krimis in Europa
n°2 July-August-September 2005

 

 

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Festnoire 2004

• Mexico (Mexique) • November 2004

Raphaël Villatte
Aus dem Französischen von Alexander Ruoff

 

Erster Tag. 22. November 2004: Heredia und Coulomb

Man musste einfach dort gewesen sein! Man musste dort gewesen sein in dem bequemen Hörsaal der Alliance Française von San Angel, mitten in einem der gutbürgerlichen Viertel der größten Stadt der Welt, an einem dieser Orte, wo man bei einem nächtlichen Spaziergang, nur zwei Schritte von der Avenue Insurgentes entfernt, einer Art Champs-Elysées, vergessen mag, wovor einen Reiseführer und Romane warnen, um Touristen und Einheimische das Fürchten zu lehren.

Das Thema: Die Grenze. Sie zog sich durch das ganze Festival Festnoire des Jahres 2004. Wie soll man sich diese Grenze vorstellen, die identische oder genauer gesagt benachbarte Kulturen von einander abgrenzt und spaltet? Was hat man von ihr zu befürchten, von ihren Auswirkungen auf die Menschen?

Rafael Ramirez Heredia hat viel über seine Grenze gesprochen. Nicht die im Norden, die das Festnoire zwei Tage später thematisieren wird, sondern die im Süden, die praktisch aus fünfhundert Kilometern Dschungel besteht, die als einzigen Durchgang zwei Partnerstädte - Hidalgo auf der mexikanischen und Tapachula auf der guatemaltekischen Seite - hat und eine gigantische Doppelbrücke, die die Sümpfe überquert. Auf der einen Seite Mexiko, das irdische Vorzimmer des Empires, das man durchqueren muss und durch das man hofft, schnell hindurchzukommen. Auf der anderen Seite der Rest der Welt, arm und hungrig, bereit den höchsten Preis für eine Chance auf Erfolg zu bezahlen. Junge Leute, tätowiert von Kopf bis Fuß, mit gemalten Tränen auf den Wangen, so viele, wie es der Verbindung zwischen Mörder und Opfer entspricht, den Mördern, die Mara Salvatrucha auflauern. Das ist kein isoliertes Phänomen, führte Rafel Ramirez Heredia aus. Es ist häufig und weit verbreitet, bis hinein in die Vororte von Mexiko, der schlaflosen Stadt.

 

Zweiter Tag, 24. November: Diskussion mit Patrick Bard, Hector Dominguez und Rafael Bonilla

Patrick Bard, ein Franzose, der sich in der Welt herumtreibt und Autor des Romans La Frontière (Die Grenze), der in Frankreich ein großer Erfolg und in Mexiko vor einigen Monaten erschienen ist, traf auf Rafael Bonilla, einen Dokumentarfilmer aus Mexiko und seinen Begleiter auf dem schwarzen Pfad, den Forscher Hector Dominguez von der Universität Austin. Der Dokumentarfilm von Rafael Bonilla, La Batalla de las Cruces (Die Schlacht der Kreuze) wurde dann im Laufe des Abends gezeigt.

Das Thema ließ Humor kaum zu, bedrückend, wie es war. An diesem Abend sollte zwischen Fiktion und Realität, einer der mörderischsten Aspekte der Grenze beleuchtet und gezeigt werden: Das Verschwinden und der Mord in der Stadt Ciudad Juarez. Hunderte von Frauenleichen sind in der Wüste, die die Stadt umgibt, aufgetaucht.

Die erste Frage diente lediglich dazu, das Gespräch in Gang zu bringen, das Schweigen zu brechen, das sich durch den emotionalen Schock einzustellen drohte. Unter den anwesenden Journalisten und Forschern war die Herangehensweise umstritten: Weshalb haben die einen die Fiktion gewählt, warum die anderen nicht? Stellt sich die Realität in diesem Fall nicht wie eine Fiktion dar?

Patrick Bard, der seit langem als Journalist tätig ist optierte nach seinem Besuch von Ciudad Juarez für die Fiktion. Aus einer spontanen Reaktion heraus. Außerdem sei dem Krimi eine andere Überzeugungskraft eigen, eine Dynamik, die sich für eine aufs falsche Gleis geratene Gesellschaft interessiert. Zweifellos kann man in einer Fiktion einige Themen leichter behandeln, die öffentlichen Empfindlichkeiten direkter angehen, als in einer Dokumentation.

Hector Dominguez, der Sprecher des Duos, optierte mit gebrochener Stimme, zwischen Resignation und Wut schwankend, für die Realität, die die Beiden dazu gebracht hat, einen langen Dokumentarfilm zusammenzustellen. Ja, diese Realität ist unglaublich. Mehr noch als die Morde sind es die Entführungen, die Angst einflößen. Die Untätigkeit der Polizei ist eine nationale Schande. Die Korruption der Justiz widerwärtig, die Verzweiflung der Familien entwaffnend.

Aber existiert diese Grenze überhaupt, wo doch bestimmte Mexikaner aus dem Norden mit ihren Gegenübern im Süden der Vereinigten Staaten die rauen Werte einer kriegerischen Männlichkeit teilen? Unter anderem die Animosität, die trotz der Folklore zwischen Nortenos und weißen Guerros weiterbesteht. Diese Grenze ist fließender als die texanische Gesellschaft, die nicht aufhört, sich zu mexikanisieren und wo man, folgt man den Erzählungen von Patrick, durch den ganzen Süden fahren kann, ohne sein Englisch benutzen zu müssen.

