Auszug
aus "Der
Ceylonkompaß"
(Vorabdruck)
Mariano
Sanchez Soler
Übersetzung:
Claudia Manthey
Dort
wo früher die Bergkaserne stand und wo heute die Freitreppe
zum Debodtempel beginnt, schickte man mich zu einem Treffen mit mehreren
Aktivisten des Arbeitersektors, das von einem Venezolaner geleitet
wurde, den sie den Schwarzen nannten und der, wie man erzählte,
in seinem Land bei der Guerilla gewesen war. Genau dort, auf der
verlassenen Promenade, auf der ein Wind wehte, der einem bis in die
Seele kroch, sagte uns der Schwarze, das Ziel der Versammlung sei,
einige Überfälle vorzubereiten, um den Schuppen, der sich
seit Mai in einem üblen Zustand befand, technisch etwas aufzurüsten.
Von dieser Operation wußte nur diejenigen Mitglieder des Kompaß,
die direkt mit der zentralen Leitung in Verbindung standen und wir
mußten absolutes Stillschweigen bewahren und sollten nicht
einmal Leute von der Partei einweihen, während wir sämtliche
Sicherheitsvorkehrungen trafen, die uns angebracht erschienen. Ich
bekam weiche Knie. Jemand vom Kompaß hatte entschieden,
dass jene Operation meine Feuertaufe als Mitglied des Arbeitersektors
der Organisation werden sollte
Die folgenden Treffen fanden in Pozuelo in einem düsteren Haus
statt, das alles andere als ein Palast war, wo der Schwarze, der
für solche Angelegenheiten wie geschaffen schien, seine Guerilla-Ausführungen
an eine Tafel kritzelte. Mit jedem Tag wuchs unsere Anspannung. Niemand
von uns hatte in seinem Scheißleben je so etwas gemacht, wie
ein Kopiergerät aus einem Mädcheninternat zu stehlen. Zudem
war die Operation alles andere als einfach, weil es im Internat ständig
von Leuten wimmelte und wenn die Angreifer beim Anrücken zuließen,
dass der Wachposten den kleinsten Verdacht schöpfte, hätte
dieser genug Zeit, sich in seinem Pförtnerhäuschen einzuschließen
und die Angreifer müßten die Tür einschlagen, bevor
er Alarm auslösen oder die Bullen rufen könnte. Zu unserer
fehlenden Erfahrung kam noch die Uneinigkeit innerhalb der Gruppe
dazu: einige dachten daran, Waffen einzusetzen und andere – die
mit der meisten Erfahrung – weigerten sich mit der Begründung,
dass wir uns aus Unerfahrenheit beim kleinsten Streit gegenseitig
umbringen würden.
Letztendlich beschloß man, einen Trupp aus kräftigen Kerlen
aufzustellen, der dann aus dem Blonden, dem Kelten, Moreno und Cabezas,
Aktivisten vom Bau und dem Sektor Holz und Kork bestand. Zur Unterstützung
sollte der Frosch als Fahrer seiner 2PS-Kiste mitmachen und ich sollte
unter dem Vordach des Haupteinganges Schmiere stehen. Der Plan sollte
folgendermaßen ausgeführt werden: an einem Sonntag, sieben
Uhr morgens, würden die vier, Betrunkene spielend, ins Internat
hineingehen und sagen: Wir werden alle Tussis hier bumsen! Mit dieser
Provokation würden sie erreichen, dass der Wachmann herauskäme,
der dann, kaum aus seiner Bude raus, schon überwältigt
und geknebelt sein würde, währenddessen die anderen beiden
Kerle reingehen, das Gerät mitnehmen und es mit einem Lieferwagen,
der auf der Straße wartete, wegbringen würden und ich
in einer Ecke stehen blieb, um aufzupassen. Moreno und der Kelte
würden das Gerät rausholen und mit einem Lieferwagen wegbringen,
den César fahren sollte und den man vorher gestohlen hätte.
Cabezas und der Blonde sollten mit einem anderen Wagen, mit dem
Frosch am Steuer und mir schon darin, abhauen.
Das beeindruckenste war unsere Anspannung, die sich mit dem
Näherrücken
des D-Days täglich vergrößerte. Der Frosch, der Blonde,
Cabezas und ich beschlossen im selben Haus zu übernachten. In
dieser Nacht zeigte uns Cabezas, der einen Boxerhandschuh trug, anhand
von Froschs Kinn, wo genau der Faustschlag sitzen müßte
und er erschreckte diesen zu Tode, als er ohne Vorwarnung, "wumm" rufend,
den Schlag andeutete. Unsere Nerven waren so angespannt, dass
der Frosch, als wir uns hinlegten, in die Dunkelheit fragte:
"Seid ihr wach?"
" Ja", antwortete der Blonde. Niemand konnte schlafen.
Als wir um sechs Uhr morgens zum Treffpunkt kamen, war alles
vorbereitet. Der Blonde, der Frosch, Cabezas und ich fuhren
im 2 PS, Moreno und der
Kelte hatten Overalls des Rank Xerox Reparaturservice an und kamen mit
dem Lieferwagen,
den César fuhr. Wir waren so angespannt, dass wir eine Stunde lang an
der gleichen Ecke, die einen hinter einem Zaun, die anderen davor, aufeinander
warteten, und unfähig waren, uns zu treffen. An diesem Morgen mußten
wir die Aktion abblasen, weil wir zu große Angst hatten.
