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Der
21. Juli. Roman
Christian
v. Ditfurth
München
(Droemer Knaur 2001, broschierte Ausgabe 2003)
Von
Elfriede Müller
In
der Bundesrepublik erlebte der Kriminalroman weder eine Metamorphose
nach dem Mai 68 wie in Frankreich, noch gibt es hier eine Strömung
linksradikaler Krimiautoren, die man mit Schriftstellern wie Pouy,
Daeninckx, Manotti, Fajardie, Vilar, Jonquet u.s.w. vergleichen könnte.
Was es hierzulande jedoch seit einigen Jahren gibt, sind Historiker
in den 40ern, die blinde Flecken der Zeitgeschichte in Krimiform
aufarbeiten. Auch wenn sie in ihrer politischen Haltung weniger radikal
sind als die französischen Kollegen, so verschreiben sie sich
doch der Aufklärung und der Dekonstruktion von Mythen der offiziellen
Geschichtsschreibung.
Alexander Ruoff
hat für diese Nummer bereits Wer übrig
bleibt, hat recht von Birkefeld & Hachmeister rezensiert, ein
Roman, der sich der Geschichtsaufklärung widmet. Der absolute
Reißer dieses Genres ist für mich aber der brillante,
rasante, (für deutsche Verhältnisse unglaublich) witzige
und beinharte Roman Der 21. Juli von Christian v. Ditfurth. Der kontrafaktische
Krimi erzählt ein gelungenes Hitlerattentat der "Männer
des 20. Juli", die kurz nach der Beseitigung Hitlers ein Bündnis
mit der SS schließen. Deutschland wird nach einem Atomangriff
auf Minsk zur dritten Weltmacht neben der Sowjetunion und der USA
in den Grenzen von 1940. Die Hauptfigur des Plots ist Werdin, ein
enttäuschter Kommunist, der in der SS tätig ist, aber gleichzeitig
gegen die Nazis agiert. Er verrät Militärgeheimnisse an
die Amerikaner und taucht in den USA unter, wo er völlig zurückgezogen
an der mexikanischen Grenze mit seinem Kater Heinrich lebt, bis er
vom amerikanischen Geheimdienst aufgefordert wird, den Reichsführer
SS Himmler zu ermorden. Aufgrund eines Bildes seiner damaligen Geliebten,
die er tot wähnte, lässt Werdin sich breit schlagen und
taucht 1953 in Deutschland unter, um seinen Auftrag auszuführen.
Die kontrafaktische
Handlung nutzt v. Ditfurth, um den Mythos eines Widerstandes des
20. Juli besser dekonstruieren zu können. Die
1944 stattgefundene nationale Versöhnung zeigt, dass es sehr
wohl gemeinsame Grundlagen zwischen den Militärs und der SS
gegeben hat. V. Ditfurths historische Darstellungen sind präzise
und lassen nichts aus, der Vernichtungskrieg der Wehrmacht im Osten
wird genauso beschrieben, wie die Stalinismuskritik nicht vergessen
wird. Das Kunststück besteht darin, dass v. Ditfurth nicht in
eine platte Totalitarismuskritik verfällt und die Systeme gleichsetzt.
Durch das Buch zieht sich ein positiver und liebevoller Bezug auf
die Arbeiterbewegung und ihren rätekommunistischen Flügel.
Die gelungenste Figur des Romans ist Rettheim, ein abgesoffener und
zynischer Militär, den Werdin zunächst erpresst und für
das Hitlerattentat instrumentalisiert und sich dann mit ihm anfreundet.
Es ist auch Rettheim, der Werdin von den Todesfabriken im Osten berichtet: "Solange
wir Soldaten Krieg geführt haben, qualmten die Krematorien.
Ohne uns wäre Auschwitz nicht möglich gewesen, da gibt
es kein Vertun." (S. 374).
Ob das Attentat
auf Himmler gelingt und Werdin überlebt, werde
ich nicht verraten. Aber selbst das Wissen darum, würde die
Spannung nicht mindern.

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