Lorenzo Silva, einer der produktivsten Schriftsteller
des hispanischen, literarischen Panoramas (seit seiner vortrefflichen
Oper aus dem
Jahr 1995 hat er mehr als 20 breitgefächerte Romane veröffentlicht)
ist der Schöpfer des einzigartigen Ermittlerteams Bevilacqua
und Chamorro der Guardia Civil (seit 1844 Sicherheitskräfte
des spanischen Staates), dem polizeilichen und militärischen
Sicherheitsorgan. Die zwei Vertreter spielen die Hauptrolle in den
drei Romanen El lejano país de los estanques (Das ferne Land
der Teiche), El alquimista impaciente (Der ungeduldige Alchemist),
von dem ein Film mit dem gleichen Namen gedreht wurde und La niebla
y la doncella (Der Nebel und die Zofe) und eine Reihe von Erzählungen,
unter dem Namen Nadie vale más otro (Niemand zählt mehr
als andere). Vier Fälle von Bevilacqua veröffentlichte
er im vergangenen Jahr. Mit dieser letzten Arbeit sind noch die Bücherregale
der Neuerscheinungen in den Buchhandlungen gefüllt. Lorenzo
Silva zeigt sich von seiner besten Seite mit der Veröffentlichung
von Líneas de Sombra (Linien des Schattens), eine Sammlung
von Reportagen über einige der grausamsten Fälle der jüngsten,
dunklen (schwarzen), spanischen Chronik – sie wurden schon
in verschiedenen Massenmedien gedruckt. Dazu kommen noch einige essayistische
Artikel, in denen der Autor über seine eigene literarische Produktion
nachdenkt und über das schwarze Genre, zu dem seine Veröffentlichungen
zum großen Teil gehören.
Sein passender Untertitel: Historias de criminales
y policías
(Kriminal- und Polizeigeschichten) ist ein Kompendium von Kriminal-
und Polizeigeschichten, von Personen letzten Endes, die sich an der
Grenze, am Rande des Gesetzes und der Legalität bewegen. Belegend,
dass die Realität fast immer die Fiktion überschreitet,
spielen im ersten Teil des Buches reale Personen die Hauptrolle,
hauptsächlich Akteure der tragischsten und heikelsten kriminellen
Angelegenheiten, die sich im Spanien der vergangenen Jahre abspielten.
Die Morde von Roció Wanninkhof und von Sonia Carabantes, die
Entführung von María Ángels Feliu, der turbulente
Gefängniszwischenfall von El Vaquilla oder der Fall des Kartenspielerpsychopathen
werden kritisch und mit gewandter Feder von Silva in einer literarischen Übung
analysiert, deren Intensität an die Romanreportagen von Truman
Capote erinnert. Ohne Sensationsgier vermeidet Silva die Anhäufung
von Daten und Erklärungen, was ein verbreitetes Laster des aktuellen
Journalismus ist. Der Autor schafft mit seinen Analysen eine präzise
und bedrohliche Chronik des dunklen (schwarzen) Spaniens zu konstruieren,
in der die peinliche Genauigkeit der Arbeitsroutine der Sicherheitskräfte
dokumentiert wird. Hinter der detaillierten Schilderung dieser Arbeitsgewohnheiten
versteckt sich eine eindringliche dokumentarische Arbeit und Untersuchung,
die gleiche, die die Wahrhaftigkeit und den Atem der Realität
in seinen Romanen stützt. Silva entfernt sich von der alten,
vorgefassten Meinung gegenüber der Polizei, die sich in extremen
Fällen in Schönfärberei verliert und porträtiert
die Realität dieser ernannten Vertreter, die gegen das Verbrechen
kämpfen. Die Funktionäre des Rechts, die durch die Seiten
von Línea de Sombra spazieren, sind, ähnlich wie die
Straftäter, die sie fassen müssen und die Opfer deren Erinnerung
sie in Ehre halten sollen wahrhaftige Personen. Die Fähigkeit
des Autors, das krankhafte Interesse an Leid und Gewalt abzuwenden
und die populistische Demagogie, die häufig die Information überwiegt,
die die unbequeme Realität aller Akteure der Welt der Kriminalität
zeigen, macht die Lektüre solcher Reportagen notwendig, gerade
jetzt, wo jedwede Trivialität als Investigationssjournalismus
betrachtet wird.
Die Bedeutung der Sicherheitskörper, besonders der Benemérita
(Verdienstvollen), ist auch im zweiten Teil der Arbeit gegenwärtig,
wo der Autor einige der Formen analysiert, die in der Fiktion bestimmte
Aspekte der Kriminalwelt wiederspiegeln. Silva hält sich an
einige der klassischen Figuren des Genres, sowohl der Literatur (Raymond
Chandler oder Georges Simenon) als auch des Films (Fritz Lang) und
ihrer determinierenden Elemente im 20. Jahrhundert. Für seine
Stammleser werden die Texte besonders interessant sein, in denen
Silva über seine Polizeiarbeit reflektiert. Dabei enthüllt
er die Herkunft seines gewöhnlichen Forschungspaares, die Guarda-Civil-Polizisten
Bevilacqua und Chamorro und zeigt wie man forscht, um seine Geschichten
schreiben zu können. Bei der Meditation über seine eigene
Prosa erklärt und offenbart der Autor, warum er sich für
ein Guarda-Civil-Paar als Hauptpersonen entschieden hat, eine der
Tendenzen der aktuellen schwarzen europäischen Prosa, die nach
und nach die Figur des Privatdetektivs an die Seite geschoben hat,
um die Ermittler der staatlichen Sicherheitsorgane in den Mittelpunkt
zu stellen, wie auch die Fälle von Kurt Wallander, Petra Delicado,
Salvo Montalbano oder Costas Jaritos zeigen.