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18
Jahre - bissig wie eh und je
Die
Schwarze Woche von Gijón
Sébastien
Rutés
Übersetzung: Katrin
Schielke

Madrid, 8. Juli: Paco Ignacio Taibo springt mitten in der großen
Halle von einem Bein auf das andere. Sein Schnurrbart zittert ungeduldig.
Er guckt beunruhigt zum Restaurant, von wo aus die letzten verspäteten
Frühstücker kommen, und setzt dann mit einer theatralischen
Geste die ungefähr hundert Schriftsteller, Journalisten und
Gäste in Bewegung, die sich mit ihren Koffern um ihn scharen.
Eine Salve von begeistertem Applaus, die einer Schweigeminute für
die Attentatsopfer von London vom Vorabend und für alle anderen
Kriege der Welt folgt, zieht die Gäste des Hotels, die noch
vor ihrem Kaffee sitzen, aus ihrer Trägheit, und sie fragen
sich: was ist das für eine beunruhigende Sekte? Vielleicht würden
sie gern wissen, wie am Vorabend diese neugierigen Reisenden im Flughafen,
wo Taibo gewöhnlich seine Gäste erwartet, ob es sich um
eine Kongress schwarzer Magie handelt oder ein afrikanisches Folklore-Festival.
Aber der Mexikaner ist schon weit weg und wie im Ferienlager folgen
alle Teilnehmer fröhlich seiner kleinen Silhouette durch das
morgendliche Treiben des Bahnhofs von Charmartin bis zum Bahnsteig.
„Tren negro – Gijon“ steht weiß auf dem
Schild, über den Treppen: drei vor Aufregung wabernde Waggons.
Auf dem Bahnsteig, wo sich alle in einem Kofferchaos bewegen, wird
das erste Exemplar von A Quemarropa, der offiziellen Zeitung der
Schwarzen Woche, verteilt. Mehr als tausend Exemplare werden davon
jeden Tag verkauft. Die acht Stunden Fahrt bis zum Hafen von Asturien
werden durch das Lesen dieser Zeitung kürzer. „18 Jahre … und
wie Kinder“ steht auf der 1. Seite. 18 Jahre schon. Taibo II
erscheint plötzlich neben mir: „Endlich die Mehrheit.
Jetzt kann uns keiner mehr auf den Geist gehen!“ flüstert
er mir mit einem Augenzwinkern zu und verschwindet wieder. Ungreifbar.
Unermüdbar. Dann, schon fast am anderen Ende des Bahnsteig ruft
er: „Es geht los, wir fahren los, die Raucher nach hinten,
Nichtraucher nach vorne“, und wie immer wenn der „Taibo-Chef“ befiehlt
(das steht auf einem kleinen gelben Schild an seiner Jeansjacke),
folgen ihm alle. Zehn Minuten später durchfährt der Zug
die öde Vorstadt von Madrid und dann die in der prallen Sonne
liegende Landschaft von Castille.
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Im
Schwarzen Zug: Leonardo Padera, Peter Berling, Carolin
Hougan (© Zeki)
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Innen entsteht
soziales Leben. Die, die sich von den vorigen Jahren kennen, setzen
sich gemeinsam an Tische im Speisewagen, stellen sich
an die Bar oder treffen sich im Flur, stören dabei u.a. Paco
Taibo, der von einer Gruppe zur anderen läuft und sich von den
Tischen immer mal wieder eine Pepsi-Flasche greift, die ihm nicht
gehört, die er unter den verdutzten Blicken der Eigentümer
leertrinkt und dann weitergeht. Niemand bleibt sitzen in diesem Schwarzen
Zug, außer ein paar schüchternen Paaren. In einer Ecke
hat der argentinische Autor Raúl Argemí, dessen Roman
Der Dicke, der Franzose und die Maus bald in Frankreich veröffentlicht
wird, gerade eine Thermoskanne mit heißem Wasser herausgeholt
und bereitet den Maté vor. Er wird ihn allein trinken, denn
sein Kollege Rolo Diez ist nicht in Madrid angekommen: im Flughafen
von Mexiko, gerade als er in die Maschine steigen wollte, hatte er
bemerkt, dass sein Pass nicht mehr gültig war…Nach dem
Bahnhof von Valladolid beginnen die Diskussionsrunden. Die Passagiere,
die kaum in den drei Waggons Platz fanden, häufen sich jetzt
in einem. Die Autoren setzen sich, die Fotografen klettern auf die
Bar, die Journalisten setzen sich auf den Boden, einige Kinder rennen
und Taibo, Zeremonienmeister, setzt sich auf einen Tisch. Der gigantische
Peter Berling, Schauspieler in Die letzte Versuchung Christi, Aguirre,
Fitzcarraldo oder vor kurzem Gangs aus New York, rotes Hemd, weißen
Strohhut und große Silbermedaillons am Hals, sitzt in der Mitte.
