Ein Krimi namens Ruanda
Marc
Lits - mehr info -
Katholische
Universität Louvain
Abteilung Kommunikationswissenschaften
Übersetzung: Matthias
Drebber
In der
immer weiter ausufernden Literatur über Ruanda musste
der Krimi als Gattung einfach vertreten sein – und dies aus zwei
Gründen: Verbrechen und Blut sind natürlich zunächst
unentbehrliche Zutaten von Krimis. Es überrascht daher nicht,
dass der größte Völkermord des 20. Jahrhunderts die
Aufmerksamkeit von Autoren auf der Suche nach Kulissen für Krimi-Plots
auf sich zieht. Der zweite Grund: Der zeitgenössische Krimi – egal
ob als reiner Auflösungsfall oder als eher sozial ausgerichteter
Stoff – spielt nicht mehr in unbestimmten Orten und zu unbestimmten
Zeiten, wie noch bei Agatha Christie. Er sucht vielmehr die Nähe
zu den härtesten Phänomenen der heutigen Wirklichkeit. Der
ruandische Genozid musste also die Aufmerksamkeit von Krimi-Autoren
auf sich ziehen, bietet er doch außer den blutigen Kulissen Einsicht
in die Perversionen und mörderischen Abwege einer Gesellschaft
in Krisenzeiten.
Zu
den Ursprüngen – der Weiße ermittelt
Zwei
große Romane über die belgische Kolonialzeit haben
einen zum Teil kriminalistischen Hintergrund – obgleich sie nicht
gänzlich dem Krimi-Genre zugerechnet werden können. Denn
es ist nicht die Suche nach dem Täter, die die Handlung wesentlich
vorantreibt. Die Suche nach dem Täter ist vielmehr ein Leitfaden,
ein Vorwand – in dem einen Fall für die Untersuchung der
ruandischen Lebenswirklichkeit, im anderen für die Beschreibung
eines Landes im Umbruch. So gesehen ist L’homme qui demanda du
feu von Ivan Reisdorff1 ein sinnbildlicher Buchtitel, verweist er doch
zum einen auf die ruandische Kultur – zugleich ausmalend und
dokumentierend – und greift zum anderen ein typisches Vorgehen
des Kriminalromans auf: Die Benennung eines Protagonisten, in diesem
Falle des Verbrechensopfers, schon im Titel. Der Roman hält sich
an das klassische Muster des kriminalistischen Rätselfalls, der
von einem Justiz- oder Polizeiangehörigen aufgeklärt wird.
Der Plot ist gegen den Strich konstruiert, denn die Aufdeckung des
Verbrechens eröffnet die Erzählung und setzt unverzüglich
das Opfer und den Ermittler in Szene, der, unterstützt durch Indizien
des Gerichtsmediziners, einen ersten Verdacht äußert. Der
Erzähler beteuert: « Der Mord an Minani war als solcher
eine belanglose Angelegenheit, ein mieses Verbrechen, dessen Opfer
ein Tutsi war, der keinVieh besaß, und der Täter war irgendein
Kiga, ein Halunke aus den Wäldern. »
Doch
die Ermittlung dient nur als Vorwand, um das Bild eines Ruanda
im Umbruch zu vermitteln.
Der Autor und der Erzähler (ob sie identisch
sind oder nicht, sei dahingestellt) machen uns also kaum etwas vor.
Sicher, es gibt ein Verbrechen, dem eine Ermittlung folgt, die ihrerseits über
zahlreiche Nachforschungen und Verhöre zur Verhaftung und zur
Verurteilung eines Verdächtigen führt. Doch diese Krimi-Handlung
macht nur einen kleinen Teil des Buches aus und ermöglicht es
dem Erzähler, über seine Aufgabe und über die Zukunft
einer immer umstritteneren Kolonisierung nachzudenken.
