Der indiskrete Schwarm der neuen Bourgeoisie
Artur
Górski
Übersetzt von Ursula Kiermeier
Noch vor wenigen
Jahren – zu Zeiten des sozialistischen Polens – waren
die Ferienziele der Polen sehr absehbar. Abgesehen von der höchsten
Machtelite, die sich die Sonne an den Stränden der Krim oder ärgstenfalls
im bulgarischen Druzba auf die Pelze brennen ließ, erholten sich
die meisten meiner Landsleute an der Ostsee (die Glückspilze),
an den masurischen Seen oder ganz einfach unterm Birnbaum bei der Oma
auf dem Land. Die weite exotische Welt lag jenseits aller Traumvorstellungen,
sie blieb der Bourgeoisie der kapitalistischen Welt vorbehalten.
Doch das änderte sich mit der Entfernung des Eisernen Vorhangs.
Natürlich ergeht sich die nicht allzu begüterte Mehrheit
der Polen weiterhin unterm genannten Birnbaum auf dem Land in tristen
Betrachtungen über den Sinn des Lebens, doch der Schwarm der neuen
polnischen Bourgeoisie zog los, mit seinem indiskreten (und lautstarken)
Charme die Welt zu erobern. Die Dominikanischen Inseln, Martinique,
Neuseeland – es gehört sich schlicht nicht, an andere Orte
zu reisen.
Die Sache ist die: Während man unterm Birnbaum ausspannen kann,
so sind die Reisen der neuen Elite permanenter Stress: Bin ich auch
wirklich dorthin gefahren, wo man in diesem Jahr einfach sein muss?
Hat das Hotel seine fünf Sterne wirklich verdient? Waren die Ferienamüsements,
die ich genutzt habe, nicht zu plebejisch? Habe ich nicht zu wenig
Geld ausgegeben? Und so verliert der Schwarm der neuen Bourgeoisie
all seinen Charme.

Bezahlter
Urlaub
Geschichte und Entwicklung in Frankreich
Stéphane
Lamotte
Ü bersetzung: Kerstin Schoof
Ursprünge: Es
liegt natürlich nahe, mit der Pionierrolle und der politischen
Erfahrung der Front Populaire zu beginnen: Die Forderung hatte die
Streiks im Mai/Juni 1936 zur Folge, weil die Arbeiterbewegung sich
traditionell eher auf die Arbeitslosigkeit konzentrierte und die »bezahlten
Ferien« (so die gebräuchliche Formulierung bis zum Projekt
der Regierung Blum) in den Reden des 1. Mai im Hintergrund standen.
Im Gefolge dieser Streiks war der Juni 1936 geprägt von intensiven
gesetzgeberischen Aktivitäten, die auf die gestellten Forderungen
eine Antwort geben sollten: Der Text bezüglich der Tarifverträge
und des bezahlten Urlaubs – fünfzehn Tage – wird am
11. Juni 1936 angenommen, und folgt dem Matignon-Abkommen vom 7. Juni.
Das Gesetz wird gleich am 1. Juli verabschiedet, und tritt vom 1. August
an in Kraft – daher der Mythos des Sommers 1936. Dank der einfallsreichen
Arbeit von Minister Léo Lagrange werden Verhandlungen mit den
Eisenbahngesellschaften aufgenommen – die einheitliche SNCF wird
erst mit der Verstaatlichungen nach der Befreiung von der deutschen
Besetzung existieren – und ein »Volksticket für den
Jahresurlaub« wird eingeführt.
Vom 2. August bis zum 31. Dezember
1936 wurden 360.000 Fahrkarten ausgestellt. Der Sommer 1936 erlebt
auch die ersten großen Ausflüge
mit dem Fahrrad oder Tandem: »Ich habe die Straße gesehen,
bedeckt von langen Reihen von Autos, Mopeds, Tandems, mit Arbeiterpaaren
in ihren besten Pullovern, die zeigten, dass die Idee der Freizeit
in ihnen eine Art natürlicher und einfacher Lebensfreude hervorrief…« (Rede
L. Blums vor dem Gericht in Riom, eingerichtet von der Vichy-Regierung,
1942).
