Stellen
Sie sich einen Ort im Nirgendwo vor, da wo sich die Füchse
gute Nacht sagen... Ein Haus voller Leichen im Keller,
wo es in den spanisch-französisch-schwedischen Debatten
hart auf hart zugeht, wo die Krimischriftsteller ihre letzten
erzählerischen Waffen
ziehen und ihre Widmungen mit der Maschinenpistole schreiben,
die schwarzen Melodien in rosa Wolken schweben, weil der Jazz
und der Austausch mit
den Autoren der schwarzen Literatur sie beflügeln...
Um eine solchermaßen
begünstigte fiktionale Zone zu bevölkern, trafen
sich an einem Wochenende unter anderem Arsène Lupin,
Ricardo Méndez,
der Detektiv aus Barcelona, der schwedische Inspektor Martin
Beck und Félix Dutrey, der Ermittler aus Toulouse.
Sie alle hatten sich aufgemacht, einem urbanen Labyrinth
zu trotzen
und den
zehnten Geburtstag
des Krimifestivals in Saint-Quentin-en-Yveslines vom
4. bis 6. Februar unter der Schirmherrschaft von Fred Vargas
zu
begehen.
Das
Publikum hatte Gelegenheit jene zu treffen, die zumeist
in den chaotischen und düstereren Quellen der menschlichen
Existenz verharren um, besoffen von Wörtern, die sie
manchmal grausam, manchmal mit Leidenschaft bearbeiten,
einige Blitzlichter der Aktualität in
das Leben der Leser eindringen zu lassen, einer immer ungewisseren
und undurchsichtigeren Realität. Auf unserer Reise
begrüßten
wir Maj Sjöwall, der Claude
Mesplède als literarischer
Berater des Festivals eine Hommage erwies. Sjöwall
beschrieb mit ihrem verstorbenen Mann, Per Wahlöö,
die Abenteuer des Stockholmer Kommissars Beck und seinem
Team und die Zwischenfälle,
die die schwedische Gesellschaft der sechziger und siebziger
Jahre
aufwirbelten1.
Auf
unserer unorthodoxen Rundreise und Pilgerfahrt durch
die Krimilandschaften verweilten wir in fiktionalen urbanen
Räumen, geographischen Reflexen
unseres eigenen oder ganz anderer Leben. Gunnar Staalesen2
brachte aus seinem Bergener Hafen erneut seinen Helden,
den Privatdetektiv Varg
Veum mit, der immer auf Suche nach Überzeugungen
ist und in den widerwärtigen Geschichten des kollektiven
norwegischen Unbewussten herumwühlt. Jérôme
Leroy3 hat aus
Lille einen Hort der Rebellion gegen die Deregulierungen
des sogenannten Fortschritts
werden lassen. Yvonne Besson4 erfand
mit seinen von Tinte verschmierten Fingern eine "Bestie
Mensch", die
alle ins Gras beißen
lässt, die ihm unangenehm werden. Félix
Dutrey, der Protagonist von Pascal Dessaint5,
sucht in den Straßen
von Toulouse nach den Spuren des Mörders von Jacques
Lafleur, der seit der Explosion der Fabrik AZF wegen
seiner angeschlagenen Gesundheit bei seiner Schwester
lebte. Weiter südöstlich wühlt Jean
Contrucci6
mit journalistischem Eifer in der Erinnerung und der
Genealogie der Phönizerstadt
herum.
Nun
begeben wir uns in die Pyrenäen und lassen uns
von dem Plätschern
und Getöse des reompeolas und der Ramblas berauschen,
Symbole dieses unsichtbaren Barcelona. Um uns die ungewöhnlichen
Städter
des spanischen Krimis zu vergegenwärtigen, luden
wir zwei bekannte Autoren ein, Francisco Gonzáles
Ledesma7
und Andreu Martin8.
Die beiden hatten viel Vergnügen
bei ihren Lesungen und Diskussionen mit den gabachos
(Franzosen). Aus ihren Erzählungen entsteht ein
aufwühlendes und beunruhigendes Barcelona, seine
unsichtbaren und versteckten Eigentümlichkeiten,
sein Elend, aber auch die Immoralität und der
Zynismus der Macht und des Geldes, und, bei Martin
vor allem, die Gewalt der Mafia.
Wie oft bemühte sich Ledesmas
Detektiv, der alte Méndez, der seine Recherchen
direkt nach der Demokratisierung begann, in dieser
von Unternehmern bestimmten
Metropole das Barcelona der Lastwagenfahrer, der hübschen
Nutten und der Poeten zu entdecken. Die zwei katalanischen
Schriftsteller
erforschen emsig und im Stil des roman noir das Innenleben
dieses Barcelona, das den Verrat und seine Verletzungen
durch den Bürgerkrieg und
den Franquismus versteckt. Die Spaziergänge des
Privatdetektivs durch das städtische Gehege sind
ein Mittel der kritischen Realitätsbetrachtung,
eine Technik, die auch Manuel Vázquez Montalbán
beherrschte. Der herrschende Skeptizismus, die Verbindung
zu den Elenden und Ausgestoßenen,
der gestürzte Held, die Ironie, die bittere Kritik
der menschlichen Beziehungen legt nahe, wie es Claude
Mesplède
auf diesem Festival erläuterte, dass Francisco
González
Ledesma und Andreu Martin einerseits die Erben und
andererseits die Erneuerer
des
Pikaroromans sind, einer typisch spanischen Literaturtradition.
>> den
offiziellen Seite eu besuchen
1 Sjöwall,
Maj und Per Wahlöö: Verschlossen und verriegelt.
Reinbek 2000. Und die Großen lässt man laufen.
Reinbek 2000. Endstation für neun. Reinbek 2000. Die
Tote im Götakanal. Reinbek 2000. Der Mann auf
dem Balkon. Reinbek 2000. Der Mann, der sich in Luft
auflöste. Reinbek 2000. Alarm in Sköldgatan.
Reinbek 2000 | Rückkehr |
2 Staalesen,
Gunnar: Im Dunkeln sind alle Wölfe grau.
München 2001.| Rückkehr |
3 Leroy arbeitet
als Lehrer für Literatur in einer Schule in Roubaix. Er hat
mehr als zehn Romane geschrieben, u.a. L'Orange de Malte (1990), Monnaie
bleue (1997), Big Sister (2000), Bref
rapport sur une très fugitive beauté (2002), Quelque
chose de merveilleux (2004), Le cadavre du jeune
homme dans les fleurs rouges (2004), Mille et
une nuit (2004) | Rückkehr |
4 Besson, Yvonne: Un coin tranquille
pour mourir. Paris 2004 | Rückkehr |
5 Dessaint,
Pascal: Loin des humains. Paris 2005. In deutsch
von ihm erschienen: Pulp und die Berge. Reinbek
1998. Den Menschen entfernt (angekündigt) | Rückkehr |
6 Contrucci, Jean: Le
secret du docteur Danglard. Paris 2004 | Rückkehr |
7 González Ledesma,
Francisco: Méndez. Paris 2003 | Rückkehr |
8 Martin, Andreu: Barcelona
connection. Frankfurt/M. 1989 | Rückkehr |