Genauso
verhält es sich mit Omar Marchals Roman Afrique, Afrique2,
der ebenfalls einen Territorialverwalter in Szene setzt. Dieser ermittelt
in Sachen eines jungen, tödlich verunglückten Mestizen und
gelangt dadurch zum Bild eines kolonialisierten Ruanda, dessen belgische
Bewohner die Zivilisation einführen – in ein Land, dessen
Ureinwohner sie zu mögen beginnen. Diese Zuneigung fällt
dem Erzähler umso leichter, als er immer wieder die ruandischen
Hügel mit den Ardennen-Tälern seiner Kindheit vergleicht
und sogar gleichsetzt – mit dem « einfachen » Unterschied
freilich, dass Ruanda der westlichen Zivilisation noch ein gutes Stück
hinterherhinke. Wieder ist der Krimi-Plot auf das Einfachste reduziert;
er beginnt erst nach 160 Seiten und löst sich äußerst
behände auf. Doch die schnelle Aufklärung täuscht nicht
darüber hinweg, dass es um Rivalitäten zwischen Clans geht,
die seit vier Generationen schwelen und eng zu tun haben mit magischen
Bräuchen, mit politischen Machtkämpfen und Abrechnungen.
So ermöglichen es die Ermittlung und die Verhöre in der Gerichtsverhandlung
- auf nur ein paar Dutzend von mehr als 500 Seiten -, die Geschichte
und die Genealogie der verschiedenen Clans und ihrer Rivalitäten
nachzuzeichnen.
Entscheidend
ist die Übereinstimmung der Erzählhaltungen
der beiden Autoren – ungeachtet ihrer jeweiligen ideologischen
Positionierung. Beide haben sich für die sehr klassische Form
des Kriminalromans entschieden – mit einer geradlinigen Ermittlung
durch einen offiziellen, mit der Macht der Justiz und der Polizei ausgestatteten
Repräsentanten. Ermöglicht wird dies durch den Aufgabenbereich
jener territorialen Bevollmächtigten, denen die Verwaltung und
das Recht im Hoheitsgebiet überantwortet war. Und es zeigt sich
auch, dass die Justiz weiß ist, wenn das Opfer (in beiden Romanen)
ein junger Schwarzer ist. Weiß und den Prinzipien der Kolonialmacht
verhaftet – auch wenn beide Ermittler durchaus Gefühl und
Respekt für die Werte der lokalen Traditionen und Sitten aufbringen.
Diese
Art Krimi-Handlung ist auch die am wenigsten einschränkende,
wenn von den Zwängen die Rede ist, die das Genre aufbürdet.
Die Auflösung des Falles ist nicht das Hauptanliegen des Ermittlers,
auch nicht des Lesers, sie gibt der Erzählung lediglich einen
Leitfaden vor. Die
Erzählung kann sich jederzeit von diesem Leitfaden
entfernen, um autobiographischere oder politischere Gesichtspunkte
zu entwickeln, die ohnehin auf jeder Seite zum Tragen kommen. Bei Reisdorff
wie bei Marchal geht die Ermittlung gut aus, weil beide Afrika lieben,
in Afrika eingebunden sind und sich den eingeborenen Stämmen nahe
fühlen. Was nun wiederum dem Klischee der Krimi-Ermittlung entspricht.
Der gute Detektiv ist, wie etwa der Kommissar Maigret, in der Lage,
sich in das Leben der Verdächtigen hineinzuversetzen; er kommt
durch Einfühlungsvermögen voran. Und die Wahrheit, die er
herausfindet, ist genauso in ihm selbst vorhanden wie in der Außenwelt.
Die Ermittlung erscheint als Aufdeckung der Abgründe der Seele,
und, in diesem speziellen Fall, als Aufdeckung der Symbiose von kolonialem
Geist und afrikanischer, vorbehaltlos akzeptierter, ja geliebter Tradition.
Das folgende Beispiel zeigt, dass solche Vorbehaltlosigkeit keineswegs
selbstverständlich ist..
SAS:
ein wohlinformierter Rassist
Der
Detektiv- und Aufdeckungsroman ist eine Gattung ruhiger Zeiten
und
Umstände. Zwar hat ein Mord stattgefunden, doch dieser hat
kaum eine traumatisierende Wirkung auf die Zeugen. Mit dem Genozid
von 1994 wird dieser idyllische Rahmen gesprengt, und der Aufdeckungsroman
taugt nicht mehr als erzählerisches Grundmuster. Er ist zu zivilisiert,
zu beschränkt auf die kleinen Morde unter den netten Leuten von
nebenan. Wird der Mord zur Regel und ist das Verbrechen nicht mehr
die Privatangelegenheit eines kleinen Ganoven, sondern eine Staatsaffäre
höchsten Ranges, muss der roman noir in seiner härtesten
Form gewählt werden oder der Spionageroman – je nachdem,
ob man ausufernde Gewalt zeigen oder die politischen Seiten des Völkermords
auf nationaler und internationaler Ebene analysieren will.
