krimis in Europa
n°3 November-Dezember-Januar 2005/06

 

 

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Der Schneeman

Jörg Fauser

Berlin: Alexander Verlag • 2004 (Originalausgabe 1981)

Achim Saupe

 

Das Party-Establishment deutscher Popliteraten ist auf der Suche nach Traditionssträngen fündig geworden: Jörg Fauser, geboren 1944, in der Nacht seines 43. Geburtstages 1987 bei einem Autounfall tödlich verunglückt. „Wer Fauser nicht kennt, ist verrückt“, so Benjamin von Stuckrad-Barre, der im Anblick zeitgenössischer Kunst die Neue Frankfurter Schule des Sehens ausgerufen hat und auch selbst ein oder zwei Bücher geschrieben hat. Deutsches Theater.

Diese Werbung für die wirklich schöngemachte neue Jörg Fauser-Werkausgabe gleicht einer Abschreckungswaffe, will man doch von der Literatur kaum auf die Linie gebracht werden. Einer klassischen ästhetischen Theorie zufolge soll es ja gerade der Kunst möglich sein, die Wahrnehmung zu rekonfigurieren, Strukturen in die Schwebe zu bringen, für einen Moment die Oberflächen des Alltäglichen zu ver-rücken. Ein Gefühl der Unsicherheit und Verstörung zu wecken.

Unsicherheit und Störung gehören zum Kriminalroman, doch werden sie oft genug in eine Ordnung der Gefühle und in eine Bestätigung gesellschaftlicher Wertmuster überführt. Bestenfalls geht mit der Überführung des Täters eine Läuterung des Aufklärers einher, der dann als tragische Figur im Scherbenhaufen seiner Geschichte steht.

Anders bei Fauser. Der Schneemann ist Blum, Blum ohne e. Blum ist eine kleine Nummer und hält sich mit dem Vertrieb dänischer Pornohefte über Wasser, bis er durch Zufall in den Besitz von fünf Pfund reinstem Peruvian Flake kommt. Das ist eine Ansage, 500 Mille sind möglich. Die Bahamas winken. Wenn man die richtigen Kontakte hat.

Im Big Business ist jedoch kaum Fuß zu fassen, der Markt ist aufgeteilt. Und der Markt steht nicht auf Trittbrettfahrer. Das ist das Bedrohungsszenario, ein Szenario, welches vor allem im Kopf entsteht, denn wer Stoff verkauft, muss ihn testen. Auch wenn er das Zeug nicht braucht. Blums unsichtbare Gegner entstehen in der Imagination des Trips, ein paranoider Verfolgungswahn, der auch vor Cora nicht halt macht, die ihm ein paar Kontakte zu Abnehmern verschafft. Kalt berechnende Liebe, möglicher Verrat? Blum ist auf der Flucht. Schnell wird klar, dass der Gewinn kleiner ausfallen wird, als erhofft. Fragt sich nur, ob er lebend aus der Sache wieder rauskommt.

Paranoia ist die eine Seite, die andere die anästhesierende Kraft des Pulvers, der Film, in dem die Realität klarer zu Tage tritt, als sie sonst gesehen werden kann. Der Schneemann ist ein Drogen-Thriller, ein Cocktail aus Burroughs, Hammett und Chandler, bei dem der Selbstversuch des Autors für Authentizität sorgt. Fauser kennt sich aus im Geschäft. Knappe, lakonische Dialoge und harte Cuts sorgen für eine Beschleunigung der Wahrnehmung. Die Zeit, die man hat, ist einfach zu kurz.

Fauser ging davon aus, dass gute Geschichten von denen erzählen sollten, die unten sind, denn sonst könne die Literatur „gleich als Partyservice anheuern“. Dieses Programm, orientiert an Fallada, wird auch in Der Schneemann konsequent umgesetzt. Blum ist kein Verlierer. Blum spielt sein Spiel; aber er setzt sich auch aufs Spiel. Und, was sein großer Vorteil ist: Blum kann aussteigen.

Fauser kennt die Genreklischees, und er setzt sie geschickt ein. Fausers Schneemann modifiziert jedoch den Thriller. Mord: Fehlanzeige. Kampf: na ja. Bewaffnung: eine Klinge aus Solingen. Der größte Feind ist weder Polizei noch Mafia, sondern das eigene Bewusstsein. Fausers gekonnte Adaption des Thrillers ist auch eine Absage an das police procedural und die story of detection, eine Absage vor allem an den deutschen Sozio-Krimi und dessen verkorkstes Verständnis von Aufklärung. Mit Hitlers „Mein Kampf“ – so Fauser einmal in Anspielung auf Adorno – hätte den deutschen Krimiautoren klar sein müssen, dass das Verbrechen schon gewonnen hat, bevor auch nur ein Satz geschrieben werden konnte.

In Der Schneemann wird deshalb nichts aufgeklärt; und doch gibt es ein heuristisches Prinzip, welches Fauser im hard-boiled-Realismus zu finden hofft. Auf Blums Tour von Frankfurt nach Amsterdam, wo er endlich auf Abnehmer zu treffen hofft, verschlägt es ihn in ein Kaff an der deutsch-niederländischen Grenze. Hier stößt Blum auf einen seiner Kollegen, einen Vertreter von Weißwaschmitteln in braunem Anzug, der ihm beim Grenzübertritt in die Niederlande hilft. Ein Revanchist, der dem Helden hilft. Viel mehr Politik gibt es nicht.

Und doch reicht dies aus, um daraus einen konzisen Kommentar über den Zustand der deutschen Gesellschaft abzuleiten. Für Fauser war das Deutschland der 70er Jahre eine Angestelltenkultur, eine Gesellschaft, die sich für Mordprojekte anstellen ließ, eine Kultur der Vertreter, die Waren verkauften, ohne sich mit ihnen zu identifizieren. Ein „Held“ der Dealer ist, bleibt davon im Grunde nicht ausgenommen. Das ist die Ironie einer Geschichte, die keine Tragödie sein will.

1981 erstmalig veröffentlicht und schon damals als heiße Ware gehandelt, gehört Der Schneemann von Jörg Fauser nach wie vor zu den besten deutschen Krimis.

 

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