krimis in Europa
n°2 July-August-September 2005

 

 

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Europa mordet - Und alle machen mit

Ullstein Taschenbuchvlg • 2005

Katrin Schielke

 


Eher zufällig bin ich bei meinen Krimirecherchen im Internet auf die Information gestoßen, dass das Goethe-Institut in Berlin ein Buch mit dem Titel Europa mordet herausgegeben und damit verknüpft eine Reihe von Lesungen mit den am Buch beteiligten Autoren im Literaturcafe „Eggers Landwehr“ in Berlin organisiert habe.

Entweder bin ich im verträumten Genshagen nur ein bisschen abgeschieden von der Berliner Literaturwelt oder ich habe einfach nicht richtig aufgepasst; jedenfalls habe ich den Eindruck, dass die Werbung für dieses Projekt eher zurückhaltend war.

Die Lesungen habe ich deshalb komplett verpasst, das Buch aber gelesen, das dieses Jahr im Ullstein-Verlag erschienen ist.

Europa mordet also, ein internationales Krimiprojekt, 14 spannende Stories (laut Buchcover).

Im Vorwort heißt es, es gehe darum, die „Schattenseiten Europas im Licht seiner Kriminalliteratur“ darzustellen (1 Punkt für die Formulierung). Das Buch ist ein Projekt der Gemeinschaft Europäischer Kulturinstitute in Berlin. Ein Auszug aus dem Roman des 2003 verstorbenen spanischen Krimiautoren Montalban Undercover in Madrid – der mysteriöse Mordfall am Abend der Verleihung eines Literaturpreises-, sei „Initialzündung eines literarischen Gipfeltreffens der europäischen Krimiszene“ gewesen, das „dem spanischen Kollegen ein literarisches Denkmal gesetzt“ habe. Ob Montalban das gewollt hätte…?

Kurzkrimis sind eigentlich nicht mein Ding, und 14 Variationen des gleichen Verbrechens zu lesen, bei der sich nur jedes Mal das Lokalkolorit ändert, das klang für mich anfangs überhaupt nicht verlockend.

Aber das Buch hat mich positiv überrascht. Da es bei der Lektüre dieses Buches für den Leser nicht darum geht, ob es zum Mord kommt oder nicht, konzentriert sich seine gespannte Erwartung immer mehr darauf , was wohl der nächste Autor aus der Story gemacht haben wird. Manche Autoren haben sich vom „Ursprung“ sehr weit entfernt, sich viel Freiheit genommen, und gerade das macht das Buch wenn nicht immer spannend, so doch lesenswert. Die besten Geschichten verbinden einen literarischen Ton und ein Länderkolorit, das nicht klischeehaft wirkt.

Wie jede Anthologie hat auch diese ihre starken und schwachen Texte. Manche habe ich vergessen, sobald das Buch zugeklappt war.
Hier alle detailliert vorzustellen, wäre ein sinnloses Unternehmen.

Woran ich mich erinnere?

Bei der deutschen Anne Chaplet wird dem Verleger-Opfer, dem sexuelle Nötigung und Erpressung vorwerfen wird, beim Sterben lustvoll von einer gedemütigten Frau zugesehen.

Die tschechische Story von Buhuslav Vanek-Úvalský mit dem schönen Titel „Eine Frau schält man nicht wie eine Banane“ hat mich an die frechen, oft wundersamen und vor Fantasie sprühenden Kinderfilme erinnert, die wir früher fasziniert im Fernsehen sahen. Es gibt einen Ermittler und eine Geschichte, aber ansonsten geht alles drunter und drüber.

Die italienische Variante von Raul Montanari ist eine der beeindruckendsten Geschichten. Eine Erzählung mit Off-Ton (Dialog), in dem die Geschichte rückblickend kommentiert wird, packende Schilderungen von Alpträumen und ein geschicktes Ende.

Die Geschichte des Engländers Hugo Hamilton besticht dadurch, dass sie nur noch an einem Zipfel (ein Ermittler im Schriftstellermilieu) mit Montalbans Geschichte zusammenhängt. Es geht um Misstrauen, das Versagen der Fantasie und die Frau eines Schriftstellers. So richtig schlüssig ist das nicht, aber zumindest gewagt.

Der Franzose Jean-Bernard Pouy zeigt sich wie sonst auch ironisch und schnoddrig. Der Ermittler ist kein Polizist, sondern Literaturkritiker, der das Ergebnis seiner Ermittlungen am Ende dann auch nicht der Polizei mitteilen wird (wo kämen wir denn da hin?). Und das Opfer ist keineswegs unschuldig, denn seine Funktion war die eines Wortkillers im Verlag Larousse. Was ein Wortkiller ist? Lesen sie nach…

Der finnische Text von Outi Pakkanen, einer meiner Favoriten. Eine Nacht, eine „Kunstnacht“ zwischen 16.45 und 00.05, Regen, ein Holzhaus, Tangomusik. Ein Mann sitzt alleine vor seinem Schreibtisch, einst ein inspirierter und bejubelter Dichter, jetzt ein schon lange gesunkener Stern.

Die zerknüllten Seiten häufen sich im Papierkorb, der Wein geht aus, das Handy klingelt…

Was war noch?

  • die kroatische Variante, klassische Ermittlung kurz nach dem Mord (Pavao Pavlicic);
  • in der Geschichte des Polen Leszek Herman geht es um das Buch Nacht des Nagetiers, eine allegorische Erzählung auf das Hitler-Regime, es gibt außerdem eine Romeo-und-Julia-Konstellation, und am Ende wird das alles ziemlich schnell abgewickelt;
  • eine litauische Geschichte auf einem Schiff (Tomas Staniulis);
  • eine englische Science-Fiction-Story, in der das Gehirn des Opfers von einem wirren und verliebten Forscher in eine Art Blumentopf gepflanzt wird, um die Unsterblichkeit zu gewährleisten (Christopher New);
  • eine Schweizer Erzählung, in der Montalban selbst auftaucht, tot und dann wieder lebendig (Ulrich Knellwolf);
  • die niederländische Geschichte über einen Kosovoflüchtling, der Auftragskiller geworden ist (Jonathan Sonnst);
  • einen deutschen Text über zwei Kommissare jenseits jeglicher Illusion (Daniel Kehlmann);
  • das Original von Montalban- mit Privatdetektiv und Gourmet Pepe Carvalho;
  • ein das Buch abschließender, aber etwas unerwarteter Text von Eduardo Mendoza über Montalban und die „novela negra“, „Paradoxe, Erfindungen und Mystifikationen bei Manuel Vázquez Montalbán“.

Mord und Totschlag. Und jedes Land hat eigene Stimmen und Geschichten und seine Autoren.

Europa mordet nicht nur, es lebt auch.

 

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