krimis in Europa
n°2 July-August-September 2005

 

 

>> Rezensionen

Líneas de sombra.
Linien des Schattens.
Historias de criminales y policías
Kriminal- und Polizeigeschichten
Lorenzo Silva

Destino 2005

Javier Sánchez Zapatero
Übersetzung: Susanne Lenze

 

Lorenzo Silva, einer der produktivsten Schriftsteller des hispanischen, literarischen Panoramas (seit seiner vortrefflichen Oper aus dem Jahr 1995 hat er mehr als 20 breitgefächerte Romane veröffentlicht) ist der Schöpfer des einzigartigen Ermittlerteams Bevilacqua und Chamorro der Guardia Civil (seit 1844 Sicherheitskräfte des spanischen Staates), dem polizeilichen und militärischen Sicherheitsorgan. Die zwei Vertreter spielen die Hauptrolle in den drei Romanen El lejano país de los estanques (Das ferne Land der Teiche), El alquimista impaciente (Der ungeduldige Alchemist), von dem ein Film mit dem gleichen Namen gedreht wurde und La niebla y la doncella (Der Nebel und die Zofe) und eine Reihe von Erzählungen, unter dem Namen Nadie vale más otro (Niemand zählt mehr als andere). Vier Fälle von Bevilacqua veröffentlichte er im vergangenen Jahr. Mit dieser letzten Arbeit sind noch die Bücherregale der Neuerscheinungen in den Buchhandlungen gefüllt. Lorenzo Silva zeigt sich von seiner besten Seite mit der Veröffentlichung von Líneas de Sombra (Linien des Schattens), eine Sammlung von Reportagen über einige der grausamsten Fälle der jüngsten, dunklen (schwarzen), spanischen Chronik – sie wurden schon in verschiedenen Massenmedien gedruckt. Dazu kommen noch einige essayistische Artikel, in denen der Autor über seine eigene literarische Produktion nachdenkt und über das schwarze Genre, zu dem seine Veröffentlichungen zum großen Teil gehören.

Sein passender Untertitel: Historias de criminales y policías (Kriminal- und Polizeigeschichten) ist ein Kompendium von Kriminal- und Polizeigeschichten, von Personen letzten Endes, die sich an der Grenze, am Rande des Gesetzes und der Legalität bewegen. Belegend, dass die Realität fast immer die Fiktion überschreitet, spielen im ersten Teil des Buches reale Personen die Hauptrolle, hauptsächlich Akteure der tragischsten und heikelsten kriminellen Angelegenheiten, die sich im Spanien der vergangenen Jahre abspielten. Die Morde von Roció Wanninkhof und von Sonia Carabantes, die Entführung von María Ángels Feliu, der turbulente Gefängniszwischenfall von El Vaquilla oder der Fall des Kartenspielerpsychopathen werden kritisch und mit gewandter Feder von Silva in einer literarischen Übung analysiert, deren Intensität an die Romanreportagen von Truman Capote erinnert. Ohne Sensationsgier vermeidet Silva die Anhäufung von Daten und Erklärungen, was ein verbreitetes Laster des aktuellen Journalismus ist. Der Autor schafft mit seinen Analysen eine präzise und bedrohliche Chronik des dunklen (schwarzen) Spaniens zu konstruieren, in der die peinliche Genauigkeit der Arbeitsroutine der Sicherheitskräfte dokumentiert wird. Hinter der detaillierten Schilderung dieser Arbeitsgewohnheiten versteckt sich eine eindringliche dokumentarische Arbeit und Untersuchung, die gleiche, die die Wahrhaftigkeit und den Atem der Realität in seinen Romanen stützt. Silva entfernt sich von der alten, vorgefassten Meinung gegenüber der Polizei, die sich in extremen Fällen in Schönfärberei verliert und porträtiert die Realität dieser ernannten Vertreter, die gegen das Verbrechen kämpfen. Die Funktionäre des Rechts, die durch die Seiten von Línea de Sombra spazieren, sind, ähnlich wie die Straftäter, die sie fassen müssen und die Opfer deren Erinnerung sie in Ehre halten sollen wahrhaftige Personen. Die Fähigkeit des Autors, das krankhafte Interesse an Leid und Gewalt abzuwenden und die populistische Demagogie, die häufig die Information überwiegt, die die unbequeme Realität aller Akteure der Welt der Kriminalität zeigen, macht die Lektüre solcher Reportagen notwendig, gerade jetzt, wo jedwede Trivialität als Investigationssjournalismus betrachtet wird.

Die Bedeutung der Sicherheitskörper, besonders der Benemérita (Verdienstvollen), ist auch im zweiten Teil der Arbeit gegenwärtig, wo der Autor einige der Formen analysiert, die in der Fiktion bestimmte Aspekte der Kriminalwelt wiederspiegeln. Silva hält sich an einige der klassischen Figuren des Genres, sowohl der Literatur (Raymond Chandler oder Georges Simenon) als auch des Films (Fritz Lang) und ihrer determinierenden Elemente im 20. Jahrhundert. Für seine Stammleser werden die Texte besonders interessant sein, in denen Silva über seine Polizeiarbeit reflektiert. Dabei enthüllt er die Herkunft seines gewöhnlichen Forschungspaares, die Guarda-Civil-Polizisten Bevilacqua und Chamorro und zeigt wie man forscht, um seine Geschichten schreiben zu können. Bei der Meditation über seine eigene Prosa erklärt und offenbart der Autor, warum er sich für ein Guarda-Civil-Paar als Hauptpersonen entschieden hat, eine der Tendenzen der aktuellen schwarzen europäischen Prosa, die nach und nach die Figur des Privatdetektivs an die Seite geschoben hat, um die Ermittler der staatlichen Sicherheitsorgane in den Mittelpunkt zu stellen, wie auch die Fälle von Kurt Wallander, Petra Delicado, Salvo Montalbano oder Costas Jaritos zeigen.

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