Interview
mit Friedrich Ani:
Kriminalromane
funktionieren nicht als Spielerei
von
Tobias Gohlis

Friedrich
Ani, geb. 1959, ist einer der besten deutschen Kriminalschriftsteller.
Für seine Romane um Tabor Süden, Hauptkommissar
in der Vermisstenstelle der Münchner
Kriminalpolizei, wurde
er mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Deutschen Krimipreis
2003. Im Juni ist mit "Süden
und der Mann im langen schwarzen Mantel" der letzte Band
der auf zehn Titel angelegten Serie
erschienen und gleich auf Platz Zwei der KrimiWelt-Bestenliste
gelandet. Mit Ani, der keine
Kriminalromane mehr schreiben will, sprach Tobias Gohlis.
Tobias
Gohlis: Friedrich Ani, was machen Sie gerade?
Friedrich Ani: Ich überarbeite die erste Fassung meines neuen
Romans. Der Arbeitstitel lautet: "Memoiren
eines Ungeborenen". Ganz schön irre, was man da zusammenschreibt.
Tobias
Gohlis: Kein Krimi?
Friedrich
Ani: Nein, das ist der erste Roman mit einem Schriftsteller
als Held.
Tobias Gohlis: 1995
kam Ihre erste Kriminalerzählung heraus, jetzt, praktisch
zum zehnjährigen
Jubiläum, quittieren Sie den Dienst, nachdem der letzte
Band der Reihe um Kommissar Tabor
Süden und die Münchner Vermisstenstelle des Dezernats
11 erschienen ist. Wie sind Sie zum
Kriminalroman gekommen?
Friedrich
Ani: Nach einer langen ersten Phase mit Gedichten und Erzählungen
hatte ich meinen Stil und
meine Charaktere gefunden. Acht Jahre lang hab
ich an meinem ersten Roman "Das geliebte
süße Leben" herumgekürzt. Als der 1996 raus
war, war ich völlig ratlos, so ratlos, dass ich mich in
einen Auftrag vom Emonsverlag geflüchtet hab. So'n Münchenkrimi,
mei, hab ich gedacht, was soll ich denn über
München schreiben. Dann hab ich
mich wie der Trinker in die Schwemme vor
dem Hofbräuhaus, der darin ja auch vorkommt, in die Geschichte
gestürzt, drei CSU-Leute
umbringen lassen, folkloristische Elemente verwendet,
was mir bis dahin vollkommen fremd war.
Ani
und die Vermissungen
Tobias
Gohlis: Dabei haben Sie den Krimi als Genre ja nie so richtig als Ihren
Fall angesehen, sondern
immer versucht, Ihren Fall von Krimi zu gestalten.
Friedrich
Ani: Das war eine bewusste Entscheidung, dass ich mir eine Vermisstenstelle
ausgesucht
hab. Diese Geschichten waren
mir einfach nahe: Da wird nach jemand gesucht,
der weggehen
will.
Mir war es egal, ob das jetzt Krimi ist oder
nicht.
Tobias
Gohlis: Und daraus ist eine ganz neue Sorte
von Kriminalroman geworden: Nicht die
Ermordeten sind der Ausgangspunkt, sondern die
Vermissten, die ja noch leben können.
Friedrich
Ani: Damit hab ich mich erst später beschäftigt, dass das
etwas Eigentümliches ist. Das
hab ich weder angestrebt noch mir als
bewusste
Anders-Haltung vorgenommen.
Ani
und der deutsche Krimi
Tobias
Gohlis: 2003 haben Sie Ihren Entschluß,
keine Krimis mehr schreiben zu wollen, unter anderem
so begründet: "Die Welt des deutschen
Krimis scheint mir viel zu eng.
Autoren schreiben ihre
Heimatromane im Kleid eines Krimis." Sehen
Sie das heute auch noch so?
Friedrich
Ani: Ich liebe diesen Tabor Süden,
ich bin ihm wesensverwandt.
Insofern bin ich dem
Genre und
der Umgebung dankbar und fühle mich auch zugehörig.
Aber in den Jahren, in denen
ich den
deutschsprachigen Kriminalroman
kennengelernt habe, habe ich
gemerkt, dass mir
das zu wenig
ist, zu nebenbei, zu wenig
Erzählung
vom Menschen. Ich kann das
nicht kleiner sagen.
Ich nehme den Krimi total ernst
als literarische Gattung. Da
erwarte ich Sprache und Musikalität
und Empathie und einen Blick
auf den Menschen, so wie er
in seinem
Zimmer
und im Finstern
ist.
