in meinem Roman einen Kern, der hundertprozentig stimmt: die wirtschaftlichen Zusammenhänge, der Vodou, die Kultur – das war mir immer sehr wichtig. Alles andere ist Fantasie.

 

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