krimis in Europa
n°5 Mai-Juni-July 2006

 

 

>> Rezension

Wilde Unschuld

Sangre nuestra
(Unser
Blut)

Carlos Pérez Merinero

La Factoría de Ideas 2005

Javier Sánchez Zapatero
Übersetzung: Matthias Drebber

 

Mit Büchern wie Llamando a las puertas del infierno (Klopfen an den Pforten der Hölle) oder El ángel triste (Der traurige Engel) hat sich Carlos Pérez Merinero Mitte der 80er Jahre als einer der originellsten Erzähler von Kriminalgeschichten etabliert. Der Autor aus Sevilla schuf ein zwischen Horror- und Krminalliteratur anzusiedelndes Werk, in dem alles von den niedrigsten Trieben bestimmt zu sein schien. Seine Figuren waren völlig verwilderte und vernunftferne, von Sex- und Gewaltwahn gesteuerte Wesen. Sie wuselten sich durch wüste Blut- und Todesszenen, als handelte es sich um Erfindungen Jim Thompsons - in einer chaotischen Welt ohne jede Moral und ohne jedes Verantwortungsbewusstsein. Merineros nicht selten mit schwarzem Humor garnierter Amoralismus hat sein Werk zu einem der ungewöhnlichsten des "Goldenen Zeitalters" der schwarzen Literatur in Spanien gemacht.

All das findet sich in seinem letzten Roman Sangre nuestra (Unser Blut) wieder, dem letzten Teil der Trilogie Fronteras de la inocencia (Die Grenzen der Unschuld), die mit Razones para ser feliz (Anleitung zum Glücklichsen) angefangen hat und demnächst mit La niña que hacía llorar a la gente (Das Mädchen, das die Menschen zum Weinen brachte) abgeschlossen werden wird. Das Irrsinnige der früheren Romane wird hier auf kindliche Figuren übertragen, was zu einer Steigerung des Horrors und des Entsetzens führt - dies auch vermittels des brillant eingesetzten vertrauensunwürdigen Erzählers, der die Welt aus seiner verstörten Sichtweise heraus darstellt. Wo der normale Betrachter treuherzige und engelgleiche Wesen zu sehen geneigt ist, erspäht Merineros Prosa schon den Keim des Schreckens und der Gewalt, die die Welt beherrschen.

Pérez Merinero schrieb sich zunächst als Drehbuchautor frei (das Drehbuch zu Amantes (Die Liebhaber) und zu mehreren Folgen der Fernsehserie La huella del crimen (Die Spur des Verbrechens) stammen von ihm) und sammelte lange Zeit Erfahrungen als Erzähler. Heute kombiniert er seine flüssige und klare Prosa mit einer gruseligen Sicht der Welt und führt vor, dass selbst das vermeintlich Unschuldigste den größten Schrecken in sich bergen kann.

 

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