Die
Abschlussprüfungen waren vorbei, und sie langweilten
sich. Alle drei. Léone, die Blonde. Anouk, die ehemalige
Punkerin, deren ungekämmte Haartracht noch immer ewas von
altem Trockenfutter hatte. Béatriz, die Rothaarige. Doch
nur Léone gehörte wirklich zur Studentenschaft – mit
der Besonderheit, dass sie bei jedem Prüfungstermin durchzufallen
pflegte und mit besonderem Vertrauen in die Nachprüfung ging,
die sie dann lässig nasepopelnd überstand. Neiderinnen
und eine Legion abgewiesener Typen behaupteten allerdings, sie
habe eher ihre „Nase im richtigen Hosenstall“. Léone
war das egal. Sie war die jüngste von den Dreien, druckste
aber herum, wenn es um das Mysterium ihres wahren Alters ging:
Mal war sie nahe der Zwanzig, mal der Fünfundzwanzig. Sie
hielt ihren Personalausweis genauso geheim wie ihre Pillen und
ihre Kondomsammlung, die berüchtigt war für ihre Farben-
und Formenfielfalt. Béatriz bekannte sich lauthals zu ihren
26 Jahren. Sie jobbte als Bardame im Mouche. Und das schon lange.
Die ältesten Studenten und einige Campus-Bewohner feixten: „Schon
immer.“ Es hieß, sie habe Psychologie studiert. Man
munkelte, sie stehe auf Frauen: Sie stand auch dazu – doch
wusste sie auch, auf Toiletten herumzuknutschen und in Parkhäusern
ihre Finger dazu zu benutzen, männliche Geschlechtsteile aufzurichten. Über
ihre Freundschaft zu Léone hatte man sich die Mäuler
zerrissen. Anouk fiel in dem Trio komplett aus dem Rahmen. Zunächst,
weil sie so jung war, also durch ihre Art, etwas Zukünftiges
zu repräsentieren, das indessen wohl kaum noch eintreten würde.
Und schließlich fiel sie aus dem Rahmen durch ihre extreme
Schüchternheit – oder Reserviertheit. Während die
beiden erstgenannten ausgesprochen trinkfest waren, „betrank“ Anouk
sich gern mit Zitronentee oder Mineralwasser, das sie mit kleinen,
vorsichtigen Schlückchen zu sich nahm. Bei studentischen Saufgelagen
gönnte sie sich ein einziges Rodenbach-Bier, das ihre Ohrläppchen
rot anlaufen ließ.
Sie hatten Langeweile, und es war heiß.
Die Straßencafés waren voll, und in den Fußgängerzonen
der Stadt vibrierte eine süßliche Lässigkeit, die
aufgewühlt wurde von den Ängsten vor den Examensergebnissen
und von Ferienplänen. Sämtliche Lautsprecher und Flüstertüten
von Studentenvereinigungen und -räten plärrten um die
Wette. Paare fanden zueinander oder trennten sich. Junge und abgerissene
Drogendealer stopften sich ihre kleinen Gewinne, den ärmlichen
Wohlstand für einen Abend, in die Tasche, um sie im Luna zu
verprassen.
Léone, Anik und Béatriz langweilten sich, obwohl
sie fest entschlossen waren, sich zu amüsieren.
Anouk mochte die Hitze nicht – besonders, wenn andauernd
Gewitter im Anzug waren. Sie sagte, davon bekomme sie Bauchschmerzen.
An diesem Abend war es noch schlimmer als sonst. Pablo hatte mit
ihr Schluss gemacht. Und wenn jemand sie sitzen ließ, verfehlte
das nicht seine Wirkung: Es zwickte sie im Unterleib. Aber noch
schlimmer wurde es, als ihre Freundinnen, als „sie“ zu
spät zur Verabredung kamen – auch wenn sie sich hüten
würde, das vor ihnen zuzugeben. Léone liebte die Hitze
und wusste sich so anzuziehen, dass sie am ganzen Körper von
den trockenen Luftbewegungen des Hitzeinbruchs Erfrischung erhielt.
