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Festnoire. Dritte Auflage
Mexico,
November
2005
Raphaël
Villatte
Aus dem Französischen
von Kerstin Schoof
Das Krimi-Event der Alliance Française
in Mexiko, das von Emmanuel Rivière gegründet worden
ist, hat sowohl aus Sicht der Organisatoren wie des Publikums eine
wahrhaft erdbebengleiche und beeindruckende dritte Ausgabe erlebt.
Vier Tage voller Begegnungen und Diskussionen, vier vor Spannung
und Überraschungen knisternde
Podiumsveranstaltungen, die über zwölf Teilnehmer an einem
runden Tisch zusammenbrachten, zehn waren es allein bei der Abschlussveranstaltung – die
Atmosphäre war feurig, würzig und »tequilerant«,
um nicht zu sagen, ein einziges Delirium. Man muss nur einmal versuchen,
sich dieses franco-mexikanische Menü vorzustellen: Paco
Ignacio Taibo II, Claude Mesplède, Pascal
Dessaint, Juan Hernández
Luna, Myriam Laurini, Sergio
González Rodríguez, Andrés
Acosta, Víctor Luis González, Eduardo
Antonio Parra,
Eduardo Monteverde, Julia
Rodríguez, Jesús Tonantzin und Fernando
Figueroa.
Bereits der Veranstaltungsort des
Festnoire selbst, das labyrinthische Herz von Mexiko-Stadt, versprach
ein explosives Feuerwerk, ist es doch seit der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts das Territorium der abenteuerlichen und geheimnisvollen
Ermittlungen des mürrischen,
aber scharfsinnigen Beobachters Pancho Reyes von Máximo Roldán,
dem Arsène Lupin des Distrito Federal, von Péter Pérez,
dem Sherlock Holmes von Peralvillo, von Armando Zozaya, dem intellektuellsten
unter den mexikanischen Detektiven, des Paares María Elena
und Bruno Morán, die Tuppence und Tommy Beresfords der Neuen
Welt. Schon seit den 60er-Jahren ist es mit Los
albañiles (1963)
von Vicente Leñero, El complot mongol (1969)
von Rafael Bernal, Las muertas (1977) von Jorge
Ibargüengoitia
Schauplatz des Krimis – und in jedem Fall seitdem der Stargast und
fast schon Pate der Veranstaltung, Paco Ignacio Taibo II, seine ersten
Romane veröffentlicht und damit seinen detektivischen Helden,
Héctor Belascoarán Shayne, ins Pantheon des » policíaco « hat
eingehen lassen.
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Sergio
González et Miriam Laurini |
Zahlreiche Themen wurden im Laufe
des Festivals angeschnitten, angefangen mit der großen Bedeutung dessen, was in den Zeitungen unter »Vermischtes« gemeldet
wird, den » nota roja « im Krimi. Die Standpunkte,
die zwischen Myriam Laurini, Pascal
Dessaint und Sergio González
Rodríguez zu diesem Thema ausgetauscht wurden, erwiesen sich
als die differenziertesten, insbesondere was die Frage des Respekts
betrifft, die jeder der Autoren gegenüber der Wirklichkeit an
den Tag legt, von der er sich gelegentlich inspirieren lässt.
In einer Welt, in der die Gewalt ein fester Bestandteil des Alltags
ist, kann die Literatur dieser schwarzen und qualvollen Realität
nicht entkommen. Die drei Romanciers teilen daher die Absicht, diese
Tragödie verantwortungsvoll zu erzählen, schließlich
geht es darum, dem Leser ein Bild der zeitgenössischen Gesellschaft
zu vermitteln, von dem letztlich nur der Autor – gewissermaßen
als ewiger Zeuge des Geschehens – weiß, welche dieser Ereignisse
wirklich Teil der aktuellen Realität sind. Die Literatur, die
die täglichen Schreckensmeldungen »fiktionalisiert«,
muss sicher mit Emotionen arbeiten, aber in jedem Fall nach den Ursachen
krimineller Machenschaften suchen, sie muss sich bemühen, die
Ereignisse zu verstehen und zu »rekontextualisieren«,
und sie muss die wichtige Rolle der Aufklärerin in einer Gesellschaft
spielen, die das Vergessen kultiviert.
