krimis in Europa
n°4 Februar-März- April 2006

 

 

>> Rezension

Statisten

Didier Daeninckx

Assoziation A Noir • 2005

Von Kerstin Schoof

 

Valère Notermans verbringt als Ehe-Flüchtling seine Abende frustriert in der Kneipe – bis er den Kinobetreiber Jèrome kennenlernt und in die Welt des Films abtaucht. Von einem kleinen französischen Provinz-Filmfest zum nächsten tingelnd, lässt Valère von nun an keine Vorführung aus. Auf diese Weise stößt er auf einen mysteriösen Horror-Schocker unbekannter Herkunft, der im Stil des deutschen Expressionismus frappierend eindringliche Folter- und Todesszenen präsentiert.
Die Faszination des Streifens, dessen cineastische Qualität auf einen Meister vom Format Fritz Langs verweist, treibt Valère auf eine obsessive Suche nach dessen Regisseur und Schauspielerinnen, die ihn nach langer Recherche mit der nationalsozialistischen Besatzung und dem französischen Widerstand konfrontiert.

Didier Daeninckx, der in seinen Krimis oftmals die Auswirkungen unabgeschlossener Vergangenheit auf die Gegenwart thematisiert, greift in dieser längeren Erzählung zwei ineinander verschlungene Themenkomplexe auf: den deutschen Faschismus und die Zusammenhänge von Krieg und Film, die sich in der Entstehungsgeschichte der Kameratechnik genauso wie in den Karrieren von Kriegs- und Propagandafilmern berühren, die später zur Produktion von Nachrichten- und Unterhaltungsfilmen übergingen.
Vor diesem Hintergrund stellt sich fast zwingend die immer aktuelle Frage nach einer medialen Ästhetik des Schreckens und nach dem Voyeurismus des Kinozuschauers: Das angenehm-gruselige Grauen auf der Leinwand schlägt den Protagonisten in seinen Bann und lässt ihn erst dann wieder zur Besinnung kommen, als sich die so beeindruckend ausdrucksstarken und lebensnah agierenden Darstellerinnen als Opfer einer perversen NS-Inszenierung herausstellen. Kunst und Gewalt, die sich wiederum als künstlerisches Spektakel produziert und ihre eigene Ästhetisierung betreibt, sind hier nur schwer zu unterscheiden.
Daeninckx begleitet die Ermittlungen der nur bedingt sympathischen Hauptfigur zudem über weite Strecken mit einer kommentarlosen Unbestimmtheit, die die Erzählung in geradezu unangenehmer Schwebe hält.

Ohne theoretische Zusammenhänge auszuwälzen, entwirft Daeninckx die politischen Hintergründe eher skizzenhaft. Stattdessen porträtiert er ausführlich Szene und Rituale der semiprofessionellen Filmliebhaberei und des kommunalen Kinos, gespickt mit einer Vielzahl von filmischen Zitaten und Anspielungen, die im angehängten umfangreichen Glossar erläutert werden. In einem ungewöhnlichen Spannungsbogen baut sich der Plot extrem langsam auf, um abrupt zu enden – Daeninckx vertritt absolut gelungen die französische Strömung des links-politischen Roman Noir, dessen Thrill sich nie in den psychologisierten Verbrechen isoliert handelnder Psychopathen erschöpft. Der Berliner Verlag Assoziation A hat sich darauf spezialisiert, die in Deutschland selten übersetzten französischen Autoren herauszugeben, bisher sind bereits Rote Frauen werden immer schöner von Fréderic H. Fajardie und Hartes Pflaster von Dominique Manotti in der Verlagsreihe Noir erschienen. Mit Daeninckx’ Statisten, ergänzt durch die Kurzgeschichte Der Mann mit der Sammelbüchse und schlicht gezeichnete, schwarz-weiße Illustrationen von Mako, bekommt man in der neuesten Veröffentlichung von Assoziation A Noir definitiv mehr, als ein Blick auf den schmalen Band zunächst verspricht.

 

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