Zunächst ist zu bemerken, dass Ruanda nur selten als Kulisse
für Krimis dient. Einige der veröffentlichten Bücher
erscheinen in kleinen Verlagen, die der - mehr oder weniger romanhaften,
mehr oder weniger autobiographischen – Literatur über den
Genozid ein Forum bieten3. Es gibt also keine spezifisch ruandische
Strömung in der Welt des Krimis, auch wenn die populärsten
Autoren und Buchreihen in den Jahren nach dem Genozid mit einer ruandischen « Episode » aufwarteten.
Beispiele hierfür sind Fleuve Noir mit Jean-Paul Nozières,
SAS und le Poulpe.
Gérard de Villiers führt seinen Helden SAS in der ganzen
Welt herum, zu Staatsstreichen, Kriegen, Revolutionen und sonstigen
Massakern. SAS sucht die Interessen seiner Auftraggeber zu verteidigen,
wobei er sich nicht besonders um die Angemessenheit der Mittel schert.
Villiers' Blick auf Ruanda kann nur im Zusammenhang mit den Stereotypen
verstanden werden, auf denen all seine Romane beruhen. Die Welt dieses
Autors besteht aus einer Reihe nie in Frage gestellter Klischees. In
SAS. Enquête sur un génocide benutzt de Villiers die immer
gleichen Zutaten: Ausgezeichnet recherchierte Topographie des Territoriums
der Handlung – hierbei Realismus mit einem Schuss Exotik angereichert;
fundierte Sachkenntnis über die politischen und strategischen
Gegebenheiten vor Ort; Einbeziehung von Fakten in ein stereotypes Schema
unter Einschließung der amerikanischen Geheimdienste, für
die SAS verdeckte Operationen durchführt.
Mögen die Handlungsorte detailgetreu dargestellt sein – sie
werden aus der Perspektive eines privilegierten Europäers geschildert,
der sich ausschließlich in den Luxushotels und Diskotheken der
Nobelviertel aufhält. Es gibt keinen einzigen Blick auf die ruandische
Alltagswirklichkeit, auf das Leben in den Dörfern oder auf die
Schwierigkeiten des Zusammenlebens zwischen Hutus und Tutsis nach dem
Genozid. Schwarze Frauen sind ausnahmslos Schlampen, an der Grenze
zum Tierischen („Mit einer ruandischen Frau konnte er nicht flirten.
Das grenzte an Sodomie4.“), und die Afrikaner denken alle nur
an Sex („Aber die Leute denken doch an nichts anderes! Da ist
nichts zu machen, die Weiber sind immer scharf! In Afrika ist man ganz
frei.“) Und natürlich sind alle Afrikaner untreue Taugenichtse
und Halunken. Die Ruander sind „Millionen von armen Teufeln,
die wie Ameisen auf er Erde umherkrabbeln und nicht wissen, dass das
Mittelalter vorbei ist.“ Solche fremdenfeindlichen und erniedrigenden
Klischees werden auch auf Asiaten, Südamerikaner und Araber angewendet,
wenn die Handlung gerade in den betreffenden Ländern spielt. Diese
Krimi-Reihe ist explizit rassistisch; die weiße Rasse wird durchweg
als überlegen dargestellt. Nur sie ist in de Lage den Rest der
aus Untermenschen bestehenden Welt zu retten.
Doch
jenseits dieser rassistischen Klischees bezieht de Villiers klar
Stellung zur Frage
des ruandischen Konflikts, dessen
nähere Umstände
er bestens zu kennen scheint. So fasst er auf weniger als einer Seite
die Geschichte Ruandas seit Beginn des Jahrhunderts zusammen und stellt
auf den ersten Seiten des Buches auch die wichtigsten Ereignisse des
Genozids dar – unter Einbeziehung der „türkischen“ Operation
der französischen Regierung. Sein Position ist klar: De Villiers
stellt sich an die Seite des FPR von Kagame – gegen die Haltung
Frankreichs, das er der Komplizenschaft mit der waltenden Macht bezichtigt.
