>> Rezension
Le
dernier Talgo à Port-Bou
(Der letzte Talgo nach Port-Bou)
François Darnaudet
Éditions mare nostrum • Perpignan • 2005
von Elfriede Müller
Der
Roman von François Darnaudet bringt zusammen was zusammengehört:
den französischen roman noir und die Frankfurter Schule.
Dass beide zusammengehören, behaupten jedenfalls Alexander Ruoff
und ich in unserem Essay Crime et histoire.
Le polar français (Paris, 2002). Darnaudet konkretisiert
gewissermaßen unsere These, indem er Walter Benjamin in eine
Krimihandlung verwebt, die von Erinnerung und Gedenken handelt und
mit historischen Analogien spielt. Der Roman weist zwei Zeitebenen
auf: die Gegenwart und den September 1940, wo die letzten Stunden
des deutsch-jüdischen Philosophen Walter Benjamin historisch
rekonstruiert werden.
Die Hauptperson heißt Gabriel Llaubre. Er ist ein eigentümlicher
Polizist, dazu ein Maler, und er hat als Alleinerziehender Probleme
mit seinem pubertierenden Sohn. Seine Aufgabe besteht darin, Totenscheine
für ausländische Leichen auszustellen, bevor sie in ihre
Heimatländer überführt werden. Der Polizist bezeichnet
sich selbst als "Engel des Todes", was auf Walter Benjamins "Engel
der Geschichte" verweist.
Eines Tages gerät die gemütliche Routine durcheinander.
Zwei Leichen tauchen auf, die nicht den Eindruck erwecken, eines
natürlichen Todes gestorben zu sein: ein Reisender aus Italien,
in dessen Jackentasche das Buch Einbahnstraße von
Walter Benjamin steckt, und ein Aushilfsjobber aus einem Fast-Food.
Die Ermittlungen führen den Polizisten auf die Spuren von Walter
Benjamin, der 65 Jahre zuvor den Nazischergen entkommen war, um in
Port-Bou zu stranden. Der Show-down und die Auflösung des Plots
finden auf dem Friedhof von Port-Bou statt, wo das vermeintliche
Grab Walter Benjamins liegt, und in der Benjamin gewidmeten Gedenkstätte
von Dani Karavan.
Darnaudet zufolge verlief das Leben Walter Benjamins wie das Kunstwerk
von Dani Karavan: als langer, enger Tunnel, der sich im Nichts verliert
(S. 58). Am 26. September findet eine Gedenkveranstaltung zum Todestag
von Walter Benjamin statt in Gegenwart führender Politiker Kataloniens
und bekannter Persönlichkeiten aus ganz Europa - unter anderem
Joan-Lluis Ripolls, des zukünftigen Präsidenten Kataloniens.
Doch stellt sich während der Gedenkfeier heraus, dass kaum
jemand der Anwesenden sich für Walter Benjamin interessiert.
Und dann erfolgt ein Anschlag rechtsradikaler antieuropäischer
Gruppen, die Ripoll aus dem Weg räumen wollen. Ripoll hatte
sich durch antifrancistische Positionen unbeliebt gemacht und gefordert,
das monumentale Franco-Mausoleum im Caidos-Tal abzuräumen. Auch
sein Auftritt an einem Ort, der einem antifaschistischen deutsch-jüdischen
Philosophen gewidmet ist, könnte symbolträchtiger nicht
sein. Es kommt zu einem Gemetzel mit zwölf Toten, Maschinengewehre
rattern, Sprengsätze explodieren, und leere Gräber werden
geöffnet.
François Darnaudets Krimi ist ein Beitrag zur
Gedenkkultur und beweist, dass sich auch in einem populären
Genre zeitgenössische
Kunst vermitteln lässt, ohne den didaktischen Zeigefinger zu
erheben. Der rasante Roman bringt den Lesern die letzten Stunden
Walter Benjamins und dessen Verzweiflung näher, wie sie sich
in Karavans künstlerischer
Umsetzung spüren lässt.