krimis in Europa
n°2 July-August-September 2005

 

 

Ein Krimi namens Ruanda

Marc Lits - mehr info -

Katholische Universität Louvain
Abteilung Kommunikationswissenschaften

Übersetzung: Matthias Drebber

 

In der immer weiter ausufernden Literatur über Ruanda musste der Krimi als Gattung einfach vertreten sein – und dies aus zwei Gründen: Verbrechen und Blut sind natürlich zunächst unentbehrliche Zutaten von Krimis. Es überrascht daher nicht, dass der größte Völkermord des 20. Jahrhunderts die Aufmerksamkeit von Autoren auf der Suche nach Kulissen für Krimi-Plots auf sich zieht. Der zweite Grund: Der zeitgenössische Krimi – egal ob als reiner Auflösungsfall oder als eher sozial ausgerichteter Stoff – spielt nicht mehr in unbestimmten Orten und zu unbestimmten Zeiten, wie noch bei Agatha Christie. Er sucht vielmehr die Nähe zu den härtesten Phänomenen der heutigen Wirklichkeit. Der ruandische Genozid musste also die Aufmerksamkeit von Krimi-Autoren auf sich ziehen, bietet er doch außer den blutigen Kulissen Einsicht in die Perversionen und mörderischen Abwege einer Gesellschaft in Krisenzeiten.

 

Zu den Ursprüngen – der Weiße ermittelt

Zwei große Romane über die belgische Kolonialzeit haben einen zum Teil kriminalistischen Hintergrund – obgleich sie nicht gänzlich dem Krimi-Genre zugerechnet werden können. Denn es ist nicht die Suche nach dem Täter, die die Handlung wesentlich vorantreibt. Die Suche nach dem Täter ist vielmehr ein Leitfaden, ein Vorwand – in dem einen Fall für die Untersuchung der ruandischen Lebenswirklichkeit, im anderen für die Beschreibung eines Landes im Umbruch. So gesehen ist L’homme qui demanda du feu von Ivan Reisdorff1 ein sinnbildlicher Buchtitel, verweist er doch zum einen auf die ruandische Kultur – zugleich ausmalend und dokumentierend – und greift zum anderen ein typisches Vorgehen des Kriminalromans auf: Die Benennung eines Protagonisten, in diesem Falle des Verbrechensopfers, schon im Titel. Der Roman hält sich an das klassische Muster des kriminalistischen Rätselfalls, der von einem Justiz- oder Polizeiangehörigen aufgeklärt wird. Der Plot ist gegen den Strich konstruiert, denn die Aufdeckung des Verbrechens eröffnet die Erzählung und setzt unverzüglich das Opfer und den Ermittler in Szene, der, unterstützt durch Indizien des Gerichtsmediziners, einen ersten Verdacht äußert. Der Erzähler beteuert: « Der Mord an Minani war als solcher eine belanglose Angelegenheit, ein mieses Verbrechen, dessen Opfer ein Tutsi war, der keinVieh besaß, und der Täter war irgendein Kiga, ein Halunke aus den Wäldern. »

Doch die Ermittlung dient nur als Vorwand, um das Bild eines Ruanda im Umbruch zu vermitteln. Der Autor und der Erzähler (ob sie identisch sind oder nicht, sei dahingestellt) machen uns also kaum etwas vor. Sicher, es gibt ein Verbrechen, dem eine Ermittlung folgt, die ihrerseits über zahlreiche Nachforschungen und Verhöre zur Verhaftung und zur Verurteilung eines Verdächtigen führt. Doch diese Krimi-Handlung macht nur einen kleinen Teil des Buches aus und ermöglicht es dem Erzähler, über seine Aufgabe und über die Zukunft einer immer umstritteneren Kolonisierung nachzudenken.