Doch spricht er die französische Armee von ihrer Verantwortung
frei, da er sie in den Fängen der Politik sieht. Er geißelt
also die Politik und kann so die Ehre des Militärs bewahren. Dies
entspricht ganz der militaristischen und populistischen Linie des Autors
und erklärt, warum seine Verschwörungstheorie nicht die französischen,
sondern die amerikanischen Geheimdienste einbezieht (der Autor ist
zwar ein Provokateur, doch riskiert er gegenüber der vorwiegend
französischen und pro-militärisch eingestellten Leserschaft
nicht allzuviel). In der Erzählung ist dies auch ein Mittel,
SAS in sein Abenteuer hineinzuziehen.
Der
Titel bereits weist auf die Ermittlung über den Genozid im
Jahr 2000 hin, also nicht auf die Zeit des Völkermords selbst.
Es ist die Zeit des Tribunals von Arusha, das der Autor als eine Farce
darstellt, mit der sich die UNO davon reinwaschen will, zu Beginn des
Genozids nicht eingeschritten zu sein. Präsident Kagame wird als „einer
der wenigen integren schwarzen Führungspersönlichkeiten“ dargestellt,
der jedoch manipuliert wurde, weil er glaubte, Präsident Habyarimana
wolle die Tutsi ermorden. Kagame soll es also gewesen sein, der die
Operation einem CIA-nahen amerikanischen Freund verriet, um den Genozid
zu verhindern. Und das Attentat soll mit zwei ugandischen Raketen begangen
worden sein. Es gelingt de Villiers also, schnell die französische
Beteiligung an dieser Geschichte wegzuwischen, hat doch ihm zufolge
die Armee lediglich den Beschlüssen inkompetenter Politiker gehorcht.
Und die herrschende politische Macht wird durch ihre Beweggründe
legitimiert. Sie hat es für richtig gehalten, einen Extremisten
aus dem Weg zu räumen und die Folgen ihres Handelns nicht gesehen.
Und die Amerikaner und die internationalen Organe haben alle gefehlt – aus
Feigheit oder aus der Sorge heraus, ihre Interessen zu kompromittieren.
Französische
Klarsicht
Le Poulpe,
die Krake, der andere private Ermittler in Sachen Ruanda, vertritt
eine ganz andere Position. Während SAS ganz offensichtlich
der extremen Rechten nahesteht, nationalistisch, politikfeindlich,
nationaler Ehre und kriegerisch-chauvinistischen Werten verhaftet,
steht Jean-Bernard Pouys Geschöpf auf der diametral engegengesetzten
Seite. Le Poulpe steht für einen linken, antimilitärischen
Anarchismus, gegen das herrschende, in nationaler, pesoneller, sexueller
Hinsicht kriselnde System... In Catherine Fradiers Roman allerdings
(die Le Poulpe-Romane werden jedesmal von einem anderen Autor geschrieben – aber
unter Einhaltung strenger, auch ideologischer Vorgaben) ist die Deutung
des Genozids eine gänzlich andere.
Eine
Szene des Genozids leitet den Roman ein, direkt nach dem vorangestellten
Motto, einem Zitat
Théoneste Bagasoras, das den Leser mit der
Nase auf den Zusammenhang stößt. Die Romanhandlung spielt
zwar in Paris, im Friseursalon von Le Poulpes Freundin Cheryl, aber
die Spannung entwickelt sich aus dem ruandischen Drama. Auf den ersten
Seiten des Romans wird ein Ruander erschossen. Sein Bruder beherrscht
den ganzen Rest der Erzählung, so dass Weiße und Schwarze
auf der Suche nach der Wahrheit gleich behandelt werden. Zu Beginn
allerdings weigert sich die Französin unter Berufung auf ihre
nicht militante und unpolitische Haltung, sich in eine „Staatsangelegenheit“ einzumischen.
