krimis in Europa
n°3 November-Dezember-Januar 2005/06

 

 

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18 Jahre - bissig wie eh und je
Die Schwarze Woche von Gijón

Sébastien Rutés
Übersetzung: Katrin Schielke



Madrid, 8. Juli: Paco Ignacio Taibo springt mitten in der großen Halle von einem Bein auf das andere. Sein Schnurrbart zittert ungeduldig. Er guckt beunruhigt zum Restaurant, von wo aus die letzten verspäteten Frühstücker kommen, und setzt dann mit einer theatralischen Geste die ungefähr hundert Schriftsteller, Journalisten und Gäste in Bewegung, die sich mit ihren Koffern um ihn scharen. Eine Salve von begeistertem Applaus, die einer Schweigeminute für die Attentatsopfer von London vom Vorabend und für alle anderen Kriege der Welt folgt, zieht die Gäste des Hotels, die noch vor ihrem Kaffee sitzen, aus ihrer Trägheit, und sie fragen sich: was ist das für eine beunruhigende Sekte? Vielleicht würden sie gern wissen, wie am Vorabend diese neugierigen Reisenden im Flughafen, wo Taibo gewöhnlich seine Gäste erwartet, ob es sich um eine Kongress schwarzer Magie handelt oder ein afrikanisches Folklore-Festival. Aber der Mexikaner ist schon weit weg und wie im Ferienlager folgen alle Teilnehmer fröhlich seiner kleinen Silhouette durch das morgendliche Treiben des Bahnhofs von Charmartin bis zum Bahnsteig.

„Tren negro – Gijon“ steht weiß auf dem Schild, über den Treppen: drei vor Aufregung wabernde Waggons. Auf dem Bahnsteig, wo sich alle in einem Kofferchaos bewegen, wird das erste Exemplar von A Quemarropa, der offiziellen Zeitung der Schwarzen Woche, verteilt. Mehr als tausend Exemplare werden davon jeden Tag verkauft. Die acht Stunden Fahrt bis zum Hafen von Asturien werden durch das Lesen dieser Zeitung kürzer. „18 Jahre … und wie Kinder“ steht auf der 1. Seite. 18 Jahre schon. Taibo II erscheint plötzlich neben mir: „Endlich die Mehrheit. Jetzt kann uns keiner mehr auf den Geist gehen!“ flüstert er mir mit einem Augenzwinkern zu und verschwindet wieder. Ungreifbar. Unermüdbar. Dann, schon fast am anderen Ende des Bahnsteig ruft er: „Es geht los, wir fahren los, die Raucher nach hinten, Nichtraucher nach vorne“, und wie immer wenn der „Taibo-Chef“ befiehlt (das steht auf einem kleinen gelben Schild an seiner Jeansjacke), folgen ihm alle. Zehn Minuten später durchfährt der Zug die öde Vorstadt von Madrid und dann die in der prallen Sonne liegende Landschaft von Castille.

Im Schwarzen Zug: Leonardo Padera, Peter Berling, Carolin Hougan (© Zeki)