Genauso verhält es sich mit Omar Marchals Roman Afrique, Afrique2, der ebenfalls einen Territorialverwalter in Szene setzt. Dieser ermittelt in Sachen eines jungen, tödlich verunglückten Mestizen und gelangt dadurch zum Bild eines kolonialisierten Ruanda, dessen belgische Bewohner die Zivilisation einführen – in ein Land, dessen Ureinwohner sie zu mögen beginnen. Diese Zuneigung fällt dem Erzähler umso leichter, als er immer wieder die ruandischen Hügel mit den Ardennen-Tälern seiner Kindheit vergleicht und sogar gleichsetzt – mit dem « einfachen » Unterschied freilich, dass Ruanda der westlichen Zivilisation noch ein gutes Stück hinterherhinke. Wieder ist der Krimi-Plot auf das Einfachste reduziert; er beginnt erst nach 160 Seiten und löst sich äußerst behände auf. Doch die schnelle Aufklärung täuscht nicht darüber hinweg, dass es um Rivalitäten zwischen Clans geht, die seit vier Generationen schwelen und eng zu tun haben mit magischen Bräuchen, mit politischen Machtkämpfen und Abrechnungen. So ermöglichen es die Ermittlung und die Verhöre in der Gerichtsverhandlung - auf nur ein paar Dutzend von mehr als 500 Seiten -, die Geschichte und die Genealogie der verschiedenen Clans und ihrer Rivalitäten nachzuzeichnen.

Entscheidend ist die Übereinstimmung der Erzählhaltungen der beiden Autoren – ungeachtet ihrer jeweiligen ideologischen Positionierung. Beide haben sich für die sehr klassische Form des Kriminalromans entschieden – mit einer geradlinigen Ermittlung durch einen offiziellen, mit der Macht der Justiz und der Polizei ausgestatteten Repräsentanten. Ermöglicht wird dies durch den Aufgabenbereich jener territorialen Bevollmächtigten, denen die Verwaltung und das Recht im Hoheitsgebiet überantwortet war. Und es zeigt sich auch, dass die Justiz weiß ist, wenn das Opfer (in beiden Romanen) ein junger Schwarzer ist. Weiß und den Prinzipien der Kolonialmacht verhaftet – auch wenn beide Ermittler durchaus Gefühl und Respekt für die Werte der lokalen Traditionen und Sitten aufbringen.

Diese Art Krimi-Handlung ist auch die am wenigsten einschränkende, wenn von den Zwängen die Rede ist, die das Genre aufbürdet. Die Auflösung des Falles ist nicht das Hauptanliegen des Ermittlers, auch nicht des Lesers, sie gibt der Erzählung lediglich einen Leitfaden vor. Die Erzählung kann sich jederzeit von diesem Leitfaden entfernen, um autobiographischere oder politischere Gesichtspunkte zu entwickeln, die ohnehin auf jeder Seite zum Tragen kommen. Bei Reisdorff wie bei Marchal geht die Ermittlung gut aus, weil beide Afrika lieben, in Afrika eingebunden sind und sich den eingeborenen Stämmen nahe fühlen. Was nun wiederum dem Klischee der Krimi-Ermittlung entspricht. Der gute Detektiv ist, wie etwa der Kommissar Maigret, in der Lage, sich in das Leben der Verdächtigen hineinzuversetzen; er kommt durch Einfühlungsvermögen voran. Und die Wahrheit, die er herausfindet, ist genauso in ihm selbst vorhanden wie in der Außenwelt. Die Ermittlung erscheint als Aufdeckung der Abgründe der Seele, und, in diesem speziellen Fall, als Aufdeckung der Symbiose von kolonialem Geist und afrikanischer, vorbehaltlos akzeptierter, ja geliebter Tradition. Das folgende Beispiel zeigt, dass solche Vorbehaltlosigkeit keineswegs selbstverständlich ist..

 

SAS: ein wohlinformierter Rassist

Der Detektiv- und Aufdeckungsroman ist eine Gattung ruhiger Zeiten und Umstände. Zwar hat ein Mord stattgefunden, doch dieser hat kaum eine traumatisierende Wirkung auf die Zeugen. Mit dem Genozid von 1994 wird dieser idyllische Rahmen gesprengt, und der Aufdeckungsroman taugt nicht mehr als erzählerisches Grundmuster. Er ist zu zivilisiert, zu beschränkt auf die kleinen Morde unter den netten Leuten von nebenan. Wird der Mord zur Regel und ist das Verbrechen nicht mehr die Privatangelegenheit eines kleinen Ganoven, sondern eine Staatsaffäre höchsten Ranges, muss der roman noir in seiner härtesten Form gewählt werden oder der Spionageroman – je nachdem, ob man ausufernde Gewalt zeigen oder die politischen Seiten des Völkermords auf nationaler und internationaler Ebene analysieren will.