Erst als ihr Friseursalon verwüstet wird, fühlt sie sich
gezwungen, sich der Sache anzunehmen, die ihr über den Kopf zu
wachsen droht. Wie bei de Villiers resümiert nun ein Protagonist
die historische Lage, mit dem Unterschied allerdings, dass sich hier
ein Schwarzer dieser Aufgabe annimmt und die Verantwortlichkeit der
Kolonialherren bei der Verschärfung des ethnischen Konflikts beim
Namen nennt. Die belgische Kolonialherrschaft wird ganz deutlich als
Ursache der ethnischen Spannungen angesprochen, und auch die französische
Armee wird nicht verschont und veranwortlich gemacht für das Attentat
auf Präsident Habyarimana, das von der afrikanischen Zelle des
Elysée-Palastes und von „Papamadi“ („der Spitzname,
den die Afrikaner ihrem Ex-Präsidenten gaben5“) gedeckt worden
sei. Die „türkische“ Operation sei vor allem „ein
Schutzschild für die Mörder“ gewesen, sie habe die „Politik
der verbrannten Erde“ erst ermöglicht. In der Folge der
Erzählung treten rechtsextreme Aktivisten auf, eingespannt vom
französischen Geheimdienst, um kompromittierende Fotos zurückzuerlangen,
aus denen die französische Verwicklung in den Genozid hervorgeht – dies
ein wesentlicher Unterschied zu de Villiers. Das Bündnis zwischen
ruandischen und französischen Demokraten, symbolisiert in der
Liebesbeziehung zwischen der französischen Friseurin und dem ruandischen
Widerstandskämpfer (der übrigens, melodramatisch genug, auch
noch an AIDS erkrankt ist), ermöglicht die Aufdeckung dieses abgekarteten
Spiels und endet in einem pazifistischen Finale und dem Plädoyer
für eine ruandische Renaissance.
Auch
Jean-Claude Patrigeon spricht die französische Verwicklung
in das Attentat auf Habyarimana und in den Völkermord an, ohne
jedoch die totalitären Ansichten des ermordeten Präsidenten
zu verschweigen. Kaplan, ein investigativer Journalist und ein Haudegen
noch dazu, vergleicht unmisssverständlich das ruandische Regime „mit
dem Nazismus, es war ein tropischer Nazismus mit den ewigen und unvermeidlichen
Milizen und Elitetruppen und einer unfassbaren rassistischen Propaganda.
Das Gift des Rassenhasses waberte in den fiebrigen Adern und Hirnen.
Eine mörderische Paranoia hatte sich dieses korrupten Regimes
bemächtigt6.“
Das
Hutu-Regime übt eine blutige Macht aus – unterstützt
von den französischen Militärs, die sich sogar an den Folterungen
beteiligen. Der Auftrag ist klar – er geht zurück auf das
Focart-Netzwerk (das auch in der Ermittlung von SAS auftaucht, ohne
jedoch namentlich genannt zu werden) und die postkoloniale Politik
Frankreichs, die immer im geheimen agiert, um ihre Interessen im frankophonen
Afrika zu sichern. Der recht konventionelle Krimi-Plot, der eher dem
Abenteuer- oder Spionageroman nahe steht, lässt hier Raum für
einen Abriss der Geschichte Ruandas und des französischen Afrika
(„Françafrique ») und zeigt auf, wie die politischen
Führer Frankreichs – von de Gaulle bis Mitterand – immer
wieder korrupte und autoritäre Regime unterstützten, um mit
mehr oder weniger undurchsichtigen militärischen Eingriffen
die wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen Frankreichs
in der
Region zu sichern.
Die
Romane, die alle drei eher dem Abenteuer- und dem Spionage-Genre
verpflichtet sind als der Krimi-Literatur,
haben
eine Gemeinsamkeit:
Immer sind Westler
die Protagonisten. Die Beauftragten und Ausführenden
des Attentats auf Habyarimana sind mal Franzosen, mal Amerikaner. Die
Perspektive ist also immer eine « weiße ». Ruandische
Akteure tauchen nur im Hintergrund auf, ganz als wäre das Territorium
nur Kulisse für die Rivalitäten der Großmächte,
ihrer Geheimdienste und düsteren Strippenzieher. Der Genozid selbst
spielt eigentlich nur eine untergeordnete Rolle, erscheinen doch die
afrikanischen Akteure nur als Bauern auf einem größeren
Schachbrett. Kein einziger Ruander spielt eine Hauptrolle, in der er
seine Positionen und Überzeugungen einbringen könnte. Es
ist, als könnten diese Romane für « weiße » Leser
nur weiße Hauptakteure zulassen. Es gilt also, sich afrikanischen
Autoren zuzuwenden, um einen « schwarzen » Blick
auf den Konflikt zu finden.
