krimis in Europa
n°3 November-Dezember-Januar 2005/06

 

 

Erinnerung an eine Stadt
Ein Interview mit Francisco González Ledesma

von Sébastian Rutés
Übersetzung: Claudia Manthey

• Gijón, August 2005 •

In Barcelona nennen ihn einige seiner Krimi-Schriftstellerkollegen liebevoll „el avi“, den Großvater. Francisco González Ledesma verkörpert ein Stück Geschichte. Nicht nur die Geschichte des Kriminalromans, dessen Entstehung und Entwicklung er begleitete und vorantrieb, sondern auch die Geschichte der Stadt Barcelona, in der er 1927 geboren wurde und die er in seinen jüngsten Romanen nicht müde wird zu huldigen.

Als Anwalt und Journalist hat er nie den Bezug zur Geschichte seines Landes verloren: vom Bürgerkrieg, den er als Kind erlebte über die Franco-Diktatur, während der seine Romane immer wieder verboten wurden bis hin zur Demokratie, die ihm eine späte literarische Anerkennung seines Gesamtwerkes brachte. „Viele Erinnerungen“, bestätigt er. Erinnerungen die zum Teil erklären, dass sein Gesamtwerk hundert Romane und Drehbücher zählt, die mit Science Fiction Literatur, Kriminalromanen, unter denen die des Detektivs Ricardo Méndez am bekanntesten sind, und den berühmten Silver Kane Westernromanen alle Facetten der Populärliteratur umfassen.

Sogar Alfred Hitchcook hatte vor, einen seiner Romane eines Tages zu verfilmen... .

© Sébastien Rutés

Und obwohl er einer der jüngsten erfolgreichen Romanautoren Spaniens war und mit 21 Jahren den Internationalen Romanpreis erhielt, veröffentlicht er mit seinen fast 80 Jahren immer noch mit solcher Regelmäßigkeit und solcher Freude wie in seiner Jugend. Noch vor zwei Jahren wurde sein Roman „El Pecado o algo parecido“ (Die Schuld oder so was ähnliches) mit dem Hammett Preis ausgezeichnet, den er auf der gleichen Terrasse in Empfang nahm, wo er mich jetzt Zeitung lesend erwartet.

In den letzten Tagen, während des Kulturfestivals, der „Semana Negra“, wo man sich gewöhnlich mit Freunden trifft, sah man ihn oft allein durch die lauten Strassen spazieren gehen. Später tauchte er diskret in einem der Räume auf und lauschte aufmerksam einem Vortrag oder stellte dem Autor manchmal eine Frage wie jeder andere Zuhörer im Publikum auch. Manchmal trank er stillschweigend einen Kaffee auf einer Terrasse; ganz anders als seine Kollegen, deren Stimmengewirr von den Tischen herüberkam, die rufend und lachend fröhliche oder polemische Unterhaltungen führten. Seine ganze Art strahlt eine gewisse Art Melancholie aus, die gleiche Melancholie wie seine Detektivfiguren und manchmal wenn er spricht, verwechselt er die eine mit der anderen. Fast ohne es zu bemerken, wechselt er zwischen seinen eigenen Erinnerungen und denen seines Protagonisten Méndez. Aber dabei handelt es sich um eine positive, bejahende und freiwillige Art der Melancholie, wie sie das tiefe Bewusstsein einer Erinnerung und die Treue zu einer Vergangenheit hervorruft. Die Vergangenheit einer Weltanschauung, die der Frauen, die in seinen jüngsten Romanen immer wichtigere Rollen spielen und vor allem die Vergangenheit einer Stadt „die existierte und in Gedanken weiter existiert“, wie er bei der Vorstellung seines letzen Romans Cinco Mujeres y una media (Fünf Frauen und eine halbe) bestätigte.