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De
gauche à droite, Raphaël Villatte, Claude
Mesplède,
Paco Ignacio Taibo II et Juan Hernandez Luna. |
Am folgenden Tag konnte man sich
während der Abendveranstaltung
enstpannen: Claude Mesplède, Paco
Ignacio Taibo II und Juan
Hernández Luna sprachen bei einem Gläschen Wein über
den Humor im Krimi. Zwangsläufig exzessiv und unkontrollierbar,
lautstark und gnadenlos, bewegte sich das
Gespräch von Claude Mesplèdes Darstellung der Geschichte
des humoristischen Kriminalromans hin zu einer Lobrede auf den mexikanischen
Surrealismus oder magischen Postmodernismus, der mit einem finsteren
Grinsen von der Straße kommt und jedem Autor des Roman Noir
fast automatisch einen Schwung Komik verleiht, auf dass – es ist
Zeit für eine Metapher – das »Unterreale zur Realität
werde « (franz. Wortspiel mit dem bekannten Motto des Surrealismus,
in dem aus dem Surrealen=Überrealen das Sousreale=Unterreale
wird), woran Paco Ignacio Taibo II erinnerte. Ihm zufolge ist der
schwarze Humor auf doppelte Weise ein erzählerisches Element,
zum einen, wo er verwendet wird, den Schrecken auszutreiben, zum
anderen dort, wo sich das Lächeln niemals in Lachanfälle
verwandelt. Der Humor beinhaltet ein kontrapunktisches Potenzial,
das aus den seltsamen Gegebenheiten erwächst, die das mexikanische
Volk tagtäglich durchlebt. So dient er dazu, das Undenkbare
zu demystifizieren. Der Höhepunkt dieses abendlichen Spektakels
bestand in einem slang-lyrischen Ausfallschritt von Juan Hernández
Luna. In einer verbalen Odyssee, in der die » pinche, chingón,
cuate, güey« buchstäblich und literarisch fusioniert
wurden, unterstrich er seine tellurische Leidenschaft für Victor
Hugos Les Misérables, indem er die Geschichte à la »Speedy
Hernández« erzählte und sie in den verschiedensten
bildhaft-buntscheckigen Ausdrücken kommentierte.
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De
gauche à droite, Andres Acosta, Christian
Moire,
Claude Mesplède et Pascal Dessaint. |
Der dritte Abend bot die Gelegenheit,
Andrés Acosta kennenzulernen,
den Autor des bemerkenswerten Romans Doctor
Simulacro,
einer ambitionierten Denunziation der Schaujustiz, und zum Begriff
und Konzept des Genres zurückzukehren, das Claude
Mesplède facettenreich darlegte, unterstützt
von seinem Komplizen Pascal
Dessaint. Das zentrale Thema bildete hierbei die Sozialkritik
im Krimi, das den dreien Anlass bot, ihre jeweiligen sozialen Visionen
zu beschreiben. Die drei deutlich unterschiedlichen Auffassungen
des Gewerkschafters (Mesplède), des Umweltaktivisten (Dessaint)
und des Juristen (Acosta) trafen sich trotz aller Differenzen im
Genre des Noir als erfolgreichstem Mittel, effektiv Misstände
anzuprangern und Kritik zu üben, um die Leserschaft aufzuwecken.
Andrés Acosta fügte hinzu, dass gerade sein Land, dessen
Realität von einer humoristischen Schwärze sei, die einen
zuerst vor Lachen explodieren und anschließend sogleich in
Tränen ausbrechen ließe, ihn dazu gebracht habe, sich
dem Schreiben zu widmen und im Herzen der Erzählung die Dämonen
der Gesellschaft zu erforschen. Als jemand aus dem Publikum beunruhigt
nach den Risiken fragte, der sich selbst ein Romanautor in Mexiko
aussetzt, antwortete der Romancier Acosta augenzwinkernd: »Die
fiktionale Literatur ist insgesamt immerhin weniger gefährlich
als der Journalismus, denn Politiker lesen nicht«.
