krimis in Europa
n°4 Februar-März- April 2006

 

Hard Billard

Novelle von Denis Leduc
Übersetzung: Matthias Drebber

Denis Leduc ist 1957 in Brüssel geboren. Ausbildung zum Sozialarbeiter und Journalist. Wohnt in Louvain-la-Neuve seit 1990. Aktiv im Bereich der sozialen Straßenarbeit in Brüssel (« Streetworker »), daher macht er gern die Mechanismen, die in den städtischen Kräfteverhältnissen wirksam sind, publik. Durch die Entdeckung ähnlicher Mechanismen kam er dazu, in der « ville nouvelle » zu schreiben. 1999 erscheint Sang Dalle (Band 1 von Les Mystères de Louvain-la-Neuve) gefolgt von Les Pluies d’A.L.E.A, Les ressacs de l’Ondine und Flux Tendu. Danach die Serie Suites Noires de Louvain-la-Neuve : La nuit est un compost, La congrégation des sponsors und La Jactance de la Fontaine.

 

Die Abschlussprüfungen waren vorbei, und sie langweilten sich. Alle drei. Léone, die Blonde. Anouk, die ehemalige Punkerin, deren ungekämmte Haartracht noch immer ewas von altem Trockenfutter hatte. Béatriz, die Rothaarige. Doch nur Léone gehörte wirklich zur Studentenschaft – mit der Besonderheit, dass sie bei jedem Prüfungstermin durchzufallen pflegte und mit besonderem Vertrauen in die Nachprüfung ging, die sie dann lässig nasepopelnd überstand. Neiderinnen und eine Legion abgewiesener Typen behaupteten allerdings, sie habe eher ihre „Nase im richtigen Hosenstall“. Léone war das egal. Sie war die jüngste von den Dreien, druckste aber herum, wenn es um das Mysterium ihres wahren Alters ging: Mal war sie nahe der Zwanzig, mal der Fünfundzwanzig. Sie hielt ihren Personalausweis genauso geheim wie ihre Pillen und ihre Kondomsammlung, die berüchtigt war für ihre Farben- und Formenfielfalt. Béatriz bekannte sich lauthals zu ihren 26 Jahren. Sie jobbte als Bardame im Mouche. Und das schon lange. Die ältesten Studenten und einige Campus-Bewohner feixten: „Schon immer.“ Es hieß, sie habe Psychologie studiert. Man munkelte, sie stehe auf Frauen: Sie stand auch dazu – doch wusste sie auch, auf Toiletten herumzuknutschen und in Parkhäusern ihre Finger dazu zu benutzen, männliche Geschlechtsteile aufzurichten. Über ihre Freundschaft zu Léone hatte man sich die Mäuler zerrissen. Anouk fiel in dem Trio komplett aus dem Rahmen. Zunächst, weil sie so jung war, also durch ihre Art, etwas Zukünftiges zu repräsentieren, das indessen wohl kaum noch eintreten würde. Und schließlich fiel sie aus dem Rahmen durch ihre extreme Schüchternheit – oder Reserviertheit. Während die beiden erstgenannten ausgesprochen trinkfest waren, „betrank“ Anouk sich gern mit Zitronentee oder Mineralwasser, das sie mit kleinen, vorsichtigen Schlückchen zu sich nahm. Bei studentischen Saufgelagen gönnte sie sich ein einziges Rodenbach-Bier, das ihre Ohrläppchen rot anlaufen ließ.
Sie hatten Langeweile, und es war heiß.
Die Straßencafés waren voll, und in den Fußgängerzonen der Stadt vibrierte eine süßliche Lässigkeit, die aufgewühlt wurde von den Ängsten vor den Examensergebnissen und von Ferienplänen. Sämtliche Lautsprecher und Flüstertüten von Studentenvereinigungen und -räten plärrten um die Wette. Paare fanden zueinander oder trennten sich. Junge und abgerissene Drogendealer stopften sich ihre kleinen Gewinne, den ärmlichen Wohlstand für einen Abend, in die Tasche, um sie im Luna zu verprassen.
Léone, Anik und Béatriz langweilten sich, obwohl sie fest entschlossen waren, sich zu amüsieren.

