Elfriede
Müller: Wann hast du angefangen zu schreiben und warum?
Frédéric
Fajardie: Meine
erste Erzählung habe ich im Jahre 1965 verfasst. Schreiben
hat mir immer Spaß gemacht, ich führte auch Tagebuch.
Als Kind fühlte
ich mich etwas verloren, ich hatte drei Schwestern. Später ging
es dann besser, aber als ich klein war, habe ich nicht allzu viel mit
ihnen geredet.
Also habe ich mich in Träume geflüchtet. Wenn du die Träume
als Vorlage für Erzählungen nutzt, kann das sehr fruchtbar
sein. Es war das Einzige, was ich konnte, denn in Französisch
war ich immer der Beste. Außerdem war ich gewohnt zu schreiben,
das ist eine gute Vorbereitung, wenn man Schriftsteller werden möchte.
Doch damals lebte ich in den Ängsten
der Adoleszenz.
E.M.: Hat dich die verpasste Revolution von 68 zum roman noir gebracht?
F.
F.: Nein,
nicht direkt. Ich habe immer geschrieben und mit Romanen, nicht
mit Krimis angefangen. Ich war ein großer Leser, ich verschlang
vor allem die Amerikaner, Goodis und Chandler, McCoy. Es kam mir
nicht in den Sinn einen roman noir zu
schreiben, aber meine Manuskripte wurden immer abgelehnt. Mein Stil
gefiel ihnen, er war damals etwas Neues. Aber sie kritisierten,
dass ich einfach so
von den Arbeitslosen schreibe und von einem traurigen Tonfall ganz
plötzlich
in einen lustigen übergehen würde. Ich erklärte zwar,
dass dies Absicht sei, denn für mich sind Brüche sehr wichtig.
Man kann jemanden lieben und trotzdem auf dem Friedhof lachen. Dann
habe ich auf einen Schlag
verstanden, dass der roman noir kein festgelegtes Genre ist. In den
französischen
Zeitungen gab es keine Kritiken, keine Rubriken, das bedeutete totale
Freiheit. Das geschah einfach so, nicht wirklich bewusst, denn vor
mir gab es nur Manchette,
aber der spie auf den Mai 68 und den Linksradikalismus. Ich verstand
mich nicht gut mit Manchette. Und es gab Vautrin, aber der war ein
wenig zu sozialdemokratisch.
Und dann ich, der Erste, der mit dem Mai 68 zu tun hatte und der
aus den linksradikalen Organisationen kam.
Ich war der Erste, der
unter dem doppelten Label 68 und
Linksradikalismus veröffentlicht wurde. Fünf Jahre später
kamen Andere. Und in den ersten Kritiken meiner Romane fielen Bemerkungen
wie: "Da
bricht der Mai 68 herein." Mir war das nicht ganz bewusst, ich
habe mich dabei aber sehr amüsiert, zum Beispiel bei Tueurs
de flics (Der maskierte Tod). Damit waren die Grenzen des
Genres für 25 Jahre festgelegt worden.
Ich trug dazu bei und Andere folgten. Wir waren kreativ und haben
dabei eigene Codes entwickelt, ohne uns dessen bewusst zu sein. Der
Polar, der sehr reaktionär
und rechtsradikal war, änderte sich mit Manchette, Vautrin,
mit mir: er wurde ideologisch umgedreht. Und nun geht es fast ein
bisschen
zu weit.
Gut,
sie sind alle gegen Le Pen, aber ich glaube nicht, dass es ausreicht,
nur gegen Le Pen zu sein.
E.M.: Was hast du Mai 68 gemacht?
F.
F.: Ich
war nicht organisiert. Ich war ein wenig Maoist und arbeitete in
den Comités
Vietnam de base (Basiskomitees Vietnam), aber ab dem 3. Mai habe ich mich mit
meinen Freunden an allem beteiligt, ohne dabei über Organisation nachzudenken.
Wir gingen jeden Abend aus und prügelten uns mehr und mehr mit den Bullen.
