Die
Straße der sechs jungen Männer
Eine
Erzählung von Nadine Monfils
Übersetzung:
Elfriede Müller
Die
vielseitige, belgische Autorin wurde durch ihre unkonventionellen
Geschichten bekannt, durch ihre Fantasy Erzählungen, Romane,
Theaterstücke und Krimis. Sie veröffentlichte zwei Krimis
in der Série Noire: Une petite douceur meurtrière (Mörderische
Sanftmut) und Monsieur Emile, die erfolgreich
Surrealismus, Fantasy und schwarzen Humor vereinen. Aus ihrer Serie über
den Kommissar Léon entstand 2004 ein Film: Madame
Eduourd. Die Autorin lebt in Paris und widmet sich
der Literatur und dem Film.
Caroline
vergeht vor Langeweile in dem großen, zu ruhigen
Haus, wo sie mit ihrer Mutter lebt, seit sie drei Jahre alt ist.
Wenn man ihr von ihrem Vater erzählt, dann tut sie so, als würde
sie sich nicht erinnern, doch unter ihrer Matratze hat sie das einzige
Foto versteckt, das sie von ihm besitzt. Sie erinnert sich an seinen
Todestag. Es war so, als wäre sie in eine Art Fallgrube gestürzt,
in der das Leben nun nur noch schwarz-weiß ablief. All das,
was die Mauern etwas bunter gestaltete, war verschwunden und ließ hie
und da rechteckige Flecken auf dem vergilbten Papier zurück.
Man konnte die Objekte unter ihrer Staubschicht nur noch erahnen.
Nur das Parkett empfing manchmal Schläge von der nassen Zunge
des Putzlappens.
Carolines
Mutter, die sich vorher sehr geschmackvoll kleidete, läuft
jetzt wochenlang in demselben schwarzen Kleid herum, zerknautscht
und alt. Ihre stumpfen, blonden Haare umrahmen ein ausdrucksloses
Gesicht. Die Gleichgültigkeit hat sich im Herzen der Witwe
eingenistet.
Mehr als jemals zuvor spürt Caroline, dass ihre Mutter sie für
den Mittelpunkt der Welt hält, an dem sie zieht, als wäre
sie an einer Leine, sobald die Kleine versucht sich wegzubewegen.
Das kleine Mädchen erstickt fast zwischen den roten Ziegelsteinen
in der Straße der sechs jungen Männer, in der Nähe
des lebhaften Viertels Sablon in Brüssel, wo sie nicht hindarf "wegen
der vielen Autos".
In
ihrer Straße gibt es keine anderen Kinder, nur alte Damen,
die man in Häuser zwischen zwei anderen leerstehenden Häusern
gezwängt hat. Es ist ein Ort, an dem niemals etwas passiert,
weil niemand dorthin kommt. Er erinnert an die gefährlichen
Ecken, die durch eine weit zurückliegende Geschichte belastet
sind, die man glaubt wieder zu beleben, wenn man die Wände berührt.
Eines
Tages bringt ein unerwartetes Ereignis Caroline außer
sich: eines der leerstehenden Häuser ist wieder bewohnt! Aus
ihrem Fenster, das zur Straße zeigt, beobachtet das Mädchen
alles. Sie ist nicht die Einzige. Hinter ihren Spitzenvorhängen
verborgen, erfreuen sich die alten Damen mit gierigem Blick und
schnalzender Zunge.
Als Caroline von der Schule kommt, sieht sie Licht in dem
Haus der neuen Nachbarn. Da die Straße nicht beleuchtet wird, kann es
sich das kleine Mädchen auf dem Bürgersteig gegenüber
bequem machen, ohne dass sie dabei gesehen wird. Sie verweilt einen
Moment, nicht allzu lange, damit ihre Mutter sich nicht sorgt, aber
ausreichend, um festzustellen, dass das Paar einen kleinen Jungen
von ungefähr zehn Jahren hat. Caroline ist glücklich, endlich
einen Spielkameraden gefunden zu haben. Sicher hat sie Schulfreunde,
aber das ist nicht dasselbe. Die Schule ist vor allem ein Ort der
Arbeit, wo die Pausen nur traurige Kleckse darstellen. Caroline hasst
die Schule, aber lernt fleißig, um sie bald verlassen zu können.
