krimis in Europa
n°4 Februar-März-April 2006

 

 

>> Rezension

Ora Zero

Stefano Di Marino

Editrice Nord • 2005 • 696 S.

Giovanni Zucca
Aus dem Italienischen on Dieter Hartmann

 

Wien, wenige Jahre nach 2000. Ein sniper auf einem Dach, ein Schuss. Das Ziel ist Georg Bruckner, Chef des Department Security in Europe, DSE, der neuen Behörde für Sicherheit und Antiterrorismus, die dem Europäischen Parlament direkt unterstellt ist. Bruckner war ein Veteran, der in den dark alleys des Kalten Kriegs gekämpft hatte, der heimtückischen, paranoiden und grausamen Welt der Spionage. Seinen Posten übernimmt ein Italiener namens Bruno Genovese. Ein Typ, der weder Schreibtische mag noch Computer oder Besprechungen, einer, der "als Kind ein Held werden wollte", und erkannt hat, dass es keine Helden gibt, dass sie entweder als Mörder enden oder als Leichen, dass das Spiel schmutzig, gezinkt und meist sinnlos ist. Der Rausch vor der Aktion, der Adrenalinstoß, dafür hat Bruno (den ein alter Schmerz nicht loslässt) all die Jahre gelebt. Wie Linda, Regina, Werner, Marie und die anderen einsamen Wölfe in der frostigen DSE-Festung in Wien empfindet er noch heute den Rausch vor dem Spiel oft erregender als das Spielen selbst. Doch dieses Mal ist der Einsatz höher: Heute Europa und morgen (vielleicht) die Welt. Das Komitee , ein verdeckt agierendes, mächtiges Netzwerk, zieht seit Jahrzehnten im Dunkeln seine Fäden um zu verhindern, dass das vereinte Europa zu viel Unabhängigkeit von seinem Schutzpatron USA erlangen und eine eigene Identität ausbilden kann. Die Mitglieder dieser konspirativen Organisation (die, wie der Teufel selbst, höllisch darauf bedacht ist den Eindruck zu erwecken, sie existiere gar nicht) schrecken zur Erreichung ihrer Ziele vor keinem noch so heimtückischen Mittel zurück. So verhelfen sie zum Beispiel Caspar Dragan zur Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis, ein brutaler serbischer warlord , der während das Kosovo-Krieges schwerste Kriegsverbrechen begangen haben soll, und vor allem dank der Arbeit von Genovese im Jahr 2000 verhaftet wurde (wovon der gewalttätige Prolog des Buchs erzählt). Dragan soll einen nuklearen Erpressungsversuch inszenieren, um so die Schwäche Europas bloßzustellen und den Schutzbedarf durch den ungeliebten Freund USA zu untermauern. Doch Dragan spielt hinter dem Rücken des Komitees auf eigene Rechnung ein noch viel wahnsinnigeres, blutrünstigeres Spiel, das ganz Europa zur Arena macht. Ein gnadenloses Todesspiel beginnt, in dem nichts wirklich ist, wie es scheint und ein Freund sich tags drauf als Feind erweist. Sieben knappe Tage inmitten eines Verwirrspiels voller Doppelbödigkeit und Fallgruben, während die Zeit verrinnt und unter Spionen, Spezialagenten und Killern sich die Toten häufen .

Inspiriert von der Dramaturgie der US-Serie 24, erzählt Ora Zero höchst spannend in kurzen, manchmal extrem kurzen Kapiteln im Takt der unaufhaltsam verrinnenden Zeit. Ein in seiner Erzähltechnik typisch ,us-amerikanischer' Thriller, der an die stärksten Bücher von Ludlum erinnert (ohne je die Ebene fiktionsimmanenter Glaubwürdigkeit zu verlieren), und gleichzeitig ein ,europäischer' Krimi; nicht nur und nicht so sehr wegen seiner - übrigens sehr detailgenauen - Verortung an diversen europäischen Schauplätzen (von den unterirdischen Stollen der DSE-Basis über Budapest und Prag, Paris und Dublin, die sardische Insel La Maddalena und Straßburg bis hin zum Polarkreis), sondern auch auf Grund der sehr sensiblen Beobachtungen des Autors.

Als geübter, im besten Sinne des Wortes ,populärer' Erzähler (besonders unter seinem Künstlernamen Stephen Gunn) verfügt er über ein bemerkenswertes Geschick, Geschichten zu konstruieren, die ihre Dynamik aus dem Rennen gegen die Zeit gewinnen; in ihnen verschmilzt er die Bildwelten der verschiedenen fiction-Genres in Roman, Comic und Film der letzten Jahrzehnte. Das Etikett des ,Polit-Krimi' für seinen in satten Farben gemalten Hyper-Thriller behagt Stefano di Marino indes überhaupt nicht. Doch obwohl er für sich beansprucht, nur Unterhaltungsliteratur zu schreiben (großartige Unterhaltung, das sei hier gesagt), so blitzen doch zwischen den Zeilen immer wieder Gedanken auf zum Verhältnis von Politik und Macht, zu Gewalt, Verrat und Treue, vor allem der Treue zu sich selbst. Gedanken, die, gelinde gesagt, ein düsteres Bild zeichnen; gerade hier erweist sich Ora Zero dann eben doch als einer jener rar gesäten Thriller mit einer Seele, die mehr sind als bloße Unterhaltung.

 

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