Innen entsteht soziales Leben. Die, die sich von den vorigen Jahren kennen, setzen sich gemeinsam an Tische im Speisewagen, stellen sich an die Bar oder treffen sich im Flur, stören dabei u.a. Paco Taibo, der von einer Gruppe zur anderen läuft und sich von den Tischen immer mal wieder eine Pepsi-Flasche greift, die ihm nicht gehört, die er unter den verdutzten Blicken der Eigentümer leertrinkt und dann weitergeht. Niemand bleibt sitzen in diesem Schwarzen Zug, außer ein paar schüchternen Paaren. In einer Ecke hat der argentinische Autor Raúl Argemí, dessen Roman Der Dicke, der Franzose und die Maus bald in Frankreich veröffentlicht wird, gerade eine Thermoskanne mit heißem Wasser herausgeholt und bereitet den Maté vor. Er wird ihn allein trinken, denn sein Kollege Rolo Diez ist nicht in Madrid angekommen: im Flughafen von Mexiko, gerade als er in die Maschine steigen wollte, hatte er bemerkt, dass sein Pass nicht mehr gültig war…Nach dem Bahnhof von Valladolid beginnen die Diskussionsrunden. Die Passagiere, die kaum in den drei Waggons Platz fanden, häufen sich jetzt in einem. Die Autoren setzen sich, die Fotografen klettern auf die Bar, die Journalisten setzen sich auf den Boden, einige Kinder rennen und Taibo, Zeremonienmeister, setzt sich auf einen Tisch. Der gigantische Peter Berling, Schauspieler in Die letzte Versuchung Christi, Aguirre, Fitzcarraldo oder vor kurzem Gangs aus New York, rotes Hemd, weißen Strohhut und große Silbermedaillons am Hals, sitzt in der Mitte. Jeder Autor stellt nun nacheinander seine Arbeit vor. Berling, Autor der Serie Söhne des Graal, erklärt in einem Sprachenmischmasch, das Spanisch sein soll, dass es in seinem nächsten Roman um die Sekte der Haschischins gehen wird. Der, der im Namen der Rose mitgespielt hat, möchte anscheinend so wie der Mönch Salvatore klingen. Die Journalisten gucken verdutzt und verstehen nichts. Taibo betont die immer größer werdende Nähe von Kriminalroman und historischem Roman, und glaubt, dass die Fusion der beiden immer näher rückt. Leonardo Padura spricht über seinen letzten Roman La neblina del ayer, in dem Mario Conde wieder auftaucht. Es folgen der Italiener Marco Vichi, die Mexikaner Eduardo Monteverde und Enrique Serna, der Engländer Mark Mills, die Kubaner Lorenzo Lunar und seine Frau, Rebecca Murga, die Amerikaner Jim und Carolyn Hougan, die vierhändig unter dem Pseudonym John Case schreiben…Dann kommen die Science-Fiction-Autoren an die Reihe. Dann eine Gruppe junger Dichterinnen. Wir müssen uns mit den Stühlen abwechseln, denn es gibt nicht genug. Dann ist Mittagspause: ein Picknick im Klang der gaitas, der asturischen Dudelsäcke. Ein kleines Nickerchen und dann kommt der Zug in Gijón an…

Fanfare. Dusche. Offizieller Empfang, Reden, Rioja-Wein und Häppchen. Ungeduldige Gäste, mit schwarzen borsalinos bekleidet, die die Organisatoren verteilen, drängeln sich abends, um zu sehen, wie Taibo das Band durchschneidet, neben zwei riesigen bunten Statuen: an einem riesigen Bücherstapel lehnt eine Pin-up eines film noir der 50er Jahre, und– so stellen einige Ehefrauen von Autoren bestürzt fest- man sieht ihr Höschen; dann noch ein triumphierender Neptun, dessen Hoden in den letzten Jahren durchstochen wurden von Pfeilen, die Kinder im benachbarten Geschäft gekauft hatten. In manchen Jahren ist Taibo auf einem Elefant reingeritten, oder von Akrobaten begleitet worden oder hatte das schwarze Band durch eine weiße Boa ersetzt. Völlig verrückt, und das gehört dazu. Diejenigen, die dachten, dies wäre ein traditionelles Literaturfestival, sind schon mal vorgewarnt. Man hat den Eindruck, man tritt in eine andere Stadt, irreal, der Kultur und dem Volksvergnügen verpflichtet. Eine Mischung, die woanders nicht funktioniert. Aus jeder Bar, jedem Souvenirladen klingt laute Musik: wo soll man denn in diesem Chaos über Literatur sprechen können? Porträts von Humphrey Bogart und Harry Houdini an den Wänden. Statuen in den Gängen, wie in Disneyland, aber hier sehen wir Jack the Ripper, Fu Manchu und Sherlock Holmes. Das genaue Gegenteil von Disneyland. Während eine kleine Gruppe von Offiziellen zur neuesten Entdeckung von Taibo geht, einem zehn Meter langen Fließband, auf dem für einen Spottpreis angebotene Bücher vorbeirollen, die die Passanten vom Band fischen müssen, gehen die Gäste langsam auseinander und entdecken verwundert, dass das Festival jedes Jahr mehr an Raum gewinnt, neue Wiesen, Teiche, Büsche annektiert. Die Stadt einnimmt. Die Schwarze Woche von Gijón, das sind außer den Ausstellungen und Zelten des offiziellen Programms 59 Bars unter Zelten, mehr als 30 Restaurants, 41 Buchhandlungen, ein Rummel mit Riesenrad und unzählige Kunsthandwerk- und Souvenirläden, und das alles auf einer Fläche von neunzigtausend Quadratmetern. Eine Stadt in der Stadt…