Anouk mochte die Hitze nicht – besonders, wenn andauernd Gewitter im Anzug waren. Sie sagte, davon bekomme sie Bauchschmerzen. An diesem Abend war es noch schlimmer als sonst. Pablo hatte mit ihr Schluss gemacht. Und wenn jemand sie sitzen ließ, verfehlte das nicht seine Wirkung: Es zwickte sie im Unterleib. Aber noch schlimmer wurde es, als ihre Freundinnen, als „sie“ zu spät zur Verabredung kamen – auch wenn sie sich hüten würde, das vor ihnen zuzugeben. Léone liebte die Hitze und wusste sich so anzuziehen, dass sie am ganzen Körper von den trockenen Luftbewegungen des Hitzeinbruchs Erfrischung erhielt. An diesem Abend war sie auf hundertachtzig. Lucien hatte sie versetzt, und sie konnte sich denken, dass er das nicht getan hatte, um sich im stillen Kämmerlein alleine einen 'runterzuholen.
Béatriz war die Hitze ganz egal. Sie fühlte sich schon allzu lange allein und machte sich einen Spaß aus dem Abend. Seit den frühen Morgenstunden war sie entschlossen, aus diesem Abend einen Aufreißabend zu machen. Seit einer Stunde trampelten sie nun schon auf der Stelle herum und noch nichts war passiert. Daher langweilte sie sich jetzt fast zu Tode.
Die Zeit verging, ein Gewitter nahte, die Konversation verebbte. Die knackigsten der anwesenden Typen schütteten sich zu oder gingen vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Die Stimmung des Trios wurde mieser und mieser.
Gegen 22 Uhr schlenderten sie durch die Rue des Wallons.
Béatriz hatte ihre überkurzen Ärmel über die Rundung ihrer herrlichen Schultern gerollt, und der von der Mondacht noch hervorgehobene scharfe Kontrast zwischen dem flittrigen Weiß ihrer engen Bluse und dem zarten Flaum ihrer Arme war pure Poesie. Sie bemerkte, dass mit Anouk etwas nicht stimmte, und von Zeit zu Zeit warf sie ihr kurze besorgte, fast mütterliche Blicke zu. Anouk fühlte Bitterkeit in sich aufsteigen; es tat immer weher. Sie versuchte, die Schmerzen mit ruckartigen Kopfbewegungen, die die Freundinnen stutzig machen mussten, zu vertreiben. Sie ging seltsam gebückt mit den Armen hinter dem Rücken, ihre feinen, reptilienartigen Hände steckten recht und schlecht in den kleinen Taschen ihrer schwarzen, weiten Hose, deren warm gewordenes, rissiges Leder sich lästig an ihren seidenzarten Schenkeln rieb.
Léone wollte die Stimmung aufhellen und begann ein Chanson von Maurane zu summen. Sie hatte den Reißverschluss ihrer Latzhose weit aufgerissen, und in der Dunkelheit war es kaum möglich, zwischen der sandfarbenen Baumwolle und der Pigmentierung ihres hitzigen Körpers zu unterscheiden.

