Erinnerung
an eine Stadt
Ein
Interview mit Francisco González Ledesma
von Sébastian Rutés
Übersetzung: Claudia Manthey
• Gijón, August
2005 •
In Barcelona
nennen ihn einige seiner Krimi-Schriftstellerkollegen liebevoll „el avi“, den Großvater. Francisco González
Ledesma verkörpert ein Stück Geschichte. Nicht nur die
Geschichte des Kriminalromans, dessen Entstehung und Entwicklung
er begleitete und vorantrieb, sondern auch die Geschichte der Stadt
Barcelona, in der er 1927 geboren wurde und die er in seinen jüngsten
Romanen nicht müde wird zu huldigen.
Als Anwalt
und Journalist hat er nie den Bezug zur Geschichte seines Landes
verloren: vom Bürgerkrieg, den er als Kind erlebte über
die Franco-Diktatur, während der seine Romane immer wieder verboten
wurden bis hin zur Demokratie, die ihm eine späte literarische
Anerkennung seines Gesamtwerkes brachte. „Viele Erinnerungen“,
bestätigt er. Erinnerungen die zum Teil erklären, dass
sein Gesamtwerk hundert Romane und Drehbücher zählt, die
mit Science Fiction Literatur, Kriminalromanen, unter denen die des
Detektivs Ricardo Méndez am bekanntesten sind, und den berühmten
Silver Kane Westernromanen alle Facetten der Populärliteratur
umfassen.
Sogar Alfred Hitchcook hatte vor, einen seiner Romane eines Tages
zu verfilmen... .
Und obwohl
er einer der jüngsten erfolgreichen Romanautoren
Spaniens war und mit 21 Jahren den Internationalen Romanpreis erhielt,
veröffentlicht er mit seinen fast 80 Jahren immer noch mit solcher
Regelmäßigkeit und solcher Freude wie in seiner Jugend.
Noch vor zwei Jahren wurde sein Roman „El Pecado o algo parecido“ (Die
Schuld oder so was ähnliches) mit dem Hammett Preis ausgezeichnet,
den er auf der gleichen Terrasse in Empfang nahm, wo er mich jetzt
Zeitung lesend erwartet.
In den letzten
Tagen, während des Kulturfestivals, der „Semana
Negra“, wo man sich gewöhnlich mit Freunden trifft, sah
man ihn oft allein durch die lauten Strassen spazieren gehen. Später
tauchte er diskret in einem der Räume auf und lauschte aufmerksam
einem Vortrag oder stellte dem Autor manchmal eine Frage wie jeder
andere Zuhörer im Publikum auch. Manchmal trank er stillschweigend
einen Kaffee auf einer Terrasse; ganz anders als seine Kollegen,
deren Stimmengewirr von den Tischen herüberkam, die rufend und
lachend fröhliche oder polemische Unterhaltungen führten.
Seine ganze Art strahlt eine gewisse Art Melancholie aus, die gleiche
Melancholie wie seine Detektivfiguren und manchmal wenn er spricht,
verwechselt er die eine mit der anderen. Fast ohne es zu bemerken,
wechselt er zwischen seinen eigenen Erinnerungen und denen seines
Protagonisten Méndez. Aber dabei handelt es sich um eine positive,
bejahende und freiwillige Art der Melancholie, wie sie das tiefe
Bewusstsein einer Erinnerung und die Treue zu einer Vergangenheit
hervorruft. Die Vergangenheit einer Weltanschauung, die der Frauen,
die in seinen jüngsten Romanen immer wichtigere Rollen spielen
und vor allem die Vergangenheit einer Stadt „die existierte
und in Gedanken weiter existiert“, wie er bei der Vorstellung
seines letzen Romans Cinco
Mujeres y una
media (Fünf
Frauen und eine halbe) bestätigte.
Wir setzen
uns etwas abseits an einen Tisch hinter einer sehr lauten Kaffeemaschine.
Als ich ihn darauf hinweise, dass es in
diesem Interview
hauptsächlich um das Problem der Erinnerung gehen soll, scheint
er daran zu denken, dass er über seinen Roman Tiempo
de venganza (Zeit der Rache), mit dem
er in diesem Jahr nochmals in die Endauswahl des Hammett Preises
gelangt ist, angemessen urteilte: “die
Vergangenheit ist das einzige, was einem bleibt“. Er lächelt
zurückhaltend; das Thema sagt ihm zu, da er gerade seine Memoiren
schreibt, die den Titel „Die Geschichte meiner Strassen“ tragen
wird.