Jeder Autor stellt nun nacheinander seine Arbeit vor. Berling, Autor
der Serie Söhne des Graal, erklärt in einem Sprachenmischmasch,
das Spanisch sein soll, dass es in seinem nächsten Roman um
die Sekte der Haschischins gehen wird. Der, der im Namen
der Rose mitgespielt hat, möchte anscheinend so wie der Mönch Salvatore
klingen. Die Journalisten gucken verdutzt und verstehen nichts. Taibo
betont die immer größer werdende Nähe von Kriminalroman
und historischem Roman, und glaubt, dass die Fusion der beiden immer
näher rückt. Leonardo Padura spricht über seinen letzten
Roman La neblina del ayer, in dem Mario Conde wieder auftaucht. Es
folgen der Italiener Marco Vichi, die Mexikaner Eduardo Monteverde
und Enrique Serna, der Engländer Mark Mills, die Kubaner Lorenzo
Lunar und seine Frau, Rebecca Murga, die Amerikaner Jim und Carolyn
Hougan, die vierhändig unter dem Pseudonym John Case schreiben…Dann
kommen die Science-Fiction-Autoren an die Reihe. Dann eine Gruppe
junger Dichterinnen. Wir müssen uns mit den Stühlen abwechseln,
denn es gibt nicht genug. Dann ist Mittagspause: ein Picknick im
Klang der gaitas, der asturischen Dudelsäcke. Ein kleines Nickerchen
und dann kommt der Zug in Gijón an…
Fanfare. Dusche.
Offizieller Empfang, Reden, Rioja-Wein und Häppchen.
Ungeduldige Gäste, mit schwarzen borsalinos bekleidet, die die
Organisatoren verteilen, drängeln sich abends, um zu sehen,
wie Taibo das Band durchschneidet, neben zwei riesigen bunten Statuen:
an einem riesigen Bücherstapel lehnt eine Pin-up eines film
noir der 50er Jahre, und– so stellen einige Ehefrauen von Autoren
bestürzt fest- man sieht ihr Höschen; dann noch ein triumphierender
Neptun, dessen Hoden in den letzten Jahren durchstochen wurden von
Pfeilen, die Kinder im benachbarten Geschäft gekauft hatten.
In manchen Jahren ist Taibo auf einem Elefant reingeritten, oder
von Akrobaten begleitet worden oder hatte das schwarze Band durch
eine weiße Boa ersetzt. Völlig verrückt, und das
gehört dazu. Diejenigen, die dachten, dies wäre ein traditionelles
Literaturfestival, sind schon mal vorgewarnt. Man hat den Eindruck,
man tritt in eine andere Stadt, irreal, der Kultur und dem Volksvergnügen
verpflichtet. Eine Mischung, die woanders nicht funktioniert. Aus
jeder Bar, jedem Souvenirladen klingt laute Musik: wo soll man denn
in diesem Chaos über Literatur sprechen können? Porträts
von Humphrey Bogart und Harry Houdini an den Wänden. Statuen
in den Gängen, wie in Disneyland, aber hier sehen wir Jack the
Ripper, Fu Manchu und Sherlock Holmes. Das genaue Gegenteil von Disneyland.
Während eine kleine Gruppe von Offiziellen zur neuesten Entdeckung
von Taibo geht, einem zehn Meter langen Fließband, auf dem
für einen Spottpreis angebotene Bücher vorbeirollen, die
die Passanten vom Band fischen müssen, gehen die Gäste
langsam auseinander und entdecken verwundert, dass das Festival jedes
Jahr mehr an Raum gewinnt, neue Wiesen, Teiche, Büsche annektiert.
