krimis in Europa
n°4 Februar-März-April 2006

 

 

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Nicht nur ein Kriminalfall...

La Reina Sin Espejo
(Die Königin ohne Spiegel)

Lorenzo Silva

Destino • 2005 • 382 z.

Von Javier Sánchez Zapatero
Übersetzung: Claudia Manthey

 

Mit La Reina Sin Espejo wurde bereits das dritte Buch von Lorenzo Silva innerhalb eines Jahres veröffentlicht. Nach dem Erzählband Nadie más que otro. Cuatro asuntos de Bevilacqua (Keiner mehr als der andere. Vier Angelegenheiten Bevilacquas) und der Essaysammlung Lineas de sombra. Historias de criminales y policías (Schattenlinien. Geschichten von Verbrechern und Polizisten), hält der Madrider Autor mit dem vierten Roman seiner Reihe, in der Sargento Bevilacqua und Cabo Chamorra die Hauptrollen spielen, erneut Einzug in die Buchläden.
Nach El lejano país de los estanques (Tödlicher Strand), El alquimista impaciente (Der ungeduldige Alchimist) und La niebla y la doncella (Der Nebel und das Mädchen), treten die beiden Polizistenfiguren mit einem komplexen, individuellen Wesen ausgestattet auf, was aus ihnen mehr werden lässt, als nur Handlungsbestandteile. Lorenzo Silva, der mehr als einmal äußerte, er habe die beiden Ermittler zu Beginn nicht als fortdauerndes literarisches Projekt angelegt, ist es durch die vier Romane gelungen, zwei einzigartige, vielschichtige Charaktere zu zeichnen, die weit entfernt von allen Klischees sind, die man immer noch mit der guardía civil in Verbindung bringt.

Die Geschichte des Romans beginnt anscheinend damit, dass die bekannte katalanische Journalistin Neus Barutell in einem kleinen Dorf in Zaragoza tot aufgefunden wird. Was sich anfangs als Verbrechen aus Leidenschaft präsentiert, verkompliziert sich mit fortschreitender Ermittlung, die durch ihre Detailfülle authentisch geschildert wird, bis sich die beiden Agenten schließlich nach Barcelona begeben müssen, um im Bekannten- und Kollegenkreis der Verstorbenen zu ermitteln.
Außer der polizeilichen Ermittlung, in der die technischen Mittel immer größere Bedeutung einnehmen, erzählt La Reina Sin Espejo wie alle großen Romane des Genres auch eine persönliche Suche. Bei der Ankunft in Barcelona sieht sich Bevilacqua plötzlich mit der unbequemen Vergangenheit konfrontiert, die sich in Form eines Frauennamen zurückmeldet und es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich damit auseinanderzusetzen. Diese schmerzliche Erinnerung steht für etwas, das möglich gewesen wäre, aber nicht stattfand. Sie schafft im Roman, dessen Protagonist desillusionierter und skeptischer als je zuvor auftritt, eine Art Untergangsstimmung. So wird der Leser Zeuge einer doppelten Enthüllung; einerseits wird deutlich, was den Sargento mit der Stadt verbindet und andererseits werden die Ängste und Unsicherheiten der anderen Heldin des Buches gezeigt, der verstorbenen Journalistin, von deren Leben desto mehr zutage tritt, je genauer die Umstände ihres Todes aufgedeckt werden.

Die Verlagerung der Geschichte in die katalanische Hauptstadt ist nicht nur eine Hommage an die Stadt mit der längsten Krimitradition in der spanischsprachigen Literatur, sondern Silva nutzt dies auch, um die neuerdings beschlossene Zusammenarbeit von drei Polizeiorganen darzustellen. Die Handlung des Buches entspinnt sich zu der Zeit, in der die nationalen Sicherheitskräfte ihren Rückzug aus Katalonien beginnen, weshalb Bevilacqua und Chamorro mit der Mossos d'Esquadra, der katalanischen Polizei zusammenarbeiten müssen, um ihre Ermittlung durchzuführen. Diese Begebenheit sowie die Suche nach dem Umfeld der Verstorbenen, erlauben dem Autoren das zeitgenössische Barcelona von Grund auf zu durchleuchten.
Obwohl sie den höchsten sozialen und kulturellen Kreisen der Stadt angehörte, hatte Neus Barutell durch ihre Arbeit als investigative Journalistin auch Kontakt zu Randgruppen der Bevölkerung, wo sie zu europäischen Mafiagruppen, Kokainhandel und illegaler Einwanderung recherchierte.
Ohne in Vorurteile oder zentralistische Klischees zu verfallen, zeigt Silva die wechselhafte Gegenwart einer Stadt, in der verschiedene Kulturen zusammenleben und wo neben ausgesuchtestem Design die schmutzige Kriminalität zu Tage tritt.
Mit diesem Portrait beweist der Madrider Autor einmal mehr, dass das Genre noir, die aktuelle Wirklichkeit reflektieren und kritischer Zeuge ihrer Veränderungen sein kann, ohne seine Unterhaltsamkeit dabei einzubüßen.

 

 

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