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Der
Wald ist Schweigen
Gisa
Klönne
Berlin
(Ullstein Verlag) • 2005 • 368
Seiten
Alexander
Ruoff
Weil
insbesondere die französische Redaktion von europolar
wissen wollte, ob das Vorurteil stimmt, der deutsche Krimi sei so
wenig gesellschaftkritisch wie er belanglos ist (von einigen verdienten
Ausnahmen abgesehen) und meine bisherige Lektüre dieses Vorurteil
bestätigt (bis auf eben jene wenigen Ausnahmen), bin ich in
meine Lieblingskrimibuchhandlung Hammett gegangen und habe von den
Neuerscheinungen einen Titel gekauft, dessen Autorin ich nicht kannte
und dessen Cover mir gefiel: Der Wald ist Schweigen von Gisa Klönne.
Man
lernt in diesem Buch drei sehr unterschiedliche Frauenfiguren
kennen. Sie treffen in der Ermittlungssache einer von Krähen
zerfressenen unbekannten Männerleiche aufeinander, die
von einem Pilze suchenden älteren Ehepaar in einem Hochsitz
in einem Wald im Bergischen Land gefunden wird: Die kettenrauchende
Kommissarin Judith
Krieger, ausgelaugt und sarkastisch, deren Kampfgeist erst
so richtig erwacht, als durch eigenes Verschulden ihr verhasster
junger Konkurrent
ihre Karriere endgültig zu bedrohen scheint, die geheimnisvolle
Försterin Diana Westermann, die frisch von einem Einsatz
in Afrika kommend in einem von Männern dominierten Job
ihre Frau stehen muss und die junge und in sich gekehrte Laura,
deren gutbürgerliche
Eltern sie in einen Ashram in ebenjenen Wald gesteckt haben,
damit sie ihren viel älteren Liebhaber bei Yoga und Meditationen
vergesse. Und dann wird in einem alten Bombentrichter aus dem
Zweiten Weltkrieg
und ganz in der Nähe dieser von der Autorin spitz ironisierten
Esoterik-Einrichtug eine weitere Leiche gefunden...
Das
ist gewiss spannend und gut geschrieben ist es auch. Die Konstruktion
ist ebenfalls einwandfrei. Angelegt als closed-room-Rätselkrimi – auch
wenn die Handlung in der freien Natur spielt – entleiht
er viel dem klassischen whodunnit mit seinen unerwarteten
Wendungen,
so dass man als Leser immer den Falschen verdächtigt.
Darin zeigt sich, dass Gisa Klönne ihr Handwerk versteht.
Was man auch erwarten sollte, schließlich gibt sie
Seminare, in denen sie das Schreiben lehrt. Aber überbordende
Lebensfreude, die Lust am Komischen und Burlesken, die etwa
Jean-Marc Laherrère
in seinen beiden Besprechungen in dieser Ausgabe von europolar über
einen französischen (Hannelore Caye: Toiles
de maître)
und einen vietnamesischen Krimi (Tran-Nhut: L’esprit
de la renarde) so schön beschreibt und damit Lust macht,
diese beiden Bücher sofort einem deutschen Verlag ans
Herz zu legen, die sucht man hier vergebens. Geschweige denn
eine darüber geleistete
Reflexion auf gesellschaftliche Zustände oder Zusammenhänge,
kurz, ein Element, das über das Handwerkliche eines
spannenden Plots und interessanter Charaktere hinauswiese
und damit das Vorurteil
nicht nur ins Wanken bringen würde, sondern einstürzen
ließe. Liest man diesen Krimi, dann hat man unweigerlich
schon die Verfilmung vor Augen, wie sie im deutschen Abendprogramm
zu sehen
sein wird und wie man sie schon zig Male gesehen hat: Auch
wenn es Action gibt, geht es immer etwas zäh und beflissen
zu und wenn einer einen Witz macht, dann ist das lediglich
ein Kontrapunkt zu
einer gewissen Dumpfheit, die, als »Tiefe« kaschiert,
nur verschleiert, dass die vorgeführten Dramen der Langeweile
einer Welt entstammen, die alleine um sich selber kreist.
Nichtsdestotrotz: Der
Wald ist Schweigen hat eine gute Story
und einprägsame Figuren, es ist ein spannender Krimi, den
zu lesen durchaus unterhaltsam ist. Aber eben leider nicht mehr.