Die Stadt einnimmt. Die Schwarze Woche von Gijón, das sind
außer den Ausstellungen und Zelten des offiziellen Programms
59 Bars unter Zelten, mehr als 30 Restaurants, 41 Buchhandlungen,
ein Rummel mit Riesenrad und unzählige Kunsthandwerk- und Souvenirläden,
und das alles auf einer Fläche von neunzigtausend Quadratmetern.
Eine Stadt in der Stadt…
Gijón,
12. Juli: Zufall, heute wird das Festival zum roman
noir eröffnet, und heute Morgen ist ein mehrere Meter langer
Hai in der Bucht aufgetaucht und hat die Stadt durchgerüttelt.
Die Polizei hat Raúl Argemí nicht sein morgendliches
Bad nehmen lassen. Beim Frühstück meinte der Kubaner Justo
Vasco, dass es hierbei um den Schutz des Hais gegangen wäre…
An den vorherigen
Tagen war der Krimi langsam in ein hauptsächlich
der Science-Fiction und Fantasy, dem historischen Roman und dem
Comic gewidmetes Programm eingeführt worden. Zwei junge Autoren,
die Amerikanerin Rebecca Pawels und der Spanier José Angel
Manas waren die Ersten. Francisco González Ledesma folgte
ihnen und präsentierte seinen letzten Roman Cinco
mujeres y media.
Der vorige Tiempos de venganza ist dieses Jahr in der Endrunde/Empfänger
des Hammett-Preises, zwei Jahre, nachdem sein Autor ihn für
El pecado o algo parecido bekommen hatte. Mit seiner ruhigen Stimme
und seiner diskreten Art war der katalanische Autor wieder sehr
rührend,
vermied es, von sich zu erzählen, dafür lieber von Barcelona,
der Stadt, die mehr als all diese Frauen, die die letzten Romane
des Inspektors Ricardo Méndez bevölkern, Hauptfigur
seiner Romane ist. Ledesma gab übrigens den Titel der Autobiografie,
an der er gerade schreibt, preis: La historia de mis calles. Mit
fast achtzig Jahren sprach er mit Nostalgie und Beharrlichkeit
von dieser „Stadt, die existiert hat und vom Gefühl
her weiter existiert“, und schüttelte dann jedem einzelnen
Leser, der ihn um eine Widmung bat, die Hand…
Heute
beginnt der Tag mit dem zweiten Teil der Diskussionsrunde mit lateinamerikanischen
Krimiautoren, deren Thema „Warum müssen
wir uns in Europa versammeln?“ dann auch schnell aufgegeben
wurde, nachdem irgendein Zyniker – bestimmt Goran Tocilovac – angedeutet
hatte, der einzige Grund wäre ökonomischer Natur: in
Lateinamerika fände man kein Festival, das wie jetzt Luis
Sepúlveda,
Leonardo Padura, Rolo Diez (der dann doch noch seinen Pass verlängert
bekommen hatte), Rafael Ramírez Heredia, dessen Roman La
Mara in der Endrunde des Hammett ist, Paco
Ignacio Taibo II, Justo Vasco, Rolando Hinojosa und viele andere
zusammenbringen könnte. Bei
den Diskussionsrunden sitzen die Autoren im Kreis, das Publikum
um sie herum. Von der Bar kommt eine junge Kellnerin mit Pepsis,
Bieren
und einigen Whiskies. Das Mikro wandert herum. Die Gespräche überlappen
sich, es ist schwer, einem Gesprächsfaden zu folgen. Taibo
versucht, etwas Ordnung rein zu bringen, nimmt das Wort an sich,
reiht Anekdoten
aneinander… Am Ende versucht man, das Spezifische am lateinamerikanischen
Krimi zu definieren. Jeder tut das auf andere Weise, je nach
Nationalität
und Erfahrung… Am nächsten Tag versucht A
Quemarropa eine Synthese des Ganzen: „Was den lateinamerikanischen Krimi ausmacht, ist, dass er sehr viel
politischer als der europäische Krimi ist. Man kann ihn nicht
trennen von der Denunziation der politischen Machstrukturen/Regierungen,
dem Drogenhandel, dem dreckigen Krieg, immer dreckiger mit seinen
korrumpierten Polizisten und seinen mörderischen Soldaten, die über
die Klischees des guten und des schlechten Polizisten hinausgehen.