Diese Bewegung wird von einer wachsenden
Beliebtheit der Jugendherbergen begleitet. Deren Ursprung ist nicht
französisch, sondern geht
auf die 20er Jahre in Mitteleuropa zurück. Marc Sangnier übertrug
ihr Konzept, angereichert mit einer konfessionellen Prägung, nach
Frankreich. Unter der Obhut der SNI (Nationale Gewerkschaft der Grundschullehrer),
der Liga der Bildung, der CGT, und der Föderation der Sozialistischen
Gemeinderäte wird diese Bewegung nun laizistisch. 1936 zählt
die CLAJ, das laizistische Zentrum der Jugendherbergen, 229 Einrichtungen.
Der Ausdruck »Salut les Copains« (Hallo Freunde) antizipiert
die 60er Jahre des D. Filippachi, und die Jugendlichen sangen »Allons
au devant de la vie / Allons au-devant du matin – Lasst uns dem
Leben voraus gehen / Lasst uns vor dem Morgen aufstehen«.
Dennoch, man muss objektiv bleiben
und die Mythenbildung über
diese Anfänge des Jahres 1936 berücksichtigen. Lokale Studien über
die Region Lille, die Arbeiterstädte des Tarn und im Aveyron haben
aufgezeigt, dass die »Fahrt« maßgeblich ein Pariser
Phänomen und auf dem Land weniger verbreitet war. Und die kleine
Minderheit, die es vorzog, während der Errungenschaft »bezahlter
Urlaub« in einem anderen Unternehmen für Bezahlung zu arbeiten,
verkehrte die neugewonnenen Gewohnheiten gar in ihr Gegenteil.
Das Jahr 1936 markiert einen Aufbruch,
größer noch als
ein »großer Satz nach vorne«, einen Aufbruch nach
Art einer »Kulturrevolution«, der seine wirklichen Dimensionen
erst nach der Befreiung von der NS-Besatzungsmacht und in den 50er
und 60er-Jahren erreicht.
Weitere Entwicklungen: Die
Sozialgesetze nach der Befreiung, verabschiedet von der GPRF, der Provisorischen
Regierung der Französischen Republik mit einer
Mehrheit von Gaullisten und Kommunisten, bestätigen den stark
sozial ausgerichteten Kurs, der 1936 eingeschlagen wurde. Und seit
den 50er-Jahren lässt sich mit den Wachstumsspitzen der dreißig
glorreichen Jahre (Trente Glorieuses, 1945-1975), dem Anstieg von Kaufkraft
und Komfort, mit dem Baby-Boom und der schwindenden Bedeutung des Agrarsektors – all
das konstitutiv für die »Überflussgesellschaft« – der
Aufschwung der Freizeitgestaltung nach dem Zweiten Weltkrieg erklären.
Der bezahlte Urlaub bleibt natürlich eine soziale Errungenschaft,
aber er hat auch Anteil am System des Massenkonsums; die Ferien bringen
neue Bedürfnissen mit sich und tragen zur Entwicklung des tertiären
Sektors und des Tourismus bei, insbesondere ab dem Ende der 60er-Jahre.
Die Anzahl der Ferienwochen steigt stetig, und zwar unabhängig
von politischen Mehrheiten. Trotzdem gehen die dritte, vierte und fünfte
Woche des bezahlten Urlaubs auf eher sozial orientierte Regierungen
zurück, seine es linke oder rechte: So wurde die dritte Woche
1956 in der IV. Republik unter der sozialistischen Regierung Guy Mollets
eingeführt, die vierte Woche 1969 als Teil des Projekts einer
neuen Gesellschaft von Premierminister Pompidou und Jacques Chaban-Delmas,
das als Antwort auf die Forderungen des Mai 1968 betrachtet werden
kann und die die fünfte Woche schließlich unter François
Mitterrand und Premierminister P.Mauroy.
Die Franzosen brechen also in zunehmend
größerer Zahl in
die Ferien auf. Nichtsdestotrotz haben zu Beginn der 70er Jahre um
die 5 Millionen Menschen – Arbeiter, kleine Bauern – keinen
Anteil an dieser Wohlstandsgesellschaft.
Das Auto begleitet diese Entwicklung
und löst Zug und Fahrräder
ab. Der Renault 4 CV, präsentiert erstmals auf der Messe von 1946,
wird das Auto aller sozialen Schichten. Vom Luxusobjekt wird er zum
verbreiteten Konsumgut und zum Freizeitinstrument. Die Erhöhung
des Lebensstandards lenkt die Gesellschaft in eine Richtung, die die
Soziologen später »Freizeitgesellschaft« nennen werden.
