krimis in Europa
n°3 November-Dezember-Januar 2005/06

 

Die Straße der sechs jungen Männer

Eine Erzählung von Nadine Monfils
Übersetzung: Elfriede Müller

Die vielseitige, belgische Autorin wurde durch ihre unkonventionellen Geschichten bekannt, durch ihre Fantasy Erzählungen, Romane, Theaterstücke und Krimis. Sie veröffentlichte zwei Krimis in der Série Noire: Une petite douceur meurtrière (Mörderische Sanftmut) und Monsieur Emile, die erfolgreich Surrealismus, Fantasy und schwarzen Humor vereinen. Aus ihrer Serie über den Kommissar Léon entstand 2004 ein Film: Madame Eduourd. Die Autorin lebt in Paris und widmet sich der Literatur und dem Film.

 

Caroline vergeht vor Langeweile in dem großen, zu ruhigen Haus, wo sie mit ihrer Mutter lebt, seit sie drei Jahre alt ist. Wenn man ihr von ihrem Vater erzählt, dann tut sie so, als würde sie sich nicht erinnern, doch unter ihrer Matratze hat sie das einzige Foto versteckt, das sie von ihm besitzt. Sie erinnert sich an seinen Todestag. Es war so, als wäre sie in eine Art Fallgrube gestürzt, in der das Leben nun nur noch schwarz-weiß ablief. All das, was die Mauern etwas bunter gestaltete, war verschwunden und ließ hie und da rechteckige Flecken auf dem vergilbten Papier zurück. Man konnte die Objekte unter ihrer Staubschicht nur noch erahnen. Nur das Parkett empfing manchmal Schläge von der nassen Zunge des Putzlappens.

Carolines Mutter, die sich vorher sehr geschmackvoll kleidete, läuft jetzt wochenlang in demselben schwarzen Kleid herum, zerknautscht und alt. Ihre stumpfen, blonden Haare umrahmen ein ausdrucksloses Gesicht. Die Gleichgültigkeit hat sich im Herzen der Witwe eingenistet.
Mehr als jemals zuvor spürt Caroline, dass ihre Mutter sie für den Mittelpunkt der Welt hält, an dem sie zieht, als wäre sie an einer Leine, sobald die Kleine versucht sich wegzubewegen. Das kleine Mädchen erstickt fast zwischen den roten Ziegelsteinen in der Straße der sechs jungen Männer, in der Nähe des lebhaften Viertels Sablon in Brüssel, wo sie nicht hindarf "wegen der vielen Autos".

In ihrer Straße gibt es keine anderen Kinder, nur alte Damen, die man in Häuser zwischen zwei anderen leerstehenden Häusern gezwängt hat. Es ist ein Ort, an dem niemals etwas passiert, weil niemand dorthin kommt. Er erinnert an die gefährlichen Ecken, die durch eine weit zurückliegende Geschichte belastet sind, die man glaubt wieder zu beleben, wenn man die Wände berührt.

Eines Tages bringt ein unerwartetes Ereignis Caroline außer sich: eines der leerstehenden Häuser ist wieder bewohnt! Aus ihrem Fenster, das zur Straße zeigt, beobachtet das Mädchen alles. Sie ist nicht die Einzige. Hinter ihren Spitzenvorhängen verborgen, erfreuen sich die alten Damen mit gierigem Blick und schnalzender Zunge.
Als Caroline von der Schule kommt, sieht sie Licht in dem Haus der neuen Nachbarn. Da die Straße nicht beleuchtet wird, kann es sich das kleine Mädchen auf dem Bürgersteig gegenüber bequem machen, ohne dass sie dabei gesehen wird. Sie verweilt einen Moment, nicht allzu lange, damit ihre Mutter sich nicht sorgt, aber ausreichend, um festzustellen, dass das Paar einen kleinen Jungen von ungefähr zehn Jahren hat. Caroline ist glücklich, endlich einen Spielkameraden gefunden zu haben. Sicher hat sie Schulfreunde, aber das ist nicht dasselbe. Die Schule ist vor allem ein Ort der Arbeit, wo die Pausen nur traurige Kleckse darstellen. Caroline hasst die Schule, aber lernt fleißig, um sie bald verlassen zu können.