Zunächst ist zu bemerken, dass Ruanda nur selten als Kulisse für Krimis dient. Einige der veröffentlichten Bücher erscheinen in kleinen Verlagen, die der - mehr oder weniger romanhaften, mehr oder weniger autobiographischen – Literatur über den Genozid ein Forum bieten3. Es gibt also keine spezifisch ruandische Strömung in der Welt des Krimis, auch wenn die populärsten Autoren und Buchreihen in den Jahren nach dem Genozid mit einer ruandischen « Episode » aufwarteten. Beispiele hierfür sind Fleuve Noir mit Jean-Paul Nozières, SAS und le Poulpe.

Gérard de Villiers führt seinen Helden SAS in der ganzen Welt herum, zu Staatsstreichen, Kriegen, Revolutionen und sonstigen Massakern. SAS sucht die Interessen seiner Auftraggeber zu verteidigen, wobei er sich nicht besonders um die Angemessenheit der Mittel schert. Villiers' Blick auf Ruanda kann nur im Zusammenhang mit den Stereotypen verstanden werden, auf denen all seine Romane beruhen. Die Welt dieses Autors besteht aus einer Reihe nie in Frage gestellter Klischees. In SAS. Enquête sur un génocide benutzt de Villiers die immer gleichen Zutaten: Ausgezeichnet recherchierte Topographie des Territoriums der Handlung – hierbei Realismus mit einem Schuss Exotik angereichert; fundierte Sachkenntnis über die politischen und strategischen Gegebenheiten vor Ort; Einbeziehung von Fakten in ein stereotypes Schema unter Einschließung der amerikanischen Geheimdienste, für die SAS verdeckte Operationen durchführt.

Mögen die Handlungsorte detailgetreu dargestellt sein – sie werden aus der Perspektive eines privilegierten Europäers geschildert, der sich ausschließlich in den Luxushotels und Diskotheken der Nobelviertel aufhält. Es gibt keinen einzigen Blick auf die ruandische Alltagswirklichkeit, auf das Leben in den Dörfern oder auf die Schwierigkeiten des Zusammenlebens zwischen Hutus und Tutsis nach dem Genozid. Schwarze Frauen sind ausnahmslos Schlampen, an der Grenze zum Tierischen („Mit einer ruandischen Frau konnte er nicht flirten. Das grenzte an Sodomie4.“), und die Afrikaner denken alle nur an Sex („Aber die Leute denken doch an nichts anderes! Da ist nichts zu machen, die Weiber sind immer scharf! In Afrika ist man ganz frei.“) Und natürlich sind alle Afrikaner untreue Taugenichtse und Halunken. Die Ruander sind „Millionen von armen Teufeln, die wie Ameisen auf er Erde umherkrabbeln und nicht wissen, dass das Mittelalter vorbei ist.“ Solche fremdenfeindlichen und erniedrigenden Klischees werden auch auf Asiaten, Südamerikaner und Araber angewendet, wenn die Handlung gerade in den betreffenden Ländern spielt. Diese Krimi-Reihe ist explizit rassistisch; die weiße Rasse wird durchweg als überlegen dargestellt. Nur sie ist in de Lage den Rest der aus Untermenschen bestehenden Welt zu retten.

Doch jenseits dieser rassistischen Klischees bezieht de Villiers klar Stellung zur Frage des ruandischen Konflikts, dessen nähere Umstände er bestens zu kennen scheint. So fasst er auf weniger als einer Seite die Geschichte Ruandas seit Beginn des Jahrhunderts zusammen und stellt auf den ersten Seiten des Buches auch die wichtigsten Ereignisse des Genozids dar – unter Einbeziehung der „türkischen“ Operation der französischen Regierung. Sein Position ist klar: De Villiers stellt sich an die Seite des FPR von Kagame – gegen die Haltung Frankreichs, das er der Komplizenschaft mit der waltenden Macht bezichtigt. Doch spricht er die französische Armee von ihrer Verantwortung frei, da er sie in den Fängen der Politik sieht. Er geißelt also die Politik und kann so die Ehre des Militärs bewahren. Dies entspricht ganz der militaristischen und populistischen Linie des Autors und erklärt, warum seine Verschwörungstheorie nicht die französischen, sondern die amerikanischen Geheimdienste einbezieht (der Autor ist zwar ein Provokateur, doch riskiert er gegenüber der vorwiegend französischen und pro-militärisch eingestellten Leserschaft nicht allzuviel). In der Erzählung ist dies auch ein Mittel, SAS in sein Abenteuer hineinzuziehen.