Ein
schwarzer Blick auf den Genozid
Tierno
Monénembo weicht in zweifacher Hinsicht vom Herkömmlichen
ab: Sein Erzähler ist kein weißer Ermittler, sondern ein
Ruander, der zudem im Gefängnis sitzt. Der junge Faustin, Sohn
des Dorftrottels, erzählt voller Schwung und voller Wut eine Geschichte,
deren Bruchstücke man in der Erzählung wiederfindet. Diese
geht antichronologisch bis zu den Tagen des Völkermords zurück,
mit denen der Roman schließt. Zu Beginn weiß man nicht,
warum er im Gefängnis sitzt, welches Verbrechen er begangen hat,
ob er Opfer ist oder Schuldiger, Sündenbock oder aktiv am Genozid
Beteiligter. Die Handlung setzt nach dem Genozid ein, an den Faustin
keine genauen Erinnerungen zu haben scheint – für das ausländische
Fernsehen erfindet er sogar die Szene, bei der seine Eltern ermordet
wurden. Nach und nach erfährt der Leser, dass Faustin nicht wegen
einer Beteiligung am Genozid im Gefängnis sitzt, sondern wegen
eines privaten Verbrechens, eines Verbrechens aus Leidenschaft. Er
hat den Liebhaber seiner Schwester erschossen, als er die beiden zusammen
im Bett überraschte. Nach drei Jahren Haft wird er vor ein Gericht
geführt, das er mit seinem freien Ton provoziert und das ihn zum
Tode verurteilt. « Nicht erst durch den Genozid haben die Ruander
ihre gesamte Moral verloren7 », sagt sein Anwalt. Und weil man
die Drahtzieher des Genozids nicht zu fassen bekommt, muss ein Opfer
des Völkermords für eine Justiz herhalten, die einen Rechtsstaat
wiederherzustellen sucht. Diese Karikatur eines Prozesses vermag nicht
der Verwirrung eines Kindes gerecht zu werden, das unmittelbar von
der Tragödie betroffen ist und dessen Vater, ein Hutu, sich weigerte,
den Mördern zu entkommen, weil er seiner Frau, einer Tutsi, und
seinen Kindern beistehen wollte. Nur durch ein Wunder hat der junge
Faustin überlebt, er geht jeder Erinnerung an das Verbrechen
aus dem Weg und lebt lieber wie ein heimatloses Tier.
Die
Erzählhandlung speist sich hier nicht aus dem Krimi-Genre,
auch wenn es ein Verbrechen, eine Ermittlung und eine Verhandlung gibt.
Der Verbrecher ist nicht verantwortlich, denn er hat Krankheit und
Wahn durchlitten, und der Tod ist zu seinem einzigen Bezugsrahmen geworden.
Der Roman schließt mit den Worten: «Du bist anders als
die anderen. Du bist sozusagen zweimal geboren: Das erste Mal warst
du seine Milch, das zweite Mal sein Blut. Mein Gott, drei Überlebende
sieben Tage nach dem Massaker! Es bleibt immer etwas vom Leben übrig,
selbst wenn der Teufel kam! » Die Ermittlung als solche findet
so gut wie gar nicht statt, die Geschichte des Verbrechens kommt nur
in Form von Flash-Backs zurück, und die Gerichtsverhandlung trägt
nichts zur Aufklärung der Gründe des Verbrechens bei.
Und
doch sind
wir auf doppelte Weise mitten in einem roman noir. Zunächst
lässt er, über die Hauptfigur Faustin, endlich einmal die
Ruander selbst zu Wort kommen. Dann ist da Faustins Bericht über
seinen Vater, der als Dorftrottel gilt, aber immer wieder einfache
Wahrheiten voller Menschlichkeit ausspricht. Der Vater ist der einzige,
der sich der Gewalt entgegenstellt und die ethnischen Spaltungen nicht
akzeptiert. Er glaubt an das Gute im Menschen, aber seine Unverdorbenheit
wird ihm zum tödlichen Verhängnis. Die wenigen Weißen,
die vorkommen, sind Journalisten und Kameramänner, die sich ein
paar Bilder ergaunert haben – wie „fette Mistköter“,
die die Orte des Völkermords heimsuchen, weil „die Toten
große Stars sind, auch wenn nur der Schädel von ihnen übriggeblieben
ist.“ Andere Weiße sind Vertreter religiöser Vereinigungen
und NGOs, die entweder aufgrund ihres Über-Engagements bei dem
Völkermord umkommen oder aus Verzweiflung oder Angst dem Land
den Rücken kehren. Die einzige, die dem jungen Faustin helfen
möchte, ist eine ruandische Sozialarbeiterin, die aus Uganda kommt
und daher den ethnischen Konflikten in Ruanda zum Teil entgangen ist.
Dies ermöglicht ihr einen mitfühlenden Blick von außen,
was aber den Jugendlichen nicht von seinem seelischen Trauma zu befreien
vermag.
