
>> Festivalbericht
Erstes
europäisches Roman Noir Treffen
• in Barcelona • vom 20. bis 22. Januar 2005 •
Sébastien
Rutés
Übersetzung:
Alexander Ruoff

Der
Bürgermeister von Barcelona und die Autoren des Ersten Europäischen
roman noir Treffens:
Patrick Bard,
Thierry Jonquet, Donna Leon, Francisco
Gonzales Ledesma,
Andreu Martin,
José Carlos Somoza, Antonio
Lozan und Alicia Giménez Bartlett.
© Anna
Porta Abella
Im gediegenen Zentrum für zeitgenössische Kultur in Barcelona
werden die Besucher von einem hochhängenden, schwarz-weiß-Porträt
eines melancholisch lächelnden Manuel
Vázquez Montalbán empfangen. Sein Blick verliert sich in den großen Glasfenstern,
die zum Hafen weisen. Dieses Treffen tagt unter seiner Schirmherrschaft,
ein Jahr nach seinem Tod, in der mit ihm auf immer verbundenen Stadt.
Es war ein symbolisches Treffen in diesen unruhigen Zeiten der Europäischen
Verfassung.
Neben
den Diskussionsveranstaltungen wurden dem Schriftsteller alle Arten
von Ehrungen zuteil. Recht akademischen
- im Beisein des Bürgermeisters
von Barcelona lasen die Schriftsteller Petros Markaris, Donna
Leon und Francisco
González Ledesma Texte um ihm zu gedenken - aber
auch sehr bewegenden, wie etwa ein Spaziergang zu den symbolischen
Orten seines Barcelona und eine berührende Lesung eines kaum bekannten
Textes, den er anlässlich des 25. Geburtstags von Pepe Carvalho
veröffentlicht hatte. In diesem Text treffen der Autor und
seine Figur aufeinander, um eine nostalgische und polemische
Bilanz der gemeinsam
verbrachten Jahre zu ziehen.
Auch
wenn in einer der ersten Arbeitsgruppen mit dem Titel »Roman
noir und europäische Identität« zunächst Fragen
nach der Existenz eines hypothetischen europäischen Krimis aufgeworfen
wurden, der eine noch hypothetischere europäische Identität
entlang der kulturellen und geographischen Kontinuitäten widerspiegele
(»Der Roman noir des Mittelmeerraums« und »Von Dublin
nach Moskau« lauteten die Titel der beiden runden Tische), brachten
die folgenden Diskussionen gerade das Gegenteil, nämlich die Vielfalt
der Konzeptionen und Praktiken zum Vorschein, und das trotz der interessanten
Ausführungen von Grec Markaris über den Roman noir des Mittelmeerraums.
Dies lag wahrscheinlich auch an der Themenvorgabe der Organisatoren.
Denn die Diskussion wollte nicht so recht in Schwung kommen. Die Autoren,
die in zwei Arbeitsgruppen zusammengekommen waren (»Der
Roman noir, der neue soziale Roman«, nannte
sich die zweite) teilten sich wiederum in vier runde Tische auf.
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Jean-Christophe
Granger © Anna Porta Abella
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Jeder
der Schriftsteller versuchte so gut es ging, sich mit dieser Einschränkung zu arrangieren:
Jean-Christoph Granger,
den man gebeten hatte, über die Beziehungen
zwischen dem Roman noir und dem Kino zu sprechen, war in seinem Element;
José Carlos Somoza hatte
das Thema »Kultureller Krimi« abbekommen
und trotz seines erkennbar guten Willens konnte er nicht erklären,
worum es sich dabei handeln sollte - er wusste es selbst nicht so genau;
das Thema von Lorenzo Silva lautete »Von der franquistischen
zur demokratischen Polizei im spanischen Roman noir«.
Er verlor sich in einem sehr langen Plädoyer zugunsten dieser Institution,
was einigen Anwesenden sauer aufstieß; Thierry
Jonquet, den man über »Der
Krimi als politische Aktion« sprechen ließ, begnügte
sich damit, mit Phlegma einige nichtsdestotrotz lustige Anekdoten zu
erzählen, während Jakob Arjouni das
Thema seines Vortrags schlicht und ergreifend vergessen hatte.
Doch dank der jungen
und enthusiastischen Veranstalter fand das alles in einer sehr angenehmen
und leutseligen Stimmung statt. Einige Vorträge
hatten ins Schwarze getroffen, insbesonder der von Antonio
Lozano,
einem Schriftsteller von den Kanaren und Autor zweier Romane über
die Einwanderung (Harraga und Donde mueren
los ríos). Er vermittelte,
wie begeistert und präzise er mit diesem Thema umgehen kann. Oder
die Portugiesin Filipa Melo, die, ausgehend von einer Analyse des portugiesischen
Roman noir, dem Genre eine metaphysische Besessenheit mit dem Tod vorwarf.
Nicht zu vergessen auch eine nächtliche Sitzung an der Thierry
Jonquet, Patrick Bard, Carlos
Quílez und Andreu
Martín teilnahmen (es ging um das sehr allgemeine Thema »Sex, Lüge
und Zeitungen«). Dabei entwickelte sich endlich eine Diskussion
zwischen Autoren und Publikum, was vermutlich der späten Stunde
und der gelockerten Atmosphäre zu verdanken war.
Diese
Diskussion setzte
am nächsten Tag in den Bibliotheken des
Viertels und in der Bücherei Negra y criminal (Schwarz und kriminell)
fort, wo sich die Schriftsteller versammelten um, ein Glas Wein in
der Hand, ihre Bücher zu signieren, aber auch und vor allem, und
das geht auf die schöne Atmosphäre des Festivals zurück,
bis spät in die Nacht in den zahlreichen Bars rund um
die Ramblas...

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