Wir setzen uns etwas abseits an einen Tisch hinter einer sehr lauten Kaffeemaschine. Als ich ihn darauf hinweise, dass es in diesem Interview hauptsächlich um das Problem der Erinnerung gehen soll, scheint er daran zu denken, dass er über seinen Roman Tiempo de venganza (Zeit der Rache), mit dem er in diesem Jahr nochmals in die Endauswahl des Hammett Preises gelangt ist, angemessen urteilte: “die Vergangenheit ist das einzige, was einem bleibt“. Er lächelt zurückhaltend; das Thema sagt ihm zu, da er gerade seine Memoiren schreibt, die den Titel „Die Geschichte meiner Strassen“ tragen wird.

 

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Sébastien Rutés: Während der Pressekonferenz gestern hat Paco Ignacio Taibo II gesagt, dass ihm an deinen Romanen gefällt, das sie sich „um altes Unrecht, das noch nicht vergessen ist“ drehen. Bist du damit einverstanden?

Francisco González Ledesma: Sicher, das halte ich für eine sehr treffende und historisch angemessene Bemerkung, denn meine Stadt, Barcelona, ist eine Stadt, die über die Jahrhunderte viel Unrecht erfahren hat. Unrecht vielerlei Art. Zum einen politischer Natur, da Katalonien eine unterdrückte Nation war und Barcelona sie als solche vertrat. Zum anderen sozialer Natur weil Barcelona die große Stadt der sozialen Kämpfe Spaniens war, die sich immer dem Franquismus entgegengestellt hat und die durch die Diktatur und die rechte Gewalt viele Opfer zu erleiden hatte. Es war eine Arbeiterstadt, das heißt eine arme Stadt, wo die alltägliche Leid, das stille Leid, für mich das erwähnenswürdigste und auffälligste, über Jahrhunderte andauerte. Wenn ich Barcelona definieren müsste, würde ich sagen, dass es eine Stadt ist, die kämpft und leidet und folglich voll alten Unrechts in Bezug auf Gesellschaft und Verbrechen ist, die beide den Kern ihrer Identität ausmachen. Mit Unrecht meine ich die Dinge, die geschehen sind und nie angezeigt wurden und die manch einer gern lösen würde, um sein Gewissen zu reinigen. Das alte Unrecht ist immer der Kern der Gesellschafts- und Verbrechensgeschichte Barcelonas.

 

S. R.: Glaubst du, dass diese Geschichten, die mit der Vergangenheit uneins sind für den spanischen Kriminalroman charakteristisch sind?

F. G. L.: Diese Frage berührt zwei Aspekte und ich werde sie dir auf zwei Arten beantworten; literarisch und politisch. In Bezug auf die Politik würde ich sagen, dass es besser ist, dass die alten Verletzungen ungestraft geblieben sind und nicht geheilt wurden, denn Dank dieser Tatsache konnte Spanien seine Stabilität bewahren und ist nicht zum Horror eines Bürgerkrieges zurückgekehrt. Ich beziehe mich konkret auf das Ende des Franquismus als eine Million Tote wenn schon nicht Rache so zumindest eine Entschuldigung forderten. Und es gab weder Rache noch eine Entschuldigung oder Untersuchung, rein gar nichts, nur das Vergessen. Und aus emotionaler Sicht, aus Sicht eines Kindes aus dem linken Lager, das diesen Horror miterlebte schien das eine ungerechte Lösung zu sein, weil keiner dieser Mörder dafür bezahlt hat, absolut keiner. Heute habe ich eine andere Sichtweise; wenn sich wieder ein Bürgerkrieg entfesselt hätte, wenn wir begonnen hätten, Rechnungen aufzumachen, die Leute umzubringen die getötet hatten, dann gäbe es das Spanien nicht, das wir heute haben. Oder anders ausgedrückt, hat man zwischen schlechten Lösungsmöglichkeiten die bestmögliche gewählt. Aber das bedeutet nicht, dass es die tiefe Trauer des Volkes nicht mehr gäbe, dass es keine Erinnerung an den Vater gäbe, der starb oder an die Frau, die während eines Beschusses auf die Barrikaden kletterte und nie zurückkam. Das ist das, was mir Material für die Literatur gibt, das Gefühl für das Schreiben. Aber aus politischer Sicht – wenn du mich fragst, ob der Übergang die richtige Lösung war, würde ich ja sagen, vielleicht, weil es eine andere nicht gab.

