krimis in Europa
n°4 Februar-März-April 2006

 

 

>> Festival

Festnoire. Dritte Auflage
Mexico, November 2005

Raphaël Villatte
Aus dem Französischen von Kerstin Schoof

 

Das Krimi-Event der Alliance Française in Mexiko, das von Emmanuel Rivière gegründet worden ist, hat sowohl aus Sicht der Organisatoren wie des Publikums eine wahrhaft erdbebengleiche und beeindruckende dritte Ausgabe erlebt. Vier Tage voller Begegnungen und Diskussionen, vier vor Spannung und Überraschungen knisternde Podiumsveranstaltungen, die über zwölf Teilnehmer an einem runden Tisch zusammenbrachten, zehn waren es allein bei der Abschlussveranstaltung – die Atmosphäre war feurig, würzig und »tequilerant«, um nicht zu sagen, ein einziges Delirium. Man muss nur einmal versuchen, sich dieses franco-mexikanische Menü vorzustellen: Paco Ignacio Taibo II, Claude Mesplède, Pascal Dessaint, Juan Hernández Luna, Myriam Laurini, Sergio González Rodríguez, Andrés Acosta, Víctor Luis González, Eduardo Antonio Parra, Eduardo Monteverde, Julia Rodríguez, Jesús Tonantzin und Fernando Figueroa.
Bereits der Veranstaltungsort des Festnoire selbst, das labyrinthische Herz von Mexiko-Stadt, versprach ein explosives Feuerwerk, ist es doch seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Territorium der abenteuerlichen und geheimnisvollen Ermittlungen des mürrischen, aber scharfsinnigen Beobachters Pancho Reyes von Máximo Roldán, dem Arsène Lupin des Distrito Federal, von Péter Pérez, dem Sherlock Holmes von Peralvillo, von Armando Zozaya, dem intellektuellsten unter den mexikanischen Detektiven, des Paares María Elena und Bruno Morán, die Tuppence und Tommy Beresfords der Neuen Welt. Schon seit den 60er-Jahren ist es mit Los albañiles (1963) von Vicente Leñero, El complot mongol (1969) von Rafael Bernal, Las muertas (1977) von Jorge Ibargüengoitia Schauplatz des Krimis – und in jedem Fall seitdem der Stargast und fast schon Pate der Veranstaltung, Paco Ignacio Taibo II, seine ersten Romane veröffentlicht und damit seinen detektivischen Helden, Héctor Belascoarán Shayne, ins Pantheon des » policíaco « hat eingehen lassen.

 

Sergio González et Miriam Laurini

Zahlreiche Themen wurden im Laufe des Festivals angeschnitten, angefangen mit der großen Bedeutung dessen, was in den Zeitungen unter »Vermischtes« gemeldet wird, den » nota roja « im Krimi. Die Standpunkte, die zwischen Myriam Laurini, Pascal Dessaint und Sergio González Rodríguez zu diesem Thema ausgetauscht wurden, erwiesen sich als die differenziertesten, insbesondere was die Frage des Respekts betrifft, die jeder der Autoren gegenüber der Wirklichkeit an den Tag legt, von der er sich gelegentlich inspirieren lässt. In einer Welt, in der die Gewalt ein fester Bestandteil des Alltags ist, kann die Literatur dieser schwarzen und qualvollen Realität nicht entkommen. Die drei Romanciers teilen daher die Absicht, diese Tragödie verantwortungsvoll zu erzählen, schließlich geht es darum, dem Leser ein Bild der zeitgenössischen Gesellschaft zu vermitteln, von dem letztlich nur der Autor – gewissermaßen als ewiger Zeuge des Geschehens – weiß, welche dieser Ereignisse wirklich Teil der aktuellen Realität sind. Die Literatur, die die täglichen Schreckensmeldungen »fiktionalisiert«, muss sicher mit Emotionen arbeiten, aber in jedem Fall nach den Ursachen krimineller Machenschaften suchen, sie muss sich bemühen, die Ereignisse zu verstehen und zu »rekontextualisieren«, und sie muss die wichtige Rolle der Aufklärerin in einer Gesellschaft spielen, die das Vergessen kultiviert.