Es gab auch ein Aktionskomitee, wir klebten Plakate, verteilten Flugblätter,
wir diskutierten mit den Leuten über unsere Ideen, usw. Es funktionierte
wie eine Droge, jeden Abend gegen die Bullen. Und wir dachten, wenn es jeden
Abend einen Aufstand gibt, dann trauen sie sich nicht, die Sorbonne zu räumen,
das Odéontheater, alle Gebäude, die wir besetzt hatten. Wir gingen
davon aus, dass sie gewalttätig sind und wenn sie entscheiden, die Sorbonne
zu räumen, es zu einem Massaker kommen müsste. Unsere Idee war, das
Kräfteverhältnis zu unseren Gunsten aufrecht zu erhalten. Aber das
Problem war, dass wir manchmal nur 400 bis 500 waren, die sich in den Straßen
von Paris geschlagen haben. Und es waren fast nur junge Arbeiter. Es gab Typen,
die kannte ich, ein oder zwei Studenten, aber die Mehrheit bestand aus jungen
Arbeitern. Mai 68 dauerte an, weil nachts ein Kräfteverhältnis
existierte, ein Klima des Aufstandes, darum dauerte die Sache in Paris
an. Und es waren
weder die Linksradikalen, noch die Intellektuellen, es waren die jungen
Arbeiter, die man als Kleinkriminelle bezeichnete. Ein Minister nannte
uns Ratten.
E.M.: Was bleibt vom Mai 68?
F.
F.: Ich
und andere Individuen, Männer, Frauen und ein Mythos. Leider wird
der Mai 68 mit Verrätern, mit Typen, die zur Sozialdemokratie wechselten,
die Karriere als Journalisten oder anderswo machten, gleichgesetzt. Wir sind
sehr wenige, die innerhalb des Literaturbetriebes die damalige Haltung bewahrt
haben. Unter den Lehrern, Sozialarbeitern, in dieser Art von Berufen sind sie
viel zahlreicher, Leute, die nicht unbedingt im Vordergrund stehen. Die Eliten
sind für die Bewegung nicht repräsentativ, für eine Bewegung
der radikalen Linken, für Leute, die die Welt verändern wollten.
Diese Leute trifft man viel häufiger in der französischen Gesellschaft
als in den Medien an. Du bezahlst es teuer, weil du den Verrätern ein
sehr negatives Bild ihrer selbst zurückwirfst, denn du zeigst, dass es
eine Alternative gibt, dass man mit dem System nicht kollaborieren muss. Du
kannst Schriftsteller werden, Leser haben, bekannt werden und deinen Ideen
treu bleiben. Irgendwo bezahlst du jedoch dafür, korrekt geblieben
zu sein.
E.M.: Ist
die Literatur für dich eine politische Praxis oder eher
ein Rückzug aus der Praxis?
F.
F.: Beides.
Zu Beginn wollte ich damit die politische Aktivität fortsetzen.
Tueurs de flics (Der maskierte Tod) ist ein antifaschistisches Buch, denn zu
dem Zeitpunkt gab es harte Auseinandersetzungen mit den Faschisten. Damals
repräsentierte Le Pen 0,2 %. Ich blieb meinen Ideen verhaftet. Padovani
ist ein linksradikaler Polizist. Er möchte das System von innen implodieren
lassen. Also gab es schon eine aktivistische Seite meiner Literatur und ich
hatte großes Vergnügen am Schreiben. Darin steckt ein wenig mein
ganzes Leben. Mein Problem besteht darin, ein Gleichgewicht zwischen den Büchern
zu finden, die ich schreibe und dem wirklichen Leben, d.h. meiner Familie,
meinen Freunden, den Leuten ganz allgemein, der politischen Aktion, den Schreibwerkstätten,
den Begegnungen. Es gab eine Zeit in meinem Leben vor 15 Jahren, da
blieb ich zuviel am Schreibtisch, ich ging nicht genug raus. Jetzt
habe ich eher
die
Tendenz zuviel raus zu gehen.
E.M.: Welche
Rolle spielen die achtziger Jahre in deinen Romanen und in der
französischen Gesellschaft?
F.
F.: Scheißjahre. Die achtziger Jahre waren schlimmer als die neunziger. Hoffnungslose
Jahre. Jahres des Geldes, des individuellen Aufstiegs, wo alle gegen alle agierten.
So funktioniert der Kapitalismus und das hat Mitterrand aufgenommen. Sie haben
nicht nur verraten, sie unternahmen eine gründliche ideologische Arbeit,
um die Menschen in ihrer Einsamkeit einzubetonieren. Gleichwohl handelt es
sich dabei um eine politische List. Jack Lang entwickelte eine Repräsentationskultur,
aber nichts an der Basis, in den Kiezen. Das Unwohlsein der banlieues kam unter
einer linken Regierung auf. Man ließ sie verrotten.