Sie hatten kaum Zeit, sich gegen das Courseur-Schaufenster zu werfen – auch wenn der bedrohlich dröhnende Lärm schon einige Minuten lang zu hören gewesen war.
Drei schwere, mit diversen Wimpeln verzierte Motorräder aus glänzendem Chrom streiften sie mit ihren ekelerregenden Ausstößen. Eines von ihnen war mit mehreren kleinen Teddybären geschmückt, die auf einer Fersehantenne der 50er Jahre aufgesteckt waren.
Die drei Motorradfahrer waren zugleich die Ritter eines abwesenden schwarzen Prinzen, mit silbern funkelnden Visieren, gewaltigen Sporenstiefeln und unförmigen Riesenjacken mit Billy-the-Kid-Fransen.
Béatriz dachte an eine weit zurückliegende Szene in einem Urlaub zurück. Léone stieß einen kleinen, schrillen Schrei aus. Anouk schimpfte – sie hasste diese Art Typen. Die knatternde Karavane fuhr langsam zum Place de l'Université herunter, wo die drei Destroyer zum Stehen kamen.
Als die drei den Platz erreicht hatten, saßen die drei Ritter an einem Straßencafé-Tisch an der Ecke zur Grand Rue. Ihre Reitpferde hatten sie am Brunnen abgestellt. Béatriz sah sich die drei genauer an. Es amüsierte sie, dass einer der Motorradfahrer seinen Helm nicht abgenommen hatte, aber als sie näher hinsah, erschauderte sie. Etwas an seinen Umrissen, die deutlich feiner waren als die der beiden anderen, ließ sie vermuten, dass es sich um eine Frau handelte. Mit geschürzten Lippen bedeutete sie ihre beiden Freundinnen, ihr zu folgen. Sie setzten sich an einen Tisch weiter zur Mitte des Platzes.
Anouk konnte sich nicht verkneifen, die Augen zu verdrehen, als sie am Tisch der Ritter vorbeiging. Die Flunsch, die sie zog, entging ihnen nicht. Der glatzköpfige Dicke mit dem dichten Schnurrbart, der anmacherische Ohrläppchen mit abgewetzten Ringen zeigte und auf dessen Jacke „Kiss of Death“ zu lesen war, rülpste, als Léone vorbeiging.
Sie setzten sich. Anouk kehrte den Rittern den Rücken zu und bezeichnete sie als „Wichser!“. Léone setzte sich schräg zu ihnen und nestelte an ihrem Reißverschluss. Béatriz setzte sich so, dass sie das noch immer geschlossene und geheimnisvolle Visier in ihrer Schusslinie hatte. Sie griffen ihre Konversation wieder auf, die nun natürlich neuen Schwung bekam. Anouk begann zu lachen und drückte ihren Rücken zu einer bewundernswürdigen, perfekten Höhlung durch. Léone streckte sich in einem regelmäßigen Rhythmus, der ihren Reißverschluss bei jeder Ruckbewegung schimmern ließ, und stellte fast das ganze Profil ihrer straffen Brüste zur Schau. Béatriz nahm damit Vorlieb, sich die Lippen zu befeuchten, die davon immer voller wurden, ihre rote Haarmähne hin- und herzuwerfen und ihre Beine unter dem Tisch zu öffnen und wieder zu schließen.

Der letzte Helm wurde nun abgenommen, und Anouk sah ein schönes Gesicht mit kurzgeschorenem silbernen Haar. Über kurz oder lang mussten sich nun die sechs Augenpaare treffen.
Als der Torero vor ihrem Tisch herwatschelte, schlug Léone ihm vor, sich zu setzen. Bald waren sie alle sechs an einem Tisch.
Die drei Freundinnen wurden lebendig, mit immer mehr Gelächter und immer aufreizenderem Mienenspiel. Die drei Motorradfahrer spielten ihre Rolle der widerwärtigen Engel perfekt.
Nur Anouk blieb einigermaßen reserviert. Sie fühlte sich geschnitten: Alex, der Torero, schien sich ausschließlich für Léones fast gänzlich freiliegenden Brüste zu interessieren. Jules' Visage gefiel ihr überhaupt nicht, obwohl er ein echtes Talent für Kalauer und für Frauen besaß, und Esther, ein eisiges Ungeheuer, interessierte sich nur zu sehr für das, was Béatriz zwischen den Beinen hatte.
Jules schlug ihnen einen kleinen Motorradausflug vor, verbunden mit einem „kleinen Billardspielchen, wenn euch das zusagt.“