 

De gauche à droite, Raphaël Villatte, Claude Mesplède,
Paco Ignacio Taibo II et Juan Hernandez Luna.

Am folgenden Tag konnte man sich während der Abendveranstaltung enstpannen: Claude Mesplède, Paco Ignacio Taibo II und Juan Hernández Luna sprachen bei einem Gläschen Wein über den Humor im Krimi. Zwangsläufig exzessiv und unkontrollierbar, lautstark und gnadenlos, bewegte sich das Gespräch von Claude Mesplèdes Darstellung der Geschichte des humoristischen Kriminalromans hin zu einer Lobrede auf den mexikanischen Surrealismus oder magischen Postmodernismus, der mit einem finsteren Grinsen von der Straße kommt und jedem Autor des Roman Noir fast automatisch einen Schwung Komik verleiht, auf dass – es ist Zeit für eine Metapher – das »Unterreale zur Realität werde « (franz. Wortspiel mit dem bekannten Motto des Surrealismus, in dem aus dem Surrealen=Überrealen das Sousreale=Unterreale wird), woran Paco Ignacio Taibo II erinnerte. Ihm zufolge ist der schwarze Humor auf doppelte Weise ein erzählerisches Element, zum einen, wo er verwendet wird, den Schrecken auszutreiben, zum anderen dort, wo sich das Lächeln niemals in Lachanfälle verwandelt. Der Humor beinhaltet ein kontrapunktisches Potenzial, das aus den seltsamen Gegebenheiten erwächst, die das mexikanische Volk tagtäglich durchlebt. So dient er dazu, das Undenkbare zu demystifizieren. Der Höhepunkt dieses abendlichen Spektakels bestand in einem slang-lyrischen Ausfallschritt von Juan Hernández Luna. In einer verbalen Odyssee, in der die » pinche, chingón, cuate, güey« buchstäblich und literarisch fusioniert wurden, unterstrich er seine tellurische Leidenschaft für Victor Hugos Les Misérables, indem er die Geschichte à la »Speedy Hernández« erzählte und sie in den verschiedensten bildhaft-buntscheckigen Ausdrücken kommentierte.

 

De gauche à droite, Andres Acosta, Christian Moire,
Claude Mesplède et Pascal Dessaint.

Der dritte Abend bot die Gelegenheit, Andrés Acosta kennenzulernen, den Autor des bemerkenswerten Romans Doctor Simulacro, einer ambitionierten Denunziation der Schaujustiz, und zum Begriff und Konzept des Genres zurückzukehren, das Claude Mesplède facettenreich darlegte, unterstützt von seinem Komplizen Pascal Dessaint. Das zentrale Thema bildete hierbei die Sozialkritik im Krimi, das den dreien Anlass bot, ihre jeweiligen sozialen Visionen zu beschreiben. Die drei deutlich unterschiedlichen Auffassungen des Gewerkschafters (Mesplède), des Umweltaktivisten (Dessaint) und des Juristen (Acosta) trafen sich trotz aller Differenzen im Genre des Noir als erfolgreichstem Mittel, effektiv Misstände anzuprangern und Kritik zu üben, um die Leserschaft aufzuwecken. Andrés Acosta fügte hinzu, dass gerade sein Land, dessen Realität von einer humoristischen Schwärze sei, die einen zuerst vor Lachen explodieren und anschließend sogleich in Tränen ausbrechen ließe, ihn dazu gebracht habe, sich dem Schreiben zu widmen und im Herzen der Erzählung die Dämonen der Gesellschaft zu erforschen. Als jemand aus dem Publikum beunruhigt nach den Risiken fragte, der sich selbst ein Romanautor in Mexiko aussetzt, antwortete der Romancier Acosta augenzwinkernd: »Die fiktionale Literatur ist insgesamt immerhin weniger gefährlich als der Journalismus, denn Politiker lesen nicht«.

