
Return
of the Living Dead
Klassen und Kämpfe
Titus
Engelschall, Politikwissenschaftler, Berlin
Es gehört zum Wesen des Gespensts, dass es um so überraschender
erscheint, je stärker man es auszutreiben und seine Macht
zu bannen versucht. Viele Todesanzeigen sind über die Klassen
und soziale Kämpfe verfasst worden, doch als man das Glas
auf die frisch Verstorbenen erhob, stehen sie zu neuem Leben auf.
Weltweit schließen sich Menschen zu Protesten zusammen, um
sich gegen die Zumutungen der neoliberalen Politik zu wehren. Ob
sich die wachsende Masse der prekär Beschäftigten in
den Maquilas gegen ihre radikale Ausbeutung wehren oder die Jugendlichen
in den Banlieues gegen die Enteignung einer Zukunft rebellieren,
die Elenden der Welt weigern sich, sich ihrem Schicksal apathisch
zu fügen, und erwachen aus ihrem sozialpolitischen Koma. Das
Widerständige, das aus den unversöhnlichen Gegensätzen
der kapitalistischen Gesellschaft resultiert, deutet auf ein totgesagtes
politisches Subjekt hin, das für eine bessere Zukunft jenseits
der bestehenden Verhältnisse eintritt. Begründete sich
der Horror des Zombies im Erschrecken über unseren warenförmigen
Widergänger, der im bewusstlosen Blutrausch die anderen zerfleischt,
so symbolisiert dessen postmoderner Nachfolger, der Klon, den Schrecken
der Indifferenz des globalen Marktes in einer scheinbar konturlosen
Welt. Der Klon ist Subjekt und Objekt zugleich, ein Vielfaches
bar jeder Differenzen, schattenlos und marktkonform. Der rebellische
Held des roman noir verweist dagegen auf ein politisches Subjekt,
dass entgegen aller Kondolenzbriefe den Kampf um die bürgerlichen
Versprechen von Gerechtigkeit und Emanzipation nicht aufgegeben
hat. Im roman noir scheint die melancholische Erinnerung an verschwundene
Welten auf, als Menschen gegen die kapitalistischen Zumutungen
revoltierten. Diese Melancholie beinhaltet den Traum, dass die
geschichtliche Entwicklung auch eine ganz andere Richtung hätte
nehmen können und verweist auf die Möglichkeit einer
zukünftigen Emanzipation.

Ein kommerzielles
Protestsymbol
Artur
Górski
Übersetzung:
Norbert Krahlenburg
Meine
Grundschule trug den Namen Ernesto Che Guevara. Es waren Zeiten,
in denen Polen ein fast kommunistisches Land war, und obwohl wir
Schüler
nicht allzu viel über unseren verehrten Namenspatron wussten,
schien es uns selbstverständlich, daß es sich um einen
Arbeiterfunktionär oder revolutionären Sekretär aus einem
fernen Land handeln mußte.
Wie auch immer, schien er ein Symbol all dessen zu sein, wogegen sich
die Menschen im sogenannten Ostblock auflehnten und als unvereinbar
mit ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen ablehnten.
Heute, etliche Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, kehrt Ernesto
zurück,
in einer gänzlich anderen Rolle freilich. Abermals avancierte er zum Symbol,
diesmal des Unbehagens an der gegenwärtigen politischen Situation, der
Kapitalismus-Kritik, des Konsums und der Ausbeutung durch Arbeitgeber. Fest
steht, als Symbol vermag Che wenig glaubwürdig zu erscheinen. T-Shirts
und Hemden mit seinem Konterfei kosten Unmengen Geld und werden von jungen
Leuten getragen, deren Eltern es sich leisten können, die dekadenten Flausen
ihres aufsässigen Nachwuchses zu befriedigen.
Ganz gewiß ist dieser Freund Fidel Castros kein Schutzpatron derer, denen
die neue Realität nicht zum Besseren gereichte, vielmehr derjenigen, deren
Kampf gegen den Kapitalismus und Globalisierung sich einzig im Modischen zu
erschöpfen scheint. Gesetzt den Fall, die Modeschöpfer verkündeten
Charlie Chaplin (ebenfalls ein Sympathisant des Kommunismus) zum allerneusten
Protestsymbol, so verschwindet Che von allen T-Shirts, um Platz für den
berühmten Komiker zu machen.
All jene, die das Elend der neuen Zeit am eigenem Leibe kennen gelernt haben
(und es sind nicht wenige), tragen keine modischen Hemden. In ihren nicht
bezahlten Wohnungen verbergen sie die eigene Verzweiflung und warten auf
die Zwangsräumung,
die früher oder später kommen wird.

Streik
und sozialer Tod
Dominique
Manotti -mehr
info-
Übersetzung: Elfriede Müller -mehr
info-
Klassen
und Kämpfe. Ein wenig thematisiertes Sujet im roman noir,
wie mir scheint, obgleich es sich um ein sozialkritisches Genre
handelt.
Mein
erster und mein letzter Roman spielen während Streiks, im Klassenkampf
also. Der erste 1980, der letzte 1996. In beiden Fällen waren die
Streiks reale Konflikte. Eine gute Gelegenheit, um das Ausmaß der
Veränderungen in Frankreich feststellen zu können.
Im
ersten Roman, Hartes Pflaster (Sombre Sentier), streiken Textilarbeiter
im Viertel Sentier, Illegale, um Papiere und Arbeitsverträge zu
erhalten. Die Bedingungen scheinen ungünstig: Die Arbeiter sind
in eine Fülle von winzigen Werkstätten zerstreut und als Illegale
haben sie keinerlei Rechte und natürlich keine gewerkschaftliche
Tradition, an die sie anknüpfen könnten. Ihre eigentlichen
Chefs, die großen Auftraggeber, sind unerreichbar. Und dennoch
finden diese Arbeiter einen Weg sich zu organisieren, Verbindungen zu
den französischen Organisationen herzustellen, um einen zusammenhängenden
und starken Kampf mehrere Monate durchzuhalten und schließlich
zu gewinnen. Gewinnen auf der ganzen Linie: Alle Arbeiter werden legalisiert.
Die Solidarität – die wir auch Klassenbewusstsein nennen können
- wird nicht entkräftet.
Mein
nächster Roman, der im September 2006 erscheinen wird und noch
keinen definitiven Titel trägt, spielt in Lothringen, im Jahr 1996,
in einer dieser "Schraubenzieherunternehmen", die man auf den
Ruinen der Eisen- und Stahlindustrie errichtete, die europäische
Subventionen abgezockt haben und woanders hinzogen, auf der Suche nach
neuen Goldgruben. Ich beschreibe darin eine gewalttätige Revolte,
fast krampfartig, die in die Niederlage und Ausgrenzung mündet.
Lothringen erholt sich nicht von der Zerstörung der
Eisen- und Stahlindustrie. Die Gewerkschaften ebenso wenig.
Der
beschleunigte Übergang von einem Roman zum anderen macht mir
Angst. Sicherlich erklären die Romane nichts, aber
sie zeigen etwas und das, was ich sehe, ist eine Mechanik
des sozialen Todes.
Ich hoffe, dass europolar einige optimistischere Beiträge zum Thema
erhält.

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