Der Titel bereits weist auf die Ermittlung über den Genozid im Jahr 2000 hin, also nicht auf die Zeit des Völkermords selbst. Es ist die Zeit des Tribunals von Arusha, das der Autor als eine Farce darstellt, mit der sich die UNO davon reinwaschen will, zu Beginn des Genozids nicht eingeschritten zu sein. Präsident Kagame wird als „einer der wenigen integren schwarzen Führungspersönlichkeiten“ dargestellt, der jedoch manipuliert wurde, weil er glaubte, Präsident Habyarimana wolle die Tutsi ermorden. Kagame soll es also gewesen sein, der die Operation einem CIA-nahen amerikanischen Freund verriet, um den Genozid zu verhindern. Und das Attentat soll mit zwei ugandischen Raketen begangen worden sein. Es gelingt de Villiers also, schnell die französische Beteiligung an dieser Geschichte wegzuwischen, hat doch ihm zufolge die Armee lediglich den Beschlüssen inkompetenter Politiker gehorcht. Und die herrschende politische Macht wird durch ihre Beweggründe legitimiert. Sie hat es für richtig gehalten, einen Extremisten aus dem Weg zu räumen und die Folgen ihres Handelns nicht gesehen. Und die Amerikaner und die internationalen Organe haben alle gefehlt – aus Feigheit oder aus der Sorge heraus, ihre Interessen zu kompromittieren.

 

Französische Klarsicht

Le Poulpe, die Krake, der andere private Ermittler in Sachen Ruanda, vertritt eine ganz andere Position. Während SAS ganz offensichtlich der extremen Rechten nahesteht, nationalistisch, politikfeindlich, nationaler Ehre und kriegerisch-chauvinistischen Werten verhaftet, steht Jean-Bernard Pouys Geschöpf auf der diametral engegengesetzten Seite. Le Poulpe steht für einen linken, antimilitärischen Anarchismus, gegen das herrschende, in nationaler, pesoneller, sexueller Hinsicht kriselnde System... In Catherine Fradiers Roman allerdings (die Le Poulpe-Romane werden jedesmal von einem anderen Autor geschrieben – aber unter Einhaltung strenger, auch ideologischer Vorgaben) ist die Deutung des Genozids eine gänzlich andere.

Eine Szene des Genozids leitet den Roman ein, direkt nach dem vorangestellten Motto, einem Zitat Théoneste Bagasoras, das den Leser mit der Nase auf den Zusammenhang stößt. Die Romanhandlung spielt zwar in Paris, im Friseursalon von Le Poulpes Freundin Cheryl, aber die Spannung entwickelt sich aus dem ruandischen Drama. Auf den ersten Seiten des Romans wird ein Ruander erschossen. Sein Bruder beherrscht den ganzen Rest der Erzählung, so dass Weiße und Schwarze auf der Suche nach der Wahrheit gleich behandelt werden. Zu Beginn allerdings weigert sich die Französin unter Berufung auf ihre nicht militante und unpolitische Haltung, sich in eine „Staatsangelegenheit“ einzumischen. Erst als ihr Friseursalon verwüstet wird, fühlt sie sich gezwungen, sich der Sache anzunehmen, die ihr über den Kopf zu wachsen droht. Wie bei de Villiers resümiert nun ein Protagonist die historische Lage, mit dem Unterschied allerdings, dass sich hier ein Schwarzer dieser Aufgabe annimmt und die Verantwortlichkeit der Kolonialherren bei der Verschärfung des ethnischen Konflikts beim Namen nennt. Die belgische Kolonialherrschaft wird ganz deutlich als Ursache der ethnischen Spannungen angesprochen, und auch die französische Armee wird nicht verschont und veranwortlich gemacht für das Attentat auf Präsident Habyarimana, das von der afrikanischen Zelle des Elysée-Palastes und von „Papamadi“ („der Spitzname, den die Afrikaner ihrem Ex-Präsidenten gaben5“) gedeckt worden sei. Die „türkische“ Operation sei vor allem „ein Schutzschild für die Mörder“ gewesen, sie habe die „Politik der verbrannten Erde“ erst ermöglicht. In der Folge der Erzählung treten rechtsextreme Aktivisten auf, eingespannt vom französischen Geheimdienst, um kompromittierende Fotos zurückzuerlangen, aus denen die französische Verwicklung in den Genozid hervorgeht – dies ein wesentlicher Unterschied zu de Villiers. Das Bündnis zwischen ruandischen und französischen Demokraten, symbolisiert in der Liebesbeziehung zwischen der französischen Friseurin und dem ruandischen Widerstandskämpfer (der übrigens, melodramatisch genug, auch noch an AIDS erkrankt ist), ermöglicht die Aufdeckung dieses abgekarteten Spiels und endet in einem pazifistischen Finale und dem Plädoyer für eine ruandische Renaissance.

