krimis in Europa
n°4 Februar-März- April 2006

 

 

>> Resenzionen

Der Wald ist Schweigen

Gisa Klönne

Berlin (Ullstein Verlag) • 2005 368 Seiten

Alexander Ruoff

 

Weil insbesondere die französische Redaktion von europolar wissen wollte, ob das Vorurteil stimmt, der deutsche Krimi sei so wenig gesellschaftkritisch wie er belanglos ist (von einigen verdienten Ausnahmen abgesehen) und meine bisherige Lektüre dieses Vorurteil bestätigt (bis auf eben jene wenigen Ausnahmen), bin ich in meine Lieblingskrimibuchhandlung Hammett gegangen und habe von den Neuerscheinungen einen Titel gekauft, dessen Autorin ich nicht kannte und dessen Cover mir gefiel: Der Wald ist Schweigen von Gisa Klönne.

Man lernt in diesem Buch drei sehr unterschiedliche Frauenfiguren kennen. Sie treffen in der Ermittlungssache einer von Krähen zerfressenen unbekannten Männerleiche aufeinander, die von einem Pilze suchenden älteren Ehepaar in einem Hochsitz in einem Wald im Bergischen Land gefunden wird: Die kettenrauchende Kommissarin Judith Krieger, ausgelaugt und sarkastisch, deren Kampfgeist erst so richtig erwacht, als durch eigenes Verschulden ihr verhasster junger Konkurrent ihre Karriere endgültig zu bedrohen scheint, die geheimnisvolle Försterin Diana Westermann, die frisch von einem Einsatz in Afrika kommend in einem von Männern dominierten Job ihre Frau stehen muss und die junge und in sich gekehrte Laura, deren gutbürgerliche Eltern sie in einen Ashram in ebenjenen Wald gesteckt haben, damit sie ihren viel älteren Liebhaber bei Yoga und Meditationen vergesse. Und dann wird in einem alten Bombentrichter aus dem Zweiten Weltkrieg und ganz in der Nähe dieser von der Autorin spitz ironisierten Esoterik-Einrichtug eine weitere Leiche gefunden...

Das ist gewiss spannend und gut geschrieben ist es auch. Die Konstruktion ist ebenfalls einwandfrei. Angelegt als closed-room-Rätselkrimi – auch wenn die Handlung in der freien Natur spielt – entleiht er viel dem klassischen whodunnit mit seinen unerwarteten Wendungen, so dass man als Leser immer den Falschen verdächtigt. Darin zeigt sich, dass Gisa Klönne ihr Handwerk versteht. Was man auch erwarten sollte, schließlich gibt sie Seminare, in denen sie das Schreiben lehrt. Aber überbordende Lebensfreude, die Lust am Komischen und Burlesken, die etwa Jean-Marc Laherrère in seinen beiden Besprechungen in dieser Ausgabe von europolar über einen französischen (Hannelore Caye: Toiles de maître) und einen vietnamesischen Krimi (Tran-Nhut: L’esprit de la renarde) so schön beschreibt und damit Lust macht, diese beiden Bücher sofort einem deutschen Verlag ans Herz zu legen, die sucht man hier vergebens. Geschweige denn eine darüber geleistete Reflexion auf gesellschaftliche Zustände oder Zusammenhänge, kurz, ein Element, das über das Handwerkliche eines spannenden Plots und interessanter Charaktere hinauswiese und damit das Vorurteil nicht nur ins Wanken bringen würde, sondern einstürzen ließe. Liest man diesen Krimi, dann hat man unweigerlich schon die Verfilmung vor Augen, wie sie im deutschen Abendprogramm zu sehen sein wird und wie man sie schon zig Male gesehen hat: Auch wenn es Action gibt, geht es immer etwas zäh und beflissen zu und wenn einer einen Witz macht, dann ist das lediglich ein Kontrapunkt zu einer gewissen Dumpfheit, die, als »Tiefe« kaschiert, nur verschleiert, dass die vorgeführten Dramen der Langeweile einer Welt entstammen, die alleine um sich selber kreist.

Nichtsdestotrotz: Der Wald ist Schweigen hat eine gute Story und einprägsame Figuren, es ist ein spannender Krimi, den zu lesen durchaus unterhaltsam ist. Aber eben leider nicht mehr.

 

PicoSearch

© 2005 europolar Home | Impressum | Redaktion | Archiv | Links | Webmaster | Inhaltsverzeichnis | Webmaster: Emma