Die
Tatsache, dass eine so bürokratische und verknöcherte
Institution wie die Universität ihre Tore dem Krimigenre öffnet,
ist schon ein Erfolg an sich. Versunken in weltfremden Jahrhundertfeiern,
in der Lektüre klassischer Texte und der Suche nach alten
Manuskripten hat der 1. Kongress zu Kriminalfilm und Kriminalliteratur
frischen
Wind in die gebrechlichen akademischen Strukturen der Geisteswissenschaften
Salamancas gebracht. Das
mehrtägige Treffen von Krimiautoren darunter Alicia Giménez
Bartlett, Paco Camarasa, Lorenzo Silva, Mariano Sánchez Soler
und Román Guben, Krimifans und –experten diente nicht
nur dazu, einige der aktuellen Probleme des Genres zu erörtern,
sondern vor allem dazu, eine theoretische und intellektuelle Annäherung
an eine Form künstlerischen Ausdrucks zu ermöglichen, die
vom offiziellen Kanon ausgeschlossen ist und von den Gurus der Hochkultur
systematisch ignoriert wird.
Die eiserne Ausdauer
ist sonderbar, mit der sich diskriminierende Vorurteile hartnäckig
halten, obwohl sich in den letzten Jahren eine Normalisierung abzeichnet,
die durch das Krimigenre und seine
Vertreter initiiert wurde.
Im Gegensatz zum pathetischen Image Raymond Chandlers in seinen letzten
Lebensjahren, alkoholisiert und bereit, sich mit so vielen Drehbuchautoren
Hollywoods wie nötig zu prügeln, sind heutige Krimiautoren
angesehene Intellektuelle, manche sogar Akademiker, die ihre Vorliebe
für den Krimi mit verschiedenen anderen Literaturformen in Einklang
bringen.
Obwohl
sich Eduardo Mendoza, Antonio Muñoz Molina und Alicia
Giménez Bartlett dem Krimigenre angenähert haben, haben
sie kein Stück ihrer Glaubwürdigkeit als Romanciers eingebüßt
sondern in einem Akt kultureller Rückkopplung ihre literarische
Laufbahn bereichert und gleichzeitig dazu beigetragen, dass sich
die Krimiliteratur durch die konstante Unterwanderung ihrer klassischen
Regeln weiterentwickeln konnte.
Postmodernen Forderungen folgend präsentiert sich das Genre
in der Prosa wie im Film jedes Mal weniger klassisch aber dafür
flexibler und heterogener.
Es ist paradox,
dass sich trotz wachsender Zuwendung zur Mystifizierung, durch
die klassische Elemente des Krimis wie Spannung, Gewalt und
Intrige nicht mehr unbedingt notwendig sind, der abfällige Blick
weiterhin vorherrscht. Dazu verdammt, im ewigen Feuer der Flughafen-
und Bahnhofsliteratur zu brennen, scheinen die Bücher über
Detektive und Mörder keine Erlösung zu finden. Die geheiligte
hohe Kultur erlaubt weder Vergnügen noch Zerstreuung.
Wenn es eine Eigenschaft gibt, die das Krimigenre wirklich charakterisieren
kann, so ist es seine Flexibilität. Seine Zuwendung zum Gegenwärtigen übertrifft
die anderer Literaturformen und Filme und macht aus ihm eine geeignete
Bühne, auf der die Autoren die Veränderungen der Gesellschaft
einfangen und beurteilen können. Die neuen Kontexte, denen sich
die Autoren stellen müssen, erlauben nicht einfach die Einbeziehung
prototypischer Figuren wie des Detektivs ohne einen Affront gegen
die Authentizität in Kauf zu nehmen, die von einer Kunstform
gefordert wird, die man mit dem Realistischen und Gesellschaftlichen
verbindet.
Deshalb sind in den letzten Jahren Polizeibeamte als Hauptdarsteller
des Krimis aufgetreten.
Inspektor Wallander, Sargento Bevilacqua oder Commissario Montalbano,
pflichtbewusste Getreue im Dienste des Gesetzes haben die einsamen
Detektive ersetzt, die oft an der fragilen Grenze zwischen Gut und
Böse agierten.
In einer Zeit,
in der die Machtzentren außerhalb staatlicher
Strukturen liegen, ist es nachvollziehbar, dass das Krimigenre, -
systemkritisch von Anfang an -, einem Diskurs Bedeutung beimisst,
in dem das Öffentliche an Bedeutung verliert. Die Modifizierung
der Akteure hatte keine Veränderungen der Argumente zur Folge
und die Darstellung von Machthunger und niedrigen Absichten wurde
durch die Einbeziehung von neuen Technologien und der Veränderung
des Lebenswelten bereichert.
Aktuell und gesellschaftskritisch
wie wenige andere hat das Krimigenre, trotz eifriger Ablehnung
durch die sogenannte Hochkultur seine etwas
mehr als hundertjährige Existenz gefeiert. Initiativen wie der
Kongress der vergangenen Woche in Salamanca, Beginn eines Projektes,
das in den kommenden Jahren unbedingt seine Fortsetzung finden muss,
sollen dazu beitragen, dass sich der Krimi, ohne etwas an Spannung
oder Vitalität einzubüßen, den ihm zustehenden Platz
in den akademischen und wissenschaftlichen Strukturen einnehmen kann.