In diesem Kontext wird der lateinamerikanische Schriftsteller das
kritische Auge der Gesellschaft, der sich Gedanken macht über
sein Thema, aber auch über seinen Stil. Nicht bestsellertauglich
konstruiert sich der lateinamerikanische Roman nach einer deutlichen
Logik. Denn, was ihn wirklich unterscheidet, sind seine experimentellen
Ansprüche, nicht nur auf sprachlichem Niveau, sondern auch,
was seine grenzwertigen Geschichten angeht, diese Geschichten, die
ans Fantastische, an die Parodie grenzen und manchmal sogar bis zum
Surrealismus gehen. Zweifellos weil das, was hier exotisch erscheint,
dort ganz einfach der Alltag ist.“ Eine Art von Selbst-Beweihräucherung,
mit der nicht alle einverstanden waren…
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Foto
gegen die Armut (© Rutés)
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Während die Diskussion mit einem Gruppenfoto für einen
Verein, der gegen Armut kämpft, zu Ende geht, präsentiert
in einem ruhigen Zelt Enrique Sánchez Abulí,
der Drehbuchautor u.a. des Comics Torpedo,
sein letztes Werk Asesinos anónimos.
Ein Comic, der parallel zu einem Theaterstück konzipiert wurde,
und das am Tag seiner Veröffentlichung… Abulí fasst das so zusammen: „Die Geschichte geht davon
aus, dass wir alle einen Mörder in uns haben, und manche
sogar zwei!“
Später präsentierte der Kubaner Justo Vasco die letzten
Romane seiner Landesbrüder Leonardo Padura und Lorenzo Lunar
Cardedo. Der Erste erklärte, dass die Arbeit an der Verfilmung
der Serie der Vier Jahreszeiten ihn zu Mario Conde zurück gebracht
hätte, in La nieblina del ayer, nachdem er sich zwei historischen
Romanen gewidmet hatte, einen über den kubanischen Dichter José Mará de
Heredia (La novela de mi vida), den anderen über Ernest Hemingway: „Um
meine Probleme mit ihm zu lösen“, so gab er zu. Lorenzo
Lunar betonte, dass Kabarette und Musik in Paduras und seinem Romane
Polvo en el viento wichtig wären. Aber der letztere sei eine
kompromisslose Brandschrift über die kubanische, sich auflösende
Gesellschaft, von der Droge, der Prostitution und Korruption verdorben,
die die Hoffnungen der Kinder zermalme, hier nämlich die eines
Geschwisterpaars, die von der Mutter, einer ehrgeizigen Beamtin,
aufgegeben wurden. Ein Roman voller Poesie und Gewalt, der eine leidenschaftliche
Liebe für Kuba zeigt…
Gijón, 13. Juli: Ein Tag, an dem wir viel über die verschiedenen
Formen von Kriminalität in Mexiko gesprochen haben, ohne das
Thema erschöpft zu haben. Zuerst sprach Rafael Ramírez
Heredia über seinen letzten Roman La Mara, der von der Kubanerin
Karla Suárez vorgestellt wurde. La Mara, das sind Banden junger
Krimineller, deren einziger Grund zu leben die Zugehörigkeit
zu dieser parallelen, stark hierarchisierten und kodifizierten Gesellschaft
ist. In Mexiko sollen ihr ca. fünfzigtausend Menschen angehören,
die ab dem Alter von 7 Jahren lernen zu töten, und die die Gewohnheit
haben, sich für jedes Opfer eine blaue Träne unters Auge
zu tätowieren. An der Grenze zu Guatemala, der „Grenze
zwischen zwei Armuten“ laut Heredia, lebt die Mara von den
Hoffnungen der Einwanderer und von der Prostitution. Der Roman hatte
lange und gefährliche Recherchen erfordert, aber Heredia spricht
lieber von „dem literarischen Challenge der Sprache“:
die Mara benutzen etwa hundert Wörter, aber der Autor wollte
sich davon inspirieren lassen, um eine Sprache zu schaffen, die nicht
realistisch, sondern vielmehr poetisch ist. Nach der Zukunft der
Mara gefragt, zeigt sich der Schriftsteller pessimistisch: „Man
kann nichts tun, das sind die teuflischen Fäden des Neoliberalismus.“ Und