Ohne sich abgesprochen zu haben, nahmen sie an – wohl, weil sie alle drei dachten, das Unbekannte sei auf jeden Fall besser als sich weiter zu langweilen.
Jules nahm sein Motorrad, und als er sah, dass Alex die Hand nach Léone ausstreckte, bedeutete er Anouk, bei ihm aufzusitzen. In einer plötzlichen Anwandlung von Zuvorkommenheit setzte er ihr seinen Helm auf und begnügte sich selbst mit einem alten Schlapphut. Beim Anblick ihrer beiden Freundinnen musste Anouk wirklich lachen. Léone versuchte, sich im Gleichgewicht zu halten und zugleich ein klein wenig ihren Reißverschluss wieder zuzuziehen. Béatriz, die auf dem Eisenpferd der Frau saß, hatte ebenfalls einen Helm auf, aber als beim Start ihr Hintern plötzlich total entblößt wurde, war dieser es wohl, der anstelle ihres Kopfes einen Helm gebraucht hätte. Béatriz war zuerst stutzig geworden ob der eisigen Haltung dieser Frau, doch hatte sie auch die Blicke gespürt, die sie musterten und abwogen wie ein Bonbon, das sie zum genüsslichen Verzehr ausersehen hatte... Das gefiel ihr, und sie tat alles, um dieses stillen Annäherungsschliche zu forcieren – einzig ihres Vergnügens gewahr, das sie schon in den Hüften kitzelte. Also stieg sie auf und presste ihre Brustspitzen an Esthers Rücken.
Jules startete als erster und rief den anderen zu: „Treffpunkt Auderghem!“ Er kam dort als erster an und reichte Anouk, der ein wenig kalt war, seine Jacke. Ohne zu wissen, warum, beunruhigte Anouk die Verspätung der beiden anderen Chromritter. Sie lehnte die kleine Pille ab, die Jules ihr anbot, aber den Joint, den er mit seinen schmutzigen Wurstfingern drehte, verschmähte sie nicht.
Alex hielt langsam auf dem Rastplatz Terhulpen.
Mit der Grazie eines Dandy-Cowboys in einem in Katalonien gedrehten B-Western schwang er sich von seiner Maschine: Léone streckte sich, und er packte sie am Arm. Sie mochte diese harte und gewalttätige Geste nicht besonders, aber sie war sich ihrer eigenen Kraft und ihrer Talente bewusst und folgte ihm. Weit gingen sie nicht. Alex ließ sich auf eine Bank neben einem überquellenden, stinkenden Mülleimer plumpsen. Sie setzte sich zu ihm und wartete, dass er seinen Helm abnahm. Sie entwirrte ihre Haare, denen die Geschwindigkeit arg zugesetzt hatte. Er stieß ein nicht besonders liebenswürdiges Grunzen hervor. Léone hatte allerdings schon in seinem auf einmal steinhart gewordenen Gesicht gelesen, was er zu hoffen, nein: zu wollen schien. Léone war noch immer amüsiert, und wenngleich der Ort nicht gerade für romantische Herzensergießungen geeignet schien, beschloss sie, ihm den kleinen Vorgeschmack zu geben, den er wollte. Sie bohrte ihren Blick in seine Augen und öffnete ihren Reißverschluss ganz. Sie zwinkerte ihm zu, er tastete sich mit den Händen vor und legte sie auf ihre goldbraunen, flaumigen Brüste. Er kniff in ihre riesigen Brustwarzen mit den durchscheinenden Nippeln. Es tat Léone ein bisschen weh, und sie mochte es nicht, wenn man zu schnell ranging. Vor allem überraschte sie, was dann kam. Er hielt sie immer noch an den Brüsten, drückte sie gegen seinen Unterleib und stöhnte: „Hol' ihn raus und blas' mich!“ Es blieb ihr nichts übrig, als zu gehorchen, sie konnte sich allerdings ein Lachen nicht verkneifen, als er überaus schnell in ihrem Mund kam. Wortlos und ohne lange zu fackeln packte er sie wieder am Arm, setze sie auf das Motorrad, und sie fuhren weiter. Léone schwitzte, die zarte Spitze ihrer linken Brust tat ihr weh; sie fühlte sich entzündet oder aufgeschürft an. Vor allem aber hatte eine winzige Spur seltsamer Besorgnis ihr Spaßbedürfnis getrübt. War es wirklich eine gute Idee gewesen, sich auf diese Truppe einzulassen?
Esther hielt auf dem Rastplatz Rixensart.
Ein paar Trucker tranken ihre Kaffeebecher aus und pfiffen Béatriz' nacktem Hinterteil nach.
Das Motorrad hielt ganz am Ende des Rastplatzes, an dem Gestrüpp am Rande eines von den Landgöttern verlassenen Feldes. Béatriz stieg ab, machte ein paar unsichere Schritte, nahm ihren Helm ab und fragte die silberhaarige Frau: „Und was machen wir hier?“ Esther zog mit geschürzten Lippen einen Flunsch und zuckte mit den Achseln. „Ich muss mal...“ Bei diesen heiseren Worten entfernte sie sich und versank in der mehr von Dieselöl als von Chlorophyll geprägten Vegetation. Béatriz lief an dem Motorrad auf und ab. Nach einiger Zeit kam es ihr vor als sei Esther doch schon ziemlich lange verschwunden und ging in Richtung des Gestrüpps. Durch die Dunkelheit wirkte es noch dichter. Sie konnte nichts sehen, sie rief nach Esther. Ein Geräusch ließ sie aufschrecken, sie konnte eine hockende Silhouette entdecken und ging näher heran. „Esther?“ Als sie sich auf zwei oder drei Meter genähert hatte, sprang die Silhouette aus der Hockstellung auf Béatriz zu, die sich unversehens im Gras wiederfand. Bevor sie verstehen konnte, was da passierte, fühlte sie einen Finger, der in ihrem Geschlecht herumwühlte. Trotz der Lustwoge, die in ihr aufstieg, versuchte sie, sich zu widersetzen. Sie schaffte es, die Beine zusammenzudrücken und einen Faustschlag zu landen, der auf das gepolsterte Leder von Esters Jacke knallte.