E.M.: Welche Beziehung siehst du zwischen 68 und den achtziger
Jahren?
F.
F.: Die
achtziger Jahre sind das genaue Gegenteil von 68. Es war eine Offensive
und wir wurden davon überrascht. Wir hatten keine Struktur, alle politischen
Gruppen befanden sich in einer Krise seit Ende der siebziger Jahre. Die Glotze,
die Werbung, das Kino, der Journalismus... Es herrschte ein Negationismus in
bezug auf das, was 68 geschehen war. Fernsehprogramme wie TF 1 oder France
2 ignorieren die großen, sozialen Bewegungen und m.E. nach absichtlich.
Sie wollen die populäre Erinnerung ausradieren.
E.M.: Welche
Rolle spielt die Geschichte in deiner Literatur? Welche Ereignisse
beschreibst du und wie wählst du sie aus?
F.
F.: Das
20. Jahrhundert gefällt mir besser als das 21. Die große Erklärung
zu 1939-1945 bleibt immer noch aus. All das, was zuvor geschah, führte
zu diesem Konflikt und all das, was danach geschah, gleicht einer Positionierung
zu diesem Konflikt. Der Aufstieg des Faschismus, der Antisemitismus, der Stalinismus,
der spanische Bürgerkrieg. Es war ein Spiel zu dritt. Der Faschismus,
der Stalinismus und die Demokratien als verliebtes Trio. Die Leute hatten keine
Zeit, sich damit auseinander zu setzen und die Nachwirkungen zu eliminieren.
1970, 1972 ging ich allen Ernstes davon aus, dass der Faschismus überwunden
sei. Ich war davon überzeugt. Wir haben nicht verstanden, dass es mit
jeder Generation wieder losgehen kann. Jede Generation macht das durch. Das
letzte Jahrhundert war durch die Konfrontation der Drei geprägt. Wenn
man sieht, dass Le Pen 20 % der Wählerstimmen erhält, kann man nicht
behaupten, dass der Zweite Weltkrieg zur Vergangenheit gehört. Ich habe
immer behauptet, dass wir zu Vichy nicht ganze Arbeit geleistet haben. Zu Papon,
Bousquet, zu all den Kollaborateuren. Die historische Arbeit wurde nicht geleistet.
Es war hauptsächlich die Bourgeoisie, die kollaborierte. Die Arbeiter
wurden eher zur Zwangsarbeit (STO, Service du travail obligatoire) deportiert
oder gingen deshalb in die Résistance. Die Kraft der Résistance
kam in diesem Land eindeutig aus der Arbeiterbewegung. Man kann in der Geschichte
und der Literatur die Wahrheit zwar bremsen, aber früher oder später
kommt sie heraus. Und dann aber viel heftiger. Hätte man die Dinge in
den fünfziger Jahren bei ihrem Namen genannt, wäre es nicht zu dieser
vehementen Kontroverse über Vichy gekommen. Die Ereignisse wären
verständlicher geworden. Man hätte nicht darauf zurückkommen
müssen, sondern hätte sich mit anderen Dingen beschäftigen können.
Und jetzt beginnt man sich mit Algerien zu befassen. Was wir in Indochina angestellt
haben, war auch nicht von Pappe. Man redet nie über die französischen
Bombardierungen dortiger Städte.
E.M.: Verstehst du dich als Historiker?
F.
F.:
Ich
bin ausgebildeter Historiker, Schriftsteller und Historiker. In
dem Roman. Un pont sur la Loire (Eine Brücke über der Loire) kommen Nazis vor,
aber sie sind gar nicht wichtig, es gibt auch Leute, die Widerstand geleistet
haben und denen man in den Rücken schoss, es gibt Senegalesen, die zum
zweiten Mal in französischer Uniform gekämpft haben und für
die man nichts getan hat. Ich schrieb das Buch, weil ich entdeckte, dass ein
ehemaliger senegalesischer Soldat nur 20 % von der Pension erhält, die
ein ehemaliger französischer Soldat überwiesen bekommt. Sie kämpften
wie die anderen, sogar mehr, denn die Nazis mochten sie nicht wegen der Besatzung
der Ruhr und sie ließen sie es teuer zu stehen kommen. 20 % von dem,
was ein Typ bekommt, der den Krieg vielleicht in seinem Büro verbracht
hat! Die Senegalesen schickte man in die zwei großen Kriege. Also müsste
diese Ungerechtigkeit ausgeglichen werden und die Wahrheit muss ans Licht kommen.
