krimis in Europa
n°2 July-August-September 2005

 

 

>> Festivalbericht

Krimifestival in Saint-Quentin-en-Yveslines

"Dem Polar zu Ehren"

• Saint-Quentin en Yveline (France) • Vom 4. bis 6. Februar 2005

Cathy Fourez
Übersetzung: Elfriede Müller

 

Stellen Sie sich einen Ort im Nirgendwo vor, da wo sich die Füchse gute Nacht sagen... Ein Haus voller Leichen im Keller, wo es in den spanisch-französisch-schwedischen Debatten hart auf hart zugeht, wo die Krimischriftsteller ihre letzten erzählerischen Waffen ziehen und ihre Widmungen mit der Maschinenpistole schreiben, die schwarzen Melodien in rosa Wolken schweben, weil der Jazz und der Austausch mit den Autoren der schwarzen Literatur sie beflügeln... Um eine solchermaßen begünstigte fiktionale Zone zu bevölkern, trafen sich an einem Wochenende unter anderem Arsène Lupin, Ricardo Méndez, der Detektiv aus Barcelona, der schwedische Inspektor Martin Beck und Félix Dutrey, der Ermittler aus Toulouse. Sie alle hatten sich aufgemacht, einem urbanen Labyrinth zu trotzen und den zehnten Geburtstag des Krimifestivals in Saint-Quentin-en-Yveslines vom 4. bis 6. Februar unter der Schirmherrschaft von Fred Vargas zu begehen.

Das Publikum hatte Gelegenheit jene zu treffen, die zumeist in den chaotischen und düstereren Quellen der menschlichen Existenz verharren um, besoffen von Wörtern, die sie manchmal grausam, manchmal mit Leidenschaft bearbeiten, einige Blitzlichter der Aktualität in das Leben der Leser eindringen zu lassen, einer immer ungewisseren und undurchsichtigeren Realität. Auf unserer Reise begrüßten wir Maj Sjöwall, der Claude Mesplède als literarischer Berater des Festivals eine Hommage erwies. Sjöwall beschrieb mit ihrem verstorbenen Mann, Per Wahlöö, die Abenteuer des Stockholmer Kommissars Beck und seinem Team und die Zwischenfälle, die die schwedische Gesellschaft der sechziger und siebziger Jahre aufwirbelten1.

Auf unserer unorthodoxen Rundreise und Pilgerfahrt durch die Krimilandschaften verweilten wir in fiktionalen urbanen Räumen, geographischen Reflexen unseres eigenen oder ganz anderer Leben. Gunnar Staalesen2 brachte aus seinem Bergener Hafen erneut seinen Helden, den Privatdetektiv Varg Veum mit, der immer auf Suche nach Überzeugungen ist und in den widerwärtigen Geschichten des kollektiven norwegischen Unbewussten herumwühlt. Jérôme Leroy3 hat aus Lille einen Hort der Rebellion gegen die Deregulierungen des sogenannten Fortschritts werden lassen. Yvonne Besson4 erfand mit seinen von Tinte verschmierten Fingern eine "Bestie Mensch", die alle ins Gras beißen lässt, die ihm unangenehm werden. Félix Dutrey, der Protagonist von Pascal Dessaint5, sucht in den Straßen von Toulouse nach den Spuren des Mörders von Jacques Lafleur, der seit der Explosion der Fabrik AZF wegen seiner angeschlagenen Gesundheit bei seiner Schwester lebte. Weiter südöstlich wühlt Jean Contrucci6 mit journalistischem Eifer in der Erinnerung und der Genealogie der Phönizerstadt herum.

Nun begeben wir uns in die Pyrenäen und lassen uns von dem Plätschern und Getöse des reompeolas und der Ramblas berauschen, Symbole dieses unsichtbaren Barcelona. Um uns die ungewöhnlichen Städter des spanischen Krimis zu vergegenwärtigen, luden wir zwei bekannte Autoren ein, Francisco Gonzáles Ledesma7 und Andreu Martin8. Die beiden hatten viel Vergnügen bei ihren Lesungen und Diskussionen mit den gabachos (Franzosen). Aus ihren Erzählungen entsteht ein aufwühlendes und beunruhigendes Barcelona, seine unsichtbaren und versteckten Eigentümlichkeiten, sein Elend, aber auch die Immoralität und der Zynismus der Macht und des Geldes, und, bei Martin vor allem, die Gewalt der Mafia. Wie oft bemühte sich Ledesmas Detektiv, der alte Méndez, der seine Recherchen direkt nach der Demokratisierung begann, in dieser von Unternehmern bestimmten Metropole das Barcelona der Lastwagenfahrer, der hübschen Nutten und der Poeten zu entdecken. Die zwei katalanischen Schriftsteller erforschen emsig und im Stil des roman noir das Innenleben dieses Barcelona, das den Verrat und seine Verletzungen durch den Bürgerkrieg und den Franquismus versteckt. Die Spaziergänge des Privatdetektivs durch das städtische Gehege sind ein Mittel der kritischen Realitätsbetrachtung, eine Technik, die auch Manuel Vázquez Montalbán beherrschte. Der herrschende Skeptizismus, die Verbindung zu den Elenden und Ausgestoßenen, der gestürzte Held, die Ironie, die bittere Kritik der menschlichen Beziehungen legt nahe, wie es Claude Mesplède auf diesem Festival erläuterte, dass Francisco González Ledesma und Andreu Martin einerseits die Erben und andererseits die Erneuerer des Pikaroromans sind, einer typisch spanischen Literaturtradition.

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1 Sjöwall, Maj und Per Wahlöö: Verschlossen und verriegelt. Reinbek 2000. Und die Großen lässt man laufen. Reinbek 2000. Endstation für neun. Reinbek 2000. Die Tote im Götakanal. Reinbek 2000. Der Mann auf dem Balkon. Reinbek 2000. Der Mann, der sich in Luft auflöste. Reinbek 2000. Alarm in Sköldgatan. Reinbek 2000 | Rückkehr |
2 Staalesen, Gunnar: Im Dunkeln sind alle Wölfe grau. München 2001.| Rückkehr |
3 Leroy arbeitet als Lehrer für Literatur in einer Schule in Roubaix. Er hat mehr als zehn Romane geschrieben, u.a. L'Orange de Malte (1990), Monnaie bleue (1997), Big Sister (2000), Bref rapport sur une très fugitive beauté (2002), Quelque chose de merveilleux (2004), Le cadavre du jeune homme dans les fleurs rouges (2004), Mille et une nuit (2004) | Rückkehr |
4
Besson, Yvonne: Un coin tranquille pour mourir. Paris 2004 | Rückkehr |
5 Dessaint, Pascal: Loin des humains. Paris 2005. In deutsch von ihm erschienen: Pulp und die Berge. Reinbek 1998. Den Menschen entfernt (angekündigt) | Rückkehr |
6 Contrucci, Jean: Le secret du docteur Danglard. Paris 2004 | Rückkehr |
7 González Ledesma, Francisco: Méndez. Paris 2003 | Rückkehr |
8 Martin, Andreu: Barcelona connection. Frankfurt/M. 1989 | Rückkehr |




 


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