Gijón, 12. Juli:
Zufall, heute wird das Festival zum roman noir eröffnet, und heute Morgen ist ein mehrere Meter langer Hai in der Bucht aufgetaucht und hat die Stadt durchgerüttelt. Die Polizei hat Raúl Argemí nicht sein morgendliches Bad nehmen lassen. Beim Frühstück meinte der Kubaner Justo Vasco, dass es hierbei um den Schutz des Hais gegangen wäre…

An den vorherigen Tagen war der Krimi langsam in ein hauptsächlich der Science-Fiction und Fantasy, dem historischen Roman und dem Comic gewidmetes Programm eingeführt worden. Zwei junge Autoren, die Amerikanerin Rebecca Pawels und der Spanier José Angel Manas waren die Ersten. Francisco González Ledesma folgte ihnen und präsentierte seinen letzten Roman Cinco mujeres y media. Der vorige Tiempos de venganza ist dieses Jahr in der Endrunde/Empfänger des Hammett-Preises, zwei Jahre, nachdem sein Autor ihn für El pecado o algo parecido bekommen hatte. Mit seiner ruhigen Stimme und seiner diskreten Art war der katalanische Autor wieder sehr rührend, vermied es, von sich zu erzählen, dafür lieber von Barcelona, der Stadt, die mehr als all diese Frauen, die die letzten Romane des Inspektors Ricardo Méndez bevölkern, Hauptfigur seiner Romane ist. Ledesma gab übrigens den Titel der Autobiografie, an der er gerade schreibt, preis: La historia de mis calles. Mit fast achtzig Jahren sprach er mit Nostalgie und Beharrlichkeit von dieser „Stadt, die existiert hat und vom Gefühl her weiter existiert“, und schüttelte dann jedem einzelnen Leser, der ihn um eine Widmung bat, die Hand…

Heute beginnt der Tag mit dem zweiten Teil der Diskussionsrunde mit lateinamerikanischen Krimiautoren, deren Thema „Warum müssen wir uns in Europa versammeln?“ dann auch schnell aufgegeben wurde, nachdem irgendein Zyniker – bestimmt Goran Tocilovac – angedeutet hatte, der einzige Grund wäre ökonomischer Natur: in Lateinamerika fände man kein Festival, das wie jetzt Luis Sepúlveda, Leonardo Padura, Rolo Diez (der dann doch noch seinen Pass verlängert bekommen hatte), Rafael Ramírez Heredia, dessen Roman La Mara in der Endrunde des Hammett ist, Paco Ignacio Taibo II, Justo Vasco, Rolando Hinojosa und viele andere zusammenbringen könnte. Bei den Diskussionsrunden sitzen die Autoren im Kreis, das Publikum um sie herum. Von der Bar kommt eine junge Kellnerin mit Pepsis, Bieren und einigen Whiskies. Das Mikro wandert herum. Die Gespräche überlappen sich, es ist schwer, einem Gesprächsfaden zu folgen. Taibo versucht, etwas Ordnung rein zu bringen, nimmt das Wort an sich, reiht Anekdoten aneinander… Am Ende versucht man, das Spezifische am lateinamerikanischen Krimi zu definieren. Jeder tut das auf andere Weise, je nach Nationalität und Erfahrung… Am nächsten Tag versucht A Quemarropa eine Synthese des Ganzen: „Was den lateinamerikanischen Krimi ausmacht, ist, dass er sehr viel politischer als der europäische Krimi ist. Man kann ihn nicht trennen von der Denunziation der politischen Machstrukturen/Regierungen, dem Drogenhandel, dem dreckigen Krieg, immer dreckiger mit seinen korrumpierten Polizisten und seinen mörderischen Soldaten, die über die Klischees des guten und des schlechten Polizisten hinausgehen. In diesem Kontext wird der lateinamerikanische Schriftsteller das kritische Auge der Gesellschaft, der sich Gedanken macht über sein Thema, aber auch über seinen Stil. Nicht bestsellertauglich konstruiert sich der lateinamerikanische Roman nach einer deutlichen Logik. Denn, was ihn wirklich unterscheidet, sind seine experimentellen Ansprüche, nicht nur auf sprachlichem Niveau, sondern auch, was seine grenzwertigen Geschichten angeht, diese Geschichten, die ans Fantastische, an die Parodie grenzen und manchmal sogar bis zum Surrealismus gehen. Zweifellos weil das, was hier exotisch erscheint, dort ganz einfach der Alltag ist.“ Eine Art von Selbst-Beweihräucherung, mit der nicht alle einverstanden waren…

