krimis in Europa
n°4 Februar-März-April 2006

 

 

Klassen und Kämpfe

 

Titus Engelschall, Return of the Living Dead – Klassen und Kämpfe

Artur Górski, Ein kommerzielles Protestsymbol

Dominique Manotti, Streik und sozialer Tod

 


Return of the Living Dead
Klassen und Kämpfe

Titus Engelschall, Politikwissenschaftler, Berlin

Es gehört zum Wesen des Gespensts, dass es um so überraschender erscheint, je stärker man es auszutreiben und seine Macht zu bannen versucht. Viele Todesanzeigen sind über die Klassen und soziale Kämpfe verfasst worden, doch als man das Glas auf die frisch Verstorbenen erhob, stehen sie zu neuem Leben auf. Weltweit schließen sich Menschen zu Protesten zusammen, um sich gegen die Zumutungen der neoliberalen Politik zu wehren. Ob sich die wachsende Masse der prekär Beschäftigten in den Maquilas gegen ihre radikale Ausbeutung wehren oder die Jugendlichen in den Banlieues gegen die Enteignung einer Zukunft rebellieren, die Elenden der Welt weigern sich, sich ihrem Schicksal apathisch zu fügen, und erwachen aus ihrem sozialpolitischen Koma. Das Widerständige, das aus den unversöhnlichen Gegensätzen der kapitalistischen Gesellschaft resultiert, deutet auf ein totgesagtes politisches Subjekt hin, das für eine bessere Zukunft jenseits der bestehenden Verhältnisse eintritt. Begründete sich der Horror des Zombies im Erschrecken über unseren warenförmigen Widergänger, der im bewusstlosen Blutrausch die anderen zerfleischt, so symbolisiert dessen postmoderner Nachfolger, der Klon, den Schrecken der Indifferenz des globalen Marktes in einer scheinbar konturlosen Welt. Der Klon ist Subjekt und Objekt zugleich, ein Vielfaches bar jeder Differenzen, schattenlos und marktkonform. Der rebellische Held des roman noir verweist dagegen auf ein politisches Subjekt, dass entgegen aller Kondolenzbriefe den Kampf um die bürgerlichen Versprechen von Gerechtigkeit und Emanzipation nicht aufgegeben hat. Im roman noir scheint die melancholische Erinnerung an verschwundene Welten auf, als Menschen gegen die kapitalistischen Zumutungen revoltierten. Diese Melancholie beinhaltet den Traum, dass die geschichtliche Entwicklung auch eine ganz andere Richtung hätte nehmen können und verweist auf die Möglichkeit einer zukünftigen Emanzipation.


Ein kommerzielles Protestsymbol

Artur Górski
Übersetzung: Norbert Krahlenburg

Meine Grundschule trug den Namen Ernesto Che Guevara. Es waren Zeiten, in denen Polen ein fast kommunistisches Land war, und obwohl wir Schüler nicht allzu viel über unseren verehrten Namenspatron wussten, schien es uns selbstverständlich, daß es sich um einen
Arbeiterfunktionär oder revolutionären Sekretär aus einem fernen Land handeln mußte.
Wie auch immer, schien er ein Symbol all dessen zu sein, wogegen sich die Menschen im sogenannten Ostblock auflehnten und als unvereinbar mit ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen ablehnten.
Heute, etliche Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, kehrt Ernesto zurück, in einer gänzlich anderen Rolle freilich. Abermals avancierte er zum Symbol, diesmal des Unbehagens an der gegenwärtigen politischen Situation, der Kapitalismus-Kritik, des Konsums und der Ausbeutung durch Arbeitgeber. Fest steht, als Symbol vermag Che wenig glaubwürdig zu erscheinen. T-Shirts und Hemden mit seinem Konterfei kosten Unmengen Geld und werden von jungen Leuten getragen, deren Eltern es sich leisten können, die dekadenten Flausen ihres aufsässigen Nachwuchses zu befriedigen.
Ganz gewiß ist dieser Freund Fidel Castros kein Schutzpatron derer, denen die neue Realität nicht zum Besseren gereichte, vielmehr derjenigen, deren Kampf gegen den Kapitalismus und Globalisierung sich einzig im Modischen zu erschöpfen scheint. Gesetzt den Fall, die Modeschöpfer verkündeten Charlie Chaplin (ebenfalls ein Sympathisant des Kommunismus) zum allerneusten Protestsymbol, so verschwindet Che von allen T-Shirts, um Platz für den berühmten Komiker zu machen.
All jene, die das Elend der neuen Zeit am eigenem Leibe kennen gelernt haben (und es sind nicht wenige), tragen keine modischen Hemden. In ihren nicht bezahlten Wohnungen verbergen sie die eigene Verzweiflung und warten auf die Zwangsräumung, die früher oder später kommen wird.


Streik und sozialer Tod

Dominique Manotti -mehr info-
Übersetzung: Elfriede Müller -mehr info-

Klassen und Kämpfe. Ein wenig thematisiertes Sujet im roman noir, wie mir scheint, obgleich es sich um ein sozialkritisches Genre handelt.

Mein erster und mein letzter Roman spielen während Streiks, im Klassenkampf also. Der erste 1980, der letzte 1996. In beiden Fällen waren die Streiks reale Konflikte. Eine gute Gelegenheit, um das Ausmaß der Veränderungen in Frankreich feststellen zu können.

Im ersten Roman, Hartes Pflaster (Sombre Sentier), streiken Textilarbeiter im Viertel Sentier, Illegale, um Papiere und Arbeitsverträge zu erhalten. Die Bedingungen scheinen ungünstig: Die Arbeiter sind in eine Fülle von winzigen Werkstätten zerstreut und als Illegale haben sie keinerlei Rechte und natürlich keine gewerkschaftliche Tradition, an die sie anknüpfen könnten. Ihre eigentlichen Chefs, die großen Auftraggeber, sind unerreichbar. Und dennoch finden diese Arbeiter einen Weg sich zu organisieren, Verbindungen zu den französischen Organisationen herzustellen, um einen zusammenhängenden und starken Kampf mehrere Monate durchzuhalten und schließlich zu gewinnen. Gewinnen auf der ganzen Linie: Alle Arbeiter werden legalisiert. Die Solidarität – die wir auch Klassenbewusstsein nennen können - wird nicht entkräftet.

Mein nächster Roman, der im September 2006 erscheinen wird und noch keinen definitiven Titel trägt, spielt in Lothringen, im Jahr 1996, in einer dieser "Schraubenzieherunternehmen", die man auf den Ruinen der Eisen- und Stahlindustrie errichtete, die europäische Subventionen abgezockt haben und woanders hinzogen, auf der Suche nach neuen Goldgruben. Ich beschreibe darin eine gewalttätige Revolte, fast krampfartig, die in die Niederlage und Ausgrenzung mündet. Lothringen erholt sich nicht von der Zerstörung der Eisen- und Stahlindustrie. Die Gewerkschaften ebenso wenig.

Der beschleunigte Übergang von einem Roman zum anderen macht mir Angst. Sicherlich erklären die Romane nichts, aber sie zeigen etwas und das, was ich sehe, ist eine Mechanik des sozialen Todes. Ich hoffe, dass europolar einige optimistischere Beiträge zum Thema erhält.



 


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