Das Syndikat
ist die größte Vereinigung deutscher Krimiautoren
und obwohl ihre Sprecher nicht müde werden zu betonen, dass
sie ihr Metier als Unterhaltung verstehen, und es nicht als ihre
Aufgabe betrachten, mittels ihrer Romane aktuelle Probleme aufzugreifen,
entsteht doch auch in ihren Reihen mitunter bemerkenswertes. Der
Roman Wer übrig bleibt, hat recht der beiden Historiker
und Mitglieder des Syndikats Richard Birkefeld und Göran Hachmeister
zum Beispiel. Denn er ist, obwohl seine Handlung vor über 60
Jahren in der Endphase des Krieges in Berlin spielt, ausgesprochen
aktuell, wie die Debatte um das Buch Hitlers Volksstaat, eines anderen
deutschen Historikers, Götz Aly, zeigt. Aly untersucht, wie
auch der kleine Normaldeutsche von der Ausplünderung Europas
durch den Eroberungs- und Vernichtungskrieg profitiert hat und sich
so eine Komplizenschaft zwischen Volk und Führung etablieren
konnte, die trotz der Bombardierung deutscher Städte bis zur
bedingungslosen Kapitulation anhielt. Zwar reden Birkefeld und Hachmeister
nicht von Geld- und Warenströmen, von Finanztricks und Feldpostpäckchen,
aber die Stimmung, die sie nachzeichnen und die Figuren, die sie
agieren lassen, machen deutlich, dass es niemanden gab, der nicht
in irgend einer Weise in die Verbrechen des Dritten
Reichs verwickelt
gewesen oder zumindest durch den Zerfall der Moral korrumpiert worden
wäre.
Das gilt auch
für die beiden Hauptprotagonisten. Ruprecht Haas
und Hans-Wilhelm Kalterer. Haas ist der KZ-Überlebende, der
zum bösen Helden wird. Während eines Bombenangriffes kann
er aus dem Lager fliehen und schlägt sich nach Berlin durch,
um den Tod seiner Familie und seine Inhaftierung auf Grund einer
Denunziation zu rächen. Der andere, Kalterer, der SS-Offizier,
hat seine böse Tat hinter sich und leise zeigen sich bei ihm
Zweifel an der Richtigkeit seiner Überzeugungen: Er hat die
Résistance bekämpft, war bei einem Erschießungskommando
im Osten eingesetzt und wurde wegen einer Verletzung nach Berlin
zurückbeordert, wo er wieder in seinem eigentlichen Beruf Verwendung
findet: Der Kriminalkommissar soll den Mord an einem hohen Parteifunktionär
aufklären. Dabei lässt er sich durchaus Zeit, denn je länger
dieser Auftrag dauert, desto geringer wird die Gefahr, an die Ostfront
abberufen zu werden.
Diesen Roman
zeichnen nicht allein ein gut aufgebauter Krimiplot aus, sondern
vor allem seine historische Genauigkeit und die Charakterstudien
von Menschen unter unmenschlichen Bedingungen. Dabei wird niemals
in einem Opferpathos geschwelgt und Identifikation durch die
moralisch
durchweg ambivalent gezeichneten Figuren erschwert. Mit ihrem
Erstlingswerk ist dem Autorenteam damit eine Gratwanderung gelungen,
die ihr
Buch jedem anempfehlenswert macht, der eine spannende Story,
komplexe Charaktere, historisch genau recherchierte Informationen
und ausgefeiltere
Gegensätze als das simple Gut-und-Böse-Schema schätzt.
Dass die beiden
Autoren es schwer hatten, mit einem solchen Thema und vor allem
mit der unsentimentalen Art, mit der sie es angegangen
sind, einen Verlag zu finden, verwundert nicht. Um so mehr
ist dem Eichborn-Verlag zu danken, dass er dieses Wagnis einging.
Gelohnt hat es sich, denn der Krimi hat 2003 nicht nur den
Friedrich-Glauser-Krimipreis
und den Deutschen Krimipreis gewonnen, sondern wird inzwischen
auch
als Taschenbuch von dtv vertrieben.
Im Moment ist
das Autorenduo mit einem neuen Krimi beschäftigt,
der nächstes Jahr herauskommen soll und ebenfalls ein historischer
sein wird. Der Plot wird noch ein Stück weiter in die Vergangenheit
zurück reichen und in der Weimarer Republik spielen. Man darf
gespannt sein.