 

De gauche à droite, Andres Acosta, Fernando Figueroa, Victor Luis Gonzalez,
Claude Mesplède, Rodrigo Castellanos, Pascal Dessaint,
Raphaël Villatte, Cathy Fourez et Eduardo Antonio Parra.

Der vierte Abend schließlich war eine wahre Apotheose, in der zehn Autoren auf dem Podium und im Publikum platziert wurden, um zu sprechen, sich zu widersprechen und das Thema dieser letzten Versammlung zu durchdringen und zu überschreiten. Eine überbordende Veranstaltung … ohne Moderation und ohne Moderator … geprägt durch lebendige, manchmal auch recht rüde Beiträge, die die Debatte »krimimäßig« explodieren ließen! Einige Rüpelhaftigkeiten, Nadelstiche und Fußtritte (sehr mexikanisch), aber über allem thronte – unmöglich ihm zu entkommen ! – Paco Ignacio Taibo II, der verkündete: »Wer das Mikro hat, hat die Macht«, und es dementsprechend so oft wie möglich vor einem atemlos gefesselten Publikum an sich riss. Der Stil im Krimi, das war das vorgegebene Thema, wurde von den Gästen des Tages also energisch untersucht. Und auch jene, die sich verteidigen mussten, erkannten die Wichtigkeit des Stils in ihren Werken. Pascal Dessaint beispielsweise vertrat die Ansicht, krumme Sätze sollten krumme Protagonisten darstellen und erhielt dafür Unterstützung von Eduardo Antonio Parra und Andrés Acosta. Anlass für Differenzen bot die Faszination für die Mechanismen des Bösen, die Pascal Dessaint als notwendigerweise ungesund betrachtete, während sie Víctor Luis González und definitiv Eduardo Antonio Parra   zu beleben schien; er unterstrich, dass die Ästhetisierung der Brutalität ihm die Möglichkeit eröffne, verschiedene Phasen des Experimentierens und Nachdenkens darüber zu durchlaufen, wie er den Leser mit der Sprache verletzen, ihn in eine abstoßende Atmosphäre einschließen und schließlich wieder davon distanzieren könne. Eduardo Monteverde schickte alle beide in die Seile, indem er erklärte, er arbeite eher mit den Strategien des Mörders als des Schriftstellers, um seine Krimitexte zu schreiben … Aufregung und »desmadre« im Saal … Paco Ignacio Taibo II kam das Verdienst zu, die Debatte wieder zu fokussieren, indem er auf die wunderbare Energie des schwarzen Krimis hinwies, die in noch wenig erforschte Themengebiete und Richtungen gelenkt werden könne, z. B. des Finanzbetrugs im großen Stil. Und lasst uns nicht vergessen, deklarierte er vor einem Publikum, das ihm und seiner Fähigkeit, sich als Hauptdarsteller aufzuspielen, zu Füßen lag, dass es für die heutigen Autoren Zeit ist »aufs neue Geschichten zu erzählen« und ein solcher Schritt sich »Begegnung mit dem Leser« nenne. Abschließend konnte Claude Mesplède es nicht lassen, seine Bewunderung angesichts der Lebendigkeit der schwarzen Literatur Mexikos zu gestehen. Paco gab ihm boshaft dasselbe zurück.

 

Vier Tage und zwölf Autoren später war die kriminalliterarische Freundschaft, die Frankreich und Mexiko verbindet, vertieft und neue waren Kontakte geknüpft. Alle Beteiligten, auch das Publikum, hofften auf weitere, ähnliche Gelegenheiten zu Austausch und Diskussion. Die Stars der schwarzen Tinte und Feder konnten auf ihr Publikum treffen, die weniger bekannten Autoren einige Leser hinzugewinnen. Und die Organisatoren konnten sich zufrieden zu einer Veranstaltung gratulieren, die eher einem Happening als einem Symposium glich. Das Treffen war wie ein Abbild des Genres – eines Genres, das gar nicht so düster ist, wie dieses farbenprächtige Festnoire gezeigt hat.

 


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