Wir haben nichts dabei zu verlieren, wenn wir die Wahrheit sagen, schließlich
sind wir Revolutionäre.
E.M.: Können
Romane Geschichtsschreibung sein?
F.
F.:
Sie
tragen dazu bei. Victor Hugo z.B. ist ein Beitrag zur Geschichtsschreibung.
Wenn ich als Schriftsteller ein historisches
Ereignis beschreibe, würde
es mir Freude machen, wenn die Leser danach Geschichtsbücher konsultieren
würden. Ich schrieb in einer bestimmten Art und Weise über den spanischen
Bürgerkrieg. Das tat Hemingway auch, aber er hat rein gar nichts kapiert.
Orwell schrieb auch darüber. Ich hatte den Eindruck, dass man in Frankreich
etwas dazu sagen sollte, deshalb schrieb ich Une charrette
pleine d'étoiles
(Ein Karren voller Sterne). Ich hatte den Eindruck, es würde etwas
fehlen.
E.M.: Gibt es eine Verbindung zwischen deinen historischen Themen
und deinem Bezug auf Mai 68?
F.
F.: Ja,
ich glaube, dass der Mai 68 meine Wahl bedingt. Wenn ich in der
Gauche prolétarienne organisiert war, dann deshalb, weil diese Gruppe extrem
gewalttätig war und dies den Geist von 1968 fortsetzte. Und viele waren
in dieser Gruppe, weil sie bei den jungen Arbeitern mehr Einfluss hatte als
die Trotzkisten. Die Sprache von La Cause du peuple (Die
Sache des Volkes) war sehr eigen, was den Ton und die Aggressivität betrifft – ich
möchte sie ideologisch nicht verteidigen – aber diese beiden Aspekte
trugen dazu bei, dass die GP eine bestimmte Anziehungskraft ausübte. Wir
lichteten das Foto des Innenministers mit einer Zielschreibe ab und fügten
als Bildunterschrift darunter: Zum Abschuss freigegeben! Die Trotzkisten hätten
so was niemals getan. Wir sprachen zu den Revoltierten. Was für mich galt,
galt auch für Andere. Die GP war die einzige aufständige, gewalttätige
Bewegung. Erst danach habe ich dann Mao und alles andere gelesen. Das schien
mir alles sehr mystisch. Zwischen den Texten und der Realität lagen Welten.
Die permanente Revolution, die immer auch ein Thema der Trotzkisten war, fand
statt und Mao behauptete, dass der Klassenkampf auch nach der Revolution weitergehe,
was die Kommunistische Partei abstritt. Die GP war auch eine wirklich internationalistische
Bewegung. China finanzierte alle Guerillabewegungen der Welt. Für mich
gab es auch folgende ästhetische Dimension: Ich hatte immer den Eindruck,
dass alles, was ich von der UdSSR wahrnahm, in schwarz-weiß Bildern stattfand
und, dass die Demonstrationen in China bunt waren. Panoramakino mit roten Fahnen.
Dieser Eindruck ist aber falsch, denn Farbe gab es überall, aber
sie wird nicht von allen Generationen gleich wahrgenommen.
E.M.: Ist der Mai 68 ein Filter, durch den du die Vergangenheit
betrachtest? Ein Filter, der deinen Blick bestimmt?
F.
F.: Ja,
in einem bestimmten Maße schon, aber es gibt auch meinen familiären
Hintergrund. Ich bin nicht irgendwo und irgendwann geboren, sondern inmitten
des Indochinakrieges. Ich hatte antifaschistische Eltern, mein Vater kam aus
dem Bürgertum, meine Mutter aus der Arbeiterklasse. Ich bin eine soziale
Mischung. Das ist gut für einen Schriftsteller, beide Blickwinkel
zu haben.
E.M.: Welche
Rolle spielt das Subjekt, der Einzelne im Verhältnis
zum Kollektiv in deinen Romanen?
