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Festnoire
2004
• Mexico
(Mexique) • November 2004 •
Raphaël
Villatte
Aus
dem Französischen von Alexander Ruoff
Erster
Tag. 22. November 2004: Heredia
und Coulomb
Man
musste einfach dort gewesen sein! Man musste dort gewesen sein
in dem bequemen Hörsaal der Alliance Française von San
Angel, mitten in einem der gutbürgerlichen Viertel der größten
Stadt der Welt, an einem dieser Orte, wo man bei einem nächtlichen
Spaziergang, nur zwei Schritte von der Avenue Insurgentes entfernt,
einer Art Champs-Elysées, vergessen mag, wovor einen Reiseführer
und Romane warnen, um Touristen und Einheimische das Fürchten
zu lehren.
Das Thema: Die
Grenze. Sie zog sich durch das ganze
Festival Festnoire des Jahres 2004. Wie soll man sich diese
Grenze vorstellen, die identische
oder genauer gesagt benachbarte Kulturen von einander abgrenzt
und spaltet? Was hat man von ihr zu befürchten, von ihren
Auswirkungen auf die Menschen?
Rafael
Ramirez Heredia hat
viel über seine Grenze gesprochen. Nicht
die im Norden, die das Festnoire zwei Tage später thematisieren
wird, sondern die im Süden, die praktisch aus fünfhundert
Kilometern Dschungel besteht, die als einzigen Durchgang zwei Partnerstädte
- Hidalgo auf der mexikanischen und Tapachula auf der guatemaltekischen
Seite - hat und eine gigantische Doppelbrücke, die die Sümpfe überquert.
Auf der einen Seite Mexiko, das irdische Vorzimmer des Empires, das
man durchqueren muss und durch das man hofft, schnell hindurchzukommen.
Auf der anderen Seite der Rest der Welt, arm und hungrig, bereit den
höchsten Preis für eine Chance auf Erfolg zu bezahlen. Junge
Leute, tätowiert von Kopf bis Fuß, mit gemalten Tränen
auf den Wangen, so viele, wie es der Verbindung zwischen Mörder
und Opfer entspricht, den Mördern, die Mara Salvatrucha auflauern.
Das ist kein isoliertes Phänomen, führte Rafel Ramirez Heredia
aus. Es ist häufig und weit verbreitet, bis hinein in die
Vororte von Mexiko, der schlaflosen Stadt.
Zweiter
Tag, 24. November: Diskussion mit Patrick Bard, Hector Dominguez
und Rafael Bonilla
Patrick
Bard, ein Franzose, der sich in der Welt herumtreibt
und Autor des Romans La Frontière (Die
Grenze), der in Frankreich ein
großer Erfolg und in Mexiko vor einigen Monaten erschienen ist,
traf auf Rafael Bonilla, einen Dokumentarfilmer aus Mexiko und seinen
Begleiter auf dem schwarzen Pfad, den Forscher Hector Dominguez von
der Universität Austin. Der Dokumentarfilm von Rafael Bonilla,
La Batalla de las Cruces (Die Schlacht der Kreuze) wurde dann im Laufe
des Abends gezeigt.
Das
Thema ließ Humor kaum zu, bedrückend, wie es war. An
diesem Abend sollte zwischen Fiktion und Realität, einer der mörderischsten
Aspekte der Grenze beleuchtet und gezeigt werden: Das Verschwinden
und der Mord in der Stadt Ciudad Juarez. Hunderte von Frauenleichen
sind in der Wüste, die die Stadt umgibt, aufgetaucht.
Die
erste Frage diente lediglich dazu, das Gespräch in Gang zu
bringen, das Schweigen zu brechen, das sich durch den emotionalen Schock
einzustellen drohte. Unter den anwesenden Journalisten und Forschern
war die Herangehensweise umstritten: Weshalb haben die einen die Fiktion
gewählt, warum die anderen nicht? Stellt sich die Realität
in diesem Fall nicht wie eine Fiktion dar?
Patrick
Bard, der seit langem als Journalist tätig ist optierte
nach seinem Besuch von Ciudad Juarez für die Fiktion. Aus einer
spontanen Reaktion heraus. Außerdem sei dem Krimi eine andere Überzeugungskraft
eigen, eine Dynamik, die sich für eine aufs falsche Gleis geratene
Gesellschaft interessiert. Zweifellos kann man in einer Fiktion einige
Themen leichter behandeln, die öffentlichen Empfindlichkeiten
direkter angehen, als in einer Dokumentation.
Hector
Dominguez,
der Sprecher des Duos, optierte mit gebrochener Stimme, zwischen
Resignation und Wut schwankend, für die Realität,
die die Beiden dazu gebracht hat, einen langen Dokumentarfilm zusammenzustellen.
Ja, diese Realität ist unglaublich. Mehr noch als die Morde sind
es die Entführungen, die Angst einflößen. Die Untätigkeit
der Polizei ist eine nationale Schande. Die Korruption der Justiz widerwärtig,
die Verzweiflung der Familien entwaffnend.
Aber
existiert diese Grenze überhaupt, wo doch bestimmte Mexikaner
aus dem Norden mit ihren Gegenübern im Süden der Vereinigten
Staaten die rauen Werte einer kriegerischen Männlichkeit teilen?
Unter anderem die Animosität, die trotz der Folklore zwischen
Nortenos und weißen Guerros weiterbesteht. Diese Grenze ist fließender
als die texanische Gesellschaft, die nicht aufhört, sich zu mexikanisieren
und wo man, folgt man den Erzählungen von Patrick, durch den ganzen
Süden fahren kann, ohne sein Englisch benutzen zu müssen.