Am ersten Sonntag nach dem Einzug der Nachbarn klopft das Mädchen an ihrer Tür in der Hoffnung, das Kind kennen zu lernen. Eine große Dame, eingemummt in eine rote Strickjacke, öffnet ihr.
" Guten Tag, ich wohne nebenan und sah, dass sie einen kleinen Jungen haben, also..."
" Das stimmt," unterbricht die Dame sie, "aber er ruht sich gerade aus."
" Ich komme später wieder!"
" Genau, komm an einem anderen Tag wieder, meine Kleine..."
Und sie schließt die Tür.
Enttäuscht geht Caroline nach Hause. Sie isst an diesem Abend sehr wenig.
Am nächsten Tag versucht sie erneut den kleinen Jungen zu sehen, aber die Dame antwortet ihr, dass er beschäftigt sei. Das Mädchen lässt sich deshalb nicht entmutigen und beharrlich klopft sie jeden Tag an der Tür. Auch wenn die Vorwände unterschiedlich ausfallen, das Resultat ist immer dasselbe! Caroline fragt sich, warum die Frau nicht will, dass sie ihren Sohn sieht. War sie nicht gut genug, um mit ihm zu spielen? Auch wenn ihre Mutter das Haus vernachlässigt, so achtet sie doch immer darauf, dass sie saubere und gebügelte Kleider trägt. Nein, es muss einen anderen Grund geben, aber welchen?

Eines Abends, als Licht im Erdgeschoss brennt, kann Caroline so lange klopfen wie sie will, niemand öffnet ihr. Sie wartet einen Moment, klettert dann über den Zaun und springt in den Hof, der an der rechten Seite des Hauses entlang führt. Das Mädchen muss sich auf die Zehenspitzen stellen, um in das erleuchtete Fenster sehen zu können, und durch die Dunkelheit des Außenraums geschützt, beobachtet sie in aller Ruhe, was sich in dem vollgestellten Wohnzimmer abspielt. Der blau angezogene, kleine Junge sitzt fast genau gegenüber dem Fenster und sieht Fernsehen. Aber er antwortet nicht auf ihre Zeichen, zweifellos weil er so auf den Film konzentriert ist. Der Vater liest neben dem Kamin und die Mutter ist in einem Sessel eingeschlafen. Auf dem Tisch ohne Tischdecke liegen drei leere und schmutzige Teller.
" Er hat komische Augen", denkt das Mädchen, "Augen die bezaubern und die Angst machen".

