krimis in Europa
n°5 Mai-Juni-July 2006

 

 

>> Rezension

Le dernier Talgo à Port-Bou
(Der letzte Talgo nach Port-Bou)

François Darnaudet

Éditions mare nostrum • Perpignan • 2005

von Elfriede Müller

 

Der Roman von François Darnaudet bringt zusammen was zusammengehört: den französischen roman noir und die Frankfurter Schule. Dass beide zusammengehören, behaupten jedenfalls Alexander Ruoff und ich in unserem Essay Crime et histoire. Le polar français (Paris, 2002). Darnaudet konkretisiert gewissermaßen unsere These, indem er Walter Benjamin in eine Krimihandlung verwebt, die von Erinnerung und Gedenken handelt und mit historischen Analogien spielt. Der Roman weist zwei Zeitebenen auf: die Gegenwart und den September 1940, wo die letzten Stunden des deutsch-jüdischen Philosophen Walter Benjamin historisch rekonstruiert werden.

Die Hauptperson heißt Gabriel Llaubre. Er ist ein eigentümlicher Polizist, dazu ein Maler, und er hat als Alleinerziehender Probleme mit seinem pubertierenden Sohn. Seine Aufgabe besteht darin, Totenscheine für ausländische Leichen auszustellen, bevor sie in ihre Heimatländer überführt werden. Der Polizist bezeichnet sich selbst als "Engel des Todes", was auf Walter Benjamins "Engel der Geschichte" verweist.

Eines Tages gerät die gemütliche Routine durcheinander. Zwei Leichen tauchen auf, die nicht den Eindruck erwecken, eines natürlichen Todes gestorben zu sein: ein Reisender aus Italien, in dessen Jackentasche das Buch Einbahnstraße von Walter Benjamin steckt, und ein Aushilfsjobber aus einem Fast-Food. Die Ermittlungen führen den Polizisten auf die Spuren von Walter Benjamin, der 65 Jahre zuvor den Nazischergen entkommen war, um in Port-Bou zu stranden. Der Show-down und die Auflösung des Plots finden auf dem Friedhof von Port-Bou statt, wo das vermeintliche Grab Walter Benjamins liegt, und in der Benjamin gewidmeten Gedenkstätte von Dani Karavan.

Darnaudet zufolge verlief das Leben Walter Benjamins wie das Kunstwerk von Dani Karavan: als langer, enger Tunnel, der sich im Nichts verliert (S. 58). Am 26. September findet eine Gedenkveranstaltung zum Todestag von Walter Benjamin statt in Gegenwart führender Politiker Kataloniens und bekannter Persönlichkeiten aus ganz Europa - unter anderem Joan-Lluis Ripolls, des zukünftigen Präsidenten Kataloniens.

Doch stellt sich während der Gedenkfeier heraus, dass kaum jemand der Anwesenden sich für Walter Benjamin interessiert. Und dann erfolgt ein Anschlag rechtsradikaler antieuropäischer Gruppen, die Ripoll aus dem Weg räumen wollen. Ripoll hatte sich durch antifrancistische Positionen unbeliebt gemacht und gefordert, das monumentale Franco-Mausoleum im Caidos-Tal abzuräumen. Auch sein Auftritt an einem Ort, der einem antifaschistischen deutsch-jüdischen Philosophen gewidmet ist, könnte symbolträchtiger nicht sein. Es kommt zu einem Gemetzel mit zwölf Toten, Maschinengewehre rattern, Sprengsätze explodieren, und leere Gräber werden geöffnet.

François Darnaudets Krimi ist ein Beitrag zur Gedenkkultur und beweist, dass sich auch in einem populären Genre zeitgenössische Kunst vermitteln lässt, ohne den didaktischen Zeigefinger zu erheben. Der rasante Roman bringt den Lesern die letzten Stunden Walter Benjamins und dessen Verzweiflung näher, wie sie sich in Karavans künstlerischer Umsetzung spüren lässt.

 

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