Mit einem fetten Lachen rappelte sich Esther auf: „Kann man mit dir nicht ein bisschen Spaß haben?“
Béatriz stand auf und bemerkte, dass einer ihrer beiden kleinen Ärmel zerrissen war. Sie rückte ihr zerknittertes Röckchen zurecht und antwortete mit zittriger Stimme: „Doch! Aber nicht so! Fahren wir jetzt weiter, oder was?“
Esther tätschelte ihr sanft die Schulter. „Ist ja schon gut. Fahren wir los, die andern werden schon warten.“
Auf dem Motorrad, presste Béatriz mit ganzer Kraft ihre kleinen Brüste gegen Esther. Obwohl sie es hasste, mit Gewalt genommen zu werden, fühlte sie sich seltsam angezogen von dieser ebenso merkwürdigen wie schönen Frau.

Nach dem Wiedertreffen in Auderghem ging dann alles sehr schnell.

Was nun folgt, beruht auf der schwer nachvollziehbaren Schilderung, die Anouk drei Tage später dem Kommissar Vandooren und der Psychologin Michielsen geben konnte. Die Abfolge der Ereignisse ist ein bisschen durcheinander geraten.

„Ich wusste genau, dass da irgendeine Scheiße passieren würde...“, waren die ersten wirklich bewusst ausgesprochenen und vernünftigen Worte, die Anouk hervorgebracht hatte. Mit denselben Worten schloss auch ihre Zeugenaussage, und sie fanden sich auch in den Gesprächen mit Florence Michielsen wieder.
„ ...das stank vielleicht in diesem Schuppen... da waren Totenkopffahnen. Und Scheiße! Es stank nach Scheiße! Mir tut es so Leid für das Geschäft, das ich...“
Anouk erinnerte sich an drei Einzelheiten, die sich in ihrer verwirrten Erinnerung, in der das Grauen immer noch andauerte, überschnitten.
Die schwere Dröhnung durch den Joint und all die Sachen, die sie „vorher schon gekippt“ hatte. Sie erklärte, sie habe geglaubt, in Zuckerwasser zu baden und habe das Gefühl gehabt, neben sich zu stehen. Sie bestand darauf, dass „Léone und Béatriz irgendwie komisch aussahen, als sie kamen.“ Und dann: „Béatriz' Bluse war zerrissen, ihr Rock war verdreckt. Léone guckte Alex böse an.“ Dann fuhren sie. Diese Fahrt habe sie wie einen Luftritt erlebt, einsam und still, „ich fragte mich, ob wir nicht fliegen“. Und wohin? Aus ihrer Aussage geht klar hervor, dass das Trio diese verlassene Halle am Place Kouckx in Molenbeck-St-Jean gut kannte. Sie waren durch das Haupttor hereingefahren, die Motorräder waren schnell im großen Saal abgestellt. Anouk bleibt in ihrer Aussage bei sechs großen Billardtischen, einem glitzernden Tresen, über dem eine riesige Beschallung hing, und vor allem Flaggen und andere Symbole des Todeskultes.
Kommissar Vandooren glaubte in seinem Bericht das folgende fett unterstreichen zu müssen. „Die ersten Nachforschungen, die in Folge der Aussage von Mademoiselle Anouk Demmester angestellt wurden, ergeben, dass es vollkommen unwahrscheinlich ist, dass drei Motorräder in dieser Halle abgestellt werden konnten. Wir haben tatsächlich einen Billardtisch gefunden. Das Gutachten zu dessen letztmaliger Benutzung ist noch im Gange – aber es war nur ein Billardtisch! Ein großer Tresen nimmt einen recht großen Teil der Wand ein, aber er ist völlig zerfallen, und kann kaum zu den Zwecken benutzt worden sein, die die Zeugin geschildert hat. Keine Spur von einer Beschallung konnte gefunden werden. Der Zustand der Treppe zum Obergeschoss lässt die Aussage der Zeugin weiterhin kaum glaubhaft erscheinen. Die zerbrochene Fensterscheibe und ihr kaputter Rahmen dagegen passen zu den Behauptungen der Zeugin. Das Kondom, das gefunden wurde, wird zur Zeit vom Institut untersucht...“
Annouk wurde nicht müde zu wiederholen: „Sie können sich nicht vorstellen, was die mit uns gemacht haben: wi – der – lich! Ich konnte aus dem Fenster springen und abhauen. Sie haben immer weiter geschrien. Wie die geschrien haben! Und das Ganze hatte doch so geil angefangen!“
Der Ablauf der Orgie wurde von der Psychologin Michielsen rekonstruiert. Die Hauptfakten wurden vom Kommissar bestätigt. Beide allerdings bedauern die Hysterie der Zeitungsartikel aus der Rubrik „Verschiedenes“, die sich über die Sache hermachten.

