>> Rezensionen
Europa
mordet -
Und
alle machen mit
Ullstein
Taschenbuchvlg • 2005
Katrin
Schielke
Eher
zufällig bin ich bei meinen Krimirecherchen im Internet auf
die Information gestoßen, dass das Goethe-Institut in Berlin
ein Buch mit dem Titel Europa mordet herausgegeben
und damit verknüpft
eine Reihe von Lesungen mit den am Buch beteiligten Autoren im Literaturcafe „Eggers
Landwehr“ in Berlin organisiert habe.
Entweder
bin ich im verträumten Genshagen nur ein bisschen abgeschieden
von der Berliner Literaturwelt oder ich habe einfach nicht richtig
aufgepasst; jedenfalls habe ich den Eindruck, dass die Werbung für
dieses Projekt eher zurückhaltend war.
Die Lesungen habe ich deshalb komplett verpasst, das Buch aber gelesen,
das dieses Jahr im Ullstein-Verlag erschienen ist.
Europa
mordet also, ein internationales Krimiprojekt, 14 spannende
Stories (laut Buchcover).
Im
Vorwort heißt es, es gehe darum, die „Schattenseiten
Europas im Licht seiner Kriminalliteratur“ darzustellen (1
Punkt für die Formulierung). Das Buch ist ein Projekt der
Gemeinschaft Europäischer Kulturinstitute in Berlin. Ein Auszug
aus dem Roman des 2003 verstorbenen spanischen Krimiautoren Montalban Undercover
in Madrid – der mysteriöse Mordfall am Abend
der Verleihung eines Literaturpreises-, sei „Initialzündung
eines literarischen Gipfeltreffens der europäischen Krimiszene“ gewesen,
das „dem
spanischen Kollegen ein literarisches Denkmal gesetzt“ habe. Ob Montalban das
gewollt hätte…?
Kurzkrimis
sind eigentlich nicht mein Ding, und 14 Variationen des gleichen
Verbrechens zu lesen, bei der sich nur
jedes Mal das Lokalkolorit ändert,
das klang für mich anfangs überhaupt nicht verlockend.
Aber
das Buch hat mich positiv überrascht. Da es bei der Lektüre
dieses Buches für den Leser nicht darum geht, ob es zum Mord kommt
oder nicht, konzentriert sich seine gespannte Erwartung immer mehr
darauf , was wohl der nächste Autor aus der Story gemacht haben
wird. Manche Autoren haben sich vom „Ursprung“ sehr
weit entfernt, sich viel Freiheit genommen, und gerade das macht
das Buch
wenn nicht immer spannend, so doch lesenswert. Die
besten Geschichten verbinden einen literarischen Ton und ein Länderkolorit,
das nicht klischeehaft wirkt.
Wie jede Anthologie hat auch diese ihre starken und schwachen Texte.
Manche habe ich vergessen, sobald das Buch zugeklappt war.
Hier alle detailliert vorzustellen, wäre ein sinnloses Unternehmen.
Bei
der deutschen Anne Chaplet wird dem
Verleger-Opfer, dem sexuelle Nötigung und
Erpressung vorwerfen wird, beim Sterben lustvoll von einer gedemütigten
Frau zugesehen.
Die
tschechische Story von Buhuslav
Vanek-Úvalský mit
dem schönen Titel „Eine Frau schält man nicht
wie eine Banane“ hat mich an die frechen, oft wundersamen
und vor Fantasie sprühenden Kinderfilme erinnert, die wir
früher
fasziniert im Fernsehen sahen. Es gibt einen Ermittler und eine
Geschichte, aber
ansonsten geht alles drunter und drüber.
Die
italienische Variante von Raul Montanari ist
eine der beeindruckendsten Geschichten. Eine Erzählung mit
Off-Ton (Dialog), in dem die Geschichte rückblickend kommentiert
wird, packende Schilderungen von Alpträumen
und ein geschicktes Ende.
Die
Geschichte des Engländers Hugo Hamilton besticht
dadurch, dass sie nur noch an einem Zipfel (ein Ermittler im
Schriftstellermilieu) mit Montalbans Geschichte zusammenhängt. Es geht um Misstrauen,
das Versagen der Fantasie und die Frau eines Schriftstellers.
So richtig schlüssig ist das nicht, aber zumindest gewagt.
Der Franzose Jean-Bernard Pouy zeigt
sich wie sonst auch ironisch und schnoddrig. Der Ermittler
ist kein Polizist, sondern Literaturkritiker,
der das Ergebnis seiner Ermittlungen am Ende dann auch
nicht der Polizei
mitteilen wird (wo kämen wir denn da hin?). Und das Opfer
ist keineswegs unschuldig, denn seine Funktion war die eines Wortkillers
im Verlag Larousse. Was ein Wortkiller ist? Lesen sie nach…
Der finnische Text von Outi
Pakkanen, einer meiner Favoriten.
Eine Nacht, eine „Kunstnacht“ zwischen 16.45 und 00.05,
Regen, ein Holzhaus, Tangomusik. Ein Mann sitzt alleine vor seinem
Schreibtisch,
einst ein inspirierter und bejubelter Dichter, jetzt ein schon
lange gesunkener Stern.
Die zerknüllten Seiten häufen sich im Papierkorb, der
Wein geht aus, das Handy klingelt…
-
die
kroatische Variante, klassische Ermittlung kurz nach dem Mord (Pavao
Pavlicic);
-
in
der Geschichte des Polen Leszek Herman geht
es um das Buch Nacht des Nagetiers, eine allegorische Erzählung
auf das Hitler-Regime, es gibt außerdem eine Romeo-und-Julia-Konstellation,
und am Ende wird das alles ziemlich schnell abgewickelt;
-
eine litauische Geschichte auf einem Schiff (Tomas
Staniulis);
-
eine englische Science-Fiction-Story, in der das Gehirn des Opfers
von einem wirren und verliebten Forscher in eine Art Blumentopf
gepflanzt wird, um die Unsterblichkeit zu gewährleisten (Christopher
New);
-
eine Schweizer Erzählung, in der Montalban selbst auftaucht,
tot und dann wieder lebendig (Ulrich
Knellwolf);
-
die niederländische Geschichte über einen Kosovoflüchtling,
der Auftragskiller geworden ist (Jonathan
Sonnst);
-
einen deutschen Text über zwei Kommissare jenseits jeglicher
Illusion (Daniel Kehlmann);
-
das Original von Montalban- mit Privatdetektiv und
Gourmet Pepe Carvalho;
-
ein das Buch abschließender, aber etwas unerwarteter Text von
Eduardo Mendoza über Montalban und die „novela negra“, „Paradoxe,
Erfindungen und Mystifikationen bei Manuel
Vázquez Montalbán“.
Mord und Totschlag. Und jedes Land hat eigene Stimmen und Geschichten
und seine Autoren.
Europa mordet nicht nur, es lebt auch.