Lena
Blaudez’ erster Roman „Spiegelreflex – Ada
Simon in Cotonou“ folgt einer Afrikareise der gleichnamigen Hauptfigur,
die als Fotografin einen Auftrag in Benin übernommen hat. Kurz
nach ihrer Ankunft wird ihr guter Freund Patrick in einer Bar erschossen,
wenig später verschwindet seine Cousine spurlos. Wo ist der Film,
den sie kurz vor Patricks Tod aufgenommen hatte, und was ist der Grund
für seine Ermordung? Mehr oder weniger freiwillig in die Ereignisse
hineingezogen, begibt sich Ada Simon auf Spurensuche, die sie quer
durchs Land in Ministerien, auf Tropenholzfarmen und in die halb verborgenen
Kreise diverser Vodou-Sekten führt. Über die rasante Kriminalhandlung
hinaus entsteht ein intensives, vielfältiges Bild von Kultur,
Politik und Landschaft in Benin.
Lena Blaudez hat selbst viele Jahre in Afrika gelebt, war später
auch in verschiedenen Ländern in der Entwicklungshilfe tätig
und arbeitet mittlerweile als Schriftstellerin und freie Journalistin
in Berlin.
Kerstin Schoof: Ihre
Heldin Ada Simon bereist Benin beruflich als Fotografin. Welche Rolle spielte
das Medium für Sie selbst
in Ihrer Annäherung
an Afrika?
Lena
Blaudez: Obwohl ich die Fotografie nie hauptberuflich betrieben
habe, habe ich
immer sehr viel fotografiert und auch Fotos aus Afrika
ausgestellt.
Das Medium fasziniert mich – Bilder können sehr
viel aussagen, sie erfassen Stimmungen und zeigen im Nachhinein
Dinge,
die man in
der Situation selbst gar nicht wahrnehmen konnte.
Das Fotografieren ist allerdings auch eine sensible Angelegenheit,
während meiner Zeit in Zaire waren insbesondere die Menschen auf
dem Land überzeugt, man stiehlt ihre Seele, indem man sie aufnimmt.
In der Sahelzone hingegen war ich einmal allein in einem Slumgebiet
mit der Kamera unterwegs, und die Leute waren begeistert: Sie haben
sich darüber gefreut, dass jemand ihr Leben dokumentiert. Meine
Ankunft hat sich sofort herumgesprochen und ich wurde schon empfangen
mit einem: „Da kommt sie ja!“
Beim Schreiben habe ich auch viele Fotos im Kopf gehabt und
mich auf diese Weise erinnert. Sogar wenn die Filme selbst
nicht mehr
da sind
- nach dem Fotografieren einer Baumwollernte beispielsweise
wurde mir die Tasche mit sämtlichen Fotos geklaut – bleibt die
Erinnerung bestehen, weil ich mich an die Momente des Aufnehmens
erinnere und
so die Bilder vor Augen habe.
K.S.: Im
Roman vollzieht Ihre Hauptfigur eine persönliche Entwicklung
von einer anfänglichen Unverbindlichkeit gegenüber
ihrer Umwelt hin zu einem Prozess der stärkeren Anteilnahme.
Die Fotografie scheint ambivalente Funktionen zu haben:
durch das Objektiv betrachtet,
kann die Welt auf Distanz gehalten werden, das Bildermachen
ist jedoch auch eine wichtige Form der Kontaktaufnahme
zu anderen Menschen und
ein Hilfsmittel, den Fall zu lösen.