Tobias
Gohlis: Welche Krimiautoren sind Ihre Vorbilder?
Simenon sicherlich.
Wenn
Ihre Kommissare
sagen "Ich verhöre nicht, ich vernehme",
dann erinnert das an...
Friedrich
Ani: Simenons Maxime "nicht urteilen, nur verstehen." Ja,
das ist eine Meßlatte,
da kommt
kaum jemand heran.
Neulich habe ich neue Geschichten
von James Ellroy gelesen,
auch autobiographische.
Eine heißt "Wo
ich meinen wilden Scheiß herhab".
Da erzählt
er wieder, wie seine Mutter ermordet wurde
und wie sich das in seinem
Kopf und Herz eingepflanzt
hat. Ellroy müßte
für Mordgeschichten-
Autoren die oberste Instanz
sein: Wie man das Autobiographische
mischen muss
mit
der Erzählung.
Tobias
Gohlis: Weil man sonst
die nötige Intensität
nicht erreicht?
Friedrich
Ani: Genau. Es geht um
Leben und Tod. Wenn
man das so
richtig dostojewskimäßig
ernstnehmen
würde, dürften viele Krimis in Deutschland gar nicht erscheinen.
Für viele ist
das nur Spielerei.
Ich glaube, der Kriminalroman
als Spielerei funktioniert
nicht.
Ani und das geschlossene
Zimmer
Tobias
Gohlis: Jetzt im
Gespräch und auch in Ihren Büchern
taucht immer
wieder das Bild
vom
geschlossenen
Zimmer auf. Ist
das die
Vorstellung,
die Sie
geleitet
hat?
Friedrich
Ani: Absolut. Eine Person
in einem
verschlossenen
Raum, ein Fenster,
eine Tür.
Durch das
Fenster dringt
die Wirklichkeit
erbarmungslos
herein.
Die Person
weiß,
dass sie nicht überleben wird,
wenn sie es
nicht
schafft,
die
Tür zu öffnen
und über
die Schwelle
zu treten.
Das ist
ein großer
Akt, wenn jemand
das schafft,
und das verlangt
zunächst
ein Verstummen,
eine Anerkennung.
Niemand begreift
das besser
als Tabor Süden.
Tobias
Gohlis: Das
ist zugleich
der
Akt der Selbstrettung
des Schriftstellers.
Friedrich
Ani: Absolut.
Das geht
so weit,
dass
der Tabor
Süden
im letzten
Roman nicht
nur als
Leser
auftritt
- das kennt
man
schon
-, sondern
als ein
Schreibender,
den
das Schreiben
vielleicht
sogar gerettet
hat.
Ani
und der zehnte
Roman
Tobias
Gohlis: Nach
seiner
Kündigung
sitzt
Süden
im
Hotel
und
widmet
alle
diese
Ich-Erzählungen
seiner
verschollenen
Jugendliebe
Bibiana.
Warum
ist
Ihnen
der
letzte
der
10
Romane
so
wichtig?
Friedrich
Ani: Die Geschichte
ist ganz
nah am
Tabor Süden.
Ich hab
versucht, einen
Blick in
seinen
Maschinenraum
zu werfen,
ihn zu
beschreiben, wie
ich ihn
sehe, von
außen
bis
ins
tiefste
Innere.
Tobias
Gohlis: Süden
ist noch
einmal voll
da, mit
seinem Schweigen,
das alle
zum Reden
bringt, mit
seiner
geradezu unheimlichen
Intuition. Aber
er geht
unter, hat
das "bezahlte
Scheitern satt".
Wollten
Sie ihn
als starken Untergeher zeichnen?
Friedrich
Ani: Ich sehe
ihn nicht
als Untergeher.
Das ist
ein Mann,
der seine
Polizeiarbeit ernst
nimmt, der
weiß, was er tut und wie er seine Fähigkeiten einsetzen
kann. Der läßt sich nicht von Gefühlen
lenken,
und auch
das Intuitive
setzt er
bewußt
ein. Das
ist kein
esoterischer, abgefahrener
Typ,
obwohl
er auch
seine indianischen
Momente hat.
Ursprünglich sollte
die Reihe ja "Der
Seher" heißen, aber das war dann zu castañedamäßig.
Ani
und der
Abschied
Tobias
Gohlis: "Süden" ist also eine Ableitung von "Seher"?
