Die
Rechtsanwältin Hannelore Cayre erhielt für ihren ersten
Roman, Commis d’office (Der Büroangestellte) sehr gute
Kritiken. Christoph Leibowitz, der mittelmäßige Anwalt
mit seiner mehr als dehnbaren Moral, den sie dort in Szene setzte,
kehrt nun wieder in Toiles de maître (Meisterwerke). Trotz
seines kürzlichen Gefängnisaufenthalts und all jenen zum
Trotz, die ihn verschwinden lassen wollen, arbeitet er weiter und
verteidigt dabei die zweifelhaftesten Gestalten. Momentan hat er
zwei Klienten: Aziz Choukri, der einzige Mann ohne Vorstrafen in
der Familie Choukri, weil er, im Gegensatz zu seinen Brüdern,
nicht mit Drogen dealt, sondern ein wahrer Meisterdieb ist. Und dann
ist da noch Marcel Lazare, ein Gangster im wahrsten Sinn des Worts
und ehemaliger Söldner, dessen Vater ein bekannter Kollaborateur
war. Im Rahmen des Falls Choukri sieht sich Leobowitz mit dem rechtsradikalen
französischen Großbürgertum konfrontiert und muss
wieder einmal feststellen, dass es nicht die Widerwärtigsten
sind, die im Gefängnis enden.
Dieser
Roman ist ebenso gelungen wie Cayres Erstling Auch hier findet man
den lebendigen Stil, den allgegenwärtigen, politisch inkorrekten
Humor, ätzende Beschreibungen von Anwälten und Richtern
und die Kritik an den historischen und juristischen Scheinheiligkeiten
unserer wunderbaren Gesellschaft. Diskret, leicht und lebendig und
vor allem ohne erhobenen Zeigefinger beleuchtet die Autorin einige
wichtige, wenn auch nicht gerade glorreiche Begebenheiten unserer
Geschichte und führt die Arroganz einer Großbourgeoisie
vor, deren Moral zweifelhafter ist als die der kleinen Ganoven aus
den Vorstädten. Die Darstellung der Komplizenschaft zwischen
Kapital und Justiz ist besonders gut gelungen und erklärt, a
posteriori, den Ekel und den Zynismus unseres guten Christophe Leibowitz.