Foto gegen die Armut (© Rutés)

Während die Diskussion mit einem Gruppenfoto für einen Verein, der gegen Armut kämpft, zu Ende geht, präsentiert in einem ruhigen Zelt Enrique Sánchez Abulí, der Drehbuchautor u.a. des Comics Torpedo, sein letztes Werk Asesinos anónimos. Ein Comic, der parallel zu einem Theaterstück konzipiert wurde, und das am Tag seiner Veröffentlichung… Abulí fasst das so zusammen: „Die Geschichte geht davon aus, dass wir alle einen Mörder in uns haben, und manche sogar zwei!“

Später präsentierte der Kubaner Justo Vasco die letzten Romane seiner Landesbrüder Leonardo Padura und Lorenzo Lunar Cardedo. Der Erste erklärte, dass die Arbeit an der Verfilmung der Serie der Vier Jahreszeiten ihn zu Mario Conde zurück gebracht hätte, in La nieblina del ayer, nachdem er sich zwei historischen Romanen gewidmet hatte, einen über den kubanischen Dichter José Mará de Heredia (La novela de mi vida), den anderen über Ernest Hemingway: „Um meine Probleme mit ihm zu lösen“, so gab er zu. Lorenzo Lunar betonte, dass Kabarette und Musik in Paduras und seinem Romane Polvo en el viento wichtig wären. Aber der letztere sei eine kompromisslose Brandschrift über die kubanische, sich auflösende Gesellschaft, von der Droge, der Prostitution und Korruption verdorben, die die Hoffnungen der Kinder zermalme, hier nämlich die eines Geschwisterpaars, die von der Mutter, einer ehrgeizigen Beamtin, aufgegeben wurden. Ein Roman voller Poesie und Gewalt, der eine leidenschaftliche Liebe für Kuba zeigt…


Gijón, 13. Juli:
Ein Tag, an dem wir viel über die verschiedenen Formen von Kriminalität in Mexiko gesprochen haben, ohne das Thema erschöpft zu haben. Zuerst sprach Rafael Ramírez Heredia über seinen letzten Roman La Mara, der von der Kubanerin Karla Suárez vorgestellt wurde. La Mara, das sind Banden junger Krimineller, deren einziger Grund zu leben die Zugehörigkeit zu dieser parallelen, stark hierarchisierten und kodifizierten Gesellschaft ist. In Mexiko sollen ihr ca. fünfzigtausend Menschen angehören, die ab dem Alter von 7 Jahren lernen zu töten, und die die Gewohnheit haben, sich für jedes Opfer eine blaue Träne unters Auge zu tätowieren. An der Grenze zu Guatemala, der „Grenze zwischen zwei Armuten“ laut Heredia, lebt die Mara von den Hoffnungen der Einwanderer und von der Prostitution. Der Roman hatte lange und gefährliche Recherchen erfordert, aber Heredia spricht lieber von „dem literarischen Challenge der Sprache“: die Mara benutzen etwa hundert Wörter, aber der Autor wollte sich davon inspirieren lassen, um eine Sprache zu schaffen, die nicht realistisch, sondern vielmehr poetisch ist. Nach der Zukunft der Mara gefragt, zeigt sich der Schriftsteller pessimistisch: „Man kann nichts tun, das sind die teuflischen Fäden des Neoliberalismus.“ Und schließt: „Übrigens geht die Mara immer weiter, und wird auch bald nach Europa kommen…“