Auch Jean-Claude Patrigeon spricht die französische Verwicklung in das Attentat auf Habyarimana und in den Völkermord an, ohne jedoch die totalitären Ansichten des ermordeten Präsidenten zu verschweigen. Kaplan, ein investigativer Journalist und ein Haudegen noch dazu, vergleicht unmisssverständlich das ruandische Regime „mit dem Nazismus, es war ein tropischer Nazismus mit den ewigen und unvermeidlichen Milizen und Elitetruppen und einer unfassbaren rassistischen Propaganda. Das Gift des Rassenhasses waberte in den fiebrigen Adern und Hirnen. Eine mörderische Paranoia hatte sich dieses korrupten Regimes bemächtigt6.“

Das Hutu-Regime übt eine blutige Macht aus – unterstützt von den französischen Militärs, die sich sogar an den Folterungen beteiligen. Der Auftrag ist klar – er geht zurück auf das Focart-Netzwerk (das auch in der Ermittlung von SAS auftaucht, ohne jedoch namentlich genannt zu werden) und die postkoloniale Politik Frankreichs, die immer im geheimen agiert, um ihre Interessen im frankophonen Afrika zu sichern. Der recht konventionelle Krimi-Plot, der eher dem Abenteuer- oder Spionageroman nahe steht, lässt hier Raum für einen Abriss der Geschichte Ruandas und des französischen Afrika („Françafrique ») und zeigt auf, wie die politischen Führer Frankreichs – von de Gaulle bis Mitterand – immer wieder korrupte und autoritäre Regime unterstützten, um mit mehr oder weniger undurchsichtigen militärischen Eingriffen die wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen Frankreichs in der Region zu sichern.

Die Romane, die alle drei eher dem Abenteuer- und dem Spionage-Genre verpflichtet sind als der Krimi-Literatur, haben eine Gemeinsamkeit: Immer sind Westler die Protagonisten. Die Beauftragten und Ausführenden des Attentats auf Habyarimana sind mal Franzosen, mal Amerikaner. Die Perspektive ist also immer eine « weiße ». Ruandische Akteure tauchen nur im Hintergrund auf, ganz als wäre das Territorium nur Kulisse für die Rivalitäten der Großmächte, ihrer Geheimdienste und düsteren Strippenzieher. Der Genozid selbst spielt eigentlich nur eine untergeordnete Rolle, erscheinen doch die afrikanischen Akteure nur als Bauern auf einem größeren Schachbrett. Kein einziger Ruander spielt eine Hauptrolle, in der er seine Positionen und Überzeugungen einbringen könnte. Es ist, als könnten diese Romane für « weiße » Leser nur weiße Hauptakteure zulassen. Es gilt also, sich afrikanischen Autoren zuzuwenden, um einen « schwarzen » Blick auf den Konflikt zu finden.