schließt: „Übrigens geht die Mara immer weiter,
und wird auch bald nach Europa kommen…“
Eine Stunde später erscheint Ramírez Heredia wieder
auf der Bühne, begleitet von seinen Landesbrüdern Elmer
Mendoza, dessen Roman Efecto tequila in der Endausscheidung des Hammett
ist, und Eduardo Monteverde, den Fritz Glockner vorstellt. Monteverde,
Arzt und Journalist in der Rubrik Polizeinachrichten/Vermischtes,
wird am nächsten Tag Lo peor del horror vorstellen, eine Sammlung
blutiger und absurder Erzählungen, manchmal einfach nur niederschlagend,
mit dem Skalpell geschrieben, aus dem das schreckliche Gefühl
des absurden täglichen Horrors spricht, in den Monteverdo durch
seine beiden Berufe bis zur Ekelgrenze eintauchen konnte. Als ich,
kaum aus dem Flugzeug gestiegen, Taibo gefragt hatte, was man dieses
Jahr lesen müsse, hatte er mir ohne zu zögern gesagt: „Monteverde:
er ist verrückt, er wird dir gefallen.“ Und er hatte mir
erzählt, dass der Journalist ihm gestanden habe, dass er sich
in eine Frau verliebt hatte, die er auch heiraten wollte, die er
gerade im Gefängnis interviewt hatte und die ihre vorherigen
Ehemänner ermordet hatte…
Aber jetzt geht
es um Drogenhandel, und Monteverde bringt eine heikle Diskussion
ins Rollen: „In meinem Land bedeutet kriminell zu
sein, in 75 % der Fälle nicht bestraft zu werden. Es ist fast
so etwas wie sozialer Erfolg.“ Mendoza spricht lieber von den
corridos, dieser beliebten (Volks-)Musik, die die Subkultur der Narcodealer
lobpreisen, Heredia unterbricht ihn, wehrt sich gehen die „Folklorisierung“ des
Verbrechens, Monteverde stimmt dem zu, die Polemik nimmt ihren Lauf… Ein
Echo davon dringt bis zum Zelt, unter dem in entspannterer Atmosphäre
drei Zeitschriften des Genres vorgestellt werden, die dessen Lebendigkeit
in Spanien zeigen: Hammett und Fantoches, eine lateinamerikanische
Zeitschrift, die von Lorenzo Lunar geleitet wird, weihen vor dem
Publikum ihre erste Ausgabe ein, während La Gangsterera, die
Zeitschrift des Leservereins Novelpol, schon bei ihrer dritten Ausgabe
ist…
Gijón, 14. Juli: Jedesmal, wenn ich bei der Buchhandlung
Negra y Criminal vorbeikomme, verlassen der Buchhändler Paco
Camarasa und seine Frau ihre Kunden, um mir die Marseillaise vorzusingen.
Am Ende renne ich daran vorbei. Zum Glück ist das Tagesprogramm
sehr reichhaltig…
Zuerst Raúl
Argemí, in der Endausscheidung des Hammett
für Penúltimo
nombre de guerra, schon von den Lesern
von Novelpol am
Vorabend gekürt,
und Brigada 21, der seinen letzten
Roman Patagonia
Chu Chu vorstellt. Auf der Pressekonferenz hatte
Taibo, der absurde Vergleiche liebt, ihn als den „Sam Peckinpah
der Roten“ bezeichnet. Argemí lacht unter seinem Schnurrbart
immer noch darüber, als Taibo noch mal was draufsetzt: „Er
gehört zur Generation derer, die dachten, sie könnten
die Welt verändern und die sich in diesem Versuch verloren
haben.“ Ein
Kompliment, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint,
und das anscheinend funktioniert. Der Argentinier, wieder ernst,
zündet
sich eine weitere Zigarette an. Patagonia Chu Chu ist mehr ein
Abenteuerroman als ein Kriminalroman, aber es ist auch ein roman
noir, in dem der
Humor omnipräsent ist: „Nach einem so harten und düsteren
Roman wie Penúltimo nombre de guerra musste ich einen … leuchtenderen
Roman schreiben.“ Und so überfällt also ein Matrose,
der sich als Nachkomme von Butch Cassidy betrachtet und sich durch
das Tagebuch des Verbrechers inspiriert, begleitet von einem arbeitslosen
U-Bahn-Fahrer, einen verrotteten Zug, der ein surrealistisches
Patagonien durchquert, das an die Romane von Osvaldo Soriano erinnert.