F.
F.: Ich
bin sehr für das Kollektiv, bei allem was die Politik betrifft, aber
auf der persönlichen Ebene extrem individualistisch. Ich gehe nicht gerne
auf Partys und da, wo alle eine Fahne schwingen, nehme ich die entgegengesetzte
Richtung. In Liebesdingen bin ich ein großer Individualist. Ich habe
ein wenig Angst vor anderen Menschen, aber politisch bin ich immer noch für
den Sozialismus, kollektive Lebensformen, Räte.
E.M.: In
deinen Romanen tauchen immer sehr starke und einsame Individuen
auf, die nicht unbedingt zu einem Kollektiv gehören.
F.
F.: Man
schreibt Romane ja immer ein wenig nach seinem Ebenbild. Ich glaube,
ab einem bestimmten Moment, trifft man die Entscheidungen
allein. Denk mal an
die pathetische Verzweiflung der Intellektuellen und Arbeiter während
des Hitler-Stalin-Paktes. In Frankreich kam es zu einer Katastrophe, sie waren
Antinazis, Antifaschisten und von heute auf morgen mussten sie Hitler sympathisch
finden und durften nicht auf die Genossen der Wehrmacht schießen.
E.M.: Sind
die Individuen für dich Ideen- und Hoffnungsträger
für Veränderungen oder nur Zeugen einer verlorenen
Zeit?
F.
F.: Zu
Beginn verlieh ich ihnen einen exemplarischen Charakter. Vielleicht
war das ein wenig zu pädagogisch. In den achtziger Jahren veränderte
sich die Form meiner Romane. Anfangs brachte ich die Leute weniger zum lachen.
Ich war ein wenig zu schematisch: Schauen Sie sich diesen Typ an, er ist klasse,
in dieser beschissenen Gesellschaft findet er keinen Platz. Also muss er sterben.
Als sich in den achtziger Jahren eine große Verzweiflung einstellte,
konnte ich die Leute nicht noch mehr demoralisieren. Sie waren schon ganz unten.
Also wurde ich optimistischer. Deshalb weisen meine Bücher aus dieser
Zeit einen Hoffnungsschimmer auf. Die Personen sind auch Symbole, sie stehen
für etwas, wie Modelle, wie man selbst sein möchte.
E.M.: Der
Erfolg der Front National in den Wahlen und im Leben seit 1983
war Thema vieler Krimis. Ist diese Literatur ein Mittel
den Aufstieg
des Faschismus zu bekämpfen?
F.
F.: Man
sollte den Leuten nicht auf die Nerven gehen. Zunächst sind wir Schriftsteller,
wir erzählen Geschichten. Die Politik sollte diskret vermittelt werden.
Ich versuche in meinen Romanen widersprüchliche Situationen zu schaffen.
Die Lösung von Widersprüchen erlaubt den Menschen vielleicht sich
weiterzuentwickeln. Ich sage nicht, was zu tun ist. Ich versuche komplizierte
Situationen zu beschreiben und dazu aufzurufen, sich daraus zu befreien. Ich
glaube sehr an die individuelle Tätigkeit, sonst fällt man in ein
stalinistisches Schema, wo man alles erklärt, wie zu denken ist, diese
Art von Dogmatismus, die sich in jeder Art von Linksradikalismus fand. Die
Leute müssen sich selbst positionieren. Darin besteht die exemplarische
Seite meiner Romane.
E.M.: Richtest du dich an ein bestimmtes Publikum?
F.
F.: Ich
werde von allen gelesen, Männern, Frauen, Reichen, Armen, Arbeitern,
Lehrern, Bürgern, Putzleuten. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.
Mit der Zeit bin ich immer verwirrter von der Komplexität meiner Leser.
Ich selbst würde gerne für sensible Menschen schreiben, fragile
Menschen, die intelligent und nicht rassistisch sind.
E.M.: Hat die literarische Form etwas mit dem Publikum zu tun?
F.