An diesem Abend war sie auf hundertachtzig. Lucien hatte sie versetzt,
und sie konnte sich denken, dass er das nicht getan hatte, um sich
im stillen Kämmerlein alleine einen 'runterzuholen.
Béatriz war die Hitze ganz egal. Sie fühlte sich schon
allzu lange allein und machte sich einen Spaß aus dem Abend.
Seit den frühen Morgenstunden war sie entschlossen, aus diesem
Abend einen Aufreißabend zu machen. Seit einer Stunde trampelten
sie nun schon auf der Stelle herum und noch nichts war passiert.
Daher langweilte sie sich jetzt fast zu Tode.
Die Zeit verging, ein Gewitter nahte, die Konversation verebbte.
Die knackigsten der anwesenden Typen schütteten sich zu oder
gingen vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Die Stimmung
des Trios wurde mieser und mieser.
Gegen 22 Uhr schlenderten sie durch die Rue des Wallons.
Béatriz hatte ihre überkurzen Ärmel über
die Rundung ihrer herrlichen Schultern gerollt, und der von der
Mondacht noch hervorgehobene scharfe Kontrast zwischen dem flittrigen
Weiß ihrer engen Bluse und dem zarten Flaum ihrer Arme war
pure Poesie. Sie bemerkte, dass mit Anouk etwas nicht stimmte,
und von Zeit zu Zeit warf sie ihr kurze besorgte, fast mütterliche
Blicke zu. Anouk fühlte Bitterkeit in sich aufsteigen; es
tat immer weher. Sie versuchte, die Schmerzen mit ruckartigen Kopfbewegungen,
die die Freundinnen stutzig machen mussten, zu vertreiben. Sie
ging seltsam gebückt mit den Armen hinter dem Rücken,
ihre feinen, reptilienartigen Hände steckten recht und schlecht
in den kleinen Taschen ihrer schwarzen, weiten Hose, deren warm
gewordenes, rissiges Leder sich lästig an ihren seidenzarten
Schenkeln rieb.
Léone wollte die Stimmung aufhellen und begann ein Chanson
von Maurane zu summen. Sie hatte den Reißverschluss ihrer
Latzhose weit aufgerissen, und in der Dunkelheit war es kaum möglich,
zwischen der sandfarbenen Baumwolle und der Pigmentierung ihres
hitzigen Körpers zu unterscheiden.
Sie hatten kaum Zeit, sich gegen das Courseur-Schaufenster
zu werfen – auch wenn der bedrohlich dröhnende Lärm
schon einige Minuten lang zu hören gewesen war.
Drei schwere, mit diversen Wimpeln verzierte Motorräder aus
glänzendem Chrom streiften sie mit ihren ekelerregenden Ausstößen.
Eines von ihnen war mit mehreren kleinen Teddybären geschmückt,
die auf einer Fersehantenne der 50er Jahre aufgesteckt waren.
Die drei Motorradfahrer waren zugleich die Ritter eines abwesenden
schwarzen Prinzen, mit silbern funkelnden Visieren, gewaltigen
Sporenstiefeln und unförmigen Riesenjacken mit Billy-the-Kid-Fransen.
Béatriz dachte an eine weit zurückliegende Szene in
einem Urlaub zurück. Léone stieß einen kleinen,
schrillen Schrei aus. Anouk schimpfte – sie hasste diese
Art Typen. Die knatternde Karavane fuhr langsam zum Place de l'Université herunter,
wo die drei Destroyer zum Stehen kamen.
Als die drei den Platz erreicht hatten, saßen die drei Ritter
an einem Straßencafé-Tisch an der Ecke zur Grand Rue.
Ihre Reitpferde hatten sie am Brunnen abgestellt. Béatriz
sah sich die drei genauer an. Es amüsierte sie, dass einer
der Motorradfahrer seinen Helm nicht abgenommen hatte, aber als
sie näher hinsah, erschauderte sie. Etwas an seinen Umrissen,
die deutlich feiner waren als die der beiden anderen, ließ sie
vermuten, dass es sich um eine Frau handelte. Mit geschürzten
Lippen bedeutete sie ihre beiden Freundinnen, ihr zu folgen. Sie
setzten sich an einen Tisch weiter zur Mitte des Platzes.