In diesem
Huisclos, von einer grenzenlosen Natur erzwungen, zeichnet Artemí in
den verschiedenen, in diesem Abenteuer Mitreisenden, ein etwas
verschrobenes, gleichzeitig pessimistisches und ironisches Bild
einer argentinischen
Gesellschaft.
Früher am Nachmittag haben die Spanier José Angel Manas,
Fernando Marías, José Carlos Somoza, dessen Roman La
dama número trece bald in Frankreich erscheint, José Ovejero
und Manuel García Rubio versucht, die Unterschiede zwischen
roman noir und roman blanc (Belletristik) zu definieren, ein tolles
Unterfangen, das dann nur eine Antiphrase zur Welt brachte: „Der
roman blanc ist die Antithese von dem, was wir nicht über den
roman noir wissen.“
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Paco
Ignacio Taibo 2 (© Rutés)
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Voller Tag.
Schwer, überall zu sein. Am Donnerstag, wird die
Schwarze Woche wieder voll. Das Wochenende, mit dem Geruch nach churros
und asturischem Cidre, liegt schon in der Luft. Und als dann die
Präsentation des Pepsi/SchwarzeWoche-Projekts kommt, kann man
sich gar nicht mehr bewegen. Jedes Jahr erfindet und gibt die Schwarze
Woche ein Kunstbuch heraus, von dem es nur tausend Exemplare gibt.
Dieses Jahr ist es eine Hommage an Emilio Salgari, an der ungefähr
dreißig Schriftsteller und Illustratoren beteiligt waren: Valerio
Evangelisti, Gianfranco Manfredi, Juan Bas, Angel de la Calle. Elia
Barceló und andere, die versuchen, sich einen Platz auf der
Bühne einzuräumen, während Taibo II seine Wahl erklärt: „Wir
möchten aus der Schwarzen Woche die Hauptstadt der „Action-Literatur“ machen,
und deshalb auch den Abenteuerroman in unser Programm aufnehmen,
aber dann brauchen wir vielleicht mehr Tage…“ Das ist
ein Wink mit dem Zaunpfahl. „Die Schwarze Woche ist die einzige Woche, die zehn Tage dauert“ sagen
die Veranstalter oft zu den Journalisten: eigentlich möchten
sie vier mehr… Aber Taibo hat keine Zeit, drauf rumzureiten,
schon geht der Sturm auf das Verteilen und die Widmungen los,
was fast zwei Stunden dauern wird, in einem unbeschreiblichen
Chaos.
Unbeschreiblicher
noch als das, was ein bisschen früher die
Präsentation des Romans begleitet hat, der von Taibo II und
dem Kommandant Marcos, Muertos incómodos, geschrieben wurde,
und während der der Mexikaner mit folgenden Worten erklärt
hat, warum er das Angebot des Zapatisten angenommen hat: „Und
wenn Marilyn Monroe mich zum Abendessen einladen würde, könnte
ich das etwa ablehnen?“
Unbeschreiblicher
noch als der Lyrikabend mit den Dichtern Angel González und Luis García Montero, begleitet von dem
Sänger Joaquín Sabine, die in einem bis zum
letzten Platz besetzten Zelt und vor einem gebannten Publikum
ihre Gedichte vortrugen...
Am vorherigen Samstag war das Rezital junger spanischer
Dichterinnen von allen begeistert aufgenommen worden.
Die Schwarze Woche wird also von Jahr zu Jahr nicht nur
weitflächiger
und länger, sondern bezieht auch immer mehr Genres mit ein.