 

S. R.: In Deinen letzten Romanen fühlt man, dass Méndez immer mehr Sehnsucht entwickelt. Aber Sehnsucht wonach und warum?
© Zeki

F. G. L.: Erlaube mir, dass klarzustellen; Méndez` Sehnsucht gründet sich auf drei Motive, welche für mich sehr glaubwürdig sind. Erstens ist es die des Alters. Das Alter bewirkt, dass uns klar wird, dass wir sicherlich ein Leben gelebt haben, das schöner ist als unser jetziges, auch wenn wir jetzt auch besser leben mögen. Das heißt, heute lebe ich mit mehr Komfort als früher, denn ich bin ein Kind armer Eltern. Aber die Träume des armen Kindes erfüllen mich immer noch. Ich will sagen, es gibt immer eine Vergangenheit, in der du würdiger und jünger bist und besser aussiehst. Das zweite Motiv ist nicht ganz so leicht zuzugeben, aber dennoch legitim: alle Frauen, die er einmal geliebt hat, sind alt geworden oder gestorben. All diese Frauen waren so voller Leben, voller Gefühl, hatten eine Stimme und jetzt sind sie nicht mehr. Und haben diese Stimme nicht mehr. Auch die Prostituierten, die er als Polizist geschützt hat, sind alt geworden oder tot oder vielleicht stehen sie immer noch eher schlecht als recht an einer Ecke. Diese zweite Art der Sehnsucht, die Méndez fühlt, basiert auf der verlorenen Jugend und meiner Meinung nach ist das durchaus legitim. Dann ist da noch der dritte Aspekt, der ebenfalls von Bedeutung ist, auch wenn ihn vielleicht nur jemand verstehen kann, der in Barcelona lebt; ich rede von der neuen Stadtplanung, der neuen Stadt. Barcelona war eine Stadt, in der Arbeiter und Kapitalisten nebeneinander wohnten. Manchmal haben sie sich bis aufs Blut gegenseitig bekämpft aber jeder kannte jeden. Und es gab diese populären Viertel, das chinesische Viertel (Rotlichtviertel) zum Beispiel, in dem jede Samstag Nacht die besseren Bürger unterwegs waren, um sich zu amüsieren, etwas zu trinken, ein Mädchen anzusprechen... . Das alles ist durch die neue Stadtplanung verloren gegangen. Diese Straßen der Vergangenheit existieren nicht mehr und Méndez bemerkt ihr Fehlen, sie fehlen ihm. Er fühlt, das es nicht mehr die seinen sind. Und das ruft diese Sehnsucht, diese Nostalgie hervor. Vielleicht gibt es noch einen weiteren Grund dafür, nämlich den, dass die alten Bewohner dieser Viertel zwischen den Einwanderern verschwunden sind. Es gibt diesen Satz im Roman, wo Méndez sagt, dass er sich an viele hübsche Mädchen erinnert, deren Väter Pepe hießen und heute heißen sie Mohammed. Das heißt, die Viertel haben sich mit den Einwanderern verändert; heute sind sie voller arabischer oder indischer Läden und die Häuser sehen anders aus und die Sprache ist eine andere. Auch diese Tatsache erfüllt Méndez mit Nostalgie.

 

S. R.: Oft bestätigt sich, dass man die Vergangenheit kennen muss, um die Zukunft zu verstehen. Im Fall von Méndez ist es umgekehrt, da er so sehr in der Vergangenheit verwurzelt lebt. Verliert er so nicht den Kontakt zur Gegenwart? Schafft das nicht eine Art Verzerrung?