Sébastien
Rutés: Während
der Pressekonferenz gestern hat Paco Ignacio Taibo II gesagt, dass
ihm an deinen Romanen gefällt, das sie sich „um
altes Unrecht, das noch nicht vergessen ist“ drehen. Bist du
damit einverstanden?
Francisco González
Ledesma: Sicher,
das halte ich für eine sehr treffende und historisch
angemessene Bemerkung, denn meine Stadt, Barcelona, ist eine Stadt,
die über die Jahrhunderte viel Unrecht erfahren hat. Unrecht
vielerlei Art. Zum einen politischer Natur, da Katalonien eine unterdrückte
Nation war und Barcelona sie als solche vertrat. Zum anderen sozialer
Natur weil Barcelona die große Stadt der sozialen Kämpfe
Spaniens war, die sich immer dem Franquismus entgegengestellt hat
und die durch die Diktatur und die rechte Gewalt viele Opfer zu erleiden
hatte. Es war eine Arbeiterstadt, das heißt eine arme Stadt,
wo die alltägliche Leid, das stille Leid, für mich das
erwähnenswürdigste und auffälligste, über Jahrhunderte
andauerte. Wenn ich Barcelona definieren müsste, würde
ich sagen, dass es eine Stadt ist, die kämpft und leidet und
folglich voll alten Unrechts in Bezug auf Gesellschaft und Verbrechen
ist, die beide den Kern ihrer Identität ausmachen. Mit Unrecht
meine ich die Dinge, die geschehen sind und nie angezeigt wurden
und die manch einer gern lösen würde, um sein Gewissen
zu reinigen. Das alte Unrecht ist immer der Kern der Gesellschafts-
und Verbrechensgeschichte Barcelonas.
S.
R.: Glaubst
du, dass diese Geschichten, die mit der Vergangenheit uneins
sind für den spanischen Kriminalroman charakteristisch
sind?
F. G. L.: Diese Frage berührt zwei Aspekte und ich werde sie dir auf
zwei Arten beantworten; literarisch und politisch. In Bezug auf die
Politik würde ich sagen, dass es besser ist, dass die alten
Verletzungen ungestraft geblieben sind und nicht geheilt wurden,
denn Dank dieser Tatsache konnte Spanien seine Stabilität bewahren
und ist nicht zum Horror eines Bürgerkrieges zurückgekehrt.
Ich beziehe mich konkret auf das Ende des Franquismus als eine Million
Tote wenn schon nicht Rache so zumindest eine Entschuldigung forderten.
Und es gab weder Rache noch eine Entschuldigung oder Untersuchung,
rein gar nichts, nur das Vergessen. Und aus emotionaler Sicht, aus
Sicht eines Kindes aus dem linken Lager, das diesen Horror miterlebte
schien das eine ungerechte Lösung zu sein, weil keiner dieser
Mörder dafür bezahlt hat, absolut keiner. Heute habe ich
eine andere Sichtweise; wenn sich wieder ein Bürgerkrieg entfesselt
hätte, wenn wir begonnen hätten, Rechnungen aufzumachen,
die Leute umzubringen die getötet hatten, dann gäbe es
das Spanien nicht, das wir heute haben. Oder anders ausgedrückt,
hat man zwischen schlechten Lösungsmöglichkeiten die bestmögliche
gewählt. Aber das bedeutet nicht, dass es die tiefe Trauer des
Volkes nicht mehr gäbe, dass es keine Erinnerung an den Vater
gäbe, der starb oder an die Frau, die während eines Beschusses
auf die Barrikaden kletterte und nie zurückkam. Das ist das,
was mir Material für die Literatur gibt, das Gefühl für
das Schreiben. Aber aus politischer Sicht – wenn du mich fragst,
ob der Übergang die richtige Lösung war, würde ich
ja sagen, vielleicht, weil es eine andere nicht gab.
S.