Eine Stunde später erscheint Ramírez Heredia wieder auf der Bühne, begleitet von seinen Landesbrüdern Elmer Mendoza, dessen Roman Efecto tequila in der Endausscheidung des Hammett ist, und Eduardo Monteverde, den Fritz Glockner vorstellt. Monteverde, Arzt und Journalist in der Rubrik Polizeinachrichten/Vermischtes, wird am nächsten Tag Lo peor del horror vorstellen, eine Sammlung blutiger und absurder Erzählungen, manchmal einfach nur niederschlagend, mit dem Skalpell geschrieben, aus dem das schreckliche Gefühl des absurden täglichen Horrors spricht, in den Monteverdo durch seine beiden Berufe bis zur Ekelgrenze eintauchen konnte. Als ich, kaum aus dem Flugzeug gestiegen, Taibo gefragt hatte, was man dieses Jahr lesen müsse, hatte er mir ohne zu zögern gesagt: „Monteverde: er ist verrückt, er wird dir gefallen.“ Und er hatte mir erzählt, dass der Journalist ihm gestanden habe, dass er sich in eine Frau verliebt hatte, die er auch heiraten wollte, die er gerade im Gefängnis interviewt hatte und die ihre vorherigen Ehemänner ermordet hatte…

Aber jetzt geht es um Drogenhandel, und Monteverde bringt eine heikle Diskussion ins Rollen: „In meinem Land bedeutet kriminell zu sein, in 75 % der Fälle nicht bestraft zu werden. Es ist fast so etwas wie sozialer Erfolg.“ Mendoza spricht lieber von den corridos, dieser beliebten (Volks-)Musik, die die Subkultur der Narcodealer lobpreisen, Heredia unterbricht ihn, wehrt sich gehen die „Folklorisierung“ des Verbrechens, Monteverde stimmt dem zu, die Polemik nimmt ihren Lauf… Ein Echo davon dringt bis zum Zelt, unter dem in entspannterer Atmosphäre drei Zeitschriften des Genres vorgestellt werden, die dessen Lebendigkeit in Spanien zeigen: Hammett und Fantoches, eine lateinamerikanische Zeitschrift, die von Lorenzo Lunar geleitet wird, weihen vor dem Publikum ihre erste Ausgabe ein, während La Gangsterera, die Zeitschrift des Leservereins Novelpol, schon bei ihrer dritten Ausgabe ist…


Gijón, 14. Juli: Jedesmal, wenn ich bei der Buchhandlung Negra y Criminal vorbeikomme, verlassen der Buchhändler Paco Camarasa und seine Frau ihre Kunden, um mir die Marseillaise vorzusingen. Am Ende renne ich daran vorbei. Zum Glück ist das Tagesprogramm sehr reichhaltig…

Zuerst Raúl Argemí, in der Endausscheidung des Hammett für Penúltimo nombre de guerra, schon von den Lesern von Novelpol am Vorabend gekürt, und Brigada 21, der seinen letzten Roman Patagonia Chu Chu vorstellt. Auf der Pressekonferenz hatte Taibo, der absurde Vergleiche liebt, ihn als den „Sam Peckinpah der Roten“ bezeichnet. Argemí lacht unter seinem Schnurrbart immer noch darüber, als Taibo noch mal was draufsetzt: „Er gehört zur Generation derer, die dachten, sie könnten die Welt verändern und die sich in diesem Versuch verloren haben.“ Ein Kompliment, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, und das anscheinend funktioniert. Der Argentinier, wieder ernst, zündet sich eine weitere Zigarette an. Patagonia Chu Chu ist mehr ein Abenteuerroman als ein Kriminalroman, aber es ist auch ein roman noir, in dem der Humor omnipräsent ist: „Nach einem so harten und düsteren Roman wie Penúltimo nombre de guerra musste ich einen … leuchtenderen Roman schreiben.“ Und so überfällt also ein Matrose, der sich als Nachkomme von Butch Cassidy betrachtet und sich durch das Tagebuch des Verbrechers inspiriert, begleitet von einem arbeitslosen U-Bahn-Fahrer, einen verrotteten Zug, der ein surrealistisches Patagonien durchquert, das an die Romane von Osvaldo Soriano erinnert. In diesem Huisclos, von einer grenzenlosen Natur erzwungen, zeichnet Artemí in den verschiedenen, in diesem Abenteuer Mitreisenden, ein etwas verschrobenes, gleichzeitig pessimistisches und ironisches Bild einer argentinischen Gesellschaft.

