krimis in Europa
n°3 November-Dezember-Januar 2005/06

 

 

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Anche una sola lacrima
(Nur eine einzige Träne)

Franco Limardi

Marsilio black • 2005 • 182 Seiten

Giovanni Zucca
Übersetzung: Kerstin Schoof


Irgendeine Stadt in der Mitte Italiens. Ein Einkaufszentrum - eines dieser neuen Kathedralen des Konsumkultes. Ein Mann, Ex-Militär, ausweichend und reserviert, entzieht sich den sozialen Anforderungen eines normalen Arbeitsplatzes, indem er einen Job annimmt, der sich durch Distanz auszeichnet: Sicherheitsdienst. Ein echter Professioneller. Und wer könnte besser als ein echter Professioneller das irre Projekt des Direktors des Einkaufszentrums durchführen, nämlich ausgerechnet die Einnahmen dieser Shopping Mall zu klauen?
Vittori, der Direktor, will sich an seinem Unternehmen rächen, das ihm nach eigener Einschätzung nicht erlaubt hat, seine Karriere angemessen voranzutreiben. Aus diesem Grund hat er einen Plan für den großen Coup entworfen. Madralta, der Mann vom Wachschutz, will sich eigentlich nicht darin einspannen lassen. Aber letztlich, was hat er zu verlieren? Eine Arbeit, die er sowieso nicht mag? Ein einsames Leben? Die Verbindung zu Giulana, Vittoris Verlobter? Und dann ist da schließlich dieses junge Mädchen, Laura, für die er möglicherweise gerne mal was Verrücktes riskieren würde... Trotz des gut einstudierten Plans gibt es ein großes Desaster, einen Toten – oder eher gesagt drei, und mehrere Verletzte. Und von hier an nehmen die Dinge eine ungute, immer gewalttätigere Wendung. Zudem schnüffelt die Polizei in ihren eigenen Kreisen herum, die Komplizen überbieten sich im gegenseitigen Verrat, und alles bewegt sich auf ein Ende zu, das buchstäblich im voraus hätte geschrieben werden können, gleich zu Anfang der Geschichte.

Eine gewisse Lebensmüdigkeit, Langeweile, Frustration, Schuld, Verrat, Tod... Die Bestandteile des Roman Noir sind hier mehr oder weniger alle zu finden, vermischt mit denen des Feuilletonromans, des ›roman de la cambriole‹. Da Limardis Roman zusätzlich sehr kurz ist, ist man direkt mittendrin im Wesentlichen, wie eine Kugel, die auf ihr Ziel trifft. Die Schreibweise ist sehr dicht, elaboriert, elegant, kaum durchbrochen von Dialektwendungen; ein sehr entwickelter Stil, der sich auf sich selbst zu stützen scheint, um hoch über sich hinaus zu gehen. Das ist gut und wünschenswert für das Vergnügen der Leser, auch wenn ich den Eindruck habe, dass der Autor im Bestreben, auf diese Art zu schreiben, die eigentliche Geschichte etwas links liegen lässt - als sei diese ein Ballast, der ihn an den Boden fesselt.

In anderen Worten, man hat hier einen wirklich bemerkenswerten Stil im Dienste eines Krimiplots ohne Überraschungen, in dem nichts Neues steckt, nichts, was man nicht erwarten würde. Alles spielt sich genauso ab, wie man es sich bereits gedacht hat, ohne irgendein Kaninchen, das bühnenreif aus dem Hut gezogen für Verblüffung sorgen würde – mit einem schlechten Wortspiel ausgedrückt könnte man sagen, es handelt sich um eine ›niedere‹ (triviale) Story verbunden mit einem ›hohen‹ (ausgefeilten) Stil. Mir ist schon klar, dass die treibende Kraft des Noir nicht unbedingt im Plot liegt, auch nicht in der frenetischen Anhäufung von spektakulären (und oftmals mechanischen) Szenen, die für den Thriller typisch sind, aber trotzdem... Mein Gesamturteil ist nichtsdestotrotz positiv, Nur eine einzige Träne (mit diesem aggressiven Cover, das mir sofort ins Auge gestochen ist) verdient es, gelesen zu werden: als ein gutes kleines Stück Imagination, leider nicht mehr. Es ist ein literarisches Porträt Italiens im Kriminalroman der Sorte Noir. Aber Limardi, wie die Gebildeten anderer Zeiten sagen würden (und vielleicht auch die von heute): ›man könnte es besser machen‹. Bravo, aber trotzdem: ein bisschen Courage, verflixt nochmal!

 

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