Anouk konnte sich nicht verkneifen, die Augen zu verdrehen, als
sie am Tisch der Ritter vorbeiging. Die Flunsch, die sie zog, entging
ihnen nicht. Der glatzköpfige Dicke mit dem dichten Schnurrbart,
der anmacherische Ohrläppchen mit abgewetzten Ringen zeigte
und auf dessen Jacke „Kiss of Death“ zu lesen war,
rülpste, als Léone vorbeiging.
Sie setzten sich. Anouk kehrte den Rittern den Rücken zu und
bezeichnete sie als „Wichser!“. Léone setzte
sich schräg zu ihnen und nestelte an ihrem Reißverschluss.
Béatriz setzte sich so, dass sie das noch immer geschlossene
und geheimnisvolle Visier in ihrer Schusslinie hatte. Sie griffen
ihre Konversation wieder auf, die nun natürlich neuen Schwung
bekam. Anouk begann zu lachen und drückte ihren Rücken
zu einer bewundernswürdigen, perfekten Höhlung durch.
Léone streckte sich in einem regelmäßigen Rhythmus,
der ihren Reißverschluss bei jeder Ruckbewegung schimmern
ließ, und stellte fast das ganze Profil ihrer straffen Brüste
zur Schau. Béatriz nahm damit Vorlieb, sich die Lippen zu
befeuchten, die davon immer voller wurden, ihre rote Haarmähne
hin- und herzuwerfen und ihre Beine unter dem Tisch zu öffnen
und wieder zu schließen.
Der letzte Helm wurde nun abgenommen, und Anouk
sah ein schönes
Gesicht mit kurzgeschorenem silbernen Haar. Über kurz oder
lang mussten sich nun die sechs Augenpaare treffen.
Als der Torero vor ihrem Tisch herwatschelte, schlug Léone
ihm vor, sich zu setzen. Bald waren sie alle sechs an einem Tisch.
Die drei Freundinnen wurden lebendig, mit immer mehr Gelächter
und immer aufreizenderem Mienenspiel. Die drei Motorradfahrer spielten
ihre Rolle der widerwärtigen Engel perfekt.
Nur Anouk blieb einigermaßen reserviert. Sie fühlte
sich geschnitten: Alex, der Torero, schien sich ausschließlich
für Léones fast gänzlich freiliegenden Brüste
zu interessieren. Jules' Visage gefiel ihr überhaupt nicht,
obwohl er ein echtes Talent für Kalauer und für Frauen
besaß, und Esther, ein eisiges Ungeheuer, interessierte sich
nur zu sehr für das, was Béatriz zwischen den Beinen
hatte.
Jules schlug ihnen einen kleinen Motorradausflug vor, verbunden
mit einem „kleinen Billardspielchen, wenn euch das zusagt.“
Ohne sich abgesprochen zu haben, nahmen sie an – wohl,
weil sie alle drei dachten, das Unbekannte sei auf jeden Fall
besser
als sich weiter zu langweilen.
Jules nahm sein Motorrad, und als er sah, dass Alex die Hand nach
Léone ausstreckte, bedeutete er Anouk, bei ihm aufzusitzen.
In einer plötzlichen Anwandlung von Zuvorkommenheit setzte
er ihr seinen Helm auf und begnügte sich selbst mit einem
alten Schlapphut. Beim Anblick ihrer beiden Freundinnen musste
Anouk wirklich lachen. Léone versuchte, sich im Gleichgewicht
zu halten und zugleich ein klein wenig ihren Reißverschluss
wieder zuzuziehen. Béatriz, die auf dem Eisenpferd der Frau
saß, hatte ebenfalls einen Helm auf, aber als beim Start
ihr Hintern plötzlich total entblößt wurde, war
dieser es wohl, der anstelle ihres Kopfes einen Helm gebraucht
hätte. Béatriz war zuerst stutzig geworden ob der eisigen
Haltung dieser Frau, doch hatte sie auch die Blicke gespürt,
die sie musterten und abwogen wie ein Bonbon, das sie zum genüsslichen
Verzehr ausersehen hatte... Das gefiel ihr, und sie tat alles,
um dieses stillen Annäherungsschliche zu forcieren – einzig
ihres Vergnügens gewahr, das sie schon in den Hüften
kitzelte. Also stieg sie auf und presste ihre Brustspitzen an Esthers
Rücken.