Das
Buch ist auch ein roman noir im Sinne des Gattungsbegriffs. Er
stellt sich nicht mehr in die Tradition der polizeilichen Ermittlung,
sondern
spielt mit sozialkritischer Absicht Krisensituationen in
den
Vordergrund,
wie es seit Dashiell Hammett und Raymond Chandler im US-amerikanischen
Krimi üblich geworden ist. Dennoch sollte man sich vor vorschnellen
Grenzverwischungen hüten – dies umso mehr, als der roman
noir Protagonisten in einem kriminellen Milieu zeigt, die in einem
sozial- und politikkritischen Rahmen agieren. Hier dagegen ist das
kleinkriminelle Milieu des Erzählers nur eine der Folgen des Genozids,
und der sozialkritische Aspekt erscheint nur am Rande - durch die tragische
Dimension eines Helden, der von Mächten beherrscht wird, über
die er keine Kontrolle hat, denen er aber auch nicht mit sozialkritischen
Methoden beikommt. Es obliegt dem Leser, eine Deutung zu finden und
sich angesichts des absoluten Schreckens zurechtzufinden, eines Schreckens,
der hier nach und nach, mit immer neuen Pinselstrichen ausgemalt
wird.
Doch
am Ende besteht die Kraft des Romans darin, nicht in simple Sozialkritik
zu verfallen und sich den Einfachheiten des
Krimis
zu verweigern, der Effekthascherei hinsichtlich der Handlungsführung oder der Emotionen.
Er zwingt zu einer tieferen Lektüre. Das macht ihn zu dem einzigen
Roman, der wirklich, auf tief anrührende Weise über den Völkermord
spricht. Er meidet Klischees, Kriegs- und Abenteuerszenen und zeichnet
eine menschliche Tragödie
nach und stellt
die Trauerarbeit
und die Pflicht
des Erinnerns in
den Mittelpunkt.
Nichts
anderes hatte
er sich zum Ziel gemacht.
Marc
Lits ist
Professor am Seminar für Kommunikationswissenschaten
der katholischen Universität Louvain und dort Leiter des Observatoire
du récit médiatique (ORM). Sein Forschungsschwerpunkt
ist die Analyse von Massenmedien und Populärkultur. Veröffentlichungen:
Pour lire le roman policier (De Boeck, 1994), Le roman policier :
introduction à la théorie et à l'analyse d'un
genre littéraire (CEFAL, 1999), L'énigme criminelle
(Didier Hatier, 1993), Le fait divers (PUF, Que sais-je ?, 1999),
La novellisation. Du livre au film (Leuven University Press, 2004).
1 I. Reisdorff, L’homme qui demanda du feu, Büssel, P.
de Méyère 1978. | Rückseite |
2 O. Marchal, Afrique, Afrique, Paris,
Fayard, 1983. | Rückseite |
3 Dank an Pierre Halen, dessen Bibliographie
uns auf einige dieser Kriminalromane hinwies. Doch viele dieser Romane
sind vergriffen
und im Buchhandel nicht erhältlich. Das gilt für Guy Pascal,
Mille collines. La saga gore du Rwanda, Paris, Ed. du Moine Bourru,
2000 ; für Jean-Paul Nozières, Billi Joe, Paris, Fleuve
Noir, coll. "Crime", 1997 (Wiederauflage 2004 bei Thierry
Magnier eds, Paris) ; für Elmore Leonard, Pagan babies, New
York, Delacorte Press, 2000. Von diesem Autor auch: Dieu reconnaîtra
les siens, Paris, Rivages, coll. "Thriller", 2003, das
zu Beginn der Handlung in Ruanda spielt, ohne jedoch mit dem Konflikt
zu tun zu haben. | Rückseite |
4 G. de Villiers, SAS. Enquête sur un génocide, Paris,
Malko Productions, n° 1401, 2000, S. 56. | Rückseite |
5 C. Fradier, Un poison nommé Rwanda,
Paris, Baleine, coll. Le Poulpe, n° 110, 1998, S. 58. | Rückseite |
6 J.-Cl. Patrigeon, L’ombre de
Némésis, Vallauris,
Atout Editions, 2003, S. 10. | Rückseite |
7 T. Monénembo, L’aîné des orphelins,
Paris, Ed. du Seuil, 2000, S. 134. | Rückseite |