Am darauffolgenden Sonntag entschieden die Verantwortlichen vom
Kompaß,
dass wir es noch einmal versuchen sollten.
Um sieben Uhr abends kamen wir zum Santander-Internat, dass man
wegen des berüchtigten
sexuellen Appetits, den seine Schülerinnen hatten, auch „Die Piranhas“ nannte.
Cabezas und der Blonde, die eigentlich immer wie Gauner aussahen, gingen betrunken
tuend hinein. Ich blieb an der Tür.
"Hey; was glaubt ihr, wo ihr hingeht?" schrie der Hausmeister und kam
wütend aus seinem Pförtnerhäuschen.
"Wir werden alle Tussis ficken, die hier sind!" brüllte der Blonde
sehr überzeugt.
Als der Wachmann bei ihnen war, versetzte ihm Cabezas einen Faustschlag
mit soviel Kraft mitten ins Gesicht, dass der Unglückliche hinfiel und heftig
zu bluten anfing, sich aber weiter wehrte und sein Angreifer, außer sich,
ihn weiter schlug, damit jener, wie vorhergesehen das Bewußtsein
verlieren sollte. Der Blonde durchtrennte die Telefonkabel.
Die beiden mit den Overalls kamen herein, um das Gerät rauszuholen. Der
Blonde malte Hakenkreuze an die Wände und der Hausmeister, immer noch
Cabezas ausgeliefert, flehte:
"Nicht schlagen! Nicht schlagen! Ich bin doch ein Arbeiter!"
"Sei still! Zwing mich nicht, dich noch mehr zu verprügeln!"
Wegen des Blutes blieb das Leukoplast nicht an seinem Mund kleben.
Sie beschlossen, ihn in eine Telefonzelle zu stecken, fesselten
ihn aber
so schlecht, dass der Wachmann hysterisch wimmernd wieder herauskommen konnte
und
Cabezas ihn hinter
einer Tür in die Ecke drängen und ihm drohen musste:
"Bleib hier, wir werden dich von der Tür aus beobachten und wenn du
nicht auf uns hörst, dann kriegst du die Quittung!"
Die beiden in den Overalls waren mit dem Kopierer schon
weg. Als Cabezas und der Blonde ihnen folgten, tauchte
der Wachmann,
an
Nase und Mund
blutend, hinter
ihnen auf und ohne sie zu verfolgen, schrie er mitten
auf der Straße:
" Hilfe, Hilfe, die wollen mich umbringen!"
Wir rannten zu den Fahrzeugen. Meine Genossen – die haben Nerven – hatten
die Nummernschilder nicht ausgetauscht und das richtige Kennzeichen war nur
mit Klebeband verdeckt. Kaum waren wir drin, jagte die alte Kiste los, hielt
nach zehn Metern an, ich stieg aus, um das Klebeband vom Nummernschild zu reißen,
als das Auto einen Satz machte und ich, halb draußen, das Gleichgewicht
verlor:
"Pass doch auf, verdammt noch mal!"
Bei unserer Flucht durchfuhren wir zwei Einbahnstraßen in falscher Richtung
und wären fast mit einem LKW zusammengestoßen, der von vorne kam,
während jener Unglückliche immer noch mitten auf der Straße
stand und schrie:
"Hilfe, Hilfe, die wollten mich umbringen!"
Endlich verließen wir das Viertel. Alle schwiegen außer Cabezas;
der konnte sich nicht beruhigen und murmelte:
"Warum hat er sich so gewehrt? Ich wollte ihn nicht so hart schlagen." Er
betrachtete seine Schreinerhände. "Das wollte ich nicht."
Das Schuldgefühl in seinen Augen wurde von einem penetranten, unvergeßlichen
Schweißgeruch begleitet. Auf der Rückbank links neben mir sitzend,
schien Cabezas den Tränen nahe. Revolutionäre Gewalt zu predigen
war die eine Sache, eine ganz andere, sie auszuüben, vor allem wenn
man im Grunde ein guter Kerl ist.
Der Blonde drehte sich vom Beifahrersitz aus
um und versuchte ihn zu beruhigen:
"Beruhige Dich, Cabezas, der war bei der Guardia Civil, bei den Faschisten."
Cabezas schaute mich an bevor er antwortete:
"Das sagt sich so einfach, Blonder, Du mußtest ihm ja nicht das Gesicht
demolieren."
Als wir auf der Hauptstraße ausstiegen, warfen Cabezas und der Blonde
ihre blutverschmierten Hemden in einen Papierkorb und während wir auf
dem Weg zum Sicherheitstreffen waren, rekonstruierten meine neuen Genossen
den Überfall bis ins kleinste Detail.
"
Scheiße, ich hab zu fest zugeschlagen! War doch auch nur ein armes
Schwein, genau wie wir."
Der Roman noir von Mariano Sanchez Soler handelt von der spanischen
Studentenbewegung Mitte der siebziger Jahre, nach dem Tode Francos.
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