 

Ein schwarzer Blick auf den Genozid

Tierno Monénembo weicht in zweifacher Hinsicht vom Herkömmlichen ab: Sein Erzähler ist kein weißer Ermittler, sondern ein Ruander, der zudem im Gefängnis sitzt. Der junge Faustin, Sohn des Dorftrottels, erzählt voller Schwung und voller Wut eine Geschichte, deren Bruchstücke man in der Erzählung wiederfindet. Diese geht antichronologisch bis zu den Tagen des Völkermords zurück, mit denen der Roman schließt. Zu Beginn weiß man nicht, warum er im Gefängnis sitzt, welches Verbrechen er begangen hat, ob er Opfer ist oder Schuldiger, Sündenbock oder aktiv am Genozid Beteiligter. Die Handlung setzt nach dem Genozid ein, an den Faustin keine genauen Erinnerungen zu haben scheint – für das ausländische Fernsehen erfindet er sogar die Szene, bei der seine Eltern ermordet wurden. Nach und nach erfährt der Leser, dass Faustin nicht wegen einer Beteiligung am Genozid im Gefängnis sitzt, sondern wegen eines privaten Verbrechens, eines Verbrechens aus Leidenschaft. Er hat den Liebhaber seiner Schwester erschossen, als er die beiden zusammen im Bett überraschte. Nach drei Jahren Haft wird er vor ein Gericht geführt, das er mit seinem freien Ton provoziert und das ihn zum Tode verurteilt. « Nicht erst durch den Genozid haben die Ruander ihre gesamte Moral verloren7 », sagt sein Anwalt. Und weil man die Drahtzieher des Genozids nicht zu fassen bekommt, muss ein Opfer des Völkermords für eine Justiz herhalten, die einen Rechtsstaat wiederherzustellen sucht. Diese Karikatur eines Prozesses vermag nicht der Verwirrung eines Kindes gerecht zu werden, das unmittelbar von der Tragödie betroffen ist und dessen Vater, ein Hutu, sich weigerte, den Mördern zu entkommen, weil er seiner Frau, einer Tutsi, und seinen Kindern beistehen wollte. Nur durch ein Wunder hat der junge Faustin überlebt, er geht jeder Erinnerung an das Verbrechen aus dem Weg und lebt lieber wie ein heimatloses Tier.

Die Erzählhandlung speist sich hier nicht aus dem Krimi-Genre, auch wenn es ein Verbrechen, eine Ermittlung und eine Verhandlung gibt. Der Verbrecher ist nicht verantwortlich, denn er hat Krankheit und Wahn durchlitten, und der Tod ist zu seinem einzigen Bezugsrahmen geworden. Der Roman schließt mit den Worten: «Du bist anders als die anderen. Du bist sozusagen zweimal geboren: Das erste Mal warst du seine Milch, das zweite Mal sein Blut. Mein Gott, drei Überlebende sieben Tage nach dem Massaker! Es bleibt immer etwas vom Leben übrig, selbst wenn der Teufel kam! » Die Ermittlung als solche findet so gut wie gar nicht statt, die Geschichte des Verbrechens kommt nur in Form von Flash-Backs zurück, und die Gerichtsverhandlung trägt nichts zur Aufklärung der Gründe des Verbrechens bei.

Und doch sind wir auf doppelte Weise mitten in einem roman noir. Zunächst lässt er, über die Hauptfigur Faustin, endlich einmal die Ruander selbst zu Wort kommen. Dann ist da Faustins Bericht über seinen Vater, der als Dorftrottel gilt, aber immer wieder einfache Wahrheiten voller Menschlichkeit ausspricht. Der Vater ist der einzige, der sich der Gewalt entgegenstellt und die ethnischen Spaltungen nicht akzeptiert. Er glaubt an das Gute im Menschen, aber seine Unverdorbenheit wird ihm zum tödlichen Verhängnis. Die wenigen Weißen, die vorkommen, sind Journalisten und Kameramänner, die sich ein paar Bilder ergaunert haben – wie „fette Mistköter“, die die Orte des Völkermords heimsuchen, weil „die Toten große Stars sind, auch wenn nur der Schädel von ihnen übriggeblieben ist.“ Andere Weiße sind Vertreter religiöser Vereinigungen und NGOs, die entweder aufgrund ihres Über-Engagements bei dem Völkermord umkommen oder aus Verzweiflung oder Angst dem Land den Rücken kehren. Die einzige, die dem jungen Faustin helfen möchte, ist eine ruandische Sozialarbeiterin, die aus Uganda kommt und daher den ethnischen Konflikten in Ruanda zum Teil entgangen ist. Dies ermöglicht ihr einen mitfühlenden Blick von außen, was aber den Jugendlichen nicht von seinem seelischen Trauma zu befreien vermag.