Am
ersten Sonntag nach dem Einzug der Nachbarn klopft das Mädchen
an ihrer Tür in der Hoffnung, das Kind kennen zu lernen. Eine
große Dame, eingemummt in eine rote Strickjacke, öffnet
ihr.
" Guten Tag, ich wohne nebenan und sah, dass sie einen kleinen Jungen
haben, also..."
"
Das stimmt," unterbricht die Dame sie, "aber er ruht sich
gerade aus."
"
Ich komme später wieder!"
" Genau, komm an einem anderen Tag wieder, meine Kleine..."
Und sie schließt die Tür.
Enttäuscht geht Caroline nach Hause. Sie isst an diesem Abend
sehr wenig. Am
nächsten Tag versucht sie erneut den kleinen
Jungen zu sehen, aber die Dame antwortet ihr, dass er beschäftigt
sei. Das Mädchen lässt sich deshalb nicht entmutigen und
beharrlich klopft sie jeden Tag an der Tür. Auch wenn die Vorwände
unterschiedlich ausfallen, das Resultat ist immer dasselbe! Caroline
fragt sich, warum die Frau nicht will, dass sie ihren Sohn sieht.
War sie nicht gut genug, um mit ihm zu spielen? Auch wenn ihre Mutter
das Haus vernachlässigt, so achtet sie doch immer darauf, dass
sie saubere und gebügelte Kleider trägt. Nein,
es muss einen anderen Grund geben, aber welchen?
Eines
Abends, als Licht im Erdgeschoss brennt, kann Caroline so lange klopfen
wie sie will, niemand öffnet ihr. Sie wartet einen Moment,
klettert dann über den Zaun und springt in den Hof, der an der
rechten Seite des Hauses entlang führt. Das Mädchen muss
sich auf die Zehenspitzen stellen, um in das erleuchtete Fenster
sehen zu können, und durch die Dunkelheit des Außenraums
geschützt, beobachtet sie in aller Ruhe, was sich in dem vollgestellten
Wohnzimmer abspielt. Der blau angezogene, kleine Junge sitzt fast
genau gegenüber dem Fenster und sieht Fernsehen.
Aber er antwortet nicht auf ihre Zeichen, zweifellos
weil er so auf den Film konzentriert
ist. Der Vater liest neben dem Kamin und die Mutter ist
in einem Sessel eingeschlafen. Auf dem Tisch ohne Tischdecke
liegen drei
leere und schmutzige Teller.
"
Er hat komische Augen", denkt das Mädchen, "Augen
die bezaubern und die Angst machen".
Heute
Abend geht sie nach Hause und ist entschlossen alles mögliche
anzustellen, um die Aufmerksamkeit ihres kleinen Nachbarn zu erlangen.
Während des ganzen nächsten Tages denkt sie darüber
nach, wie sie sich dem kleinen Jungen nähern kann. Er muss irgendwo
zur Schule gehen, oder? Sie hat ihn nie das Haus verlassen sehen.
Sie wird die alten Damen diesen Abend zu besuchen. Aufmerksame Wächterinnen,
zwischen zwei Löffeln Mousse und einem Schluck Tee, wissen sie
sicher mehr über die neuen Nachbarn. Geschickt bringt das Mädchen
ihnen Blumen mit und behauptet, dass sie nur kommt, um ihnen guten
Tag zu sagen. Die beiden Damen scheinen von diesem Überraschungsbesuch
entzückt zu sein. Caroline hat kaum Zeit sich hinzusetzen, schon
wird ein großer Teller Butterkekse und ein Glas Limonade vor
ihr aufgebaut. Trotz ihrem verlockenden Eindruck, sind die Kekse
weich und ein wenig säuerlich. Die alten Damen insistieren: "Iss,
meine Kleine, iss!"