R.: In
Deinen letzten Romanen fühlt man, dass Méndez
immer mehr Sehnsucht entwickelt. Aber Sehnsucht wonach und warum?
F. G.
L.: Erlaube mir, dass klarzustellen; Méndez` Sehnsucht gründet
sich auf drei Motive, welche für mich sehr glaubwürdig
sind. Erstens ist es die des Alters. Das Alter bewirkt, dass uns
klar wird, dass wir sicherlich ein Leben gelebt haben, das schöner
ist als unser jetziges, auch wenn wir jetzt auch besser leben mögen.
Das heißt, heute lebe ich mit mehr Komfort als früher,
denn ich bin ein Kind armer Eltern. Aber die Träume des armen
Kindes erfüllen mich immer noch. Ich will sagen, es gibt immer
eine Vergangenheit, in der du würdiger und jünger bist
und besser aussiehst. Das zweite Motiv ist nicht ganz so leicht zuzugeben,
aber dennoch legitim: alle Frauen, die er einmal geliebt hat, sind
alt geworden oder gestorben. All diese Frauen waren so voller Leben,
voller Gefühl, hatten eine Stimme und jetzt sind sie nicht mehr.
Und haben diese Stimme nicht mehr. Auch die Prostituierten, die er
als Polizist geschützt hat, sind alt geworden oder tot oder
vielleicht stehen sie immer noch eher schlecht als recht an einer
Ecke. Diese zweite Art der Sehnsucht, die Méndez fühlt,
basiert auf der verlorenen Jugend und meiner Meinung nach ist das
durchaus legitim. Dann ist da noch der dritte Aspekt, der ebenfalls
von Bedeutung ist, auch wenn ihn vielleicht nur jemand verstehen
kann, der in Barcelona lebt; ich rede von der neuen Stadtplanung,
der neuen Stadt. Barcelona war eine Stadt, in der Arbeiter und Kapitalisten
nebeneinander wohnten. Manchmal haben sie sich bis aufs Blut gegenseitig
bekämpft aber jeder kannte jeden. Und es gab diese populären
Viertel, das chinesische Viertel (Rotlichtviertel) zum Beispiel,
in dem jede Samstag Nacht die besseren Bürger unterwegs waren,
um sich zu amüsieren, etwas zu trinken, ein Mädchen anzusprechen...
. Das alles ist durch die neue Stadtplanung verloren gegangen. Diese
Straßen der Vergangenheit existieren nicht mehr und Méndez
bemerkt ihr Fehlen, sie fehlen ihm. Er fühlt, das es nicht mehr
die seinen sind. Und das ruft diese Sehnsucht, diese Nostalgie hervor.
Vielleicht gibt es noch einen weiteren Grund dafür, nämlich
den, dass die alten Bewohner dieser Viertel zwischen den Einwanderern
verschwunden sind. Es gibt diesen Satz im Roman, wo Méndez
sagt, dass er sich an viele hübsche Mädchen erinnert, deren
Väter Pepe hießen und heute heißen sie Mohammed.
Das heißt, die Viertel haben sich mit den Einwanderern verändert;
heute sind sie voller arabischer oder indischer Läden und die
Häuser sehen anders aus und die Sprache ist eine andere. Auch
diese Tatsache erfüllt Méndez mit Nostalgie.
S.
R.: Oft
bestätigt sich, dass man die Vergangenheit kennen muss,
um die Zukunft zu verstehen. Im Fall von Méndez ist es
umgekehrt, da er so sehr in der Vergangenheit verwurzelt lebt.
Verliert er so
nicht den Kontakt zur Gegenwart? Schafft das nicht eine Art Verzerrung?