Jules startete als erster und rief den anderen zu: „Treffpunkt
Auderghem!“ Er kam dort als erster an und reichte Anouk,
der ein wenig kalt war, seine Jacke. Ohne zu wissen, warum, beunruhigte
Anouk die Verspätung der beiden anderen Chromritter. Sie lehnte
die kleine Pille ab, die Jules ihr anbot, aber den Joint, den er
mit seinen schmutzigen Wurstfingern drehte, verschmähte sie
nicht.
Alex hielt langsam auf dem Rastplatz Terhulpen.
Mit der Grazie eines Dandy-Cowboys in einem in Katalonien gedrehten
B-Western schwang er sich von seiner Maschine: Léone streckte
sich, und er packte sie am Arm. Sie mochte diese harte und gewalttätige
Geste nicht besonders, aber sie war sich ihrer eigenen Kraft und
ihrer Talente bewusst und folgte ihm. Weit gingen sie nicht. Alex
ließ sich auf eine Bank neben einem überquellenden,
stinkenden Mülleimer plumpsen. Sie setzte sich zu ihm und
wartete, dass er seinen Helm abnahm. Sie entwirrte ihre Haare,
denen die Geschwindigkeit arg zugesetzt hatte. Er stieß ein
nicht besonders liebenswürdiges Grunzen hervor. Léone
hatte allerdings schon in seinem auf einmal steinhart gewordenen
Gesicht gelesen, was er zu hoffen, nein: zu wollen schien. Léone
war noch immer amüsiert, und wenngleich der Ort nicht gerade
für romantische Herzensergießungen geeignet schien,
beschloss sie, ihm den kleinen Vorgeschmack zu geben, den er wollte.
Sie bohrte ihren Blick in seine Augen und öffnete ihren Reißverschluss
ganz. Sie zwinkerte ihm zu, er tastete sich mit den Händen
vor und legte sie auf ihre goldbraunen, flaumigen Brüste.
Er kniff in ihre riesigen Brustwarzen mit den durchscheinenden
Nippeln. Es tat Léone ein bisschen weh, und sie mochte es
nicht, wenn man zu schnell ranging. Vor allem überraschte
sie, was dann kam. Er hielt sie immer noch an den Brüsten,
drückte sie gegen seinen Unterleib und stöhnte: „Hol'
ihn raus und blas' mich!“ Es blieb ihr nichts übrig,
als zu gehorchen, sie konnte sich allerdings ein Lachen nicht verkneifen,
als er überaus schnell in ihrem Mund kam. Wortlos und ohne
lange zu fackeln packte er sie wieder am Arm, setze sie auf das
Motorrad, und sie fuhren weiter. Léone schwitzte, die zarte
Spitze ihrer linken Brust tat ihr weh; sie fühlte sich entzündet
oder aufgeschürft an. Vor allem aber hatte eine winzige Spur
seltsamer Besorgnis ihr Spaßbedürfnis getrübt.
War es wirklich eine gute Idee gewesen, sich auf diese Truppe einzulassen?
Esther hielt auf dem Rastplatz Rixensart.
Ein paar Trucker tranken ihre Kaffeebecher aus und pfiffen Béatriz'
nacktem Hinterteil nach.
