krimis in Europa
n°3 November-Dezember-Januar 2005/06

 

 

 

Nieder mit der Geschichte, es lebe die Werbung! Oder: die Lobotomie der Öffentlichkeit
September 2005

Etienne Borgers, Kritiker und Drehbuchautor
Aus dem Französischen von Alexander Ruoff

Die Zukunft der Helden liegt im Gedächtnis der Völker.
Wenn dieser lapidare Satz das Ferment gerechtfertigter Popularität einschließen will, dann fehlt ihm der entscheidende Nachsatz: Die Zukunft eines Volkes liegt ebenfalls in seinem Gedächtnis.
Die Mächte jeglicher Couleur wissen das nur zu gut, und die Verschleierung der Vergangenheit ist gängige Praxis einer Politik, die das Volk kontrollieren will, ohne sich der grausamen Aufklärung der jüngsten Vergangenheit zu unterwerfen, die nur zu oft als Spielverderber daherkäme.
Die Vergangenheit wird umoperiert, verboten oder bis zur Unkenntlichkeit kostümiert, ganz nach den Launen derer, die ihre Mitbürger dirigieren. Bis auf die offizielle Vergangenheit natürlich, die bis zum Erbrechen wiederholt und ausgestellt wird mitsamt ihren Symbolen und ihrem Zeremoniell; diese konservierte Vergangenheit, die die Szenerie beherrscht und die unangenehmen Verbindungen zur wahren Vergangenheit unterdrückt, auf dass diese die Verfälschungsmanöver der Gegenwart mit ihren grimassierenden Wahrheiten nicht blockieren.

Um richtig verstanden zu werden: ich meine nicht nur die Apparatschiks und andere Karrieristen, die sich auf »legale Weise« wählen lassen, indem sie den Massen versprechen, falsche Probleme zu lösen. Es geht um die gesamte Klasse derer, die das anvisierte Gemeinwesen verwalten.
Man kann zunächst konstatieren, dass eine Verwaltung um so pervertierter, falscher und korrumpierter ist, je mehr sie die Fakten der Vergangenheit verleugnet, verschleiert oder nicht zur Kenntnis nimmt. Und täuschen wir uns nicht, die Verschleierung und das Bewusste-nicht-zur-Kenntnis-nehmen sind weitaus schlimmer als die Verleugnung: sie ersticken jede Debatte – zur großen Erleichterung der offiziellen Würger der Wahrheit.
Die Verschleierung des Gedächtnisses eines Volkes verhält sich prinzipiell proportional zum Grad des Willens der Hüter der Macht – der offiziellen oder der parallelen –, die Demokratie zu negieren. In einer Demokratie oder anderswo. In den Regierungen und den mit ihnen verbandelten »Eliten«, in allen staatlichen Einrichtungen, von der Armee über die Kirchen und Technokraten aller Couleur bis hin zur Polizei... und bei den Freunden dieser Mächte. Da heißt das Motto: Wer vergisst am schnellsten am meisten.

Dieses westliche 21. Jahrhundert ist zum Meister in der Manipulation des Sozialen geworden und maskiert frenetisch die Zugehörigkeit des Staatsbürgers zu einer Klasse oder Clique. Wir sind alle Konsumenten! Verwaltet von einer Alibi-Demokratie. Alle den Gesetzen des Marktes unterworfen, Gesetzen, deren Hohepriester rücksichtslos den Zugang zu ihrer Kaste und ihren Privilegien verteidigen. Um jeden Preis.
Ein Preis, den – egal ob es um Leben oder Geld geht – die anderen zahlen, so wie es sich gehört. Die Kaste wird hauptsächlich unterstützt durch das offiziell auferlegte Vergessen, durch die Beerdigung der Erinnerung an die wesentlichen Tatsachen, seien sie zeitgenössisch oder vergangen.
Die Mächtigen wollen ihre Existenz nicht legitimieren. Noch ihre Taten. Noch ihre verborgenen Antidemokratismen. Und noch weniger die, die sie ausüben.
Das organisierte Vergessen ist das Wesen ihrer Verantwortungslosigkeit, einer Verantwortungslosigkeit, die sie total und ohne Dreinreden wollen. In der Gegenwart und angesichts der Zukunft.
Die Wahrheit wird von Siegern geschrieben ...

Nieder mit der Wahrheit, es lebe die Werbung!

 


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