krimis in Europa
n°2 July-August-September 2005

 

 

>> Festivalbericht

Erstes europäisches Roman Noir Treffen

• in Barcelona • vom 20. bis 22. Januar 2005

Sébastien Rutés
Übersetzung: Alexander Ruoff


Der Bürgermeister von Barcelona und die Autoren des Ersten Europäischen roman noir Treffens:
Patrick Bard, Thierry Jonquet, Donna Leon, Francisco Gonzales Ledesma, Andreu Martin,
José Carlos Somoza, Antonio Lozan und Alicia Giménez Bartlett.
© Anna Porta Abella


Im gediegenen Zentrum für zeitgenössische Kultur in Barcelona werden die Besucher von einem hochhängenden, schwarz-weiß-Porträt eines melancholisch lächelnden Manuel Vázquez Montalbán empfangen. Sein Blick verliert sich in den großen Glasfenstern, die zum Hafen weisen. Dieses Treffen tagt unter seiner Schirmherrschaft, ein Jahr nach seinem Tod, in der mit ihm auf immer verbundenen Stadt. Es war ein symbolisches Treffen in diesen unruhigen Zeiten der Europäischen Verfassung.

Neben den Diskussionsveranstaltungen wurden dem Schriftsteller alle Arten von Ehrungen zuteil. Recht akademischen - im Beisein des Bürgermeisters von Barcelona lasen die Schriftsteller Petros Markaris, Donna Leon und Francisco González Ledesma Texte um ihm zu gedenken - aber auch sehr bewegenden, wie etwa ein Spaziergang zu den symbolischen Orten seines Barcelona und eine berührende Lesung eines kaum bekannten Textes, den er anlässlich des 25. Geburtstags von Pepe Carvalho veröffentlicht hatte. In diesem Text treffen der Autor und seine Figur aufeinander, um eine nostalgische und polemische Bilanz der gemeinsam verbrachten Jahre zu ziehen.

Auch wenn in einer der ersten Arbeitsgruppen mit dem Titel »Roman noir und europäische Identität« zunächst Fragen nach der Existenz eines hypothetischen europäischen Krimis aufgeworfen wurden, der eine noch hypothetischere europäische Identität entlang der kulturellen und geographischen Kontinuitäten widerspiegele (»Der Roman noir des Mittelmeerraums« und »Von Dublin nach Moskau« lauteten die Titel der beiden runden Tische), brachten die folgenden Diskussionen gerade das Gegenteil, nämlich die Vielfalt der Konzeptionen und Praktiken zum Vorschein, und das trotz der interessanten Ausführungen von Grec Markaris über den Roman noir des Mittelmeerraums. Dies lag wahrscheinlich auch an der Themenvorgabe der Organisatoren. Denn die Diskussion wollte nicht so recht in Schwung kommen. Die Autoren, die in zwei Arbeitsgruppen zusammengekommen waren (»Der Roman noir, der neue soziale Roman«, nannte sich die zweite) teilten sich wiederum in vier runde Tische auf.

Jean-Christophe Granger © Anna Porta Abella

Jeder der Schriftsteller versuchte so gut es ging, sich mit dieser Einschränkung zu arrangieren: Jean-Christoph Granger, den man gebeten hatte, über die Beziehungen zwischen dem Roman noir und dem Kino zu sprechen, war in seinem Element; José Carlos Somoza hatte das Thema »Kultureller Krimi« abbekommen und trotz seines erkennbar guten Willens konnte er nicht erklären, worum es sich dabei handeln sollte - er wusste es selbst nicht so genau; das Thema von Lorenzo Silva lautete »Von der franquistischen zur demokratischen Polizei im spanischen Roman noir«. Er verlor sich in einem sehr langen Plädoyer zugunsten dieser Institution, was einigen Anwesenden sauer aufstieß; Thierry Jonquet, den man über »Der Krimi als politische Aktion« sprechen ließ, begnügte sich damit, mit Phlegma einige nichtsdestotrotz lustige Anekdoten zu erzählen, während Jakob Arjouni das Thema seines Vortrags schlicht und ergreifend vergessen hatte.

Doch dank der jungen und enthusiastischen Veranstalter fand das alles in einer sehr angenehmen und leutseligen Stimmung statt. Einige Vorträge hatten ins Schwarze getroffen, insbesonder der von Antonio Lozano, einem Schriftsteller von den Kanaren und Autor zweier Romane über die Einwanderung (Harraga und Donde mueren los ríos). Er vermittelte, wie begeistert und präzise er mit diesem Thema umgehen kann. Oder die Portugiesin Filipa Melo, die, ausgehend von einer Analyse des portugiesischen Roman noir, dem Genre eine metaphysische Besessenheit mit dem Tod vorwarf. Nicht zu vergessen auch eine nächtliche Sitzung an der Thierry Jonquet, Patrick Bard, Carlos Quílez und Andreu Martín teilnahmen (es ging um das sehr allgemeine Thema »Sex, Lüge und Zeitungen«). Dabei entwickelte sich endlich eine Diskussion zwischen Autoren und Publikum, was vermutlich der späten Stunde und der gelockerten Atmosphäre zu verdanken war.

Diese Diskussion setzte am nächsten Tag in den Bibliotheken des Viertels und in der Bücherei Negra y criminal (Schwarz und kriminell) fort, wo sich die Schriftsteller versammelten um, ein Glas Wein in der Hand, ihre Bücher zu signieren, aber auch und vor allem, und das geht auf die schöne Atmosphäre des Festivals zurück, bis spät in die Nacht in den zahlreichen Bars rund um die Ramblas...

 


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