L.B.: Ja, das macht die Person Ada Simon aus, sie filtert alles durch
den
Apparat
und hält es somit von sich weg. Ohne das bewusst
so angelegt zu haben, blickt man als LeserIn letztlich
mit
ihr durch den Sucher,
manchmal nah dran wie durch ein Teleobjektiv, dann wieder
bietet sich ein Weitwinkel-Panorama. Ada ist anfangs
ganz Beobachterin, dokumentiert
das Geschehen und merkt später, dass diese Haltung
nicht mehr uneingeschränkt aufrechtzuerhalten ist – sie
muss ihre Rolle verändern, sich einlassen. Symbolisch
gesehen muss Ada Simon feststellen, dass Bilder nicht
immer stimmen. Charaktere, die sie auf eine bestimmte
Art wahrgenommen hat, kippen in ihr Gegenteil. Nichts
ist
so, wie es scheint: das Bild kann trügen, und was
hinter der Oberfläche
ist, muss sie erst noch herausfinden.
K.S.: Ihre
Heldin ist wie die meisten Ermittler im Kriminalroman allein – sie
verfügt über ein Netzwerk an Kontakten, bleibt
aber ohne feste Bindung. Ist Einsamkeit oder zumindest
emotionale Unabhängigkeit
eine Voraussetzung für detektivische Erkenntnis?
L.B.: Nein, ich glaube, das entsteht anders herum aus dem Charakter:
Die Hauptfigur ist eine
Nomadin, die sich nicht festsetzen
will, nirgendwo
wirklich dazugehört, auch nicht in ihrer eigentlichen
Heimat in Europa. Der Mann, den sie trifft, ist ein ähnlicher
Typ, der die Arbeit an erster Stelle sieht. Ada Simon
ist einfach kein Typ zum Heiraten,
für den engeren Familien- oder Freundeskreis,
nicht in dieser Phase zumindest.
K.S.: Der
Plot Ihres Romans ist nicht
streng nach Indizien
oder Verdachtspersonen aufgebaut, denen nachgegangen
wird, sondern entwickelt sich anhand
einer Dynamik aus zufälligen Ereignissen und
Begegnungen: jemand taucht unvorhergesehen irgendwo
auf, Vodou-Praktiken
spielen in die
Handlung hinein. Entspricht es Ihrer Einstellung,
dass Sachen eher auf diese Art ablaufen als kausallogisch?
Gehören
Vodou und Zufall zusammen?
L.B.: Es wäre zu einfach
zu sagen, es gibt sowieso keinen Zufall, aber die
Handlungsabläufe
des Romans sind in der Tat von Ereignissen bestimmt,
die zwar Zufälle sind, die sich aber ergeben,
weil die Hauptfigur sich daraufhin zubewegt und ihr
Augenmerk auf bestimmte
Dinge richtet. Deshalb kommt der Zufall nicht aus
dem Blauen heraus, sondern hat eine gewisse Schicksalhaftigkeit.
Vodou wiederum hat viel zu tun mit Psychologie und
Wissen, mit der Verbindung von Persönlichkeit, Gesellschaft und Umfeld, das ist
ja keine Hexerei in dem Sinne. Im Laufe der Zeit, die ich in Afrika
gelebt und ganz selbstverständlich mit Vodou zu tun hatte, wurde
mein Respekt immer größer. Vodou ist nicht überall
dasselbe und daher schwer auf einen Nenner zu bringen. Es handelt sich
um ein pragmatisches, soziales System, eine Struktur, die das soziale
Leben aufrechterhält und bestimmte Hierarchien funktionieren lässt.
Auch das soziale Umfeld funktioniert, wenn z.B. ein Dieb in der Gemeinschaft
mit Vodou ganz schnell gefasst wird, weil dessen Priester einfach große
Psychologen sind, die sich die Leute angucken, merken was läuft
und außerdem mit diesem Wissen umgehen können. Vodoupriester
sind oftmals ganz beeindruckende Persönlichkeiten mit einer enorm
starken Ausstrahlung. Natürlich gibt es wie überall
Scharlatane...
Es ist ein interessantes Gemisch aus verschiedenen
Dingen, die bei Vodou eine Rolle spielen, und es
hat auch viel
mit Zufall
zu tun,
dass sich daraus schließlich eine Linie ergibt.