Das Motorrad hielt ganz am Ende des Rastplatzes, an dem Gestrüpp
am Rande eines von den Landgöttern verlassenen Feldes. Béatriz
stieg ab, machte ein paar unsichere Schritte, nahm ihren Helm ab
und fragte die silberhaarige Frau: „Und was machen wir hier?“ Esther
zog mit geschürzten Lippen einen Flunsch und zuckte mit den
Achseln. „Ich muss mal...“ Bei diesen heiseren Worten
entfernte sie sich und versank in der mehr von Dieselöl als
von Chlorophyll geprägten Vegetation. Béatriz lief
an dem Motorrad auf und ab. Nach einiger Zeit kam es ihr vor als
sei Esther doch schon ziemlich lange verschwunden und ging in Richtung
des Gestrüpps. Durch die Dunkelheit wirkte es noch dichter.
Sie konnte nichts sehen, sie rief nach Esther. Ein Geräusch
ließ sie aufschrecken, sie konnte eine hockende Silhouette
entdecken und ging näher heran. „Esther?“ Als
sie sich auf zwei oder drei Meter genähert hatte, sprang die
Silhouette aus der Hockstellung auf Béatriz zu, die sich
unversehens im Gras wiederfand. Bevor sie verstehen konnte, was
da passierte, fühlte sie einen Finger, der in ihrem Geschlecht
herumwühlte. Trotz der Lustwoge, die in ihr aufstieg, versuchte
sie, sich zu widersetzen. Sie schaffte es, die Beine zusammenzudrücken
und einen Faustschlag zu landen, der auf das gepolsterte Leder
von Esters Jacke knallte.
Mit einem fetten Lachen rappelte sich Esther auf: „Kann
man mit dir nicht ein bisschen Spaß haben?“
Béatriz stand auf und bemerkte, dass einer ihrer beiden
kleinen Ärmel zerrissen war. Sie rückte ihr zerknittertes
Röckchen zurecht und antwortete mit zittriger Stimme: „Doch!
Aber nicht so! Fahren wir jetzt weiter, oder was?“
Esther tätschelte ihr sanft die Schulter. „Ist ja schon
gut. Fahren wir los, die andern werden schon warten.“
Auf dem Motorrad, presste Béatriz mit ganzer Kraft ihre
kleinen Brüste gegen Esther. Obwohl sie es hasste, mit Gewalt
genommen zu werden, fühlte sie sich seltsam angezogen von
dieser ebenso merkwürdigen wie schönen Frau.
Nach dem Wiedertreffen in Auderghem ging dann alles sehr schnell.
Was nun folgt, beruht auf der schwer nachvollziehbaren
Schilderung, die Anouk drei Tage später dem Kommissar Vandooren
und der Psychologin Michielsen geben konnte. Die Abfolge der
Ereignisse
ist ein bisschen durcheinander geraten.
„Ich wusste genau, dass da irgendeine Scheiße passieren
würde...“, waren die ersten wirklich bewusst ausgesprochenen
und vernünftigen Worte, die Anouk hervorgebracht hatte. Mit
denselben Worten schloss auch ihre Zeugenaussage, und sie fanden
sich auch in den Gesprächen mit Florence Michielsen wieder.
„
...das stank vielleicht in diesem Schuppen... da waren Totenkopffahnen.
Und Scheiße! Es stank nach Scheiße! Mir tut es so Leid
für das Geschäft, das ich...“
Anouk erinnerte sich an drei Einzelheiten, die sich in ihrer verwirrten
Erinnerung, in der das Grauen immer noch andauerte, überschnitten.
Die schwere Dröhnung durch den Joint und all die Sachen, die
sie „vorher schon gekippt“ hatte. Sie erklärte,
sie habe geglaubt, in Zuckerwasser zu baden und habe das Gefühl
gehabt, neben sich zu stehen. Sie bestand darauf, dass „Léone
und Béatriz irgendwie komisch aussahen, als sie kamen.“ Und
dann: „Béatriz' Bluse war zerrissen, ihr Rock war
verdreckt. Léone guckte Alex böse an.“ Dann fuhren
sie. Diese Fahrt habe sie wie einen Luftritt erlebt, einsam und
still, „ich fragte mich, ob wir nicht fliegen“. Und
wohin? Aus ihrer Aussage geht klar hervor, dass das Trio diese
verlassene Halle am Place Kouckx in Molenbeck-St-Jean gut kannte.
