Irgendeine
Stadt in der Mitte Italiens. Ein Einkaufszentrum - eines dieser
neuen Kathedralen des Konsumkultes. Ein Mann, Ex-Militär,
ausweichend und reserviert, entzieht sich den sozialen Anforderungen
eines normalen Arbeitsplatzes, indem er einen Job annimmt, der sich
durch Distanz auszeichnet: Sicherheitsdienst. Ein echter Professioneller.
Und wer könnte besser als ein echter Professioneller das irre
Projekt des Direktors des Einkaufszentrums durchführen, nämlich
ausgerechnet die Einnahmen dieser Shopping Mall zu klauen?
Vittori, der Direktor, will sich an seinem Unternehmen rächen,
das ihm nach eigener Einschätzung nicht erlaubt hat, seine Karriere
angemessen voranzutreiben. Aus diesem Grund hat er einen Plan für
den großen Coup entworfen. Madralta, der Mann vom Wachschutz,
will sich eigentlich nicht darin einspannen lassen. Aber letztlich,
was hat er zu verlieren? Eine Arbeit, die er sowieso nicht mag? Ein
einsames Leben? Die Verbindung zu Giulana, Vittoris Verlobter? Und
dann ist da schließlich dieses junge Mädchen, Laura, für
die er möglicherweise gerne mal was Verrücktes riskieren
würde... Trotz des gut einstudierten Plans gibt es ein großes
Desaster, einen Toten – oder eher gesagt drei, und mehrere
Verletzte. Und von hier an nehmen die Dinge eine ungute, immer gewalttätigere
Wendung. Zudem schnüffelt die Polizei in ihren eigenen Kreisen
herum, die Komplizen überbieten sich im gegenseitigen Verrat,
und alles bewegt sich auf ein Ende zu, das buchstäblich im voraus
hätte geschrieben werden können, gleich zu Anfang der Geschichte.
Eine gewisse
Lebensmüdigkeit, Langeweile, Frustration, Schuld,
Verrat, Tod... Die Bestandteile des Roman Noir sind hier mehr oder
weniger alle zu finden, vermischt mit denen des Feuilletonromans,
des ›roman de la cambriole‹. Da Limardis Roman zusätzlich
sehr kurz ist, ist man direkt mittendrin im Wesentlichen, wie eine
Kugel, die auf ihr Ziel trifft. Die Schreibweise ist sehr dicht,
elaboriert, elegant, kaum durchbrochen von Dialektwendungen; ein
sehr entwickelter Stil, der sich auf sich selbst zu stützen
scheint, um hoch über sich hinaus zu gehen. Das ist gut und
wünschenswert für das Vergnügen der Leser, auch wenn
ich den Eindruck habe, dass der Autor im Bestreben, auf diese Art
zu schreiben, die eigentliche Geschichte etwas links liegen lässt
- als sei diese ein Ballast, der ihn an den Boden fesselt.
In anderen Worten,
man hat hier einen wirklich bemerkenswerten Stil im Dienste eines
Krimiplots ohne Überraschungen, in dem nichts
Neues steckt, nichts, was man nicht erwarten würde. Alles spielt
sich genauso ab, wie man es sich bereits gedacht hat, ohne irgendein
Kaninchen, das bühnenreif aus dem Hut gezogen für Verblüffung
sorgen würde – mit einem schlechten Wortspiel ausgedrückt
könnte man sagen, es handelt sich um eine ›niedere‹ (triviale)
Story verbunden mit einem ›hohen‹ (ausgefeilten) Stil.
Mir ist schon klar, dass die treibende Kraft des Noir nicht unbedingt
im Plot liegt, auch nicht in der frenetischen Anhäufung von
spektakulären (und oftmals mechanischen) Szenen, die für
den Thriller typisch sind, aber trotzdem...
Mein Gesamturteil ist nichtsdestotrotz positiv, Nur eine
einzige Träne (mit diesem aggressiven Cover, das mir sofort ins Auge
gestochen ist) verdient es, gelesen zu werden: als ein gutes kleines
Stück Imagination, leider nicht mehr. Es ist ein literarisches
Porträt Italiens im Kriminalroman der Sorte Noir. Aber Limardi,
wie die Gebildeten anderer Zeiten sagen würden (und vielleicht
auch die von heute): ›man könnte es besser machen‹.
Bravo, aber trotzdem: ein bisschen Courage, verflixt nochmal!