F. G.
L.: Doch, diese Verzerrung existiert. Dessen bin ich
mir bewusst und oft, wenn ich in meinen Romanen lese, denke ich,
dass diese Welt
der Vergangenheit, die Méndez bewahren will vielleicht zu
viel Platz beansprucht. Aber das kann ich nicht ändern, denn
diese Vergangenheit und diese Verzerrung in der Mendez lebt, in der
lebe ich auch. Ich bin jemand, der sich oft alte Fassaden, alte Fenster
anschaut, der mit Menschen spricht, die viel erlebt haben und viele
Freunde hat, die sehr alt sind und somit bedeutet die Stadt für
mich Gesellschaft und Dialog. Diese Stadt wird für mich nie
neue Technologie, wissenschaftlicher Fortschritt oder moderne Stadtplanung
bedeuten sondern nur das, was ich in ihr erlebt habe wird für
mich von Bedeutung sein. Aber natürlich ist mir der Unterschied
zwischen einem modernen, dynamischen Polizisten und dem alten Polizisten
Méndez bewusst, denn er glaubt nach wie vor an die Atmosphäre
eines Raumes oder die Bedeutung eines Blickes. Aber so ist es. Méndez
ist real, ich erfinde gar nichts. Es gibt viele Leute, die so sind.
S.
R.: Lass
uns jetzt über das Genre reden. Glaubst du, dass die Präsenz
von Vergangenheit und Erinnerung besonders im spanischen Kriminalroman
zu finden ist? Ich denke dabei an Vázquez Montalbán,
um nur ein Beispiel zu nennen.
F. G.
L.: Während du diese Frage gestellt hast, dachte ich auch an Manolo
Vázquez Montalbán und auch an Juan Marsé, auch
wenn er keine Krimis schreibt, so geht es doch in seinen Romanen
immer um die Viertel und die Kleinkriminalität; jemand stielt
ein Motorrad, lebt in einem besetzten Haus oder betrügt seine
Frau. Aber Manolo wurde auch wie ich in einem armen Viertel geboren,
hat die Armut erlebt und folglich hat die Erinnerung an diese Leidensjahre
sein Leben geprägt. In seinen Romanen schreibt er immer von
den alten Strassen, den unbarmherzigen Stadtplanern, dem rauen Kapitalismus.
All das gibt es in seinen Romanen, wie auch in denen von Marsé.
Und auch in La ciudad de los prodigios (Die Stadt der
Wunder) von Eduardo Mendoza gibt es das, gibt es die Vergangenheit.
Die Gegenwart ist immer nur wenig subjektiv, dagegen ist die Vergangenheit
ungeheuer subjektiv. Und darum ist sie für uns Schriftsteller
so enorm wichtig. Nun, ich denke schon, dass sie eine Charakteristik
des spanischen Romans sein könnte.
S.
R.: Wenn
man dir zuhört, könnte man meinen,
sie sei eher eine katalanische als eine spanische Eigenschaft.
Besonders in Barcelona...
F. G.
L.: Wenn du mich direkt nach anderen Autoren fragen würdest, würde
ich Juan Madrid nennen, der über sein altes Madrid schreibt,
das gewissermaßen gar nicht existiert, das typische Madrid...
. Aber ich kann dir nur von Barcelona und den Charakteristika des
Kriminalromans erzählen. Ich glaube die Vergangenheit ist immer
im Zentrum des Romans; das Verbrechen kann man nur über die
Vergangenheit erklären. Natürlich gibt es auch Verbrechen
im Affekt, aber die gehören nicht zur gleichen Kategorie Straftaten.
Sie sind Impulse. Gräueltaten. Aber ein Verbrechen ist ein lange
durchdachter Prozess und normalerweise hängt es mit der Vergangenheit
einer Person zusammen. Daher glaube ich, dass die Vergangenheit ein
Charakteristikum aller Kriminalromane ist.
S.
R.: Genau,
die Struktur eines Kriminalromans basiert normalerweise auf der
Rekonstruktion der Vergangenheit, der Rekonstruktion
des Verbrechens
und seiner Motive. Könnte man daher sagen, dass der Kriminalroman
durch seine narrative Struktur das Genre des Erinnerns ist?
