krimis in Europa
n°3 November-Dezember-Januar 2005/06

 

 

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Ein Klassiker ist immer gültig

"Las calles de nuestros padres"
("Die Straßen unserer Eltern
")
Francisco González Ledesma

La factoría de idea 2005 (1984) 317 Seiten

Von Javier Sánchez Zapatero
Übersetzung: Susanne Lenze

 

Ursprünglich wurde der Roman Die Straßen unserer Eltern (Las calles de nuestros padres) 1984 veröffentlicht, jetzt hat die IdeenfabrikLa Factoria de Ideas das Buch erneut publiziert. Seine Rückkehr zur Aktualität ist eine gute Nachricht für alle Liebhaber des Genres und für die Literatur im allgemeinen aus mindestens zwei Gründen. Erstens ermöglicht sie der Öffentlichkeit einen mühelosen Zugang zu einem fundierten Werk der spanischen Kriminalliteratur, das man bisher nur in Antiquariaten oder in den Beständen der Büchereien finden konnte. Zweitens, verdient seine Rückkehr zu den Regalen der Verlagsneuheiten – wo er auf den letzten Roman des Autors, Fünfeinhalb Frauen/Cinco mujeres y media treffen wird – eine öffentliche Anerkennung für einen vom Pech und mangelnder Anerkennung verfolgten Autor, dessen literarischer und persönlicher Werdegang diese Anerkennung eigentlich verdient hätte.

Der franquistische, staatliche Kulturapparat bezeichnete die Bücher von Francisco Gonzáles Ledesma als „rot“ und „pornographisch“. Ledesmas Werke wurden während der Diktatur zensiert, eingeschränkt widmete er seine kreative Kapazität hauptsächlich für den Kiosk vorgesehenen Romanen unter dem Pseudonym Silver Kane. Mit der Demokratie und dem Einzug der Normalität des Verlagsbetriebes konnte der aus Barcelona stammende Autor schließlich seine literarischen Interessen ohne Einschränkungen entwickeln, er schuf eine der gelungensten Sagas der spanischen Kriminalliteratur.

Der Fund einer Frauenleiche unter einem Bett einer billigen Pension durch eine vom Pech verfolgte Person, deutet den Beginn des Romans an. Das was im Prinzip passierte, scheint ein Verbrechen aus Leidenschaft zu sein oder einfach eine Abrechnung - in dem Maße wie die Erzählung fortschreitet, ein Mord mit politischen und wirtschaftlichen Verwicklungen auf hohem Niveau. Durch drei Nachforschungen – eine von ihnen durch Kommissar Méndez, der schon in einem vorigen Roman des Autors auftauchte, Expediente Barcelona, und der in den nachfolgenden Produktionen wieder auftauchen wird, bekommt der Leser fast parallel dessen Ergebnisse präsentiert, während sich die Romanhandlung vollzieht und die Ereignisse sich kreuzen. Gonzáles Ledesma bringt zum Ausdruck, dass soziale Kloaken häufiger als man denkt mit den Mächtigen verbunden sind. Seine Freske über Korruption und Verbrechen in Die Straßen unserer Eltern, zeichnet Barcelona als eine, sich von der europäischen, modernen Stadt, die gewöhnlich in den Reiseprospekten erscheint, deutlich unterscheidende Stadt. Das Barcelona, das Gonzáles Ledesma beschreibt, ist eine raue, schäbige Stadt „zugerichtet – wie Paco Ignacio Taibo II signalisiert hat - durch die Fliegenscheiße und die Toiletten, wo der Geruch nach Urin den Benutzer verwirrt“. Über diese Landschaft der Huren, der Verräter und der überlebenden Söldner, ragt die Figur des Kommissars Méndez. Méndez ist wie fast alle klassischen Hauptfiguren des Schwarzen Krimis, eine ungläubige und ernüchterte Person, die sich durch die ziemlich armseligen Straßen mit Taschen voller Bücher treibt.

Die Person des Kommissars wurde während des Übergangs zur Demokratie erschaffen, er repräsentiert mit seiner Enttäuschung und seiner Skepsis, den Frust einer ganzen Generation angesichts der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Transformationen nach 1975 und vor der gescheiterten Verwandlung, des utopischen Idealismus der die ersten Monate des politischen Wechsels prägte. Die einzige und vorgeschriebene Art und Weise, die Vergangenheit zu überwinden, war die aufgezwungene Form des Vergessens durch die Regierungsmacht. Sie verbreiteten bis zum Überdruss den Erfolg dieses reformistischen Modells. Entgegen dieser historischen Darstellung stützten die Autoren Francisco González Ledesma, Manuel Vázquez Montalbán oder Juan Madrid, durch ihre Krimiromane einen Diskurs, der sich gegen die bürokratischen und offiziellen Nachrichten wandte und argwöhnten den scheinbaren Erfolg des Überganges zur Demokratie, weil, wie einige Personen des Romans sagen, trotz aller Wechsel „dem Volk immer die Wahrheit verschwiegen wird“.

 

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