Es scheint, dass die beiden Männer und die Frau nicht in gleichem Maße und nicht einmal von Anfang an grausam oder gewalttätig waren. Es war nicht leicht herauszufinden, wer die dröhnende Anlage eingeschaltet hatte und wer das Extasy verteilt hatte, dieses neue Erzeugnis, das schon so viel Schaden angerichtet hat. In Louvain-la-Neuve ist bekannt, dass Béatrice Ramirez eine große Billardspielerin war. Außerdem bestand bei ihr schon einmal Verdacht auf Drogenmissbrauch.
Anouk gab zu, ohne viel Federlesens die von Esther angebotene Pille angenommen zu haben. „Das wurde sofort komisch... Ich erinnere mich, wie ich um einen der Billardtische herumgehopst bin...“ Dann waren ihre Bauchschmerzen wiedergekommen, sie hatte sich gekrümmt vor Schmerzen. Jules hatte sich genähert. „Er hat mir die Haare gestreichelt und ein bisschen mehr... Ich hab' ihn weggestoßen, mehr als einmal habe ich ihn weggestoßen! Er hat weitergemacht und einen echt miesen Blick draufgehabt... Dann bin ich mit ihm nach oben. Ich fühlte mich dunstig, stämmig, abgerissen... Wir sind schnell wieder runter zu den anderen... Was oben war? Weiß ich nicht mehr, hat nicht lange gedauert...“
Esther habe sich als erste ausgezogen. Anouk erinnerte sich an ihre Tatoos: „Von den Schultern bis zur Arschritze, ihr ganzer Rücken war ein einziges Tatoo. Wie 'ne Hard Rock oder Heavy Metal-Plattenhülle“ Vandoreen stellte fest, dass Anouk seltsamerweise kein einziges Mal die Entsprechung des tätowierten Frauenkörpers zu den Flaggen oder Standarten im Erdgeschoss, die sie doch so erstaunlich genau beschrieben hatte. Esther und Béatriz hatten getanzt: „Sie tanzte hinter Béatriz her, und ich dachte, dieses Tatoo-Gesicht lacht sie aus oder streckt ihr die Zunge raus... Ja, komisch war's schon, aber auch fantastisch, entschuldigen Sie, wenn ich das sage. Ah! Das ist noch nicht alles! Unter ihren Brüsten war noch ein Tatoo, so ein Kreuz, ein bisschen wie ein Hakenkreuz. Und die Brustspitzen von der Tussi waren komplett mit so kleinen Silberdingern besetzt... Als Esther Béatriz' Körper anfasste, hab' ich gemerkt, dass Léone geschrien hat... Alex hielt sie kopfüber über den Billardtisch... Sie war nackt. Sie wehrte sich dagegen, dass er sie so nimmt... Und Jules hörte nicht auf, an mir rumzufummeln... Wir müssen schon gut ausgesehen haben, doch, doch, ich sage Ihnen... ich kenne uns!“
Dann wurde die Schilderung vollends konfus.
Wie oft ging Anouk mit besagtem Jules nach oben?
Wann bemerkte sie, dass Léone rücklings auf dem Billardtisch lag und Alex' Dornengürtel um den Hals hatte?
Seit wann hatten die beiden Freundinnen von Anouk geschrieen?
Woher kamen die blutigen Einstiche auf dem Rücken von Béatriz, die bäuchlings auf einem der Billardtische lag?
Hat Anouk geträumt oder wirklich gesehen, dass besagte Esther sie gleichzeitig mit einer großen Sicherheitsnadel und einer Schere bedrohte?
„ Ich bin wieder raufgegangen und habe mich zitternd Jules ausgeliefert... Als er (ohne großen Erfolg) masturbierte wurden die Schreie von unten immer schrecklicher... hab' ich ihn weggestoßen und bin in Affentempo runtergerannt. Oh mein Gott, oh mein Gott! Das werde ich nie vergessen können... Léon pisste von überallher Blut. Er hatte sie ganz mit Draht auf den Billardtisch gefesselt. Und Billardkugeln auf ihre Augen gelegt... Sie schrie. Wie hatte sie noch die Kraft dazu? Und Béatriz war voller Blut, und der andere da steckte ihr überall Nadeln hin... Ich bin wieder rauf. Warum? Kann ich wirklich nicht sagen. Jules auf mich drauf. Ich hab' die Schere genommen und sie ihm in seine fette Wampe gestoßen. Da hat er mal geschrieen. Ich bin aus dem Fenster gesprungen und falsch auf dem Hof aufgekommen. Ich hab' mir am Knöchel wehgetan... Dann war da das Mofa... Ich hab's mir geschnappt , hab' auf die Tube gedrückt, bin ausgerutscht und in das Schaufenster von dem Teppichhändler reingeschliddert, der sofort im Schlafanzug angerannt kam und mich anguckte, als käme ich von einem anderen Planeten. Und das stimmte ja auch.“