F. G. L.: Doch, diese Verzerrung existiert. Dessen bin ich mir bewusst und oft, wenn ich in meinen Romanen lese, denke ich, dass diese Welt der Vergangenheit, die Méndez bewahren will vielleicht zu viel Platz beansprucht. Aber das kann ich nicht ändern, denn diese Vergangenheit und diese Verzerrung in der Mendez lebt, in der lebe ich auch. Ich bin jemand, der sich oft alte Fassaden, alte Fenster anschaut, der mit Menschen spricht, die viel erlebt haben und viele Freunde hat, die sehr alt sind und somit bedeutet die Stadt für mich Gesellschaft und Dialog. Diese Stadt wird für mich nie neue Technologie, wissenschaftlicher Fortschritt oder moderne Stadtplanung bedeuten sondern nur das, was ich in ihr erlebt habe wird für mich von Bedeutung sein. Aber natürlich ist mir der Unterschied zwischen einem modernen, dynamischen Polizisten und dem alten Polizisten Méndez bewusst, denn er glaubt nach wie vor an die Atmosphäre eines Raumes oder die Bedeutung eines Blickes. Aber so ist es. Méndez ist real, ich erfinde gar nichts. Es gibt viele Leute, die so sind.

 

S. R.: Lass uns jetzt über das Genre reden. Glaubst du, dass die Präsenz von Vergangenheit und Erinnerung besonders im spanischen Kriminalroman zu finden ist? Ich denke dabei an Vázquez Montalbán, um nur ein Beispiel zu nennen.

F. G. L.: Während du diese Frage gestellt hast, dachte ich auch an Manolo Vázquez Montalbán und auch an Juan Marsé, auch wenn er keine Krimis schreibt, so geht es doch in seinen Romanen immer um die Viertel und die Kleinkriminalität; jemand stielt ein Motorrad, lebt in einem besetzten Haus oder betrügt seine Frau. Aber Manolo wurde auch wie ich in einem armen Viertel geboren, hat die Armut erlebt und folglich hat die Erinnerung an diese Leidensjahre sein Leben geprägt. In seinen Romanen schreibt er immer von den alten Strassen, den unbarmherzigen Stadtplanern, dem rauen Kapitalismus. All das gibt es in seinen Romanen, wie auch in denen von Marsé. Und auch in La ciudad de los prodigios (Die Stadt der Wunder) von Eduardo Mendoza gibt es das, gibt es die Vergangenheit. Die Gegenwart ist immer nur wenig subjektiv, dagegen ist die Vergangenheit ungeheuer subjektiv. Und darum ist sie für uns Schriftsteller so enorm wichtig. Nun, ich denke schon, dass sie eine Charakteristik des spanischen Romans sein könnte.

 

S. R.: Wenn man dir zuhört, könnte man meinen, sie sei eher eine katalanische als eine spanische Eigenschaft. Besonders in Barcelona...

F. G. L.: Wenn du mich direkt nach anderen Autoren fragen würdest, würde ich Juan Madrid nennen, der über sein altes Madrid schreibt, das gewissermaßen gar nicht existiert, das typische Madrid... . Aber ich kann dir nur von Barcelona und den Charakteristika des Kriminalromans erzählen. Ich glaube die Vergangenheit ist immer im Zentrum des Romans; das Verbrechen kann man nur über die Vergangenheit erklären. Natürlich gibt es auch Verbrechen im Affekt, aber die gehören nicht zur gleichen Kategorie Straftaten. Sie sind Impulse. Gräueltaten. Aber ein Verbrechen ist ein lange durchdachter Prozess und normalerweise hängt es mit der Vergangenheit einer Person zusammen. Daher glaube ich, dass die Vergangenheit ein Charakteristikum aller Kriminalromane ist.

 

S. R.: Genau, die Struktur eines Kriminalromans basiert normalerweise auf der Rekonstruktion der Vergangenheit, der Rekonstruktion des Verbrechens und seiner Motive. Könnte man daher sagen, dass der Kriminalroman durch seine narrative Struktur das Genre des Erinnerns ist?

