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Statisten
Didier
Daeninckx
Assoziation
A Noir • 2005
Von Kerstin
Schoof
Valère Notermans verbringt als Ehe-Flüchtling seine
Abende frustriert in der Kneipe – bis er den Kinobetreiber
Jèrome kennenlernt und in die Welt des Films abtaucht. Von
einem kleinen französischen Provinz-Filmfest zum nächsten
tingelnd, lässt Valère von nun an keine Vorführung
aus. Auf diese Weise stößt er auf einen mysteriösen
Horror-Schocker unbekannter Herkunft, der im Stil des deutschen Expressionismus
frappierend eindringliche Folter- und Todesszenen präsentiert.
Die Faszination des Streifens, dessen cineastische Qualität
auf einen Meister vom Format Fritz Langs verweist, treibt Valère
auf eine obsessive Suche nach dessen Regisseur und Schauspielerinnen,
die ihn nach langer Recherche mit der nationalsozialistischen Besatzung
und dem französischen Widerstand konfrontiert.
Didier
Daeninckx, der in seinen Krimis oftmals die Auswirkungen unabgeschlossener
Vergangenheit auf die Gegenwart thematisiert, greift
in dieser längeren Erzählung zwei ineinander verschlungene
Themenkomplexe auf: den deutschen Faschismus und die Zusammenhänge
von Krieg und Film, die sich in der Entstehungsgeschichte der Kameratechnik
genauso wie in den Karrieren von Kriegs- und Propagandafilmern berühren,
die später zur Produktion von Nachrichten- und Unterhaltungsfilmen übergingen.
Vor diesem Hintergrund stellt sich fast zwingend die immer aktuelle
Frage nach einer medialen Ästhetik des Schreckens und nach dem
Voyeurismus des Kinozuschauers: Das angenehm-gruselige Grauen auf
der Leinwand schlägt den Protagonisten in seinen Bann und lässt
ihn erst dann wieder zur Besinnung kommen, als sich die so beeindruckend
ausdrucksstarken und lebensnah agierenden Darstellerinnen als Opfer
einer perversen NS-Inszenierung herausstellen. Kunst und Gewalt,
die sich wiederum als künstlerisches Spektakel produziert und
ihre eigene Ästhetisierung betreibt, sind hier nur schwer zu
unterscheiden.
Daeninckx begleitet die Ermittlungen der nur bedingt sympathischen
Hauptfigur zudem über weite Strecken mit einer kommentarlosen
Unbestimmtheit, die die Erzählung in geradezu unangenehmer Schwebe
hält.
Ohne
theoretische Zusammenhänge auszuwälzen, entwirft
Daeninckx die politischen Hintergründe eher skizzenhaft. Stattdessen
porträtiert er ausführlich Szene und Rituale der semiprofessionellen
Filmliebhaberei und des kommunalen Kinos, gespickt mit einer Vielzahl
von filmischen Zitaten und Anspielungen, die im angehängten
umfangreichen Glossar erläutert werden. In einem ungewöhnlichen
Spannungsbogen baut sich der Plot extrem langsam auf, um abrupt zu
enden – Daeninckx vertritt absolut gelungen die französische
Strömung des links-politischen Roman Noir, dessen Thrill sich
nie in den psychologisierten Verbrechen isoliert handelnder Psychopathen
erschöpft. Der Berliner Verlag Assoziation A hat sich darauf
spezialisiert, die in Deutschland selten übersetzten französischen
Autoren herauszugeben, bisher sind bereits Rote Frauen werden
immer schöner von Fréderic H. Fajardie und Hartes
Pflaster von Dominique Manotti in der Verlagsreihe Noir erschienen. Mit Daeninckx’ Statisten,
ergänzt durch die Kurzgeschichte Der Mann mit der Sammelbüchse und schlicht gezeichnete, schwarz-weiße Illustrationen von
Mako, bekommt man in der neuesten Veröffentlichung von Assoziation
A Noir definitiv mehr, als ein Blick auf den schmalen Band zunächst
verspricht.
