Nieder
mit der Geschichte, es lebe die Werbung!
Oder: die Lobotomie der Öffentlichkeit
September
2005
Etienne
Borgers, Kritiker und Drehbuchautor
Aus
dem Französischen von Alexander Ruoff
Die
Zukunft der Helden liegt im Gedächtnis der Völker.
Wenn dieser lapidare Satz das Ferment gerechtfertigter Popularität
einschließen will, dann fehlt ihm der entscheidende Nachsatz:
Die Zukunft eines Volkes liegt ebenfalls in seinem Gedächtnis.
Die Mächte jeglicher Couleur wissen das nur zu gut, und die
Verschleierung der Vergangenheit ist gängige Praxis einer Politik,
die das Volk kontrollieren will, ohne sich der grausamen Aufklärung
der jüngsten Vergangenheit zu unterwerfen, die nur zu oft als
Spielverderber daherkäme.
Die Vergangenheit wird umoperiert, verboten oder bis zur Unkenntlichkeit
kostümiert, ganz nach den Launen derer, die ihre Mitbürger
dirigieren. Bis auf die offizielle Vergangenheit natürlich,
die bis zum Erbrechen wiederholt und ausgestellt wird mitsamt ihren
Symbolen und ihrem Zeremoniell; diese konservierte Vergangenheit,
die die Szenerie beherrscht und die unangenehmen Verbindungen zur
wahren Vergangenheit unterdrückt, auf dass diese die Verfälschungsmanöver
der Gegenwart mit ihren grimassierenden Wahrheiten nicht blockieren.
Um richtig
verstanden zu werden: ich meine nicht nur die Apparatschiks und
andere Karrieristen, die sich auf »legale Weise« wählen
lassen, indem sie den Massen versprechen, falsche Probleme zu lösen.
Es geht um die gesamte Klasse derer, die das anvisierte Gemeinwesen
verwalten.
Man kann zunächst konstatieren, dass eine Verwaltung um so pervertierter,
falscher und korrumpierter ist, je mehr sie die Fakten der Vergangenheit
verleugnet, verschleiert oder nicht zur Kenntnis nimmt. Und täuschen
wir uns nicht, die Verschleierung und das Bewusste-nicht-zur-Kenntnis-nehmen
sind weitaus schlimmer als die Verleugnung: sie ersticken jede Debatte – zur
großen Erleichterung der offiziellen Würger der Wahrheit.
Die Verschleierung des Gedächtnisses eines Volkes verhält
sich prinzipiell proportional zum Grad des Willens der Hüter
der Macht – der offiziellen oder der parallelen –, die
Demokratie zu negieren. In einer Demokratie oder anderswo. In den
Regierungen und den mit ihnen verbandelten »Eliten«,
in allen staatlichen Einrichtungen, von der Armee über die Kirchen
und Technokraten aller Couleur bis hin zur Polizei... und bei den
Freunden dieser Mächte. Da heißt das Motto: Wer vergisst
am schnellsten am meisten.
Dieses
westliche 21. Jahrhundert ist zum Meister in der Manipulation des
Sozialen geworden und maskiert frenetisch
die Zugehörigkeit
des Staatsbürgers zu einer Klasse oder Clique. Wir sind alle
Konsumenten! Verwaltet von einer Alibi-Demokratie. Alle den Gesetzen
des Marktes unterworfen, Gesetzen, deren Hohepriester rücksichtslos
den Zugang zu ihrer Kaste und ihren Privilegien verteidigen. Um jeden
Preis.
Ein Preis, den – egal ob es um Leben oder Geld geht – die
anderen zahlen, so wie es sich gehört. Die Kaste wird hauptsächlich
unterstützt durch das offiziell auferlegte Vergessen, durch
die Beerdigung der Erinnerung an die wesentlichen Tatsachen, seien
sie zeitgenössisch oder vergangen.
Die Mächtigen wollen ihre Existenz nicht legitimieren. Noch
ihre Taten. Noch ihre verborgenen Antidemokratismen. Und noch weniger
die, die sie ausüben.
Das organisierte Vergessen ist das Wesen ihrer Verantwortungslosigkeit,
einer Verantwortungslosigkeit, die sie total und ohne Dreinreden
wollen. In der Gegenwart und angesichts der Zukunft.
Die Wahrheit wird von Siegern geschrieben ...
Nieder mit der Wahrheit, es lebe die Werbung!