F.: Ja,
ich schreibe meine Krimis nicht so, wie ich Un homme en
harmonie (Ein ausgeglichener Mann) schrieb, ein Roman,
der viel literarischer
ist. Ich glaube, dass die
Geschichte den Stil bestimmt. Klar habe ich einen persönlichen Stil in
all meinen Büchern, den man wieder erkennt. Wie oft habe ich vernommen: "Fajardie,
den erkennt man doch!". Was bedeutet, dass ich über einen persönlichen
Stil verfüge. Aber je nach Roman, nehme ich diesen oder jenen Tonfall
an. In Les Foulards rouges (Die roten Schals) schreibe ich ein sehr reines
Französisch, sehr 17. Jahrhundert. Aber vieles kommt bei mir aus der amerikanischen
Literatur, der hardboiled Literatur und aus meiner eigenen Erfahrung. Es bedarf
eines persönlichen Markenzeichens, das ist wichtig und unausweichlich.
Aber man muss auch die Leichtigkeit besitzen und zugeben, dass man von bestimmten
Leuten gelesen werden möchte. Und es gibt Dinge, die behalte ich bei.
Ich hasse es z.B., wenn meine Leser Wörterbücher brauchen um meine
Texte zu verstehen. Es gibt Schriftsteller, die benutzen absichtlich ein sehr
kompliziertes Vokabular. Ich finde, das hat mit Verachtung der Leserschaft
zu tun. Wenn du klar denkst, drückst du dich auch klar aus.
E.M.: Manchette
behauptete, dass der roman noir zu einer literarischen Form des
19. Jahrhunderts zurückkehre. Hatte er damit
recht?
F.
F.: Warum
das 19. Jahrhundert? Du findest den selben Stil – den von Balzac,
Zola und anderen – auch in den dreißiger Jahren wieder. Bei Barbusse
und anderen. Ich glaube eher, dass es sich um eine populäre Literatur
handelt, die seit Jules Vallès existiert. Es gab auch keinen Bruch,
selbst wenn niemand mehr so schreibt wie Jules Vallès, gibt es eine
Kontinuität. Der Zusammenhang besteht. Eugène Sue gehört ebenfalls
dazu. Der Stil hat sich verändert, aber kommt schon aus dem 19. Jahrhundert.
Aber selbst im 18. Jahrhundert gab es progressive Autoren. Die Frage ist, wer
spricht. Ich habe dreimal in meinem Leben Mémoires d'outretombe (Memoiren
aus dem Jenseits) von Chateaubriand gelesen, das ist wunderbar, eine unglaubliche
Sensibilität, vorromantisch. Eugène Sue war lesbarer als Zola.
Wenn Zola von der Bevölkerung schrieb, ähnelte das oft einer
biologistischen Karikatur. Selbst in der Arbeiterbewegung der Zeit
kursierten viele Dummheiten
in diesem Stil.
E.M.: Ist der roman noir seit den siebziger Jahren Bestandteil einer linken
Kultur?
F.
F.: Kommt darauf an. Ich habe gelernt nicht allzu dogmatisch
zu sein, weil ich früher sehr dogmatisch war. Man muss die Leute nach ihren Handlungen beurteilen.
Das ist eine positive Seite des roman noir, er beurteilt die Menschen nach
dem, was sie tun. Man sollte vermeiden, Flugblätter statt Romane zu schreiben.
Der roman noir ist Unterhaltungsliteratur. Wenn du das aus den Augen verlierst,
wirst du ein Nervsack. Du kannst dennoch ekelerregende und erniedrigte Menschen
beschreiben, das ist viel besser als zu schreiben, dass Le Pen ein Arschloch
ist.
Wir haben gekämpft, um zu gewinnen, aber wir sind auch dazu verpflichtet,
wahre Geschichten zu erzählen. In meinem neuen Buch Full
speed stehen
viele Argumente gegen Sarkozy, aber ich erzähle auch eine wahre Geschichte.
Padovani macht drei Untersuchungen auf einmal und er verfolgt sie alle. Du
kannst sehr wohl einen gehobenen Stil haben, lustig und politisch sein, aber
auch von der Gesellschaft und dem Neoliberalismus schreiben. Wenn du all das
schaffst, ist das toll. Es bedarf keiner trostloser und pädagogischer
Bücher, die erklären, dass der Faschismus gefährlich ist, das
brauchen wir wirklich nicht. Wir müssen gewinnen, wir sind da, um zu gefallen
und zu verführen. Wir müssen durch unser Talent und unseren Stil überzeugen.
Die Leser müssen sagen, dass wenn der Typ so schreiben kann, seine Ideen
nicht schlecht sein können. Darum geht’s.