Gijon, 15. Juli: In dem kleinen Zug, der sie zur Schwarzen Woche
bringt, nutzen die Autoren die Brise. Andreu Martín guckt
zum Meer, und Marina Taibo vertraut mir an, dass das Festival seit
Jahren nicht mehr solche Hitze gekannt hat: „Das letzte Mal
hat ein alter Herr einen Herzinfarkt bekommen, er ist in den kleinen
See gefallen und ist dort bis zum Ende der Woche geblieben: die
Besucher dachten, es wäre ein Dekor…“ Als ich danach durch die leere Schwarze Woche gehe, denke ich ein
bisschen daran zurück und bemerke Statuen, die mir bis dahin
gar nicht aufgefallen waren…
Vor dem Organisationsbüro fotografiert sich gerade eine spanische
Familie vor dem Teufel, der vor dem Eingang steht, und zeigt auf
sein Riesengeschlecht. Ich fühle mich wieder etwas sicherer…
Heute sind
mehrere französische Autoren dran. Hervé Le
Corre stellt seinen L’homme aux lèvres de saphirs vor.
Der Roman ist nicht ins Spanische/Kastillanische übersetzt,
aber es geht ja genau darum, die spanischen Verleger hierfür
zu interessieren. Ein wenig früher hatte Patrick Bard, Autor
von La frontière, an einer Hommage teilgenommen für die
Hunderte von Frauen, die in Ciudad Juárez seit ungefähr
zehn Jahren ermordet wurden, begleitet von Eduardo Monteverde und
dem mexikanischen Journalisten Humberto Mussachio. Dieses Thema kehrt
immer wieder in der Schwarzen Woche: vor zwei Jahren war Víctor
Ronquillo, Autor von Las muertas de Juárez, mit Tränen
in den Augen dafür eingetreten, dass sich Europa für die
Tragödie dieser Frauen interessiere, deren Ermordung die mexikanische
Regierung völlig gleichgültig mitansieht. Das Publikum
ist gerührt und begleitet einen Blumenkranz durch die Straßen
der Woche, wo Ballonverkäufer, Jongleure, Familien und Jugendliche,
die Dart spielen, eine Flasche Bier in der Hand, sie vorübergehen
sehen, ohne zu verstehen…
Aber das Herausragende
des Tages waren natürlich die Verleihungen
der verschiedenen Preise der Schwarzen Woche. Früh diesen Morgen
roch das Restaurant des Hotels Don Manuel nach Kaffee und Tabak.
Eine dichte Wolke von Rauch schwebte im Licht der Projektoren, die
Fernsehsender dort installiert hatten. In der erdrückenden Hitze
wirkten viele angespannt, nicht wegen der Verkündigungen der
Jury: In der Schwarzen Woche geht man eben nicht so früh schlafen,
und um neun Uhr morgens ist eine solche Preisverleihung eine wirkliche
Härteprobe. Es ist schwer, einen Weg durch das Publikum, mit
Diktafonen und Notizblöcken bewaffnet, zu den Jurys zu finden.
Die erste Jury verliest eine Mitteilung. Blitzlichter. Der Preis
der Kurzgeschichte der Schwarzen Woche/Ateneo Obrero de Gijón
wird geteilt zwischen David Barreiro Rodríguez und Lorenzo
Lunar. Gelächter: der Erste nimmt an einer Schreibwerkstatt
teil, die der Zweite jedes Jahr während der Schwarzen Woche
leitet. Der Kubaner, der zum dritten Mal ausgezeichnet wird, lächelt
hinter seiner schwarzen Brille: Am Vorabend hat er sein Buch in einer
kubanischen Bar, in den Pausen der Salsagruppe, mit Widmungen verteilt,
bevor er dann bis zum Morgengrauen Boleros gesungen hat, mit Joaquín
Sabina. Der Preis Memorial Silverio Canada für den besten ersten
roman noir auf spanisch wird Francisco Pérez Gandul verliehen,
für Celda 211, ein Gefängnisroman mit drei kunstvoll miteinander
verwobenen Erzählstimmen.
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Mateo
Sagosta, Eduardo Monteverde, Raúl Argemí und
Lorenzo Lunar, Preisträger der Schwarzen Woche (© Zeki)
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Eduardo Monteverde
erhält den
Preis Rodolfo Walsh für das beste nichtfiktionelle Buch. Hinten
im Saal zerdrückt seine Tochter eine Träne. Das ist ein
erwarteter und wohl verdienter Preis, denn Lo peor
del horror verbindet
eine sehr genaue Recherchearbeit mit einem abgehobenen Erzählstil,
dessen Ziel es ist, durch den Wechsel von Humor zu chirurgisch präzisem
Realismus den ganzen Schrecken zu vermitteln. Den Spartacus-Preis,
der zum ersten Mal verliehen wird, bekommt Alfonso Mateo Sagasta,
Autor von Ladrones de tinta. Und schließlich bekommen den Hammett,
den wichtigsten Preis, Rául Argemí für Penúltimo
nombre de guerra, und Rafael Ramírez Heredia für La
Mara.