Es muss hervorgehoben werden, dass Kommissar Vandooren (neben den schon erwähnten Bemerkungen) sagt, dass keine Spur eines Kampfes, keine Blutspur vor Ort gefunden werden konnten.
Am nächsten Tag war folgende irritierende Nachricht auf einer der Spezialpolizei bekannten Sadomaso-Mailbox zu hören: „Gambit over. Score: 2:1.“ Die Mailbox gibt es immer noch.
Drei Tage später wurden auf dem Parkplatz der Hauptpost von Molenbeek-St-Jean Plastiktüten mit abgetrennten Gliedmaßen weiblicher Körper entdeckt.
Es gab mancherlei Hypothesen, aber Béatriz und Léone gehören noch immer zu den vermissten Personen.
Zwei Jahre sind vergangen, und Anouk erholt sich langsam.
Möge sie mir die Riffs verzeihen, die ihren Schiffbruch verursacht haben.

 

1 In Belgien, Sauftouren vor allem von Studenten. | Rückkehr |
2 Rodenbach, ziemlich alte Biermarke, dunkelrot und süßsauer. | Rückkehr |
3 Eine der 19 "Bezirke" von Brüssel, am Stadtrand. | Rückkehr |
4 Commune im Brabant Wallon, 20 Km von Brüssel entfernt. | Rückkehr |
5 Einer der Brüsseler Bezirke, in der Nähe vom Stadtzentrum. | Rückkehr |
6 Neue frankophone belgische Universitätsstadt, "künstlich" gegründet, nachdem die flämischen Nationalisten 1968 den "Dreck", den die frankophonen Universitäten, die es in Louvain (flämische Region) seit dem 15. Jahrhundert gegeben hatte, für sie darstellten, weggeschafft hatten. | Rückkehr |

 


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