 

Dritter Tag, 25. November: Interview mit Patrick Bard und Eduardo Antonio Parra

Das Werk von Parra ist reichhaltig und dicht. Einige Erzählbände, einige Romane. Mit seinen 39 Jahren würde dieser bärtige und glatzköpfige Riese leicht als Holzfällerchampion mit Armen aus Eisen durchgehen. Hinter diesem Schriftsteller muss bereits ein langes Leben liegen. Und der Humor, den er stets vor sich herträgt, lässt sich nicht von der Düsterkeit seiner Texte trennen, von ihrer Intimität und Tiefe, nahe am Ekel. Der Autor dieser Zeilen glaubte leichthin, eine seiner Erzählungen, an einem Wochenende in einem Happen verschlingen zu können. Unmöglich. Ein Satz von Parra ist hart und genau, die Thematik lässt niemanden gleichgültig und seine Figuren stehen zumeist schon mit einem Bein im Grab, wohin Parra sie mitleidslos begleitet.

Was soll man von diesem paradoxen Grenzgänger denken? Parra und Bard beschreiben sehr genau die Denkweise der Männer und Frauen und Parra stellt bestimmt mit amüsiertem Lächeln die neuen traditionellen Uniformen der pandilla, der Gang vor: Dreizehn Nummern zu große T-Shirts, zu lange Hosen, Netze in den Haaren... Und auch die Mädchen, oftmals sehr hübsch, grell geschminkt, aggressiv und immer bereit für die bösartigen Opferrituale, um den Gangs beizutreten... Auch alte Mythen wurden heraufbeschworen: Parra verglich diesen Rio mit einem Doppelnamen mit Lethe, dem Fluss der griechischen Unterwelt, aus dem die Verstorbenen das Vergessen trinken. Wie soll man darin nicht ein Entsprechung erkennen? Hier lässt der Migrant seine Papiere, seine Vergangenheit, seine Geschichte und vielleicht auch, so hofft er, seine Nationalität zurück. Er taucht auf der anderen Seite wieder auf, vollkommen vergessen, so hofft er immer noch, von dieser anderen Welt, unerträglich. Wenn er wieder auftaucht. Und der Styx, ist er nicht auch einer dieser Höllenflüsse? Charons, die für einen Obolus eine Überfahrt in das Vergessen anbieten, gibt es hier viele.

 

 

Vierter Tag, 26. November: Don Paco

Von links nach rechts, stehend: Jacques Aubergis (Begründer des Preises Antonin Arthaud), Juan Hernandez Luna (Autor), Paco Ignacio Taibo II, Paloma Saiz (Frau Taibo); sitzend: Emmanuel Rivière (Direktor der Alliance Francaise von Del Valle, Begründer des Festivals Festnoire) und Raphael Villatte.

 

Die Anekdoten folgten dicht aufeinander. Wie Paco die Grenze von Tijuana zu Fuß überquerte, aus Spaß, nur so, um sich umzusehen. Und wie er viereinhalb Stunden lang wegen einer einzigen Frage festsaß: Wieso er denn abstritte, in den letzten Jahren in einer Bäckerei in San Diego gearbeitet zu haben, wo es doch der allwissende Computer so sage? Kafka, so Paco, war kein Tscheche, er wurde in der Colonia Lindavista in Mexiko, D.F. geboren und von da aus wanderte er mit fünfzehn Jahren ins kalte Europa aus... Später, in einer Art Vorpremiere erzählte uns Paco von seiner Leidenschaft für den geheimnisvollen Pancho Villa, über den er seit geraumer Zeit Tag und Nacht schreibt. »Er fasziniert mich noch mehr als Che...« Wie er fähig sein wird, zu beweisen, dass die sterblichen Überreste von Pancho Villa eigentlich die einer Frau sind, die mit 65 Jahren an Krebs gestorben ist - noch können wir es nicht sagen.

Und was ist mit der Grenze? Was mit dem Krimi? Ohne einen hysterischen Anfall zu bekommen, was amüsant wäre, sollte man Paco Ignacio Taibo II zwischen den Zeilen lesen, vor allem wenn er sich den Schaum seiner letzten Cola aus dem Bart wischt. Dann kann er sich die Mischung aus Faszination und Abscheu vor Sam Peckinpah eingestehen. »Eine hurenmäßige Darstellung Mexikos als eine Tschaikowsky-Nussknacker-Version, um etwas zu filmen, was ich mir als etwas grässliches, unangenehmes und schmerzhaftes vorstelle. Und eine Darstellung, die mich gleichzeitig fasziniert.«

Obgleich ein Phantast, drückte Paco Ignacio Taibo II doch fleißig die Sitzbänke der Uni Auch wenn er behauptet, dass »die Universität eine Maschine ist, die die Entwicklung der jungen Leute hemmt«, hat er in ihr sein historisches Rüstzeug erlernt. Und die Freude am peinlich genauen Recherchieren, am Sondieren des Terrains, dem Staub auf den Knochen, zeigt sich auf jeder seiner Seiten.

Ein listiges Lächeln entschlüpft ihm, während man ihm die Frage stellt: Warum einen Roman schreiben und nicht viel eher eine wissenschaftliche Abhandlung? Weil er alles hat: eine forsche Gangart, die Freude am freien Schreiben, und das mehr und mehr. Und er bricht in schallendes Gelächter aus, als der Verfasser dieser Zeilen ihm beichtet, dass seine Romane die einzigen Quellen seiner Bildung über die mexikanische Geschichte sind. Das ist wirklich wahr, Don Paco...

 

Zusammengestellt von Raphaël.
Teilnehmer: Paco Ignacio Taibo II, Emmanuel Rivière, Raphaël Vilatte

 

 


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