krimis in Europa
n°3 November-Dezember-Januar 2005/06

 

 

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Der 21. Juli. Roman
Christian v. Ditfurth

München (Droemer Knaur 2001, broschierte Ausgabe 2003)

Von Elfriede Müller

 

In der Bundesrepublik erlebte der Kriminalroman weder eine Metamorphose nach dem Mai 68 wie in Frankreich, noch gibt es hier eine Strömung linksradikaler Krimiautoren, die man mit Schriftstellern wie Pouy, Daeninckx, Manotti, Fajardie, Vilar, Jonquet u.s.w. vergleichen könnte. Was es hierzulande jedoch seit einigen Jahren gibt, sind Historiker in den 40ern, die blinde Flecken der Zeitgeschichte in Krimiform aufarbeiten. Auch wenn sie in ihrer politischen Haltung weniger radikal sind als die französischen Kollegen, so verschreiben sie sich doch der Aufklärung und der Dekonstruktion von Mythen der offiziellen Geschichtsschreibung.

Alexander Ruoff hat für diese Nummer bereits Wer übrig bleibt, hat recht von Birkefeld & Hachmeister rezensiert, ein Roman, der sich der Geschichtsaufklärung widmet. Der absolute Reißer dieses Genres ist für mich aber der brillante, rasante, (für deutsche Verhältnisse unglaublich) witzige und beinharte Roman Der 21. Juli von Christian v. Ditfurth. Der kontrafaktische Krimi erzählt ein gelungenes Hitlerattentat der "Männer des 20. Juli", die kurz nach der Beseitigung Hitlers ein Bündnis mit der SS schließen. Deutschland wird nach einem Atomangriff auf Minsk zur dritten Weltmacht neben der Sowjetunion und der USA in den Grenzen von 1940. Die Hauptfigur des Plots ist Werdin, ein enttäuschter Kommunist, der in der SS tätig ist, aber gleichzeitig gegen die Nazis agiert. Er verrät Militärgeheimnisse an die Amerikaner und taucht in den USA unter, wo er völlig zurückgezogen an der mexikanischen Grenze mit seinem Kater Heinrich lebt, bis er vom amerikanischen Geheimdienst aufgefordert wird, den Reichsführer SS Himmler zu ermorden. Aufgrund eines Bildes seiner damaligen Geliebten, die er tot wähnte, lässt Werdin sich breit schlagen und taucht 1953 in Deutschland unter, um seinen Auftrag auszuführen.

Die kontrafaktische Handlung nutzt v. Ditfurth, um den Mythos eines Widerstandes des 20. Juli besser dekonstruieren zu können. Die 1944 stattgefundene nationale Versöhnung zeigt, dass es sehr wohl gemeinsame Grundlagen zwischen den Militärs und der SS gegeben hat. V. Ditfurths historische Darstellungen sind präzise und lassen nichts aus, der Vernichtungskrieg der Wehrmacht im Osten wird genauso beschrieben, wie die Stalinismuskritik nicht vergessen wird. Das Kunststück besteht darin, dass v. Ditfurth nicht in eine platte Totalitarismuskritik verfällt und die Systeme gleichsetzt. Durch das Buch zieht sich ein positiver und liebevoller Bezug auf die Arbeiterbewegung und ihren rätekommunistischen Flügel. Die gelungenste Figur des Romans ist Rettheim, ein abgesoffener und zynischer Militär, den Werdin zunächst erpresst und für das Hitlerattentat instrumentalisiert und sich dann mit ihm anfreundet. Es ist auch Rettheim, der Werdin von den Todesfabriken im Osten berichtet: "Solange wir Soldaten Krieg geführt haben, qualmten die Krematorien. Ohne uns wäre Auschwitz nicht möglich gewesen, da gibt es kein Vertun." (S. 374).

Ob das Attentat auf Himmler gelingt und Werdin überlebt, werde ich nicht verraten. Aber selbst das Wissen darum, würde die Spannung nicht mindern.

 

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