Früher am Nachmittag haben die Spanier José Angel Manas, Fernando Marías, José Carlos Somoza, dessen Roman La dama número trece bald in Frankreich erscheint, José Ovejero und Manuel García Rubio versucht, die Unterschiede zwischen roman noir und roman blanc (Belletristik) zu definieren, ein tolles Unterfangen, das dann nur eine Antiphrase zur Welt brachte: „Der roman blanc ist die Antithese von dem, was wir nicht über den roman noir wissen.“

Paco Ignacio Taibo 2 (© Rutés)

Voller Tag. Schwer, überall zu sein. Am Donnerstag, wird die Schwarze Woche wieder voll. Das Wochenende, mit dem Geruch nach churros und asturischem Cidre, liegt schon in der Luft. Und als dann die Präsentation des Pepsi/SchwarzeWoche-Projekts kommt, kann man sich gar nicht mehr bewegen. Jedes Jahr erfindet und gibt die Schwarze Woche ein Kunstbuch heraus, von dem es nur tausend Exemplare gibt. Dieses Jahr ist es eine Hommage an Emilio Salgari, an der ungefähr dreißig Schriftsteller und Illustratoren beteiligt waren: Valerio Evangelisti, Gianfranco Manfredi, Juan Bas, Angel de la Calle. Elia Barceló und andere, die versuchen, sich einen Platz auf der Bühne einzuräumen, während Taibo II seine Wahl erklärt: „Wir möchten aus der Schwarzen Woche die Hauptstadt der „Action-Literatur“ machen, und deshalb auch den Abenteuerroman in unser Programm aufnehmen, aber dann brauchen wir vielleicht mehr Tage…“ Das ist ein Wink mit dem Zaunpfahl. „Die Schwarze Woche ist die einzige Woche, die zehn Tage dauert“ sagen die Veranstalter oft zu den Journalisten: eigentlich möchten sie vier mehr… Aber Taibo hat keine Zeit, drauf rumzureiten, schon geht der Sturm auf das Verteilen und die Widmungen los, was fast zwei Stunden dauern wird, in einem unbeschreiblichen Chaos.

Unbeschreiblicher noch als das, was ein bisschen früher die Präsentation des Romans begleitet hat, der von Taibo II und dem Kommandant Marcos, Muertos incómodos, geschrieben wurde, und während der der Mexikaner mit folgenden Worten erklärt hat, warum er das Angebot des Zapatisten angenommen hat: „Und wenn Marilyn Monroe mich zum Abendessen einladen würde, könnte ich das etwa ablehnen?“

Unbeschreiblicher noch als der Lyrikabend mit den Dichtern Angel González und Luis García Montero, begleitet von dem Sänger Joaquín Sabine, die in einem bis zum letzten Platz besetzten Zelt und vor einem gebannten Publikum ihre Gedichte vortrugen... Am vorherigen Samstag war das Rezital junger spanischer Dichterinnen von allen begeistert aufgenommen worden. Die Schwarze Woche wird also von Jahr zu Jahr nicht nur weitflächiger und länger, sondern bezieht auch immer mehr Genres mit ein.