Heute Abend geht sie nach Hause und ist entschlossen alles mögliche anzustellen, um die Aufmerksamkeit ihres kleinen Nachbarn zu erlangen. Während des ganzen nächsten Tages denkt sie darüber nach, wie sie sich dem kleinen Jungen nähern kann. Er muss irgendwo zur Schule gehen, oder? Sie hat ihn nie das Haus verlassen sehen. Sie wird die alten Damen diesen Abend zu besuchen. Aufmerksame Wächterinnen, zwischen zwei Löffeln Mousse und einem Schluck Tee, wissen sie sicher mehr über die neuen Nachbarn. Geschickt bringt das Mädchen ihnen Blumen mit und behauptet, dass sie nur kommt, um ihnen guten Tag zu sagen. Die beiden Damen scheinen von diesem Überraschungsbesuch entzückt zu sein. Caroline hat kaum Zeit sich hinzusetzen, schon wird ein großer Teller Butterkekse und ein Glas Limonade vor ihr aufgebaut. Trotz ihrem verlockenden Eindruck, sind die Kekse weich und ein wenig säuerlich. Die alten Damen insistieren: "Iss, meine Kleine, iss!"
" Nein danke."
" Sei doch nicht so schüchtern!"
Und um sie nicht zu beleidigen, isst sie weiter. "Sind sie wirklich nett oder wollen sie nur ihre alten Kekse loswerden?", fragt sie sich.
Aber Caroline verbirgt ihre Zweifel aus Angst, keine Antworten auf die Fragen zu erhalten, die ihr auf der Zunge brennen.
" Wir sind jetzt nicht mehr so alleine in der Straße", bemerkt sie lässig.
" Ja, wir haben dich mehrmals vor dem Haus der neuen Nachbarn gesehen. Hast du mit der Dame gesprochen? Was hat sie dir erzählt? Hat sie dich rein gebeten? Hast du den kleinen Jungen gesehen?"
Es hagelt Fragen!
" Wie sieht es denn bei ihnen aus? Der Vater ist irgendwie komisch, findest du nicht?"
Sie lassen ihr keine Zeit zum Antworten und sie fühlt sich so, als wäre sie in ihre eigene Falle getappt. Die alten Damen wissen nicht viel, außer, dass sie den Sohn nur während des Umzugs gesehen hatten und dass er komisch gewirkt hätte.
" Man hatte den Eindruck, als könne er nicht laufen. Sein Vater hat ihn getragen," präzisiert die Älteste unter Ihnen.
" Vielleicht war der Junge eingeschlafen!" wirft die Andere ein.
" Nein, ich bin sicher, dass er die Augen offen hatte."
" Ich bin sicher, dass er sie zu hatte."
Caroline verlässt sie mitten im Streit. Sie geht nicht sofort nach Hause, sondern begibt sich wie jeden Abend auf ihren Beobachtungsposten im Innenhof. Der Vater liest wieder am selben Platz und die Mutter döst, aber der kleine Junge ist nicht mehr da. Angesichts der späten Stunde ist er sicher schlafen gegangen. Caroline geht um das Haus herum und entdeckt ein halb offenes Fenster. Sie schlüpft auf die andere Seite, in ein Zimmer voller Spielsachen, das durch einen kleinen Mond erhellt wird. Das Mädchen schreckt nicht davor zurück, den kleinen Jungen, der in seinem Bett liegt, aufzuwecken und schüttelt ihn dabei, aber er reagiert nicht.
" He!" flüstert sie und schüttelt ihn dabei kräftig.
Das Kind bleibt leblos. Irritiert sucht Caroline den Lichtschalter und zieht an der Bettdecke. Sie entdeckt zunächst den Jungen, auf dem Rücken liegend, noch ganz angezogen, in seinem dunkelblauen Anzug, der völlig aus der Mode ist. Er hat sogar seine Schuhe noch an! Sie zieht ihn leicht zu sich herüber und stößt einen Schrei aus: er hat offene Augen, große, unbewegliche und tote Augen, wie die einer Puppe. Caroline befühlt seine kalten Hände und streichelt seine wächsernen Wangen, bevor sie geht. Aber bevor sie das Fenster erreichen kann, öffnet sich die Tür.
" Was machen Sie hier?" fragt der Vater.
" Ich wollte wissen, warum er nie mit mir spielt."
" Das kann ich Ihnen erklären... . Unser Sohn ist mit acht Jahren gestorben und ich ließ ihn einbalsamieren. Dies war die einzige Möglichkeit, meine Frau daran zu hindern verrückt zu werden, verstehen Sie?"
Ja, sie verstand, denn am nächsten Tag klopft sie an der Tür ihrer Nachbarn und sagt: "Guten Tag gnädige Frau, kann ich mit Ihrem kleinen Jungen spielen?"


Bemerkung der Autorin:
Diese Erzählung basiert auf einem wahren Fall. Vor vielen Jahren fand man den einbalsamierten Körper eines achtjährigen Jungen, der in einem alten Haus in der Normandie auf dem Kamin saß.

 


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