Das Buch ist auch ein roman noir im Sinne des Gattungsbegriffs. Er stellt sich nicht mehr in die Tradition der polizeilichen Ermittlung, sondern spielt mit sozialkritischer Absicht Krisensituationen in den Vordergrund, wie es seit Dashiell Hammett und Raymond Chandler im US-amerikanischen Krimi üblich geworden ist. Dennoch sollte man sich vor vorschnellen Grenzverwischungen hüten – dies umso mehr, als der roman noir Protagonisten in einem kriminellen Milieu zeigt, die in einem sozial- und politikkritischen Rahmen agieren. Hier dagegen ist das kleinkriminelle Milieu des Erzählers nur eine der Folgen des Genozids, und der sozialkritische Aspekt erscheint nur am Rande - durch die tragische Dimension eines Helden, der von Mächten beherrscht wird, über die er keine Kontrolle hat, denen er aber auch nicht mit sozialkritischen Methoden beikommt. Es obliegt dem Leser, eine Deutung zu finden und sich angesichts des absoluten Schreckens zurechtzufinden, eines Schreckens, der hier nach und nach, mit immer neuen Pinselstrichen ausgemalt wird.

Doch am Ende besteht die Kraft des Romans darin, nicht in simple Sozialkritik zu verfallen und sich den Einfachheiten des Krimis zu verweigern, der Effekthascherei hinsichtlich der Handlungsführung oder der Emotionen. Er zwingt zu einer tieferen Lektüre. Das macht ihn zu dem einzigen Roman, der wirklich, auf tief anrührende Weise über den Völkermord spricht. Er meidet Klischees, Kriegs- und Abenteuerszenen und zeichnet eine menschliche Tragödie nach und stellt die Trauerarbeit und die Pflicht des Erinnerns in den Mittelpunkt. Nichts anderes hatte er sich zum Ziel gemacht.

 

Marc Lits ist Professor am Seminar für Kommunikationswissenschaten der katholischen Universität Louvain und dort Leiter des Observatoire du récit médiatique (ORM). Sein Forschungsschwerpunkt ist die Analyse von Massenmedien und Populärkultur. Veröffentlichungen: Pour lire le roman policier (De Boeck, 1994), Le roman policier : introduction à la théorie et à l'analyse d'un genre littéraire (CEFAL, 1999), L'énigme criminelle (Didier Hatier, 1993), Le fait divers (PUF, Que sais-je ?, 1999), La novellisation. Du livre au film (Leuven University Press, 2004).

 

1 I. Reisdorff, L’homme qui demanda du feu, Büssel, P. de Méyère 1978. | Rückseite |
2 O. Marchal, Afrique, Afrique, Paris, Fayard, 1983.
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3 Dank an Pierre Halen, dessen Bibliographie uns auf einige dieser Kriminalromane hinwies. Doch viele dieser Romane sind vergriffen und im Buchhandel nicht erhältlich. Das gilt für Guy Pascal, Mille collines. La saga gore du Rwanda, Paris, Ed. du Moine Bourru, 2000 ; für Jean-Paul Nozières, Billi Joe, Paris, Fleuve Noir, coll. "Crime", 1997 (Wiederauflage 2004 bei Thierry Magnier eds, Paris) ; für Elmore Leonard, Pagan babies, New York, Delacorte Press, 2000. Von diesem Autor auch: Dieu reconnaîtra les siens, Paris, Rivages, coll. "Thriller", 2003, das zu Beginn der Handlung in Ruanda spielt, ohne jedoch mit dem Konflikt zu tun zu haben.
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4 G. de Villiers, SAS. Enquête sur un génocide, Paris, Malko Productions, n° 1401, 2000, S. 56.
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5 C. Fradier, Un poison nommé Rwanda, Paris, Baleine, coll. Le Poulpe, n° 110, 1998, S. 58.
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6 J.-Cl. Patrigeon, L’ombre de Némésis, Vallauris, Atout Editions, 2003, S. 10.
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7 T. Monénembo, L’aîné des orphelins, Paris, Ed. du Seuil, 2000, S. 134.
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