Gijon, 15. Juli: In dem kleinen Zug, der sie zur Schwarzen Woche bringt, nutzen die Autoren die Brise. Andreu Martín guckt zum Meer, und Marina Taibo vertraut mir an, dass das Festival seit Jahren nicht mehr solche Hitze gekannt hat: „Das letzte Mal hat ein alter Herr einen Herzinfarkt bekommen, er ist in den kleinen See gefallen und ist dort bis zum Ende der Woche geblieben: die Besucher dachten, es wäre ein Dekor…“ Als ich danach durch die leere Schwarze Woche gehe, denke ich ein bisschen daran zurück und bemerke Statuen, die mir bis dahin gar nicht aufgefallen waren…

Vor dem Organisationsbüro fotografiert sich gerade eine spanische Familie vor dem Teufel, der vor dem Eingang steht, und zeigt auf sein Riesengeschlecht. Ich fühle mich wieder etwas sicherer…

Patrick Bard (© Zeki)

Heute sind mehrere französische Autoren dran. Hervé Le Corre stellt seinen L’homme aux lèvres de saphirs vor. Der Roman ist nicht ins Spanische/Kastillanische übersetzt, aber es geht ja genau darum, die spanischen Verleger hierfür zu interessieren. Ein wenig früher hatte Patrick Bard, Autor von La frontière, an einer Hommage teilgenommen für die Hunderte von Frauen, die in Ciudad Juárez seit ungefähr zehn Jahren ermordet wurden, begleitet von Eduardo Monteverde und dem mexikanischen Journalisten Humberto Mussachio. Dieses Thema kehrt immer wieder in der Schwarzen Woche: vor zwei Jahren war Víctor Ronquillo, Autor von Las muertas de Juárez, mit Tränen in den Augen dafür eingetreten, dass sich Europa für die Tragödie dieser Frauen interessiere, deren Ermordung die mexikanische Regierung völlig gleichgültig mitansieht. Das Publikum ist gerührt und begleitet einen Blumenkranz durch die Straßen der Woche, wo Ballonverkäufer, Jongleure, Familien und Jugendliche, die Dart spielen, eine Flasche Bier in der Hand, sie vorübergehen sehen, ohne zu verstehen…

Aber das Herausragende des Tages waren natürlich die Verleihungen der verschiedenen Preise der Schwarzen Woche. Früh diesen Morgen roch das Restaurant des Hotels Don Manuel nach Kaffee und Tabak. Eine dichte Wolke von Rauch schwebte im Licht der Projektoren, die Fernsehsender dort installiert hatten. In der erdrückenden Hitze wirkten viele angespannt, nicht wegen der Verkündigungen der Jury: In der Schwarzen Woche geht man eben nicht so früh schlafen, und um neun Uhr morgens ist eine solche Preisverleihung eine wirkliche Härteprobe. Es ist schwer, einen Weg durch das Publikum, mit Diktafonen und Notizblöcken bewaffnet, zu den Jurys zu finden. Die erste Jury verliest eine Mitteilung. Blitzlichter. Der Preis der Kurzgeschichte der Schwarzen Woche/Ateneo Obrero de Gijón wird geteilt zwischen David Barreiro Rodríguez und Lorenzo Lunar. Gelächter: der Erste nimmt an einer Schreibwerkstatt teil, die der Zweite jedes Jahr während der Schwarzen Woche leitet. Der Kubaner, der zum dritten Mal ausgezeichnet wird, lächelt hinter seiner schwarzen Brille: Am Vorabend hat er sein Buch in einer kubanischen Bar, in den Pausen der Salsagruppe, mit Widmungen verteilt, bevor er dann bis zum Morgengrauen Boleros gesungen hat, mit Joaquín Sabina. Der Preis Memorial Silverio Canada für den besten ersten roman noir auf spanisch wird Francisco Pérez Gandul verliehen, für Celda 211, ein Gefängnisroman mit drei kunstvoll miteinander verwobenen Erzählstimmen.

Mateo Sagosta, Eduardo Monteverde, Raúl Argemí und Lorenzo Lunar, Preisträger der Schwarzen Woche (© Zeki)

Eduardo Monteverde erhält den Preis Rodolfo Walsh für das beste nichtfiktionelle Buch. Hinten im Saal zerdrückt seine Tochter eine Träne. Das ist ein erwarteter und wohl verdienter Preis, denn Lo peor del horror verbindet eine sehr genaue Recherchearbeit mit einem abgehobenen Erzählstil, dessen Ziel es ist, durch den Wechsel von Humor zu chirurgisch präzisem Realismus den ganzen Schrecken zu vermitteln. Den Spartacus-Preis, der zum ersten Mal verliehen wird, bekommt Alfonso Mateo Sagasta, Autor von Ladrones de tinta. Und schließlich bekommen den Hammett, den wichtigsten Preis, Rául Argemí für Penúltimo nombre de guerra, und Rafael Ramírez Heredia für La Mara.