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De
gauche à droite, Andres Acosta, Fernando
Figueroa, Victor Luis Gonzalez,
Claude Mesplède, Rodrigo Castellanos, Pascal Dessaint,
Raphaël Villatte, Cathy Fourez et Eduardo Antonio Parra. |
Der vierte Abend schließlich war eine wahre Apotheose, in
der zehn Autoren auf dem Podium und im Publikum platziert wurden,
um zu sprechen, sich zu widersprechen und das Thema dieser letzten
Versammlung zu durchdringen und zu überschreiten. Eine überbordende
Veranstaltung … ohne Moderation und ohne Moderator … geprägt
durch lebendige, manchmal auch recht rüde Beiträge, die
die Debatte »krimimäßig« explodieren ließen!
Einige Rüpelhaftigkeiten, Nadelstiche und Fußtritte (sehr
mexikanisch), aber über allem thronte – unmöglich ihm zu
entkommen ! – Paco Ignacio Taibo II, der verkündete: »Wer
das Mikro hat, hat die Macht«, und es dementsprechend so oft
wie möglich vor einem atemlos gefesselten Publikum an sich riss.
Der Stil im Krimi, das war das vorgegebene Thema, wurde von den Gästen
des Tages also energisch untersucht. Und auch jene, die sich verteidigen
mussten, erkannten die Wichtigkeit des Stils in ihren Werken. Pascal
Dessaint beispielsweise vertrat die Ansicht, krumme Sätze sollten
krumme Protagonisten darstellen und erhielt dafür Unterstützung
von Eduardo Antonio Parra und Andrés Acosta. Anlass für
Differenzen bot die Faszination für die Mechanismen des Bösen,
die Pascal Dessaint als notwendigerweise ungesund betrachtete, während
sie Víctor Luis González und definitiv Eduardo Antonio
Parra zu beleben schien; er unterstrich,
dass die Ästhetisierung der Brutalität ihm die Möglichkeit
eröffne, verschiedene Phasen des Experimentierens und Nachdenkens
darüber zu durchlaufen, wie er den Leser mit der Sprache verletzen,
ihn in eine abstoßende Atmosphäre einschließen und
schließlich wieder davon distanzieren könne. Eduardo
Monteverde schickte alle beide in die Seile, indem er erklärte, er arbeite
eher mit den Strategien des Mörders als des Schriftstellers,
um seine Krimitexte zu schreiben … Aufregung und »desmadre« im
Saal … Paco Ignacio Taibo II kam das Verdienst zu, die Debatte wieder
zu fokussieren, indem er auf die wunderbare Energie des schwarzen
Krimis hinwies, die in noch wenig erforschte Themengebiete und Richtungen
gelenkt werden könne, z. B. des Finanzbetrugs im großen
Stil. Und lasst uns nicht vergessen, deklarierte er vor einem Publikum,
das ihm und seiner Fähigkeit, sich als Hauptdarsteller aufzuspielen,
zu Füßen lag, dass es für die heutigen Autoren Zeit
ist »aufs neue Geschichten zu erzählen« und ein
solcher Schritt sich »Begegnung mit dem Leser« nenne.
Abschließend konnte Claude Mesplède es nicht lassen,
seine Bewunderung angesichts der Lebendigkeit der schwarzen Literatur
Mexikos zu gestehen. Paco gab ihm boshaft dasselbe zurück.
Vier Tage und zwölf Autoren später war die kriminalliterarische
Freundschaft, die Frankreich und Mexiko verbindet, vertieft und neue
waren Kontakte geknüpft. Alle Beteiligten, auch das Publikum,
hofften auf weitere, ähnliche Gelegenheiten zu Austausch und
Diskussion. Die Stars der schwarzen Tinte und Feder konnten auf ihr
Publikum treffen, die weniger bekannten Autoren einige Leser hinzugewinnen.
Und die Organisatoren konnten sich zufrieden zu einer Veranstaltung
gratulieren, die eher einem Happening als einem Symposium glich.
Das Treffen war wie ein Abbild des Genres – eines Genres, das gar
nicht so düster ist, wie dieses farbenprächtige Festnoire
gezeigt hat.