Sie waren durch das Haupttor hereingefahren, die Motorräder
waren schnell im großen Saal abgestellt. Anouk bleibt in
ihrer Aussage bei sechs großen Billardtischen, einem glitzernden
Tresen, über dem eine riesige Beschallung hing, und vor allem
Flaggen und andere Symbole des Todeskultes.
Kommissar Vandooren glaubte in seinem Bericht das folgende fett
unterstreichen zu müssen. „Die ersten Nachforschungen,
die in Folge der Aussage von Mademoiselle Anouk Demmester angestellt
wurden, ergeben, dass es vollkommen unwahrscheinlich ist, dass
drei Motorräder in dieser Halle abgestellt werden konnten.
Wir haben tatsächlich einen Billardtisch gefunden. Das Gutachten
zu dessen letztmaliger Benutzung ist noch im Gange – aber
es war nur ein Billardtisch! Ein großer Tresen nimmt einen
recht großen Teil der Wand ein, aber er ist völlig zerfallen,
und kann kaum zu den Zwecken benutzt worden sein, die die Zeugin
geschildert hat. Keine Spur von einer Beschallung konnte gefunden
werden. Der Zustand der Treppe zum Obergeschoss lässt die
Aussage der Zeugin weiterhin kaum glaubhaft erscheinen. Die zerbrochene
Fensterscheibe und ihr kaputter Rahmen dagegen passen zu den Behauptungen
der Zeugin. Das Kondom, das gefunden wurde, wird zur Zeit vom Institut
untersucht...“
Annouk wurde nicht müde zu wiederholen: „Sie können
sich nicht vorstellen, was die mit uns gemacht haben: wi – der – lich!
Ich konnte aus dem Fenster springen und abhauen. Sie haben immer
weiter geschrien. Wie die geschrien haben! Und das Ganze hatte
doch so geil angefangen!“
Der Ablauf der Orgie wurde von der Psychologin Michielsen rekonstruiert.
Die Hauptfakten wurden vom Kommissar bestätigt. Beide allerdings
bedauern die Hysterie der Zeitungsartikel aus der Rubrik „Verschiedenes“,
die sich über die Sache hermachten.
Es scheint, dass die beiden Männer und die Frau nicht in
gleichem Maße und nicht einmal von Anfang an grausam oder
gewalttätig waren. Es war nicht leicht herauszufinden, wer
die dröhnende Anlage eingeschaltet hatte und wer das Extasy
verteilt hatte, dieses neue Erzeugnis, das schon so viel Schaden
angerichtet hat. In Louvain-la-Neuve ist bekannt, dass Béatrice
Ramirez eine große Billardspielerin war. Außerdem bestand
bei ihr schon einmal Verdacht auf Drogenmissbrauch.
Anouk gab zu, ohne viel Federlesens die von Esther angebotene Pille
angenommen zu haben. „Das wurde sofort komisch... Ich erinnere
mich, wie ich um einen der Billardtische herumgehopst bin...“ Dann
waren ihre Bauchschmerzen wiedergekommen, sie hatte sich gekrümmt
vor Schmerzen. Jules hatte sich genähert. „Er hat mir
die Haare gestreichelt und ein bisschen mehr... Ich hab' ihn weggestoßen,
mehr als einmal habe ich ihn weggestoßen! Er hat weitergemacht
und einen echt miesen Blick draufgehabt... Dann bin ich mit ihm
nach oben. Ich fühlte mich dunstig, stämmig, abgerissen...
Wir sind schnell wieder runter zu den anderen... Was oben war?
Weiß ich nicht mehr, hat nicht lange gedauert...“
Esther habe sich als erste ausgezogen. Anouk erinnerte sich an
ihre Tatoos: „Von den Schultern bis zur Arschritze, ihr ganzer
Rücken war ein einziges Tatoo. Wie 'ne Hard Rock oder Heavy
Metal-Plattenhülle“ Vandoreen stellte fest, dass Anouk
seltsamerweise kein einziges Mal die Entsprechung des tätowierten
Frauenkörpers zu den Flaggen oder Standarten im Erdgeschoss,
die sie doch so erstaunlich genau beschrieben hatte. Esther und
Béatriz hatten getanzt: „Sie tanzte hinter Béatriz
her, und ich dachte, dieses Tatoo-Gesicht lacht sie aus oder streckt
ihr die Zunge raus... Ja, komisch war's schon, aber auch fantastisch,
entschuldigen Sie, wenn ich das sage. Ah! Das ist noch nicht alles!