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Rafael
Ramírez Heredia (© Zeki)
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Der Erste lächelt diskret hinten im Saal: vor vier Jahren erst,
als die Schwarze Woche ihn zum ersten Mal eingeladen hatte, war er
ein völlig Unbekannter, der gerade mal einen kurzen Roman in
Argentinien veröffentlicht hatte. Pessimistisch, was seine Chancen
anging. Seitdem hat er drei weitere herausgebracht, die alle ausgezeichnet
wurden, und wird in Frankreich beim Rivages Verlag verlegt werden.
Der Hammett ist für ihn eine erwartete Auszeichnung und eine
Erleichterung. Was Rafael Ramírez Heredia angeht, so
muss man ihn aus seinem Zimmer holen: er ist nicht aufgewacht…
Gijo, den 16.: Samstag ist ein besonderer Tag. Die Nacht, die der Preisverleihung
folgt, ist nicht die ruhigste, und das Programm des
nächsten Tages muss locker sein. Lorenzo Lunar hat seinen Preis
in der kubanischen Bar gefeiert, wo er seine Gewohnheiten hat, Varadero
Rum und Romeo y Julieta Zigarren, begleitet von Rafael Ramírez,
Fernando Martínez Lainez, Angel González und anderen.
Raúl Argemí, in Begleitung von Rolo Diez, ist noch
spät auf der Terrasse des Don Manuel geblieben, vor einem Glas
Orujo. Was Eduardo Monteverde angeht, so hat er, ohne es recht zu
wollen, seine Landesbrüder ins Zelt des mexikanischen Restaurants
der Schwarzen Woche begleitet, um tacos und enchiladas zu essen,
und dabei einem mariachi zuzuhören, der rancheras, die er verabscheut,
grölte…
Heute wird auch
eingekauft. Der SuperBuchmarkt ist die ganze Zeit voll: dort verscheuert
man alle Titel des hervorragenden Verlags
Júcar, der pleite ist. Paco Camarasa, der Buchhändler
von Negra y Criminal, läuft mit vollen Tüten hin und her.
Ich kaufe einige Titel, die mir fehlen, die zwei Bände von La
sexta isla von Daniel Chavarría, einen Stuart Kaminsky und
eine Sammlung von Kurzgeschichten von Rubem Fonseca, bevor ich zu
einem letzten Vortrag gehe: Patrick Bard, der El cazador
de sombras (Der Schattenfänger) vorstellt, einen Roman über den Tourismus
des Horrors im Balkankrieg. Obwohl seine Geschichten immer makabrer
werden, geht von seiner Person eine Gemütlichkeit aus, die zu
seinem seltsamen Spanisch passt. Am Vorabend hatte er angefangen,
mir von seinem nächsten Roman zu erzählen, über das
Tier von Gévaudan, als seine Frau ihn unterbrach: „Hör
auf, allen Geschichten zu erzählen, die du noch gar nicht geschrieben
hast!“ Er sah aber so glücklich beim Erzählen aus… Ich
schreibe einen Satz auf, der mir gefällt. „Das Schlüsselwort
meiner Romane ist das Wort wegwerfbar, ich spreche nur von wegwerfbaren
Leben“ und ich wandere noch mal durch die vollen Straßen
an diesem Samstag abend…
Jugendliche rempeln sich untereinander aus Spaß an, Familien,
deren Kinderwagen den Gang verlangsamen, junge Paare, die sich nicht
wirklich für die ausgestellten Bücher interessieren… Ich
begegne Paco Ignacio Taibo, einen Zettel und einen Stift in der Hand,
der vor Freude strahlt. Er nimmt meine Pepsiflasche, trinkt sie in
einem Zug aus, bevor er mir seinen Zettel zeigt: „54.323 Bücher,
verkündet er stolz, wird haben 54.323 Bücher verkauft!“.
Ich sehe ihm nach, wie er in der Menge untergeht. Das letzte Wort
wird er haben…

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