Dritter
Tag, 25. November: Interview mit Patrick Bard und Eduardo Antonio
Parra
Das
Werk von Parra ist
reichhaltig und dicht. Einige Erzählbände,
einige Romane. Mit seinen 39 Jahren würde dieser bärtige
und glatzköpfige Riese leicht als Holzfällerchampion
mit Armen aus Eisen durchgehen. Hinter diesem Schriftsteller muss
bereits
ein langes Leben liegen. Und der Humor, den er stets vor sich herträgt,
lässt sich nicht von der Düsterkeit seiner Texte trennen,
von ihrer Intimität und Tiefe, nahe am Ekel. Der Autor dieser
Zeilen glaubte leichthin, eine seiner Erzählungen, an einem
Wochenende in einem Happen verschlingen zu können. Unmöglich.
Ein Satz von Parra ist hart und genau, die Thematik lässt
niemanden gleichgültig
und seine Figuren stehen zumeist schon mit einem Bein im Grab,
wohin Parra sie mitleidslos begleitet.
Was
soll man von diesem paradoxen Grenzgänger denken? Parra und
Bard beschreiben sehr genau die Denkweise der Männer und Frauen
und Parra stellt bestimmt mit amüsiertem Lächeln die neuen
traditionellen Uniformen der pandilla, der Gang vor: Dreizehn Nummern
zu große T-Shirts, zu lange Hosen, Netze in den Haaren... Und
auch die Mädchen, oftmals sehr hübsch, grell geschminkt,
aggressiv und immer bereit für die bösartigen Opferrituale,
um den Gangs beizutreten... Auch alte Mythen wurden heraufbeschworen:
Parra verglich diesen Rio mit einem Doppelnamen mit Lethe, dem Fluss
der griechischen Unterwelt, aus dem die Verstorbenen das Vergessen
trinken. Wie soll man darin nicht ein Entsprechung erkennen? Hier lässt
der Migrant seine Papiere, seine Vergangenheit, seine Geschichte und
vielleicht auch, so hofft er, seine Nationalität zurück.
Er taucht auf der anderen Seite wieder auf, vollkommen vergessen, so
hofft er immer noch, von dieser anderen Welt, unerträglich. Wenn
er wieder auftaucht. Und der Styx, ist er nicht auch einer dieser Höllenflüsse?
Charons, die für einen Obolus eine Überfahrt in das
Vergessen anbieten, gibt es hier viele.
Vierter
Tag, 26. November: Don Paco
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Von
links nach rechts, stehend: Jacques Aubergis (Begründer
des Preises Antonin Arthaud), Juan Hernandez Luna (Autor),
Paco Ignacio Taibo II, Paloma Saiz (Frau Taibo); sitzend:
Emmanuel Rivière (Direktor der Alliance Francaise
von Del Valle, Begründer des Festivals Festnoire)
und Raphael Villatte. |
Die
Anekdoten folgten dicht aufeinander. Wie Paco die Grenze von
Tijuana zu Fuß überquerte, aus Spaß, nur so, um sich umzusehen.
Und wie er viereinhalb Stunden lang wegen einer einzigen Frage festsaß:
Wieso er denn abstritte, in den letzten Jahren in einer Bäckerei
in San Diego gearbeitet zu haben, wo es doch der allwissende Computer
so sage? Kafka, so Paco, war kein Tscheche, er wurde in der Colonia
Lindavista in Mexiko, D.F. geboren und von da aus wanderte er mit fünfzehn
Jahren ins kalte Europa aus... Später, in einer Art Vorpremiere
erzählte uns Paco von seiner Leidenschaft für den geheimnisvollen
Pancho Villa, über den er seit geraumer Zeit Tag und Nacht schreibt. »Er
fasziniert mich noch mehr als Che...« Wie er fähig sein
wird, zu beweisen, dass die sterblichen Überreste von Pancho Villa
eigentlich die einer Frau sind, die mit 65 Jahren an Krebs gestorben
ist - noch können wir es nicht sagen.
Und
was ist mit der Grenze? Was mit dem Krimi? Ohne einen hysterischen
Anfall zu bekommen, was amüsant wäre, sollte man Paco
Ignacio Taibo II zwischen den Zeilen lesen, vor
allem wenn er sich den Schaum seiner letzten Cola aus dem Bart
wischt. Dann kann er sich die Mischung
aus Faszination und Abscheu vor Sam Peckinpah eingestehen. »Eine
hurenmäßige Darstellung Mexikos als eine Tschaikowsky-Nussknacker-Version,
um etwas zu filmen, was ich mir als etwas grässliches, unangenehmes
und schmerzhaftes vorstelle. Und eine Darstellung, die mich gleichzeitig
fasziniert.«
Obgleich
ein Phantast, drückte Paco Ignacio Taibo II doch fleißig
die Sitzbänke der Uni Auch wenn er behauptet, dass »die
Universität eine Maschine ist, die die Entwicklung der jungen
Leute hemmt«, hat er in ihr sein historisches Rüstzeug
erlernt. Und die Freude am peinlich genauen Recherchieren, am
Sondieren des
Terrains, dem Staub auf den Knochen, zeigt sich auf jeder seiner
Seiten.
Ein
listiges Lächeln entschlüpft ihm, während man ihm
die Frage stellt: Warum einen Roman schreiben und nicht viel eher eine
wissenschaftliche Abhandlung? Weil er alles hat: eine forsche Gangart,
die Freude am freien Schreiben, und das mehr und mehr. Und er bricht
in schallendes Gelächter aus, als der Verfasser dieser Zeilen
ihm beichtet, dass seine Romane die einzigen Quellen seiner Bildung über
die mexikanische Geschichte sind. Das ist wirklich wahr, Don
Paco...
Zusammengestellt
von Raphaël.
Teilnehmer:
Paco Ignacio Taibo II, Emmanuel Rivière, Raphaël
Vilatte

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