" Nein danke."
"
Sei doch nicht so schüchtern!"
Und um sie nicht zu beleidigen, isst sie weiter. "Sind sie wirklich
nett oder wollen sie nur ihre alten Kekse loswerden?",
fragt sie sich.
Aber Caroline verbirgt ihre Zweifel aus Angst, keine
Antworten auf die Fragen zu erhalten, die ihr auf
der Zunge brennen.
"
Wir sind jetzt nicht mehr so alleine in der Straße", bemerkt
sie lässig.
"
Ja, wir haben dich mehrmals vor dem Haus der neuen Nachbarn gesehen.
Hast du mit der Dame gesprochen? Was hat sie dir erzählt?
Hat sie dich rein gebeten? Hast du den kleinen Jungen
gesehen?"
Es hagelt Fragen!
" Wie sieht es denn bei ihnen aus? Der Vater ist irgendwie komisch,
findest du nicht?"
Sie lassen ihr keine Zeit zum Antworten und sie fühlt sich so,
als wäre sie in ihre eigene Falle getappt. Die alten Damen wissen
nicht viel, außer, dass sie den Sohn nur während des Umzugs
gesehen hatten und dass er komisch gewirkt hätte.
"
Man hatte den Eindruck, als könne er nicht laufen. Sein Vater
hat ihn getragen," präzisiert die Älteste
unter Ihnen.
"
Vielleicht war der Junge eingeschlafen!" wirft die Andere ein.
" Nein, ich bin sicher, dass er die Augen offen hatte."
" Ich bin sicher, dass er sie zu hatte."
Caroline verlässt sie mitten im Streit. Sie geht nicht sofort
nach Hause, sondern begibt sich wie jeden Abend auf ihren Beobachtungsposten
im Innenhof. Der Vater liest wieder am selben Platz und die Mutter
döst, aber der kleine Junge ist nicht mehr da. Angesichts der
späten Stunde ist er sicher schlafen gegangen. Caroline geht
um das Haus herum und entdeckt ein halb offenes Fenster. Sie schlüpft
auf die andere Seite, in ein Zimmer voller Spielsachen, das durch
einen kleinen Mond erhellt wird. Das Mädchen schreckt nicht
davor zurück, den kleinen Jungen, der in seinem Bett liegt,
aufzuwecken und schüttelt ihn dabei, aber er reagiert
nicht.
"
He!" flüstert sie und schüttelt ihn dabei kräftig.
Das Kind bleibt leblos. Irritiert sucht Caroline den Lichtschalter
und zieht an der Bettdecke. Sie entdeckt zunächst den Jungen,
auf dem Rücken liegend, noch ganz angezogen, in seinem dunkelblauen
Anzug, der völlig aus der Mode ist. Er hat sogar seine Schuhe
noch an! Sie zieht ihn leicht zu sich herüber und stößt
einen Schrei aus: er hat offene Augen, große, unbewegliche
und tote Augen, wie die einer Puppe. Caroline befühlt seine
kalten Hände und streichelt seine wächsernen Wangen, bevor
sie geht. Aber bevor sie das Fenster erreichen kann, öffnet
sich die Tür.
"
Was machen Sie hier?" fragt der Vater.
" Ich wollte wissen, warum er nie mit mir spielt."
"
Das kann ich Ihnen erklären... . Unser Sohn ist mit acht Jahren
gestorben und ich ließ ihn einbalsamieren. Dies war die einzige
Möglichkeit, meine Frau daran zu hindern verrückt
zu werden, verstehen Sie?"
Ja, sie verstand, denn am nächsten Tag klopft sie an der Tür
ihrer Nachbarn und sagt: "Guten Tag gnädige
Frau, kann ich mit Ihrem kleinen Jungen spielen?"
Bemerkung der Autorin:
Diese Erzählung basiert auf einem wahren Fall. Vor vielen Jahren
fand man den einbalsamierten Körper eines achtjährigen
Jungen, der in einem alten Haus in der Normandie auf dem Kamin saß.