Rafael Ramírez Heredia (© Zeki)

Der Erste lächelt diskret hinten im Saal: vor vier Jahren erst, als die Schwarze Woche ihn zum ersten Mal eingeladen hatte, war er ein völlig Unbekannter, der gerade mal einen kurzen Roman in Argentinien veröffentlicht hatte. Pessimistisch, was seine Chancen anging. Seitdem hat er drei weitere herausgebracht, die alle ausgezeichnet wurden, und wird in Frankreich beim Rivages Verlag verlegt werden. Der Hammett ist für ihn eine erwartete Auszeichnung und eine Erleichterung. Was Rafael Ramírez Heredia angeht, so muss man ihn aus seinem Zimmer holen: er ist nicht aufgewacht…


Gijo, den 16.: Samstag ist ein besonderer Tag. Die Nacht, die der Preisverleihung folgt, ist nicht die ruhigste, und das Programm des nächsten Tages muss locker sein. Lorenzo Lunar hat seinen Preis in der kubanischen Bar gefeiert, wo er seine Gewohnheiten hat, Varadero Rum und Romeo y Julieta Zigarren, begleitet von Rafael Ramírez, Fernando Martínez Lainez, Angel González und anderen. Raúl Argemí, in Begleitung von Rolo Diez, ist noch spät auf der Terrasse des Don Manuel geblieben, vor einem Glas Orujo. Was Eduardo Monteverde angeht, so hat er, ohne es recht zu wollen, seine Landesbrüder ins Zelt des mexikanischen Restaurants der Schwarzen Woche begleitet, um tacos und enchiladas zu essen, und dabei einem mariachi zuzuhören, der rancheras, die er verabscheut, grölte…

Heute wird auch eingekauft. Der SuperBuchmarkt ist die ganze Zeit voll: dort verscheuert man alle Titel des hervorragenden Verlags Júcar, der pleite ist. Paco Camarasa, der Buchhändler von Negra y Criminal, läuft mit vollen Tüten hin und her. Ich kaufe einige Titel, die mir fehlen, die zwei Bände von La sexta isla von Daniel Chavarría, einen Stuart Kaminsky und eine Sammlung von Kurzgeschichten von Rubem Fonseca, bevor ich zu einem letzten Vortrag gehe: Patrick Bard, der El cazador de sombras (Der Schattenfänger) vorstellt, einen Roman über den Tourismus des Horrors im Balkankrieg. Obwohl seine Geschichten immer makabrer werden, geht von seiner Person eine Gemütlichkeit aus, die zu seinem seltsamen Spanisch passt. Am Vorabend hatte er angefangen, mir von seinem nächsten Roman zu erzählen, über das Tier von Gévaudan, als seine Frau ihn unterbrach: „Hör auf, allen Geschichten zu erzählen, die du noch gar nicht geschrieben hast!“ Er sah aber so glücklich beim Erzählen aus… Ich schreibe einen Satz auf, der mir gefällt. „Das Schlüsselwort meiner Romane ist das Wort wegwerfbar, ich spreche nur von wegwerfbaren Leben“ und ich wandere noch mal durch die vollen Straßen an diesem Samstag abend…

Jugendliche rempeln sich untereinander aus Spaß an, Familien, deren Kinderwagen den Gang verlangsamen, junge Paare, die sich nicht wirklich für die ausgestellten Bücher interessieren… Ich begegne Paco Ignacio Taibo, einen Zettel und einen Stift in der Hand, der vor Freude strahlt. Er nimmt meine Pepsiflasche, trinkt sie in einem Zug aus, bevor er mir seinen Zettel zeigt: „54.323 Bücher, verkündet er stolz, wird haben 54.323 Bücher verkauft!“. Ich sehe ihm nach, wie er in der Menge untergeht. Das letzte Wort wird er haben…

 


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