krimis in Europa
n°3 November-Dezember-Januar 2005/06

 

 

>> Rezensionen

Wer übrig bleibt, hat recht
Richard Birkefeld und Göran Hachmeister

Frankfurt/M. (Eichborn) 2002München (dtv) 2004

Von Alexander Ruoff


Das Syndikat ist die größte Vereinigung deutscher Krimiautoren und obwohl ihre Sprecher nicht müde werden zu betonen, dass sie ihr Metier als Unterhaltung verstehen, und es nicht als ihre Aufgabe betrachten, mittels ihrer Romane aktuelle Probleme aufzugreifen, entsteht doch auch in ihren Reihen mitunter bemerkenswertes. Der Roman Wer übrig bleibt, hat recht der beiden Historiker und Mitglieder des Syndikats Richard Birkefeld und Göran Hachmeister zum Beispiel. Denn er ist, obwohl seine Handlung vor über 60 Jahren in der Endphase des Krieges in Berlin spielt, ausgesprochen aktuell, wie die Debatte um das Buch Hitlers Volksstaat, eines anderen deutschen Historikers, Götz Aly, zeigt. Aly untersucht, wie auch der kleine Normaldeutsche von der Ausplünderung Europas durch den Eroberungs- und Vernichtungskrieg profitiert hat und sich so eine Komplizenschaft zwischen Volk und Führung etablieren konnte, die trotz der Bombardierung deutscher Städte bis zur bedingungslosen Kapitulation anhielt. Zwar reden Birkefeld und Hachmeister nicht von Geld- und Warenströmen, von Finanztricks und Feldpostpäckchen, aber die Stimmung, die sie nachzeichnen und die Figuren, die sie agieren lassen, machen deutlich, dass es niemanden gab, der nicht in irgend einer Weise in die Verbrechen des Dritten Reichs verwickelt gewesen oder zumindest durch den Zerfall der Moral korrumpiert worden wäre.

Das gilt auch für die beiden Hauptprotagonisten. Ruprecht Haas und Hans-Wilhelm Kalterer. Haas ist der KZ-Überlebende, der zum bösen Helden wird. Während eines Bombenangriffes kann er aus dem Lager fliehen und schlägt sich nach Berlin durch, um den Tod seiner Familie und seine Inhaftierung auf Grund einer Denunziation zu rächen. Der andere, Kalterer, der SS-Offizier, hat seine böse Tat hinter sich und leise zeigen sich bei ihm Zweifel an der Richtigkeit seiner Überzeugungen: Er hat die Résistance bekämpft, war bei einem Erschießungskommando im Osten eingesetzt und wurde wegen einer Verletzung nach Berlin zurückbeordert, wo er wieder in seinem eigentlichen Beruf Verwendung findet: Der Kriminalkommissar soll den Mord an einem hohen Parteifunktionär aufklären. Dabei lässt er sich durchaus Zeit, denn je länger dieser Auftrag dauert, desto geringer wird die Gefahr, an die Ostfront abberufen zu werden.

Diesen Roman zeichnen nicht allein ein gut aufgebauter Krimiplot aus, sondern vor allem seine historische Genauigkeit und die Charakterstudien von Menschen unter unmenschlichen Bedingungen. Dabei wird niemals in einem Opferpathos geschwelgt und Identifikation durch die moralisch durchweg ambivalent gezeichneten Figuren erschwert. Mit ihrem Erstlingswerk ist dem Autorenteam damit eine Gratwanderung gelungen, die ihr Buch jedem anempfehlenswert macht, der eine spannende Story, komplexe Charaktere, historisch genau recherchierte Informationen und ausgefeiltere Gegensätze als das simple Gut-und-Böse-Schema schätzt.

Dass die beiden Autoren es schwer hatten, mit einem solchen Thema und vor allem mit der unsentimentalen Art, mit der sie es angegangen sind, einen Verlag zu finden, verwundert nicht. Um so mehr ist dem Eichborn-Verlag zu danken, dass er dieses Wagnis einging. Gelohnt hat es sich, denn der Krimi hat 2003 nicht nur den Friedrich-Glauser-Krimipreis und den Deutschen Krimipreis gewonnen, sondern wird inzwischen auch als Taschenbuch von dtv vertrieben.

Im Moment ist das Autorenduo mit einem neuen Krimi beschäftigt, der nächstes Jahr herauskommen soll und ebenfalls ein historischer sein wird. Der Plot wird noch ein Stück weiter in die Vergangenheit zurück reichen und in der Weimarer Republik spielen. Man darf gespannt sein.

 

PicoSearch

© 2005 europolar Home | Impressum | Redaktion | Archiv | Links | Webmaster | Inhaltsverzeichnis | Webmaster: Emma