F. G.
L.: Ja, und nicht nur deshalb, sondern auch weil der
Kriminalroman ein authentischer Gesellschaftsroman ist, da die
ganze Gegenwart einer
Stadt, ihr gesamtes industrielles, emotionales, verbrecherisches
Sein im Roman geschildert wird. Das hat Paco Ignacio Taibo gesagt,
aber das ist ein Gedanke, den ich immer hatte und mitgeteilt habe,
nämlich dass der Krimi der echte spanische Gesellschaftsroman
ist, weil er mit dem größten Spürsinn und der größten
Aufrichtigkeit durchdringt, wie die momentane Gesellschaft ist. Generell
lässt sich jedes Verbrechen durch ein persönliches oder
ein gesellschaftliches Drama erklären. Der Kriminalroman sprach
zuerst vom sozialen Bruch der zwanziger Jahre. Der spanische Kriminalroman
spricht von einem anhaltenden sozialen Bruch, der durch den entfesselten
Kapitalismus, das Erscheinen neuer Wirtschaftsformen, die Betrachtung
von Arbeit als minderwertiger Ware, als einer Ware überhaupt,
genährt wird. Diese Dramen kann man nur über den Weg des
Kriminalromans erklären. Darum gibt es diese beiden Aspekte
des Krimis; als eine Gedächtnisübung und gleichzeitig als
der Gesellschaftsroman schlechthin.
S.
R.: Da
du gerade von Paco Ignacio Taibo spricht, fällt
mir noch etwas ein, was er in den letzten Tagen gesagt hat;
seiner Meinung
nach neigen Kriminalroman und historischer Roman unvermeidlich
dazu, sich zu vermischen. Teilst du diese Meinung?
F. G.
L.: Das scheint mir nicht unvermeidlich, denn vor allem
ist das Romane schreiben die Ausübung von Freiheit. In der Literatur gibt es
nichts unvermeidliches. Ich könnte einen Roman schreiben, der
anders wäre als alle anderen, der sich in kein Genre einordnen
ließe und der in nichts dem gleichen würde, was andere
zuvor geschrieben haben. Das ist die wunderbare Freiheit eines Schriftstellers.
Es erscheint mir logisch, dass es heutzutage immer mehr Ähnlichkeiten
zwischen einem Kriminalroman und einem historischen Roman gibt, da
Geschichte einen großen Teil des Kriminalromans ausmacht. Wenn
in einem Kriminalroman ein Verbrechen beschrieben wird, muss gleichzeitig
dessen langer Entwicklungsprozess dargestellt werden, der sich oft
mit dem deckt, was in einem historischen Roman stehen würde.
Wenn zum Beispiel Méndez von der alten spanischen Polizei
spricht, erinnert er sich daran, dass sie bereits in der vorhergehenden
Diktatur, der von Primo de Rivera, existierte. Und wenn er davon
spricht, dass das chinesische Viertel so hieß, weil es dort
viele Ausländer gab, aber keine Chinesen sondern Filipinos,
die nach der Niederlage Spaniens gekommen waren, dann erzählt
er ein Stück Geschichte. Es mögen immer mehr Verbindungen
bestehen, aber in der Literatur gibt es nichts unvermeidliches, keinerlei
Verpflichtungen und das macht sie zur freisten und schönsten
Sache der Welt.
S.
R.: Bist
du ein Nostalgiker aus Überzeugung?
F. G.
L.: Ja,
das bin ich. Vielleicht weil ich so viele Dinge erlebt habe, an
die ich mich erinnern kann. Vielleicht deshalb.
Ich könnte
mir vorstellen, dass ein Junge der heute zehn Jahre alt ist, sich
an eine mehr oder weniger ausgeglichene Kindheit, eine gesunde Ernährung,
eine intakte Familie, eine gepflegte Wohnung etc. erinnern wird.
Er wird keine Nostalgie empfinden. Vielleicht wird er sich an einen
Freund erinnern, aber an mehr nicht. Ich dagegen wurde in einer Strasse
geboren, wo zwischen den Hauseingängen Schüsse fielen,
habe den Hunger erlebt, habe Schulen besucht, an denen sich die Lehrer
untereinander bekämpften, weil einige zur Rechten gehörten
und andere zur Linken, habe in einer durch den Krieg kaputten Familie
gelebt. Aus all dem folgt, vielleicht auch unglücklicherweise,
dass ich mehr erlebt habe als die Kinder von heute und daher mehr
zum Erinnern habe. Wenn man die Fähigkeit, sich erinnern zu
können und die Tatsache, dass man viel erlebt hat Nostalgie
nennen kann, nun ja, dann bin ich ein Nostalgiker... . Was nicht
bedeuten soll, dass ich alles gern noch einmal erleben würde,
aber ich besitze mehr Erinnerungen als die Leute, die heute geboren
werden.