F. G. L.: Ja, und nicht nur deshalb, sondern auch weil der Kriminalroman ein authentischer Gesellschaftsroman ist, da die ganze Gegenwart einer Stadt, ihr gesamtes industrielles, emotionales, verbrecherisches Sein im Roman geschildert wird. Das hat Paco Ignacio Taibo gesagt, aber das ist ein Gedanke, den ich immer hatte und mitgeteilt habe, nämlich dass der Krimi der echte spanische Gesellschaftsroman ist, weil er mit dem größten Spürsinn und der größten Aufrichtigkeit durchdringt, wie die momentane Gesellschaft ist. Generell lässt sich jedes Verbrechen durch ein persönliches oder ein gesellschaftliches Drama erklären. Der Kriminalroman sprach zuerst vom sozialen Bruch der zwanziger Jahre. Der spanische Kriminalroman spricht von einem anhaltenden sozialen Bruch, der durch den entfesselten Kapitalismus, das Erscheinen neuer Wirtschaftsformen, die Betrachtung von Arbeit als minderwertiger Ware, als einer Ware überhaupt, genährt wird. Diese Dramen kann man nur über den Weg des Kriminalromans erklären. Darum gibt es diese beiden Aspekte des Krimis; als eine Gedächtnisübung und gleichzeitig als der Gesellschaftsroman schlechthin.

 

S. R.: Da du gerade von Paco Ignacio Taibo spricht, fällt mir noch etwas ein, was er in den letzten Tagen gesagt hat; seiner Meinung nach neigen Kriminalroman und historischer Roman unvermeidlich dazu, sich zu vermischen. Teilst du diese Meinung?

F. G. L.: Das scheint mir nicht unvermeidlich, denn vor allem ist das Romane schreiben die Ausübung von Freiheit. In der Literatur gibt es nichts unvermeidliches. Ich könnte einen Roman schreiben, der anders wäre als alle anderen, der sich in kein Genre einordnen ließe und der in nichts dem gleichen würde, was andere zuvor geschrieben haben. Das ist die wunderbare Freiheit eines Schriftstellers. Es erscheint mir logisch, dass es heutzutage immer mehr Ähnlichkeiten zwischen einem Kriminalroman und einem historischen Roman gibt, da Geschichte einen großen Teil des Kriminalromans ausmacht. Wenn in einem Kriminalroman ein Verbrechen beschrieben wird, muss gleichzeitig dessen langer Entwicklungsprozess dargestellt werden, der sich oft mit dem deckt, was in einem historischen Roman stehen würde. Wenn zum Beispiel Méndez von der alten spanischen Polizei spricht, erinnert er sich daran, dass sie bereits in der vorhergehenden Diktatur, der von Primo de Rivera, existierte. Und wenn er davon spricht, dass das chinesische Viertel so hieß, weil es dort viele Ausländer gab, aber keine Chinesen sondern Filipinos, die nach der Niederlage Spaniens gekommen waren, dann erzählt er ein Stück Geschichte. Es mögen immer mehr Verbindungen bestehen, aber in der Literatur gibt es nichts unvermeidliches, keinerlei Verpflichtungen und das macht sie zur freisten und schönsten Sache der Welt.

 

S. R.: Bist du ein Nostalgiker aus Überzeugung?

F. G. L.: Ja, das bin ich. Vielleicht weil ich so viele Dinge erlebt habe, an die ich mich erinnern kann. Vielleicht deshalb. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Junge der heute zehn Jahre alt ist, sich an eine mehr oder weniger ausgeglichene Kindheit, eine gesunde Ernährung, eine intakte Familie, eine gepflegte Wohnung etc. erinnern wird. Er wird keine Nostalgie empfinden. Vielleicht wird er sich an einen Freund erinnern, aber an mehr nicht. Ich dagegen wurde in einer Strasse geboren, wo zwischen den Hauseingängen Schüsse fielen, habe den Hunger erlebt, habe Schulen besucht, an denen sich die Lehrer untereinander bekämpften, weil einige zur Rechten gehörten und andere zur Linken, habe in einer durch den Krieg kaputten Familie gelebt. Aus all dem folgt, vielleicht auch unglücklicherweise, dass ich mehr erlebt habe als die Kinder von heute und daher mehr zum Erinnern habe. Wenn man die Fähigkeit, sich erinnern zu können und die Tatsache, dass man viel erlebt hat Nostalgie nennen kann, nun ja, dann bin ich ein Nostalgiker... . Was nicht bedeuten soll, dass ich alles gern noch einmal erleben würde, aber ich besitze mehr Erinnerungen als die Leute, die heute geboren werden.

 

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