Man denke an Trénets Chanson Route Nationale 7 aus dem Jahr
1955 : »...De toutes les routes de France d’Europe / Celle
que j’préfère est celle qui conduit / En auto ou
en auto-stop / Vers les rivages du Midi – Von allen Straßen
Frankreichs und Europas / mag ich die am liebsten / die im Auto oder
per Anhalter / zu den Ufern des Südens führt«. Die
Fahrt in die Ferien wird zum Allgemeingut: Im Jahr 1962 fahren nur
zwei von sieben Franzosen in den Urlaub. Im Durchschnitt entfernen
sie sich nicht weiter als 250 Kilometer von ihrem Wohnort. 25 Jahre
später fährt mehr als die Hälfte der Franzosen in Urlaub,
davon 17% ins Ausland.
Heute
muss man den bezahlten Urlaub zur Reduktion der Arbeitszeit, erst auf
39 Stunden im Jahr 1982, dann auf 35 Stunden seit 2001 in
Beziehung setzen. Zwischen 1961 und 1981 hat sich die Zahl der französischen
Urlauber verdreifacht. Zudem muss man das Altern der Bevölkerung
berücksichtigen. Die gestiegene Anzahl der RentnerInnen hat
ebenso zur Entwicklung des Freizeitkonsums beigetragen, wie die Multiplikation
und Diversifikation kultureller Praktiken und der Besuch von Festivals
und Theaterstücken, Konzerten und Filmvorstellungen. Die traditionelle
Kultur profitiert von Förderungen – der Maisons des Jeunes
et de la Culture (spezifisch französische Einrichtung, die politische
und kulturelle Bildung betreibt), dem Festival d’Avignon, von
Maßnahmen des Kultusministers, André Malraux. Sie bleibt
für eine wachsende Zahl von Franzosen attraktiv. Zugleich verwischen
sich die Hierarchien zwischen »hoher« und eher populärer
Kultur. Die großen Bauprojekte moderner Architektur unter Mitterand,
die Betonung und Förderung der Familie sowie Institutionen wie
die Fete de la musique (jährliches Straßenfest der Musik)
sind in diesem Sinn zu verstehen. An dieser Stelle sind auch die
Maßnahmen Jack Langs zu erwähnen, Kultusminister von 1981
bis 1986 und von 1988 bis 1993.
Im Rahmen des bezahlten Urlaubs und
der RTT entsteht eine Vielzahl unterschiedlicher Urlaubsarten, oftmals
werden Ferienaufenthalte kürzer,
dafür aber mehrmals im Jahr verbracht und aus unterschiedlichen
Angebote zu neuen Kombinationen aus Entspannungsurlaub, Ökotourismus,
Entdeckung des Heimatlandes oder dem klassischen Bade- oder Wintersporturlaub
zusammengestellt.
Schöne Ferien !

„In
der Sommerfrische“
Achim
Saupe, Historiker,
schreibt über historiker als
detektive und detektive als historiker
Richtung Küste. Kilometerlang an den in den 60er und 70er Jahren
hochgezogenen Großplattenserien von Rostock-Evershagen und den
Wohnscheiben von Rostock-Lichtenhagen vorbei, jenem Ort, in dem der
Pogrom von 1992 gegen vietnamesische Asylbewerber es in der Folge fertig
brachte, dass die Parteien eine verschärfte Asylgesetzgebung durchsetzten.
Rechts dann eine von vier Ostseewerften, welche den Umbruch 1989 und
die Werftenkrise der 90er Jahre überlebt hat. Von rund 35.000
Arbeitsplätzen zu DDR-Zeiten sind rund 4600 in der Schiffsbauindustrie
erhalten geblieben; statt Kriegschiffen baut man Kreuzfahrtschiffe.
2002 akzeptiert hier die Belegschaft aufgrund der „südkoreanischen
Konkurrenz“ den Verzicht auf große Teile des Weihnachts-
und Urlaubsgeldes.
Einfahrt in das Seebad Warnemünde. Am Kai schlendern Rentner in
beigen Windjacken. Braungegerbte Gesichter, geboren 1919, als sich
auch die Arbeiterschaft der lederverarbeitende Industrie mit der Revolution
den bezahlten Urlaub erkämpft hatte.