Unter ihren Brüsten war noch ein Tatoo, so ein Kreuz, ein
bisschen wie ein Hakenkreuz. Und die Brustspitzen von der Tussi
waren komplett mit so kleinen Silberdingern besetzt... Als Esther
Béatriz' Körper anfasste, hab' ich gemerkt, dass Léone
geschrien hat... Alex hielt sie kopfüber über den Billardtisch...
Sie war nackt. Sie wehrte sich dagegen, dass er sie so nimmt...
Und Jules hörte nicht auf, an mir rumzufummeln... Wir müssen
schon gut ausgesehen haben, doch, doch, ich sage Ihnen... ich kenne
uns!“
Dann wurde die Schilderung vollends konfus.
Wie oft ging Anouk mit besagtem Jules nach oben?
Wann bemerkte sie, dass Léone rücklings auf dem Billardtisch
lag und Alex' Dornengürtel um den Hals hatte?
Seit wann hatten die beiden Freundinnen von Anouk geschrieen?
Woher kamen die blutigen Einstiche auf dem Rücken von Béatriz,
die bäuchlings auf einem der Billardtische lag?
Hat Anouk geträumt oder wirklich gesehen, dass besagte Esther
sie gleichzeitig mit einer großen Sicherheitsnadel und einer
Schere bedrohte?
„
Ich bin wieder raufgegangen und habe mich zitternd Jules ausgeliefert...
Als er (ohne großen Erfolg) masturbierte wurden die Schreie
von unten immer schrecklicher... hab' ich ihn weggestoßen
und bin in Affentempo runtergerannt. Oh mein Gott, oh mein Gott!
Das werde ich nie vergessen können... Léon pisste von überallher
Blut. Er hatte sie ganz mit Draht auf den Billardtisch gefesselt.
Und Billardkugeln auf ihre Augen gelegt... Sie schrie. Wie hatte
sie noch die Kraft dazu? Und Béatriz war voller Blut, und
der andere da steckte ihr überall Nadeln hin... Ich bin wieder
rauf. Warum? Kann ich wirklich nicht sagen. Jules auf mich drauf.
Ich hab' die Schere genommen und sie ihm in seine fette Wampe gestoßen.
Da hat er mal geschrieen. Ich bin aus dem Fenster gesprungen und
falsch auf dem Hof aufgekommen. Ich hab' mir am Knöchel wehgetan...
Dann war da das Mofa... Ich hab's mir geschnappt , hab' auf die
Tube gedrückt, bin ausgerutscht und in das Schaufenster von
dem Teppichhändler reingeschliddert, der sofort im Schlafanzug
angerannt kam und mich anguckte, als käme ich von einem anderen
Planeten. Und das stimmte ja auch.“
Es muss hervorgehoben werden, dass Kommissar Vandooren
(neben den schon erwähnten Bemerkungen) sagt, dass keine
Spur eines Kampfes, keine Blutspur vor Ort gefunden werden
konnten.
Am nächsten Tag war folgende irritierende Nachricht auf einer
der Spezialpolizei bekannten Sadomaso-Mailbox zu hören: „Gambit
over. Score: 2:1.“ Die Mailbox gibt es immer noch.
Drei Tage später wurden auf dem Parkplatz der Hauptpost von
Molenbeek-St-Jean Plastiktüten mit abgetrennten Gliedmaßen
weiblicher Körper entdeckt.
Es gab mancherlei Hypothesen, aber Béatriz und Léone
gehören noch immer zu den vermissten Personen.
Zwei Jahre sind vergangen, und Anouk erholt sich langsam.
Möge sie mir die Riffs verzeihen, die ihren Schiffbruch verursacht
haben.