Das
Party-Establishment deutscher Popliteraten ist auf der Suche
nach Traditionssträngen fündig geworden: Jörg Fauser, geboren
1944, in der Nacht seines 43. Geburtstages 1987 bei einem Autounfall
tödlich verunglückt. „Wer Fauser nicht kennt, ist verrückt“,
so Benjamin von Stuckrad-Barre, der im Anblick zeitgenössischer
Kunst die Neue Frankfurter Schule des Sehens ausgerufen hat und auch
selbst ein oder zwei Bücher geschrieben hat. Deutsches
Theater.
Diese
Werbung für die wirklich schöngemachte neue Jörg
Fauser-Werkausgabe gleicht einer Abschreckungswaffe, will man doch
von der Literatur kaum auf die Linie gebracht werden. Einer klassischen ästhetischen
Theorie zufolge soll es ja gerade der Kunst möglich sein, die
Wahrnehmung zu rekonfigurieren, Strukturen in die Schwebe zu bringen,
für einen Moment die Oberflächen des Alltäglichen zu
ver-rücken. Ein Gefühl der Unsicherheit und Verstörung
zu wecken.
Unsicherheit
und Störung gehören zum Kriminalroman, doch
werden sie oft genug in eine Ordnung der Gefühle und in eine Bestätigung
gesellschaftlicher Wertmuster überführt. Bestenfalls geht
mit der Überführung des Täters eine Läuterung des
Aufklärers einher, der dann als tragische Figur im Scherbenhaufen
seiner Geschichte steht.
Anders
bei Fauser. Der Schneemann ist Blum, Blum ohne e. Blum ist eine
kleine Nummer und hält sich mit dem Vertrieb dänischer
Pornohefte über Wasser, bis er durch Zufall in den Besitz von
fünf Pfund reinstem Peruvian Flake kommt. Das ist eine Ansage,
500 Mille sind möglich. Die Bahamas winken. Wenn man die
richtigen Kontakte hat.
Im
Big Business ist jedoch kaum Fuß zu fassen, der Markt ist
aufgeteilt. Und der Markt steht nicht auf Trittbrettfahrer. Das ist
das Bedrohungsszenario, ein Szenario, welches vor allem im Kopf entsteht,
denn wer Stoff verkauft, muss ihn testen. Auch wenn er das Zeug nicht
braucht. Blums unsichtbare Gegner entstehen in der Imagination des
Trips, ein paranoider Verfolgungswahn, der auch vor Cora nicht halt
macht, die ihm ein paar Kontakte zu Abnehmern verschafft. Kalt berechnende
Liebe, möglicher Verrat? Blum ist auf der Flucht. Schnell
wird klar, dass der Gewinn kleiner ausfallen wird, als erhofft.
Fragt sich
nur, ob er lebend aus der Sache wieder rauskommt.
Paranoia
ist die eine Seite, die andere die anästhesierende Kraft
des Pulvers, der Film, in dem die Realität klarer zu Tage tritt,
als sie sonst gesehen werden kann. Der Schneemann ist ein Drogen-Thriller,
ein Cocktail aus Burroughs, Hammett und Chandler, bei dem der Selbstversuch
des Autors für Authentizität sorgt. Fauser kennt sich aus
im Geschäft. Knappe, lakonische Dialoge und harte Cuts sorgen
für eine Beschleunigung der Wahrnehmung. Die Zeit, die
man hat, ist einfach zu kurz.
Fauser
ging davon aus, dass gute Geschichten von denen erzählen
sollten, die unten sind, denn sonst könne die Literatur „gleich
als Partyservice anheuern“. Dieses Programm, orientiert an Fallada,
wird auch in Der Schneemann konsequent umgesetzt.
Blum ist kein Verlierer. Blum spielt sein Spiel; aber er
setzt sich auch aufs Spiel. Und, was
sein großer Vorteil ist: Blum kann aussteigen.
Fauser
kennt die Genreklischees, und er setzt sie geschickt ein. Fausers
Schneemann modifiziert jedoch den Thriller. Mord: Fehlanzeige.
Kampf: na ja. Bewaffnung: eine Klinge aus Solingen. Der größte
Feind ist weder Polizei noch Mafia, sondern das eigene Bewusstsein.
Fausers gekonnte Adaption des Thrillers ist auch eine Absage an das
police procedural und die story of detection, eine Absage vor allem
an den deutschen Sozio-Krimi und dessen verkorkstes Verständnis
von Aufklärung. Mit Hitlers „Mein Kampf“ – so
Fauser einmal in Anspielung auf Adorno – hätte den deutschen
Krimiautoren klar sein müssen, dass das Verbrechen schon
gewonnen hat, bevor auch nur ein Satz geschrieben werden konnte.
In Der Schneemann wird
deshalb nichts aufgeklärt; und doch gibt
es ein heuristisches Prinzip, welches Fauser im hard-boiled-Realismus
zu finden hofft. Auf Blums Tour von Frankfurt nach Amsterdam, wo er
endlich auf Abnehmer zu treffen hofft, verschlägt es ihn in ein
Kaff an der deutsch-niederländischen Grenze. Hier stößt
Blum auf einen seiner Kollegen, einen Vertreter von Weißwaschmitteln
in braunem Anzug, der ihm beim Grenzübertritt in die
Niederlande hilft. Ein Revanchist, der dem Helden hilft.
Viel mehr Politik
gibt es nicht.
Und
doch reicht dies aus, um daraus einen konzisen Kommentar über
den Zustand der deutschen Gesellschaft abzuleiten. Für Fauser
war das Deutschland der 70er Jahre eine Angestelltenkultur, eine Gesellschaft,
die sich für Mordprojekte anstellen ließ, eine Kultur der
Vertreter, die Waren verkauften, ohne sich mit ihnen zu identifizieren.
Ein „Held“ der Dealer ist, bleibt davon im Grunde nicht
ausgenommen. Das ist die Ironie einer Geschichte, die keine Tragödie
sein will.
1981
erstmalig veröffentlicht und schon damals als heiße
Ware gehandelt, gehört Der Schneemann von Jörg Fauser
nach wie vor zu den besten deutschen Krimis.