K.S.: Im
Roman herrscht ein sehr undogmatischer Umgang mit den Traditionen
des
Vodou: ohne
sich in ihrem Glauben an bestimmte
Praktiken wirklich
festzulegen, machen Ada und ihre Bekannten Gebrauch
davon, wenn es ihnen angebracht erscheint. Die Koexistenz der
Religionen bringt
eine der Figuren auf den Punkt: „Für den
Markt bin ich Muslim, wie alle Händler. Abends
bete ich zu Gott, sicherheitshalber. Wenn es wirklich
schnell gehen muss, hilft nur der Vodou.“
L.B.: Wirklich erstaunlich und wunderbar in Benin ist diese
enorme Toleranz. Es gibt alle möglichen Religionen
und Sekten und durchaus Kämpfe
untereinander, aber gleichzeitig ein gegenseitiges
Bestehenlassen, ein fröhliches Nebeneinander
in der Existenz.
Der zitierte Spruch ist übrigens authentisch, den hat mir ein
junger Typ wirklich mal erzählt. Ada geht genauso undogmatisch
mit dem Vodou um, wie es im Land eben üblich ist. Ich bin auch
irgendwann zu einem Vodoupriester gegangen, einfach, weil ich mit ihm
reden wollte, mehr über denVodou erfahren wollte. Er bestand aber
darauf, dass ich ein Anliegen haben muss, sonst könne er nicht
mit mir sprechen. Also bat ich ihn darum, mir das Rauchen abzugewöhnen.
Es hat auch ein paar Jahre gehalten! Und er hat natürlich gesehen:
das ist eine Weiße mit Geld. Er hat mir einen gepfefferten Preis
gemacht, handelte also durchaus sehr realitätsverbunden... Es
ist eben auch viel Schalk und Witz dabei, und natürlich Pragmatismus:
gibst du mir was, geb ich dir was. Eine Flasche Gin für die Geister
und Ahnen, dann klappt das schon mit dem neuen Job. Ein Handel wie
im realen Leben, kleine Bestechungen der Götter hier und
da.
Andererseits gibt es bestimmte Kulte, die sehr
frauenfeindlich sind, Manifestationen einer Männergesellschaft, die mit Geheimbünden
und Drohgebärden die Frauen immer wieder zurückdrängen,
obwohl es die Frauen sind, die in erster Linie das Überleben sichern.
Aber nach außen muss die Männerherrschaft funktionieren – und
auch dafür wird Vodou gebraucht.
K.S.: Bestimmte
Grenzen, z. B. zwischen Mensch und Tier, scheinen in dieser Lebensauffassung
durchlässiger zu sein als im europäischen
Denken...
L.B.: Es sind ganz andere Grundgedanken bezüglich des
Universums und dem, was uns umgibt.
Die Grenzen zwischen den Lebewesen sind in
der Tat durchlässiger
und alles ist beseelt, jeder Baum und jeder Stein. Immer war ich darüber
verblüfft, dass der Glaube an den Vodou wirklich durch alle Schichten
geht. Ob es sich nun um einen einfachen Menschen auf dem Land handelt,
der nie aus seinem Dorf herausgekommen ist, oder um einen Intellektuellen,
der in Paris studiert hat: beide sind ganz klar der Meinung, dass Vodou
existiert und in allem Leben steckt. Dieses Lebensgefühl ist eine
Selbstverständlichkeit, darüber wird gar nicht diskutiert.
K.S.: Warum
haben Sie für die Verarbeitung Ihrer
Eindrücke in
Afrika das Genre Krimi gewählt?
L.B.: Das
Sujet wählt die Form, letztendlich.
Und das Genre ist so vielseitig: man
kann knallharte Realität mit Mitteln
der Fiktion unterhaltsam und spannend
darstellen,
es gibt immer den roten Faden
des Falls, der einen dranbleiben lässt.