Friedrich
Ani: (lacht) Nein,
das ist
ein ganz
alter Name,
den habe
ich schon
als Jugendlicher
für
meine
ersten
Erzählungen erfunden. Ich hab gedacht, das wird später
mal mein
Pseudonym.
Tobias
Gohlis: Im letzten
Roman demissioniert
Tabor Süden. War dieses
Eingeständnis
des Scheiterns
schon
geplant, als
Sie mit
der Süden-Reihe
anfingen?
Friedrich
Ani: Ja, denn
die zehn
Taschenbücher sind ja nach dem Roman "Erfindung
des Abschieds" (1998)
konzipiert
worden, in
dem Südens bester Freund Martin Heuer Selbstmord
begeht. Sie erzählen
von
der Zeit
davor. So
sind alle
Romane geprägt
von einer
Schwermut,
die
von Anfang
an wie
eine
Wolke am
Horizont hing.
Tobias
Gohlis: Teilen Sie
Südens
Schwermut?
Friedrich
Ani: Der ist
ein ganz
harter Melancholiker
- ich
bin das
nicht.
Unredigiertes
Manuskript,
Veröffentlichung
in Der
Literarischen Welt
vom
25.6.05.
Bibliografie
der Süden-Romane
Neben
den als
Taschenbuch
in
fortlaufender
Serie
erschienenen
Romanen
spielen Tabor
Süden
und
seine Kollegen
in einigen
weiteren
Romanen
Anis mit.
Erzählerisch
bezeichnet
Die
Erfindung
des
Abschieds,
die
1998 als
erster Süden-Roman
erschien,
den
Endpunkt
einer
Entwicklung,
deren
Vorgeschichte
oder
Vorzeit
in
den Romanen
mit dem
Titelschema "Süden
und." erzählt
wird,
obwohl
diese
Bücher später
entstanden
sind.
Um
Entstehungsgeschichte
und
literarische
Konstruktion
voneinander
zu
unterscheiden,
habe
ich (mit
Dank an
JC Schmidt
von Kaliber38
für
die bibliographische
Basisarbeit)
zwei Bibliografien der
Süden-Romane
zusammengestellt.
Anis
Romane
mit
Tabor
Süden
in
zeitlicher
Reihenfolge
Die
Erfindung
des
Abschieds. Martin
Heuer
begeht
Selbstmord
Heyne,
1998
German
Angst.
Droemer
Knaur,
2000
Verzeihen.
Droemer
Knaur,
2001
Süden und das Gelöbnis
des
gefallenen
Engels.
Droemer
Knaur,
2001
Süden und der Straßenbahntrinker.
Droemer
Knaur,
2002
Süden
und die
Frau mit
dem harten
Kleid.
Droemer
Knaur,
2002
Süden und das Geheimnis der Königin.
Droemer
Knaur,
2002
Süden und das Lächeln
des Windes.
Droemer
Knaur,
2003
Gottes
Tochter.
Droemer,
2003
Süden
und der
Luftgitarrist.
Droemer
Knaur,
2003
Süden und der glückliche
Winkel.
Droemer
Knaur, 2003
Süden
und das
verkehrte Kind.
Droemer
Knaur, 2004
Süden und das grüne
Haar des
Todes.
Droemer
Knaur, 2005
Süden
und der
Mann im
langen schwarzen
Mantel
Droemer
Knaur, 2005
Friedrich
Anis Romane
mit Tabor
Süden
in chronologischer
Folge
Süden und das Gelöbnis
des gefallenen
Engels.
Droemer
Knaur,
2001
Süden und der Straßenbahntrinker.
Droemer
Knaur,
2002
Süden
und die
Frau mit
dem harten
Kleid.
Droemer
Knaur,
2002
Süden und das Geheimnis der Königin.
Droemer
Knaur,
2002
Süden und das Lächeln
des Windes.
Droemer
Knaur,
2003
Gottes
Tochter.
Droemer,
2003
Süden
und der
Luftgitarrist.
Droemer
Knaur,
2003
Süden und der glückliche
Winkel.
Droemer
Knaur, 2003
Süden
und das
verkehrte Kind.
Droemer
Knaur, 2004
Süden und das grüne
Haar des
Todes.
Droemer
Knaur, 2005
Süden
und der
Mann im
langen schwarzen
Mantel
Droemer
Knaur, 2005
Die
Erfindung
des
Abschieds.
Martin
Heuer begeht
Selbstmord
Heyne,
1998
German
Angst.
Droemer
Knaur,
2000
Gottes
Tochter.
Droemer,
2003
© Tobias Gohlis