Man ist „in der Sommerfrische“ – ein Begriff, den
im 19. Jahrhundert das Orchideenfach der medizinischen Klimatologie
erfand und der durch Familienzeitschriften wie die Gartenlaube popularisiert
wurde. Die „reine Luft“ galt zunächst als das beste
Heilmittel gegen Tuberkulose und andere tückische Krankheiten,
bis sie als generelles Mittel zur Remobilsierung der Arbeitskräfte
angesehen und so zur Luftnummer der Heilmedizin wurde. Arbeiten kann,
wer im Urlaub seine Gesundheit wiederherstellt. Einen Anspruch auf
regelmäßigen Urlaub bei den Unselbstständigen erhielt
zunächst die Beamtenschaft um 1870, die dazu noch ein ärztliches
Attest vorlegen musste. Dann erhalten peu à peu die Angestellten
einen Urlaubsanspruch, 14 Tage sind es 1873 bei Siemens. Bei den Arbeitern
sind es vor 1914 knappe 10 Prozent, die Urlaub verschrieben bekommen.
Zurück nach Hause, vorbei an den Wohnsilos der Arbeiter der DDR.
Hier wohnt vielleicht noch manch einer, der diesem Staat mit täglichem
Alkoholkonsum begegnete. Dann jedoch drohte ihm die Versetzung in eine
von 100 in den 80er Jahren eingerichteten „Sonderbrigaden“.
Sein Arbeitsethos behinderte die Plansollerfüllung. Im Volksmund
auch Trinkerbrigaden genannt, hatte man hier oft die schwersten Arbeiten
zu erfüllen: zum Beispiel Abschleifen von rostiger Schiffsböden – ohne
Atemschutz.
Es war aber nicht weit, zur erfrischenden Seebrise.

Urlaub
etwas anders
Salecina
de Frieder Rörtgen,
Buchhändler und Verleger (Assoziation A)
Nach
1000 Höhenmetern, der Besteigung eines höchsteindrucksvollen
Dreitausenders, kommen wir erschöpft nach Salecina zurück.
Nach dem Duschen müssen aus unserer 12köpfigen Gruppe,
3 zum Kochen, einer holt Holz, zwei andere haben irgendwelche Putzdienste.
2 kommen aus der Schweiz, die anderen aus Deutschland, die Allermeisten über
40, von der Tischlerin, dem Lehrer, der Bäuerin, dem Sozialarbeiter
oder der Arbeitslosen, eine bunte Mischung. Alle mehr oder weniger
politisch aktiv gewesen, von 68ern und der Alternativbewegung aus
den Siebzigern, bis zu den sozialen Bewegungen Anfang der 80er,
einige mischen immer noch mit, in der Flüchtlingsbewegung
oder bei den Globalisierungskritikern.
Im Vordergrund der hochalpinen Wanderwoche stehen aber ganz klar die immer
anstrengenden, mitunter waghalsig anmutenden Bergbesteigungen. Dafür
haben wir unsere Bergführer, die mit dem Bergsteigen oder -wandern anfingen
als das zumindest in Deutschland die meisten noch für den Inbegriff
von Spießertum gehalten haben.
Salecina ist seit Anfang der 70er Jahre ein wunderschöner Ort in den
Schweizer Bergen, genauer am Übergang vom Oberengadin zum Bergell – und
damit fast in Italien, an dem man Urlaub in den Bergen etwas anders als sonst
verbringen kann. Anders heißt mit bis zu 80 Leuten, in den Sommer-
und Winterferien viele Kinder dabei, gemeinsames Kochen und Putzen, alles
weitgehend selbstverwaltet, unterstützt von 4 Hüttenwartinnen die
zur Seite stehen. Gemeinschaftsschlafräume, Vier- bis Zwölfbettzimmer.
Darüber hinaus eignet sich der Ort – mit der schönsten Bibliothek,
die man sich vorstellen kann – ganz hervorragend für Treffen und
Seminare. Italienischsprachkurse sind ebenso dabei wie Diskussionswochen
zu sanftem Tourismus oder Globalisierungskritik.
Und genau hier, sollten wir, meiner Meinung nach in einem der nächsten
Jahre ein Seminar zum Europolar planen.