Es macht auch einfach Spaß beim Schreiben, hat man schlechte
Laune, kann man die richtigen Leute über die Klinge springen lassen:
zack, kurzer Prozess, einfache Lösung...
Sehr gefallen hat mir auch die Auffassung
Thomas Wörtches, des
Herausgebers der Metroreihe im Unionsverlag, der in einem Interview
betonte, es käme ihm an auf Krimi plus Kultur und Land und Gesellschaft.
Genau das liegt mir auch. Dass ich dann auch an diesen Verlag kam,
war natürlich wieder einmal der Zufall...
L.B.: Ich möchte im Krimi darüber erzählen, dass Kriminelles
immer passiert: im riesigen Umfang
der Rohstoffkriminalität weltweit
beispielsweise, speziell was die
Ressourcen in Afrika und den Tropenholzhandel betrifft – in
diesen Bereichen existiert sozusagen überhaupt
keine Legalität. Das Verbrechen
ist nicht der Sonderfall, sondern
die Norm, und wir alle stecken über
wirtschaftliche Interessen mit drin.
Insofern schreibe ich durchaus gegen
die Augenwischerei der
Entwicklungshilfe und verbreitete
Mediendarstellungen an, die beispielsweise
behaupten, der Kontinent sei nur
arm aufgrund von Stammeskriegen.
Es herrscht hier trotz allen guten
Willens eine tief verwurzelte Sichtweise,
an der sich in den letzten 500 Jahren
nicht viel geändert
hat - eine Mischung aus Eigennutz,
Desinteresse und latentem Rassismus.
Auf dem Lehrplan meiner Kinder nennt
sich das dann „Hilfe für
Afrika“ – ich kann’s nicht mehr hören.
Gerechtigkeit ok, gerechte Handelsbedingungen, Schuldenerlass,
das sind wichtige
Themen, aber es geht nicht in erster Linie um Geld, es geht um
gleichberechtigte Existenz: und die gibt es nicht.
Von daher würde ich sagen, Krimi als die Fortsetzung der Politik
mit anderen Mitteln – ja, warum nicht.
Der Krimi ist auch eine Möglichkeit, sich Tod und Grausamkeit
auf eine andere Art zu nähern, als beispielsweise dokumentarische
Berichte. Literatur macht ja ganz andere Bereiche sichtbar. Hier gibt
es auch eine Verbindung zur Fotografie: in Zaire und Ruanda habe ich
noch vor dem Genozid viele Fotos gemacht von Leuten, von denen ich
nicht weiß, ob sie überlebt haben. Erst nach Jahren konnte
ich mir diese Bilder wieder anschauen und habe einige der Menschen
direkt in meinen nächsten Roman einfließen lassen. Ich
wollte ihnen ein Denkmal setzen, das Vergessen verhindern.
K.S.: Würden
Sie sich einen stärker politischen Kriminalroman – ähnlich
der Traditionen, die dieser in
Frankreich oder Schweden hat - auch in Deutschland wünschen?
L.B.: Der Kriminalroman ist meiner Meinung nach immer politisch. Schließlich
mischt er sich ein, egal ob psychologische,
soziale, wirtschaftliche oder kulturelle Aspekte im Vordergrund
stehen. Mord ist immer gesellschaftlich
relevant. Insofern ist der Kriminalroman
kein unpolitisches Genre, egal wo. Romane von Eric Ambler, Graham
Greene und Ross Thomas beispielsweise
zeigen das nur in besonderem Maße.
Ich halte die Verknüpfung
von Fiktionalität mit politischen
und gesellschaftlichen Grundlagen
im Krimi für entscheidend.
Man kann letztlich damit spielen,
aber es gibt auch in meinem Roman
einen Kern, der hundertprozentig
stimmt:
die wirtschaftlichen Zusammenhänge,
der Vodou, die Kultur – das
war mir immer sehr wichtig. Alles
andere ist Fantasie.